Niemand zu Hause

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Es beginnt mit dem kafkaesk endenden Versuch, auf traditionellem Wege eine Eintrittskarte zu erstehen. Auf der Webseite des Turnierausrichters ist angegeben, dass man auch an einigen Orten, in denen kein WM-Stadion steht, Karten erwerben kann. Man müsse sich nur in die Gemäuer des jeweiligen Fußballverbandes begeben.

Das an sich ist einfach, denn an einem Mittwoch vor einem Feiertag ist kurz vor 16h kein weiteres Auto auf dem Parkplatz zu sehen. Kaum öffnet man die Tür des Verbandsgebäudes, weht intensiver Muff um die Nase, nicht aus 1000 Jahren, aber den von Verbandseinrichtungen bekannten. Niemand ist auf den langen Gängen zu sehen, auch scheint hier niemand zu arbeiten. Womöglich ist das ganze Anwesen eine Attrappe, das man von außen für betriebsam und belebt halten darf, innen drin aber lebt keiner außer dem Geist dessen, dass alles gut war, wie es früher war. Neuerung könnte etwas für überschwänglich jugendlich Gebliebene sein.

Nach etlichen Dutzend Metern durch die Gänge, kein Hinweisschild weist auf den Kartenverkauf hin, doch ein menschliches Wesen: der Hausmeister. Womöglich in Personalunion mit dem Mörder, so freundlich wirkt er. Wer nichts zu verbergen hat, kann unmöglich als Verbandsangestellter einem Eindringling gegenüber so freundlich sein. Er aber weist den Weg. Ein Stockwerk höher, da gebe es eine Tür. Aber ob da jetzt noch jemand anwesend sei … ?, wisse er nicht. Schließlich sei es bereits kurz vor Feierabend.

Es ist jemand anwesend, der auch die korrekte Tür benennen kann, hinter der sich Eintrittskartenverkäufer oder -innen befinden sollen. Geklopft, keine Antwort. Der Teppich, auf dem die Füße stehen, knarzt nicht.

Einfach eintreten, und dann steht man im leeren Raum. Stille. Im Nebenraum doch ein älterer Herr. Ob er mir helfen könne. Karten für die WM.

„Für welche Partie?“

„Australien — Äquatorialguinea.“

„Oh, wo spielen die denn?“

Er zeigt ein ehrliches, verschmitztes Lächeln. Äquatorialguinea kommt wohl gleich hinter Mikronesien.

„Bochum.“

„Nein, tut mir leid, da müssen Sie am Montag wiederkommen.“

„Aber am Montag sind die Karten vielleicht schon alle weg?“

„Bestimmt nicht.“

„Wenn aber doch?“

Er könne nicht weiterhelfen. Die Dame, die zuständig ist, sei in Urlaub, komme erst Montag wieder. Er selbst, tut ihm aufrichtig, das sieht man, leid, kenne sich mit dem System nicht aus. Sonst jemand? Nein. Auf dem Rückweg ist der Hausmeister verschwunden. Verdächtig. Keine Karten. Der Parkplatz ist leer.

Vier Tage später.

Am Tag des Eröffnungsspiels: Eine einzige Fahne an einem Wagen wird gesichtet. Zu Fuß immerhin eine Frau in „Lahm“- und somit Deutschlandtrikot. Da muss man die Mitgucker drängen, früh genug loszufahren, man brauche ja einen guten Platz. Und das Turnier beginne ja nicht erst mit dem Anpfiff um 18h, vorher sei auch noch eine Eröffnungsfeier und es gäbe möglicherweise, eventuell, hörenswerte Interviews. Gerade noch rechtzeitig, viertel vor sechs, trifft man in der Fußballguck-Stammkneipe ein, die wirklich jedes noch so geringfügig interessante Champions-League-Vorrundenspiel überträgt. Merkwürdig leer ist der Biergarten, drinnen dann die nicht mehr allzu große Überraschung: keine Leinwand.

