Von der Magie der retrograden Amnesie

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Man weiß nicht genau, ob es Fluch oder Segen ist, Besitzer eines menschlichen Gehirns zu sein.

Passiert etwas sehr, sehr Schlimmes, dann wird dieses Ereignis einfach nicht gespeichert, und auch der Vorlauf dieses Ereignisses kann in mehr oder weniger großen Teilen nicht erinnert werden. Die Funktion eines solchen „Amnesie“ genannten Prozesses scheint klar: Wenn etwas ganz fürchterlich war, ist es das Beste für die Selbsterhaltung eines Individuums, wenn keine Erinnerung an solche Erlebnisse exisitiert, das Wirken und Schaffen nicht beeinträchtigt werden und die Konzentration auf das Hier und Jetzt (in welchem es ja wiederum zu überleben gilt) eben nicht durch womöglich auftretende ständige, plötzliche Angstschübe unmöglich gemacht wird.

Eine feine Sache, so eine Amnesie.

Peinlich wird es allerdings dann, wenn die komplette Umwelt Zeuge dieser vermeintlich schlimmen Ereignisse war, ohne sich davon so betroffen zu fühlen, dass ein solch amnesischer Vorgang eingeleitet hätte werden müssen, der das Ich schützt. Womit sich der Beobachter auch noch an alles, was während des und vor diesem Ereignis geschehen ist, erinnert. Und die letzte Krise des FC Bayern war nun mal für die wenigsten eine existenzbedrohende, so dass man sich hier und dort noch bestens erinnert, was gerade eben erst geschehen ist. Nicht so die direkt Betroffenen, die dies dann auch noch, so sie keiner schützt, ohne den Anflug einer Ahnung von ihrer eigenen Amnesie zu haben in alle Mikrofone tröten:

Wir hatten nie Unstimmigkeiten, die Unruhe wurde von außen herangetragen.“

Schauen wir einmal genauer hin, was eine solche Amnesie, wie sie hier durch das Leugnen des Sprechers einer von allen anderen erlebten und erinnerten Realität zu Tage tritt, bedeutet:

Eine retrograde Amnesie (lat.: retro = rückwärts) ist eine spezielle Form der Amnesie, bei der Personen nicht mehr in der Lage sind, sich an Geschehnisse vor einem bestimmten, meist traumatischen, Ereignis zu erinnern. Der Gedächtnisverlust bezieht sich auf einen (zumeist kurzen) Zeitraum vor dem bestimmten Ereignis, ein Patient kann sich beispielsweise nicht mehr an einen Unfallhergang erinnern. Wenn diese Erinnerungslücken schwerwiegend sind, kann die dadurch entstehende Unsicherheit für die Betroffenen quälend sein.

Nun, quälend sind die Erinnerungslücken für Karl-Heinz Rummenigge offensichtlich nicht, sonst würde er nicht in Euphorie getränkt vor sich her jubilieren und „magische Nächte“ mit „historischen Abenden“ kombinieren, niemanden, der seinen Weg kreuzt ohne eine kleine Arie auf sein Team und seinen Klub davonkommen lassen. Traumatisch aber scheinen die Ereignisse davor gewesen zu sein, eine Niederlage in Mainz war da noch das geringste Übel, vielmehr die Gefahr, zum zweiten Mal in einem Halbjahr einen Trainer feuern zu müssen, den Vorstand kritisierende Interviews der eigenen Spieler und zu schlechter Letzt natürlich auch noch das peinlicherweise geklaute Gedicht zum Abschied von Franz Beckenbauer.

Traumatisch, als Protagonist, traurig für den Beobachter.

Die Definition der Amnesie geht allerdings noch weiter:

Eine retrograde Amnesie kann in Verbindung mit einer im Vordergrund stehenden anterograden Amnesie auch bei einem Korsakow-Syndrom auftreten.

Und dass in diesem Punkte Rummenigge etwas gefährdeter ist als seine Vorstandskollegen, legt ein Blick ins Archiv nahe, wenn man zum Beispiel „Erdinger, das Weißbier der Rummenigges“ noch mal anschaut (ganz besonders das zweite Video), seine Äußerungen zum Alkoholkonsum im Stadion unter „Neues vom Schlucksee“ liest oder ganz grundsätzlich der Frage nachgeht, ob er Probleme mit dem Gedächtnis habe — die Zeit in Lippstadt liegt schließlich lange zurück — das haben wir ja schon vor längerer Zeit mehrfach gefragt.

Bei extrem positiven Ereignissen ist das Auftreten einer Amnesie übrigens nicht bekannt, es steht also nicht zu befürchten, dass Karl-Heinz Rummenigge nach eventuellen Niederlagen gegen Bochum und Berlin oder Tabellenplatz 8 im März plötzlich wieder von einer Krise faselt. Magische Nächte sind lang.

5 Kommentare

  1. mia san jetzt wieder auf Jahre hinaus nicht zu schlagen. Vor allem wenn man bedenkt, dass noch die Spieler aus dem Osten Rib und Rob dazu kommen.

  2. Dazu passt auch Hoeneß im Spiegel-Interview vom 26.11.09 (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,663621,00.html) nachdem man eine Woche lang auf van Gaal eingeschossen hatte, aber nun doch wieder mal gewann.

    Frage: Es gab zuletzt viel Unruhe im Verein, auch um Trainer Louis van Gaal.

    Hoeneß: Wir haben uns an diesen Diskussionen nie beteiligt. Wir haben immer gesagt, dass wir eine Politik der ruhigen Hand betreiben wollen.

  3. Das, lieber Trainer, ist ja wohl eine geradezu unglaubliche Unterstellung: K-H Rumgezicke soll Besitzer eines menschlichen Gehirns sein? Konserviert im Glas vielleicht, das wäre möglich, aber für den Schädelinhalt dieses Herrn gilt schon seit langer Zeit der Titel eines Liedes von Udo L.: ‚Leider nur ein Vakuum‘.
    Frag Dr. Hfuhruhurr, ich bin sicher, der hat es schon lange. Und ist nicht sehr glücklich darüber.

  4. Alliterationen en gros.
    Kleiner Vorschlag meinerseits, wußt nicht, wohin damit :)

  5. mal ein Wortspiel auf Vorrat: „Gross in die Hose gemacht“ – wenn der VFB demnächst wieder mal ordentlichen eine druaf kriegt ..



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