Michael Ballack — Thank you for the music

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Sportlich tot war er schon länger, nun hat er es auch selbst eingesehen und seiner Beerdigung zugestimmt. Es gibt sie noch, die Leute, die wissen, wann Schluss ist. Michael Ballack gehörte nicht dazu.

Andererseits: Wie furchtbar schnell das doch ging. Vorgestern (aka „vorgestern“) noch schlugen hier Kommentare im Blog auf, dass ich Trost spenden solle, wie die deutsche Mannschaft denn nach Ballacks Verletzung nun die WM 2010 überstehen solle. Das ist kaum 24 Monate her und nun ist er schon zu alt dafür, überhaupt noch Fußball zu spielen, zu alt gar fürs Broich’sche Outback.

Auch wenn es absehbar war angesichts seines in heutiger Zeit gesehen hohen Fußballalters — ein Indiz für seine große Qualität liegt auch darin, dass er den Absprung nicht geschafft hat. Denn vor zwei Jahren war er tatsächlich noch der einzige Fußballer von Weltformat im Trikot des DFB, obwohl schon 33 Jahre alt. Obwohl eine ganze Generation Zeit hatte, ihn zu verdrängen oder zumindest ihm Ebenbürtiges an die Seite zu stellen. Mit Ausnahme dieses kosmischen Zufalls namens Klose gab es da aber nichts.

Mit der raschen Entwicklung der Özils und Co. konnte damals niemand rechnen. Er selbst hat es wohl auch jetzt erst geschafft, sich zu vergegenwärtigen, welch ein Sturm (und Stürme beinhalten fast immer auch unschönes Wetter, in diesem Falle von den Gutparlierern aber Schlechthandlern Löw und Co. initiiert) über ihn und auch über den Rest Fußballdeutschlands hinweggebraust ist. Davor gab es jahrelang fast nur Stillstand.

Ein Mann wie Oliver Kahn war Michael Ballack, ein Leuchtturm in ganz finsterer Zeit. Ohne die beiden hätte man gar das eine oder andere Turnier verpasst. Statt Kahn hätte man aber auf Lehmann zurückgreifen können. Wer hätte je in all den Jahren Ballack annähernd ersetzen können?

Sicher gäbe es auch viele private oder menschliche Aspekte an Ballack zu beleuchten, die nicht in bestem Licht erstrahlten, wendete man die Scheinwerfer dorthin. Aber als TV-Fußballkonsument ist man bei diesen Dingen nicht anwesend und im Grunde sind sie es auch nicht, die zu beurteilen sind. Die Länderspiele von etwa 2000 bis 2010 hätte man ohne Ballack aber lieber nicht gesehen, waren doch schon so jene — zum Glück! — wenigen ohne sein Zutun oft eher Wackelpudding als Stärkebeilage, trotz Titan im Tor.

Jemanden, der 10 Jahre lang — mit gewissem Abstand an Klinsmann und Sammer anknüpfend — dafür sorgte, dass man überhaupt mit der Nationalmannschaft rechnen konnte, sie nicht gar in die Zweitklassigkeit abstieg, so zu verabschieden, wie es der Fall war, ist nur mit zwei Vokabeln zu bezeichnen. Opportunistisch und stillos.

Gleichwohl er es nicht mal mehr in der Bundesliga gebracht hätte und seinen Abschied ein wenig vermasselt hat: Er sieht jetzt so alt aus, weil er so lange so gut war. Wer ahnt schon, dass da ein Ferrari kommt, wenn die Straße jahrelang überhaupt nicht mehr befahren wurde?

Immerhin, eins hat er dann doch mit einem anderen großen Kapitän der DFB-Elf gemein. Bernard Dietz wurde auch einfach nicht mehr eingeladen. Und der DFB steht wiederum als Meister des Lavierens da. 98 Länderspiele, 42 Tore, gegen die Großen und ja, die wichtigen Tore — zweifelsohne die Bilanz eines Weltklassemanns. Eine Ära geht zu Ende, doch während man bei Kahns Abschiedsspiel noch frei à la SAT1 „eine ganze Nation Danke sagen“ hörte, hört man beim Abschied von Michael Ballack nur wenige, die einstimmen.

Ein Beispiel gibt es allerdings hier, hoffentlich recht vernehmlich.

26 Kommentare

  1. Ich habe es neulich schon zu einem Artikel über Ballack bei „Zeit-Online“ geschrieben: Meines Erachtens wäre der DFB gut beraten, Ballack jetzt noch einmal ein Abschiedsspiel anzubieten um diesen großartigen Fußballer gebührend zu würdigen. Und vielleicht nimmt Ballack jetzt, mit etwas Abstand und weniger Zorn im Herzen dieses Angebot auch an.