Die Blicke der Anwesenden erfassen die Hereinkommenden, können aber die leichte Hetze im Tun und Suchen der übrigen Verabredungen nicht verstehen. Gemütlich dampft eine Zigarette vor sich hin, daneben eine Tasse Kaffee. Vielleicht im Hinterraum, wo sonst die Konzerte sind? Der Kellner verfolgt verwundert das Huschen in jenen Raum, wo sich Gesangsanlagenboxen auf dicken Kabeltrommeln stapeln. Angenehm kühl ist der Raum, wohl auch, weil sich darin niemand befindet.

Schnell weiter, zur todsicheren Gelegenheit, die auch bei einem EM-Spiel Griechenland — Kroatien stets überfüllt ist. 8 rasante Minuten Autofahrt, wo man sonst 15 benötigt, später dann die nächste Überraschung. Freie Plätze en masse. Selbst direkt vor der Leinwand. Nebenan sitzt eine weibliche Mittvierziger-Frauenrunde, wenigstens die zweite Gruppe Menschen am Tag mit Deutschland-Fan-Insignien. Davor eine mäßig interessierte jüngere Frauenrunde, die Frau mit dem „Lahm“-Trikot ist auch dabei. Etwa 40 Prozent der sonst zu 100 Prozent belegten Plätze spüren ein Gesäß auf sich schlummern. Anpfiff, das Spiel beginnt, wenn man gnädig ist, auch die WM in diesem Moment. Niemand klatscht oder äußert sich in sonst einer Art. Schaut jemand hin?

Als Schmelzer später erwähnt, dass Blatter im Stadion nicht ausgepfiffen worden sei, schleicht die Ahnung herauf, dass auch das Olympiastadion nur eine Attrappe sein könnte, gefüllt mit Schülerfreikarten. (Dass Blatter gar nicht explizit vorgestellt wurde, erwähnt Schmelzer nicht.) Ein erzieltes Tor erkennt man auch als Ungeübter, da braust es dann kurz durch die lokale Runde, wie später auch bei Torchancen und Aluminiumtreffern. Auffällig das offensichtlich unchoreographierte Fallen über ein gegnerisches Bein, welches genau deshalb so richtig gefährlich wirkt. Hat sie sich ernsthaft verletzt? Wer gefoult wird, „steht doch wieder auf“, bescheidet die eine die andere, da müsse man sich nicht sorgen. Am Ende wird es knapp, so richtig vibriert es aber nirgendwo. Ist es zu heiß dort draußen oder ist der Glaube an die Überlegenheit der Kickerinnen in Weiß zu groß? Abpfiff. Kein Jubel. Dankeschön und „Zahlen, bitte“. Nach einer Stunde schaut man in die Runde: niemand mehr da.

Es kann ja noch werden. Unbeantwortet bleibt die Frage, ob es überhaupt muss.

10 Kommentare

  1. Großartig!
    Ich wette, man könnte ne ganze Menge solcher Anekdoten zusammentragen. Nichts zeigt besser den krassen Unterschied zwischen der von den deutschen Medien selbst kreierten Pseudo-Wichtigkeit und der tatsächlichen Bedeutungslosigkeit dieses Events, das früher doch gerade ob seiner fehlenden Professionalität mal so sympathisch war…

  2. Ne, müssen muß nix. Geht aber auch anders. Ob ich mit nach Berlin fliegen würde, hatte man mich gefragt. Eröffnungsspiel. Man bestelle gerade Karten, hätte sich ein paar prima Plätze zusammengeklickt und könne die Anzahl noch um eins erhöhen. Och nö, fliegen is nich so meins und wenn ich nicht eben zuhause im 5t-Zuschauer-“Stadion“ stehe, seh ich sowieso eher schlecht was da aufm Platz läuft.
    Paar Monate später der Anruf ich sei doch ein Arsch nicht mitgekommen zu sein, Stimmung sei groß, Spaß auch. Also sitz ich wie bei Spielen der Nationalelf eben vor der Glotze und schreie das Haus zusammen, weil ich natürlich auch immer besser weiß, wie der Ball laufen müsste und was der Schiri alles falsch gesehen hat. ;)
    Draußen mal nicht die ganzen „haupsach Schland gewinnt“-Asis und „isch find den kleinen so süß“-Tussen, denen es hauptsächlich drum geht, ihre aufgemotzten Karren und schwarz-rot-goldenen Fingernägel zu zeigen.
    Nichts vermisst. So kanns gerne sein.
    Und wenn die Herren und Damen von ihrer Berlin-Tour zurückkehren, kann man ja mal den Beamer anschmeißen und das Bier kaltstellen. Alles gut.

