Deutschlands Chancen schlecht wie nie

| 8 Kommentare

Die Überschrift soll kein Scherz sein: Die Chancen der deutschen Nationalmannschaft, kein Gefühl der Enttäuschung zu vermitteln, sind so gering wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Selten ist man hier derart vermessen, mit dem Anspruch auf den Titel ins Turnier zu gehen. In aller Regel rechnet man hier mit dem Schlimmsten und wird damit außer im Jahr 2000 und 2004 positiv überrascht, wobei auch 1998 deutlich zu herb schmeckte. Natürlich ist jedes Ausscheiden und Titelverpassen eine Enttäuschung, aber nach einigen Tagen formt sich der Rückblick dann doch zu einem gewissen zufriedenen auf das Erreichte. Und selbst 1996 war nicht derart deutlich mit dem Titel zu rechnen wie heute, morgen und hoffentlich noch bis zum 1. Juli.

1998 hatte der von der FOTO-Zeitung in die Mannschaft geschriebene Loddamaddäus den entscheidenden Fehler gegen Kroatien gemacht, wobei er erstaunlicherweise als 38-Jähriger nicht einmal mit weitem Abstand der Älteste im Team war, sondern gerade mal mit kurzem Abstand neben all den anderen überalterten Gewinnern von 1990 und 1996 kickte. Raus flog man dennoch oder besser: gerade deswegen. Und überzeugt hatte man in diesem Turnier in keiner einzigen Partie, was aber vorher abzusehen gewesen war. Erstaunlich eigentlich, dass niemand es der FOTO-Zeitung hinterher aufs Brot schmierte oder langfristig übel nahm (Ausnahme: hier), dass sie aus Kungelgründen und Machtstreben einen alten Opa ins Team schrieb, der mit dem kroatischen Tempo überfordert war.

Im Jahr 2000 dann ein ebenso überforderter Erich Ribbeck und eine in sich zerstrittene Mannschaft, die es schaffte, in gerade mal 270 Minuten derart schlecht zu spielen, dass an der Heimatfront vielerorts die Identifikation mit ihr wankte. Kein Wunder allerdings, der einzige in dieser Zeit, der keine Bratwurst war, war Mehmet Scholl. Wer heute Markus Babbel über Fußball reden hört, ahnt, dass er diesen weder neu erfunden hat noch ihn selbst erfunden hätte, wenn es ihn noch nicht gegeben hätte. Ein einziges Mysterium wird auch die Rolle von Didi Hamann bleiben, dem man Meuterei nachsagte, der aber auch im Trikot der Nationalmannschaft nie so zu überzeugen wusste, wie er das in der Premier League offensichtlich regelmäßig tat, schließlich war er da lange Zeit beschäftigt. Wie er auch stets mit dem Umdrehen des Champions-League-Finales in Verbindung gebracht wird, obwohl niemand beweisen kann, dass er überhaupt irgendetwas damit zu tun hatte, dass der FC Liverpool das Spiel umdrehte. Sehr wohl beweisen kann man allerdings, dass er es war, der im Finale gegen Brasilien vor dem eigenen Strafraum (!) den Ball vertendelte, was der Gegner zur Führung nutzte. Wie dem auch sei: Bei der EM 2000 roch schon in den Trainingslagern vor dem Turnier alles nach grandiosem Scheitern, das einzige, worauf man sich berief, war schließlich der Nimbus der Turniermannschaft. Was bei einem Turnier, bei dem Zinedine Zidane für die Franzosen aufläuft, herzlich naiv und erschreckend wenig ist. Keinerlei Erwartungen also vor diesem Turnier.