  2. Schöne, vollkommen korrekte Würdigung. Ballack war ein ganz großer Spieler. Danke, Trainer.

  3. Das Angebot (welches nicht kommen wird), würde ich an seiner Stelle nicht annehmen und ich kann mir auch nicht denken, dass er es täte.
    Wer durch Aussitzen der Thematik aus der Nationalelf gedrängt wurde, soll sich nun zu so einer Show überreden lassen, einem bedeutungslosen Spiel,begleitet von mehreren Musik-Acts und ner Lasershow am besten noch… Nur damit er nochmal höflich beklatscht wird und noch mal 2 Stunden ne Plattform kriegt, bevor er mittelfristig von der Bildfläche verschwindet…
    Ich mochte ihn als Fußballer sehr und sehe, dass wir nach diesem großen Umbruch in der Nationalelf zwar besseren Fußball spielen, allerdings genauso erfolgreich/erfolglos wie vorher…

  4. Pingback: Sonderausgabe – Ballack hört auf | Fokus Fussball

  5. Ich muß das jetzt fragen: ist der Text wirklich ironiefrei, Trainer?

  6. Ich hab die dunkle Hälfte für Dich übrig gelassen, Manfred. Nur zu.

  7. Egal, wie man zu dem Mann und seiner Verabschiedung steht: So ein dämliches Abschiedsspiel wünscht man doch keinem. Ein Glück, dass der Unfug endlich aus der Mode gekommen ist.

  8. Diese Ambivalenz, die ich empfinde, wenn ich an den Fußballer Michael Ballack denke, hat der Trainer gut eingefangen. Was bleibt ist im Prinzip das Bild des Leitwolfs. Ein schönes Beispiel dafür, wie die Medien und das zum Showgeschäft gehörende Umfeld, jemanden in einer bestimmten Rolle sehen, schreiben und reden, bis dieser sich selbst darin sieht und diese Rolle ,z.B des „El Capitano“, bis zur Sebstzerfleischung auf und neben dem Platz ausfüllt. Das ist die herbstliche Tragik der Ballack’schen Karriere.
    Eine schöne Würdigung der ich mich gerne anschließe, im Guten wie im Schlechten.

  9. Yoah, kurz und schmerzhaft: ich halte den für maßlos überschätzt, darin gleicht er Kahn sehr.
    Das WM-Finale 2002 war das beste Spiel der deutschen Mannschaft bei dieser WM und das hier ist sein wichtigstes Tor:
    http://www.youtube.com/watch?v=LRFijlWKaqw

  10. Ich denke, der Knackpunkt für die spätere öffentliche Wahrnehmung war das Vertragsende in München. Das sich jemand, den die Bayern gerne behalten hätten, erdreistet, nicht zu verlängern und dann auch noch zum Russen geht, hat ihm die ganze Bayern-Lobby gekostet. Das öffentliche Nachtreten von Hoeneß und Rummenigge plus das anschließende systematische Niederschreiben durch die Springerpresse (und dann auch andere) haben mMn erst zur Polarisation hinsichtlich Ballack geführt. Jedenfalls gab es vorher bei weitem nicht so viele Ballack-Kritiker (and Basher and Hater), speziell nicht zu seinen sportlichen Fähigkeiten und Verdiensten.

    Ich würde mir jedenfalls gerne nochmal das 2002er WM-Endspiel mit Ballack und ohne Kahn ansehen (und natürlich Schneider mit damaliger Tagesform). Denn am Ende der Karriere ist es doch nur dieses eine Spiel, das zwischen der heutigen Sichtweise und eines unbestrittenen deutschen Superhelden steht. Vermutlich hätte er dann sogar seinen Rücktritt nach dem FA-Cup Sieg 2010 perfekt gewählt.

  11. @Manfred: Natürlich. Im Finale 2002 konnte die Nationalmannschaft, von den Ballackschen Fesseln befreit, endlich brillanten Fußball zeigen und gegen Brasilien Nullzuzwo untergehen. Leider ist mir momentan entfallen, wer das Erreichen des Finales erst ermöglicht hat, indem er im Halbfinale gegen Südkorea das Siegtor geschossen und durch ein taktisches Foul den möglichen Ausgleich verhindert hat.

  12. Sein Abgang kam vielleicht 1-2 Jahre zu spät, aber zumindest nicht allzu spät.

  13. Ist mir ebenfalls entfallen. Denn die Gelbe Karte, die ihn für das Finale sperrte, hatte der Torschütze schon erhalten, bevor er das Siegtor schoss, somit beim Stande von 0:0.

  14. Ja, kann man so stehen lassen.

    Auch die Ergänzung von McP finde ich erwähnenswert. Hoeneß und Rummenigge waren sogar so trotzig, daß sie es nicht nötig hatten, die von Ballack hinterlassene Lücke zu schließen. Ein Fehleinschätzung, die rund ein halbes Jahr später mit der Verpflichtung van Bommels korrigiert wurde.

