Die dunkle Seite des Mondes

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Letztens passierte mir etwas ganz Fürchterliches, ungewollt natürlich. Normalerweise reist man zum Ruhrstadion in Bochum immer vom Hauptbahnhof aus an, das heißt von Westen her. Entweder mit der Straßenbahn oder wenn einem langweilig ist oder man es zu Hause wirklich nicht mehr ausgehalten hat, zu Fuß. Dann läuft oder fährt man einige wenige Hundert Meter bis zum Stadion, allerdings läuft man zusammen mit Dutzenden, Hunderten anderen, und es entsteht genau jene Form der Vorfreude, wegen derer man hauptsächlich ins Stadion geht. Gerade im Ruhrstadion ist es weder die gute Sicht noch die exquisite Toilettenanlage, die einen lockt, sondern eben das Flair. Und genau das beginnt schon beim Anmarsch vom Hauptbahnhof aus. An den Eckkneipen, so viele sind’s zwar leider nicht bis zum Stadion, treffen sich Kuttenträger mit sonstigen Einheimischen oder vom modernen Leben aus Bochum Hinweggespülte, die für die Spiele ihres Clubs gerne in die Heimat reisen, je näher man dem Stadion kommt, desto mehr Menschen strömen aus den verschiedenen Seitenstraßen auf die Castroper Straße und auch wenn man keinen einzigen von ihnen kennt, erweckt es dieses Gefühl der Verbundenheit in der Liebe zum Fußball, das gepaart mit der ausufernden Vorfreude aufs Spiel genau jene Melange aus Empfindungen ergibt, für die man noch ein Wort erfinden müsste, weil sie einzig dem Weg zu einem Fußballspiel vorbehalten ist.

„Vorfußball“, „Stadionsucht“ vielleicht oder „Gleichgehtslosigkeit“.

Ganz entscheidend bei dieser sehr speziellen Situation des Anmarsches auf das Ruhrstadion ist aber, dass man das Stadion schon von relativ Weitem sehen kann, während man auf es zuläuft. Das gilt zwar aufgrund ihrer Größe für alle modernen Stadien, die wenigsten modernen Stadien stehen aber noch mitten in der Stadt, mitten in einem Wohnviertel, in dem an anderen Tagen tatsächlich Menschen ihrem Alltag nachgehen. Man sieht es also auf sich zukommen und im Schritttempo an Größe zunehmen. Die Vorfreude steigt nicht nur innerlich an, sondern hat in ihrer wachsenden optischen Repräsentation des Stadions auch noch ein Sinnbild zu liefern. Bei all den modernen Stadien, moderner Stadtplanung und überkandidelten künstlich gewollten Sinnbildern — wo gibt es so ein natürliches Sinnbild wie diesen Hinweg zum Ruhrstadion schon (noch)?

Letztens allerdings befuhr ich die A40, alte Leute sagen „Ruhrschnellweg“ dazu, etwas jüngere, aber auch nicht mehr Taufrische können sich den Witz vom „Ruhrschleichweg“ nicht verkneifen, weil ja doch immer Stau auf dieser Autobahn ist, und wenn kein Stau ist, dann ist eben Baustelle. Letztens befuhr ich also die A40 in Richtung Dortmund mit einem ganz anderen Ziel als dem Ruhrstadion und es war ohnehin mitten in der Woche und kein Spieltag. Da drückte es mir plötzlich ein wenig auf der Blase. Noch reicht die Kohle nicht für einen Wagen mit Autopilot, also schied das Entleeren der Blase im Stile eines Radrennfahrers während der Fahrt als Option aus. Ich würde wohl tatsächlich eine Örtlichkeit aufsuchen müssen, wofür man zunächst mal hätte wissen müssen, wo sich eine solche in der Nähe befindet. Die A40 ist anders als man denken könnte, führt sie doch mitten durch dicht besiedeltes Gebiet, relativ frei von Tankstellen. Und eine der wenigen davon hatte ich gerade passiert, also musste ich wohl oder übel runter von der Autobahn.

Das war irgendwo in Bochum, wohlgemerkt hinter der Abfahrt „Ruhrstadion“, aber dort, wo ich herunter fuhr, gab es keine Tankstelle zu sehen. Dem weiteren Straßenverlauf gefolgt, „weiter, immer weiter“, das verlangte alleine schon der Blasendruckzustand und doch war noch immer keine Tankstelle zu sehen. Und wie man so herumlaviert, in unbekannter Gegend ausreichend konzentriert Auto zu fahren, gleichzeitig nach Toiletten Ausschau haltend, fällt einem gar nicht auf, welche Hinweise auf den Wegweiserschildern auftauchen.

Gesucht und geflucht, über die nächste rote Ampel geärgert, drübergefahren, als sie grün wurde und plötzlich erhob sich zu meiner Rechten das Ruhrstadion in den Ruhrgebietshimmel. Das war ein Schock. Einerseits zwar eine Erleichterung, denn gegenüber vom Ruhrstadion befindet sich eine nicht zu kleine Tankstelle, die an Spieltagen wohl den halben Wochenumsatz mit dem Verkauf von Bierdosen macht.

Andererseits aber ein Schock. Aus einem gewöhnlicher als gewöhnlichen Stadtviertel herauskommend, wo sich Autohaus an Trinkhalle an Wäscherei an Supermarktparkplatz reihen, von der völlig verkehrten Seite auf das Ruhrstadion zu stoßen, hat die Einzigartigkeit jenes Erlebnisses, vom Hauptbahnhof aus darauf zuzulaufen ein wenig beschädigt. Nicht gänzlich ausgelöscht zwar, doch das blöde Gefühl dessen, wie profan das Ruhrstadion eigentlich in seiner ganzen Wurschtigkeit in einem noch wurschtigeren, noch profaneren Stadtviertel liegt, das man von der Autobahn aus erreicht, wenn man mal pieseln will, das wird mir beim nächsten Fußmarsch vom Hauptbahnhof aus den Genuß ein wenig vermiesen.

Hat man einmal hinter die Kulisse, hinter die Fassade geblickt, kann man nicht mehr so tun, als wüsste man nicht, dass alles nur aus Schaumstoff gebaut ist. Oder auch doch, man kann so tun, man braucht aber ziemlich lange, bis man wieder vergisst.

Diese Chemische Wäscherei, dieses Lampengeschäft und dieser Schreibwarenladen, das Profane einer Postfiliale. Der plötzlich aufblitzende Beton. Das ist nicht jene Idee vom Ruhrstadion, die meine Sehnsucht erfüllen soll. Beim nächsten Mal also wieder zu Fuß vom Hauptbahnhof aus.

2 Kommentare

  1. „Gleichgehtslosigkeit“. Wort des Jahres. http://t.co/RPmS6bQq

  2. Nee, Trainer, kann ich leider nicht teilen. Das Ding ist von allen Seiten schön (und genau dort an der richtigen Stelle).

    Hier ein Blick von der Seite, von der du kamst. Leider nur bei FB: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=2528223319014&set=a.1509799379052.2076783.1056387370&type=3&theater



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