Als man 2002 nach Korea aufbrach, hatte man zwar einen Titan in seinen Reihen und auch sonst immerhin mit den Leverkusenern Oliver Neuville, Bernd Schneider, Michael Ballack und Carsten Ramelow durchaus Spieler der gehobenen Klasse, was, wie sich später zeigen sollte, gegen Teams der mittleren Klasse (Paraguay, USA, Südkorae) ausreichen sollte. Diesen Weg konnte aber zu Beginn des Turniers niemand ahnen, und wie so oft stand schließlich auch hier das Überstehen der Vorrunde auf des Messers Schneide (und auf Ramelows Gelb-Roter Karte), aber schon damals hatte man „einen“ Miroslav Klose, der mit einem der schönsten Assists aller Zeiten in der Nationalmannschaft in Unterzahl den Führungstreffer für Marco Bode auflegte. Da war das Achtelfinale durchaus schon ein Erfolg, und es ging am Ende dann ja bis ins Finale. Keine Enttäuschung nirgendwo, ganz im Gegenteil. Nach einigen Nächten drüberschlafen musste man sich schon fragen, wie diese Mannschaft es ins Finale geschafft hatte. Denn was sie ebenfalls zu leisten imstande war, zeigte sie beim folgenden Turnier.

Von 2004 bleibt vor allem das Bild, wie der bereits ergraute Rudi Völler sich nach dem Ausscheiden gegen Tschechien vor der deutschen Fankurve entschuldigt, bzw. ratlos mit den Schultern zuckt. Dass er nicht nur keinen Rat wusste, sondern auch gar nichts versucht hatte, um sein Team besser zu machen, erfuhr man erst Jahre später durch ein Buch eines gewissen Philipp Lahm. Ansonsten hatte sich bis dahin schlimmster Rumpelfußball, Bratwurstfußball sozusagen über die TV-Bildschirme (Public Viewing wurde erst 2006 richtig groß) in diesen Breiten gezogen. Aber schon vor der Anreise war klar, dass andere Teams einen ganz anderen als diesen Standfußball der Herren Nowotny, Jeremies und Bobic spielten. Nicht im Entferntesten konnte irgendjemand bei Verstand mit dem Titel rechnen.

Bei der Heim-WM 2006 versuchte sich Jürgen Klinsmann, dem man trotz aller Kritikpunkte immer noch dankbar sein muss, denn die Alternativen auf diesem Arbeitsplatz wären ohne Witz Otto Rehhagel, Ottmar Hitzfeld oder Lothar Matthäus gewesen (oder war das 2000?). Ohne Pflichtspiele, da ohne Qualifikation, den Laden zwar nicht gänzlich auf den Kopf gestellt, aber doch immerhin auf die Seite, so dass so einiges rausrollen konnte, was sich bis dahin krampfhaft in den Hirnen und Handlungsweisen der DFB-Oberen eingenistet und festgehalten hatte. Scheinbar kam sein Umschwung zu schnellerem Fußball, direkterem Spiel, mehr Risiko, aber auch größerer Handlungsbereitschaft zu spät, denn nach dem Abschlachten beim 1:4 in Florenz gegen den späteren Weltmeister Italien lag sein Kopf schon auf dem (medialen) Schafott. Trotz einsetzender Begeisterung hätte niemand ernsthaft vor dem Turnier auf Deutschland als Weltmeister gesetzt (außer jenen Ahnungslosen, welche auch immer die Tippspiele gewinnen). Sicher gab es den Heimspielbonus und wie sich zeigen würde ein völlig euphorisiertes Land dahinter. Fußballerisch waren das neben Ballack aber auch nur die noch sehr grünen Podolski, Schweinsteiger, Mertesacker, allesamt bis heute ohne jeglichen internationalen Titel, weshalb Platz 3 durchaus als Erfolg gewertet wurden durfte. Und erwartet hatte man ja sowieso nichts, nur befürchtet.

2008 hatten sich die Zeiten zugegebenermaßen schon deutlich gewandelt. Auch wenn von den heutigen Stammkräften Özil, Khedira und Badstuber damals noch nichts zu sehen war, hatte sich der Klinsmann’sche Stil in Löws Wirken fortgesetzt. Man durfte sicher vom Titel träumen, aber rechnen konnte man damit nicht. Gegner wie die Türkei oder ein recht unsortiertes Portugal waren schließlich zu schwach, und auch in dieser Qualifikation spielte man teilweise so berauschenden und erfolgreichen Fußball, dass man sich mehrmals zwicken musste. Als die Qualifikation feststand, stellte man allerdings jegliche Bemühungen ein, verlor zu Hause 0:3 gegen Tschechien und hatte damit schließlich ein Signal gesetzt: Das letzte Bisschen würde am Ende fehlen. Auch hier wieder eine gurkige Vorrunde, der Angstgegner Kroatien siegt natürlich, selbst gegen Österreich nur ein rausgewürgtes 1:0. Aber immerhin: Zweiter. Mehr, als man zu Beginn erwartet hätte.