    Es sind aber nicht alleine die FCB-Granden, die zu Ballacks Bild in der Öffentlichkeit beitrugen.
    Während man bei Matthäus den Eindruck hat, daß er überhaupt nicht beraten wird, beschleicht mich bei Ballack das Gefühl, daß er in Bezug auf Imagepflege schlecht beraten wird. Dr. Becker stellte seinen Klienten vor allem mit seiner Aussage über die vermeintliche „Schwulen-Combo“ Nationalmannschaft in ein derart schlechtes Licht, wie es Loddar ohne Berater nicht gelingt.

  15. Die Sichtweise von McP trifft es ganz gut. Bayern München nahm Ballack den Abschied zu Chelsea richtig übel. Ballack ging auch noch ablösefrei zum Rohstoffmilliardär Roman Abromawitsch. Dabei mag der Berater von Ballack eventuell Hoeneß und Rummenigge auch sehr im Magen gelegen haben. Bayern hatte damals ja diese doch recht seltsame Pressekonferenz im November 2005 inszeniert, wo die angebotene Verlängerung des Arbeitspapieres lautstark zurückgezogen wurde.

    Ballack hat für einen Fußballer, der die ersten fußballerischen Schritte bei der BSG Motor Fritz Heckert in Karl-Marx-Stadt vollzogen hat und bis kurz vor seinem 21. Geburtstag noch beim Chemnitzer FC kickte eine sehr bemerkenswerte Karriere hingelegt. Der Wechsel aus der drittklassigen Regionalliga Nordost in die Bundesliga zum frischgebackenen Aufsteiger aus Kaiserslautern – und später mit Chelsea im Championsleague-Endspiel von Moskau zu stehen – Respekt! Zumal die Zwischenstation bei Bayern München alles andere wie titellos war.

    Noch ein Wort zur Elf mit dem Adler. WM 2002 wäre ohne Kahn und Ballack sicherlich nie mit einer Endspielteilnahme verbunden gewesen. Wie schwer das erreichen eines WM-Finales ist zeigten die Turniere 2006, 2010. Ein Endspiel mit einem fehlerfreien Kahn und einem Ballack wäre unter Umständen trotzdem an Brasilien gegangen. Aber das ist Spekulation.

    Das Löw, Bierhoff und Buchautor Lahm keine besonders sensible Rolle beim hinausdrängen von Ballack aus der Elf und dem Kapitänsamt gespielt haben ist kein Ruhmesblatt für die Akteure.

    Das 2. anheuern bei Leverkusen… da hatte ich schon meine Bedenken. Aber wer hat schon immer das richtige Timing für den perfekten Abschied?

  16. Natürlich Kahn. Klasse Old School. Und Ballack stand nie im Tor. Aber zwei Titanen gemeinsam auf dem Platz.

  17. Tolle Wuerdigung Trainer, danke. Auch McP ist nichts mehr hinzuzufuegen.

    Im Nachhinein muss man wirklich sagen, dass ein Abtritt und Karriereende quasi direkt nachdem er bei HWMW aus der Praxis gehumpelt ist und die WM 2010 abgesagen musste das Richtige gewesen waere.
    Dann haette ganz Fussballdeutschland in seinem damaligen, kollektiven Aufschrei (ARD Brennpunkt!) ihm eine seines Status entsprechende Wuerdigung zukommen lassen koennen.

    Mal eine Frage in die Runde im Zuge dessen: Gibt es einen grossen deutschen Fussballer der letzten zwei Jahrzehnte, der es wirklich geschafft hat, rechtzeitig abzutreten?

  18. Marco Bode. 190 cm sind sicher groß genug, oder^^?

  19. Ein Beispiel gibt es allerdings hier, hoffentlich recht vernehmlich.

    Trainer, ich bitte um Nachsicht, wenn ich zu diesem Zweck ausnahmsweise auf einen eigenen, anderthalb Jahre alten Dankestext verweise.

    (Bitte nicht als Aufforderung verstehen, hinüber zu springen und sich das durchzulesen, sondern vielmehr als den Versuch vernehmlichen Einstimmens.)

  20. Grmpf. Unfähig, Links zu setzen. Wird dann wohl ein Wink des Schicksals gewesen ein.

  21. Danke Michi (so hab ich Ihn immer genannt)

    @heinzkamke
    auch 100% agree zu deinem Text, den ich trotzdem gefunden habe :)

  22. Der Manfred … ist ja schon anderswo als Experte auffällig geworden.

  23. @drichtg:
    Danke, Du Schlingel!

  24. Ich erlaube mir dann, doch mal darauf zu verlinken, und lasse die vorigen Kommentare zwecks Nachvollziehbarkeit ihres Inhalts so stehen.

    Da schrieb also heinzkamke:

    42. Dabei habe ich noch nicht einmal eine Frage gestellt. Aber mir fällt eine passende ein:

  25. Ja, was soll man dazu noch sagen, es ist ja alles von der Presse und von den Kommentare gesagt worden.

    Mann soll ihn jetzt seines Weges gehen lassen…

  26. Pingback: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf



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