„und alles wieder offen“

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Ich weiß, ich darf nicht so kleinlich sein, ich alter Rübenbauer und -zähler. Ich darf auch keine Ticker lesen. Oder Radio hören. Oder Konferenzen schauen.

Ich weiß aber, dass ich ein Gehirn habe, das Sprache versteht, menschliche, und das noch dazu in der Lage ist, Falsches von Richtigem zu unterscheiden.

Okay, soweit nichts Besonderes, ich gehe schwer davon aus, dass es allen meinen Lesern ebenso geht.

Jene, denen es eventuell nicht so geht, heiße ich trotzdem hier willkommen, und man kann dann und wann auch immer wieder etwas lernen.

Zum Beispiel, wann die Benutzung bestimmter Wendungen falsch ist. Bestes Beispiel ist der Beitrag unter diesem: „Auf der Linie kleben“. Das ist natürlich im falschen Kontext verwendet, denn was soll ein Torhüter bei einem Strafstoß anderes machen als auf der Linie zu bleiben. Natürlich „klebt“ er dort nicht, das ist ohnehin allen klar, aber von dieser Linie wegbewegen kann er sich kaum.

Eigentlich verwendet man die Formulierung „auf der Linie kleben“ für einen Torhüter wie Oliver Kahn es war, der bei jeder noch so nah an den Fünfmeterraum geschlagenen Flanke auf der Linie klebte, dann das Kopfballtor aus 3-5m Entfernung kassierte und dafür dann vom jeweiligen Kommentatoren gelobt wurde, indem dieser behauptete, dieser Kopfstoß aus so kurzer Entfernung sei „natürlich“ unhaltbar gewesen.

Während man auf den Flankenfänger (nicht Fliegenfänger) Jens Lehmann gerne eindrosch, wenn er ein Mal bei 280 Versuchen pro Saison an einer Flanke vorbeiflog und somit ein Tor verschuldete. Inwieweit das jetzt vergleichbar ist, 3-5 Tore pro Saison aus nächster Nähe zu kassieren, weil man nicht die Eier hatte, zu versuchen, die Flanke abzufangen, oder ob man 1 Tor kassiert, weil man jedes Mal rausgeht und dabei keine 3-5 Tore aus nächster Nähe kassiert, aber 279 Flanken abgefangen hat, wage ich nicht zu beurteilen.

Was ich aber beurteilen kann, ist die Formulierung „und jetzt ist alles wieder offen“, wenn ein Team gerade mal den Anschlusstreffer erzielt hat. Da frage ich mich: wie offen wäre das Spiel erst, wenn es jetzt plötzlich nach dem Anschluss- auch noch den Ausgleichstreffer gäbe? 2:2 statt 1:2. 3:3 statt 2:3. Wäre das dann so offen, dass man gar keine Worte mehr dafür fände?

Oder verstehe ich das falsch, dass eine Partie, in der eine Mannschaft mit einem Tor führt, nur insoweit offen ist, dass gerade mal ein lächerliches weiteres Tor der zurückliegenden Mannschaft dazu führen würde, dass das Spiel jetzt völlig, total und überbordend offen wäre? Während es aktuell, nach dem Anschlusstreffer, so offen ist, dass z. B. der Schiedsrichter, wenn er bei diesem Spielstand abpfiffe, tatsächlich eine Mannschaft zum Sieger erklären würde und die Mannschaft, die gerade durch Erzielen des Anschlusstreffers die Partie wieder „völlig offen“ gestaltet hat, plötzlich und unerwartet doch der Verlierer dieser Partie wäre, obwohl sie diese doch wieder „völlig offen“ gestaltet hat?

Vermaledeite Sprachmurkserei. Eine Partie ist nie „völlig offen“, wenn ein Team den Anschluss erzielt hat, sie ist erst dann wieder völlig offen, wenn der Spielstand ausgeglichen ist.

Aber wem erzähle ich das, haben meine Leser doch alleweil ein Hirn, das das in aller Regel selbst merkt. Diejenigen, die das schreiben oder in den DFB-Pokal-Nachthimmel hinausposaunen, hingegen wahrscheinlich eher nicht.

10 Kommentare

  1. Ach Trainer, dieses Sinnieren über die großen und kleinen Dinge der Sprache und des Fußballs ist genau der Grund, warum ich dein Blog lese.

    Aber ich merke auch, dass ich dringend ins Bett muss…

  2. Moin! Wo Du Recht hast, hast Du Recht. Kann man nich anders sagen. Bzw könnten andere Leute auch mal darüber nachdenken, was sie da den ganzen Tag so verzapfen…

  3. Spruch eines Kommentators nach dem Treffer zum 1:3 „… noch ein Tor und alles ist wieder offen.“

    So wird aus einem Zwei-Tore-Rückstand plötzlich ein Spiel auf des Messers Schneide. ;-)