2010 ereignete sich vor dem Turnier der Boateng-Ballack-Incident, wonach hier im Blog schon Kommentare aufschlugen, die um tröstliche Worte baten. Alle Aussichten auf sportlichen Erfolg wären nun natürlich dahin, und so schien es tatsächlich. 2008 war es doch noch Michael Ballack gewesen, der mit einem Gewaltfreistoß Österreich bezwungen hatte, während Podolski und Co. zwar sehr, sehr gute Momente hatten, aber auch viel Schatten. Weit und breit also niemand in Sicht, der das Spiel würde machen könne, folgerichtig eine 0:1-Testspielniederlage gegen Argentinien, welches, wie sich zeigen würde, Ballacks 99. und damit letztes Spiel in der Nationalmannschaft war. Im Flugzeug nach Südafrika war die Verunsicherung greifbar (das ist jetzt Dichtung), und daheim war man ebenfalls unsicher: Ghana, Serbien, Australien. Alles Gegner, gegen die man an schlechten Tagen verlieren konnte. Wie man es gegen Serbien mit Hilfe eines wild gewordenen Schiedsrichters auch tat, um dann doch wieder bis ins Halbfinale zu gelangen. Wo, wie schon 2008, die Mittel fehlten, um gegen Spanien zu bestehen, wohl aber auch der Mut, um sich Mittel überhaupt zuzutrauen. Oder schlicht fußballerische Unterlegenheit, man weiß es nicht genau. Jedenfalls war der dritte Platz angesichts des Ausscheidens von Michael Ballack wiederum ein Erfolg und keine Enttäuschung.

Und genau das ist es, was sich in der Zeit von 2010 bis 2012 gewandelt hat: Neben der ohnehin zweifellos vorhandenen Klasse gelang es in der Qualifikation und sogar — zuvor stets eine unheilbare Krankheit, dies nicht zu bewerkstelligen — in Testspielen, högschde Konzentration und damit Stabilität abzurufen. 10 Siege aus 10 Qualifikationsspielen werden gerne von den Medien zitiert, sind aber tatsächlich eine Hausnummer, vor allem deshalb, weil die Mannschaft in den letzten Spielen schon qualifiziert war. Überall schreibt man von der Favoritenrolle der Deutschen, welche man jetzt auch selbst angenommen habe. Oliver Bierhoff wird sicher nicht alleine entschieden haben, dass er den Titel als Ziel ausgab, womit klar sein dürfte, dass die Überschrift zutreffend ist. Zum ersten Mal seit vielleicht 1990 wäre alles andere als der Titel eine Enttäuschung, weshalb morgen mit der Auftaktpartie gegen Portugal der erste Teil vom Scheitern seinen Lauf genommen haben wird.

Favoriten pflegen im Fußball in den seltensten Fällen in Pokalwettbewerben den Titel zu gewinnen. Dass ausgerechnet Spanien es als vorher bekannter Favorit geschafft hat, sich zwei Titel zu sichern, könnte allerdings durchaus ein Indiz dafür sein, dass auch diese alte Binse vom Favoritenstraucheln inzwischen ausrangiert werden darf.

Deutschlands Chancen sind also schlecht wie nie, weil sie in Wahrheit so gut sind wie seit langer, langer Zeit nicht mehr. Schlechte Chancen darauf, dieses Turnier nicht mit einer Enttäuschung enden zu lassen. Alleine das Gequatsche von der „Mission2012″ verdiente ohnehin eine derartige Bestrafung, wie auch der „Gipfelsturm“ vor der EM 2008 zurecht mit der Finalniederlage entlohnt wurde. Aber da die Chancen schon lange nicht mehr so gut standen, tatsächlich den Titel zu holen, würde man über derartiges Randbrimborium gerne hinwegsehen, zwar garantiert bei keinem Autokorso mitmachen, aber doch dankbar sein (dem Fußballgott, nicht Jogi Löw oder den einzelnen Spielern), dass die Favoritenrolle inne zu haben dieses Mal nicht mit einem spektakulären und unerwarteten Ausscheiden belohnt würde. Also:

Auf geht’s, Ihr Roten Grünen und Weißen — kommt bloß nicht ohne den Titel heim.