  3. Also, ich hab meine Karten für Japan-Mexiko in Leverkusen heute ohne Probleme bei der Geschäftsstelle des Fußballverbandes Mittelrhein in Köln bekommen. Ging ratzfatz.

  4. Der letzte Satz krönt den ganzen Bericht!

  5. Welch ein Frust zuweilen. Ständig diese halb überraschten, halb belustigten, auf alle Fälle verständnislosen Gesichter der TrinkhallenverkäuferInnen auf die Bitte, zwei oder drei Panini-Tütchen käuflich erwerben zu dürfen. „Panini-Bilder zur Frauen WM? Nee, ha ha, die haben wir hier nicht. Topps-Bilder zur vorvergangenen Bundesliga Saison (der Männer, natürlich), die liegen hier noch irgendwo rum…“ Desweiteren diese ins ärgerliche gehenden Diskussionen mit Leuten auf der „Also nein, Frauenfussball schaue ich mir nicht an – da fehlt mir die körperliche Härte“ – Linie.
    Und wie damit umgehen? Der Schwur, eben jene „Fussballguck-Stammkneipe“ aufgrund der Frechheit, das Eröffnungsspiel einfach nicht zu zeigen, in Zukunft zu boykottieren schon am nächsten Tag gebrochen, weil in eben dieser Kneipe das Fussball-Quiz stattfindet. Und auch dort genau eine einzige Frage zur Frauen WM.
    Bleibt nur, Julius‘ Beitrag zuzustimmen, sich zu freuen, dass es keine nervige „’schland, ’schland über alles“ – Stimmung gibt. Und die WM zu Hause schauen, sich im kleinen Kreis über schöne Spielzüge, faires Spiel ohne kriminelle Fouls und viele Tore freuen.

  6. Was mich wundert: Wieso gibt es keine Abendspiele? Die Anstoßzeiten erinnern irgendwie eher an ein Jugendturnier. Ist es vielleicht so, dass die Fernsehsender sagen: „Ok, wir übertragen diesen … ähm … Quatsch, lassen uns aber nicht die Einschaltquote am Abend versauen!“?
    Irgendwie seltsam. Einerseits der Werbehype, andererseits gepflegtes Desinteresse am Frauenfußball an und für sich.

  7. „Schließlich sei es bereits kurz vor Feierabend.“ – aaahhh, hoffentlich haben die vom Verband bald fertig.

    Es wär mal interessant, dieses furchtbare Interesse von Dr. Z und DFB an den Fussballerinnen zu beleuchten. Dem gröten Sportverband der Welt brechen die angestammten Männer und männl. Jugendlichen weg.

    Bei mir im Dorf gab es früher alles, von der E- bis zur A-Jugend. Heute gibt es keine Mannschaften mehr sondern Spielvereinigung mit 2 Nachbardörfern. Aus 3 mach 1, quasi. Und dann müssen sie beim Verband noch gegen das freie Internet kämpfen (Hartplatzhelden), damit ihre Schäfchen nicht abhanden kommen.

  8. Es soll was werden! Wie geil ist es denn: Wir haben im eigenen Land eine WM.
    Leider sind die Anstoßzeiten wirklich grottig gesetzt worden. Wer setzt so was an?
    Eröffnung am Sonntag ist schon nicht sehr Bierkonform.
    Das Bier brauche ich aber, damit ich mich nicht immer fragen muss, warum das Eröffnungsspiel das zweite Spiel ist.
    Gruppenspiele vor 19:00 sind zwar durch den Internet-Livestream in der Firma machbar, aber auch da fällt mir das Öffnen einer Bierflasche schwer.

  9. Guude Christoph.
    Bier, immer nur Bier !
    Die Frauen-Fußball-WM kann Mann auch ohne Bier „genießen“.
    Prost,auf die Weltmeisterinnen.

  10. @Christoph: … noch schlimmer sind die dran, welche diese WM nur mit den ganz hart Drogen runter kriegen.



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