  4. Diese Kommentatoren sollten die Sportart wechseln:
    Im Handball und vor allem im Basketball kann man bei einem Stand von 32:30 (bzw. 102:100) solche Formulierungen bringen (selbst bei einer Spieldauer von wenigen Sekunden). Aber im Fußball ist der Unterschied von einem Tor schon gravierend schwieriger aufzuholen, vor allem, wenn man dies gegen eine italienische Mannschaft oder gegen Bayern München bewerkstelligen muss…

    btw: Ein knappes Handballspiel, bei dem sich der Spielstand aus Sicht einer Mannschaft immer im Bereich 2-Tore-Führung/ 2-Tore Rückstand einpendelt, fühlt sich an wie ein 0:0.
    Mal einen knappen Vorsprung herausholen und ihn schon kurze Zeit wieder verplempern…

  5. …und Athen ist wieder voller Eulen. Reporterdummdeutsch nebst diversen schwachsinnigen Vorurteilen aus den Köpfen derer zu entfernen, das nenne ich mal -um im alten Griechenland zu bleiben- eine Sisyphusaufgabe. Bevor sogenannte Experten wie die Rummelfliege etwa mal von der saudummen (und widerlegten) Behauptung Abstand nehmen, das Anschlusstor vor der Halbzeit wäre psychologisch so irre wichtig, Labertaschen wie der Dummschwätzer nach wie vor bei jedem sich bietenden Elfmeter lallen, dass der Gefoulte nicht selber schießen soll (dito) oder die von dir genannten Beispiele, die ja zudem noch jeglicher Sprachlogik entbehren, nicht mehr Verwendung finden, wird Liechtenstein Fussballweltmeister.

  6. Es ist halt Bela Rethy. Und es bleibt Bela Rethy. Unerträglich. Nervig. Zum durch die Wand rennen.
    Und was hat er nicht wieder für Anekdoten aus den Untiefen seines verkalkten Gehirns hervorgezaubert. Ich bin die Decke nicht nur hochgegangen, ich klebte förmlich unter ihr.
    Wann geht er eigentlich in Rente? Bitte, bitte…

  7. Äh ja, Enno. Nur meinte ich diesmal gar nicht Bela Rethy (allein), sondern auch alle anderen, die im Radio oder in Tickern davon faseln.

    Ich finde ja, wie gesagt, Rethy nicht so schlimm wie Du und man kann sich auch auf alles und jeden einschießen, das ist ja das Schöne am Kommentatoren-Bashing. Diesmal war es aber wirklich eher allgemein gemeint.

  8. Achso. Na, der Rethy hat ja auch davon gefaselt und den habe ich mir schließlich anhören müssen als ich das Spiel gesehen habe. Und da passte dein Kommentar auch auf diesen speziellen Fall…

    Das schöne an deinen Beiträgen ist ja, dass man sich häufig noch einen kleinen Teil selbst bei denken muss. So kann ich hier beispielsweise meine Antipathie gegen Rethy mal wieder ausleben, ohne dass du das zwingend darauf angelegt hättest. Schön!

  9. Wichtiger Fuzzi vom Sender: Das muss aufhören, dass die Leute bei so vielen Spielen schon zur 70. oder 80. Minute wegzappen. Die Werbung können wir doch immer erst nach dem Schluss bringen, solange die Ideen von Hoe…
    Nicht ganz so wichtiger Produktionsleiter (weinerlich): Unsere Moderatoren geben sich doch immer alle Mühe, kennen die Unterhosengröße von jedem Ersatzspieler.
    Fuzzi: Aber wenn die Spiele selbst doch so langweilig sind!
    Leiter: Sind sie doch gar nicht. Neulich erst dieses 2:1 von Inter. Oder das 1:0 von ManU. Da kann doch immer noch was passieren.
    Fuzzi: Tut’s aber in der Regel nicht. Und das wissen die Leute doch genau!
    Leiter (plötzlich wieder Hoffnung schöpfend): Aha, da müssen wir das Problem anpacken.

    Am kommenden Samstag:
    Moderator I (total aus dem Häuschen): Nur noch 4:1 für Dortmund. GEHT DA NOCH WAS?
    Moderator II (völlig losgelöst): 2:0 für Leverkusen, aber hier ist NOCH NICHTS ENTSCHIEDEN. Denken Sie nur an 1977, als die B-Jugend von Wanne-Eickel sogar 3:0 führte blablab
    Moderator III (wie auf Speed): Immer noch 0:0, aber die Spannung hier in Frankfurt IST MIT DEN HÄNDEN ZU GREIFEN. Noch nie ist zwischen Frankfurt und Cottbus an ungeraden Tagen bei zunehmendem Mond kein Tor gefallen.
    Moderator IV (jeden Presslufthammer übertönend): Nur noch 2:1 für den KSC. HIER IST ALLES WIEDER OFFEN.

    Am Montag drauf:
    Fuzzi: Na, es geht doch. Geile Quote. Bis zur letzten Minute!

  10. Ja, Saffti, so wird es sein, oder ähnlich.

    Wir wissen ja auch alle, was die Motivation dazu ist, auch zu den arschkriechenden Interviews und zu den dämlichen Gewinnspielfragen und so weiter und so fort.

    Aber nur, weil irgendjemand etwas verkaufen will, heißt das ja nicht, dass man nicht wieder und wieder darauf hinweisen kann, wie beleidigend diese Machart teilweise für Menschen mit Gehirn ist. Windmühlen sehe ich da keine, ich erwarte ja auch keine Besserung.



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