8 Kommentare

  1. Merke gerade, dass der letzte Satz „Kommt bloß nicht ohne den Titel heim“ eventuell wie eine Androhung von Ärger für die Spieler klingen könnte, nein, nein, es soll nur diesmal keine Enttäuschung werden. Und die gibt es diesmal zwangsläufig, wenn der Titel nicht errungen wird.

  2. Andererseits ist auch die Chance, in der Vorrunde zu scheitern, so groß wie nie. Spannende Sache. Wird Zeit, dass es endlich losgeht.

  3. Die war meiner Einschätzung nach, aber da kann man natürlich diskutieren, was nun mal Wesen des über Fußball Sprechens ist, zu anderen Zeiten deutlich größer.

  4. Gemach Trainer. Nichts, ist so wie es scheint. Denn es könnte bei dieser Euro die Müller-Müller-Müller-Müller-Theorie greifen. 1972 mit Gerd Müller: Europameister. 1976 mit Dieter Müller: Finale #belgradernachthimmel; 1980 mit Hansi Müller: Europameister. 2012 mit Thomas Müller: es winkt zumindest das Endspiel….;-)

  5. Wie wahr. Die Pest sind all die Spieler und Trainer (und bei beiden sowohl ehemalige als auch aktuelle, oh Graus!), die in belanglosen Interviews Sprüche der Form „Die Zeit ist reif“, „Jetzt muss es was werden“ von sich geben. Aussagen, die man unabhängig von irgendwelchen Spielergebnissen von sich geben kann und daher einfach nur peinlich sind.

    Im Gegensatz zu den Weltmeisterschaften sind Europameisterschaften deutlich weniger vorhersehbar. Will sagen: Zwischen Vorrundenaus und Finalteilnahme kann der Erfolg einer Mannschaft von Mal zu mal wechseln.

    Deutschland hat – was die Punkte betrifft – eine makellose Qualifikation gespielt. Allerdings selten „zu Null“ (was in diesem Blog ja bereits thematisiert wurde und sich als Pferdefuß erweisen könnte) und zuletzt gab es eine peinliche Niederlage gegen die Schweiz. Wenn Deutschland wirklich auf allen Positionen doppelt und dreifach gut besetzt wäre, hätte das nicht passieren dürfen.

    Insofern ist man gut beraten, kleinere Brötchen zu backen und sich über jedes gewonnene Spiel zu freuen.

  6. P.S.: Ganz vergessen: Die Niederlage gegen Frankreich vor einigen Monaten. Es wäre die Gelegenheit gewesen, gegen eine erstarkende Mannschaft mal wieder ein Zeichen zu setzen – mal abgesehen davon, die längste „nicht mehr gewonnen seit“-Serie zu beenden gegen einen Gegner mit insgesamt negativer Bilanz.

    Also: Längst nicht alles Gold, was glänzt bei der deutschen Fußbalnationalmannschaft.

  7. Der These im ersten Satz ist nur zuzustimmen. Die Qualifikation und die Spielweise haben die Erwartungen in den Himmel wachsen lassen. Mit dem Argument, als Zweiter sei man immerhin besser als 14 andere Teams, stieß ich bisher zumindest meist auf Unverständnis.

  8. Angesichts dieser Bilanz hier erscheint das Scheitern 1998, aber vor allem das 2000 noch grotesker als es eh schon war:
    1996 Europameister
    1997 CL-Sieger (BVB) und UEFA-Cup-Sieger (S04)
    1999 CL-Sieger, fast (FCB)
    2001 CL-Sieger, echt (FCB)
    2002 Vizeweltmeister
    2002 CL-Vize (Bayer)



Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.