Die wahre Tabelle

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Bei der früher bekannten, beliebten und vor allem betriebenen Seite „Blutgrätsche“ gab es die Einrichtung der „wahren Tabelle“ [Link offenbar tot]. Alle vom Herrn kicker aufgelisteten gravierenden Fehlentscheidungen wurden in das Endresultat einer Partie eingerechnet und so entstand eine „wahre Tabelle“, wie sie bei vermeintlich richtigen Entscheidungen der Schiedsrichter ausgesehen hätte.

Bei der WM gibt es nur ganz, ganz kleine Tabellen, weil es nur ganz, ganz kleine Vorrundengruppen gibt. Gerade weil sie so klein sind, wiegt jede Fehlentscheidung in einem Spiel ungleich schwerer als in nur einem von 34 Meisterschaftsspielen.

Gut möglich, dass ich hier die „Vereinsbrille“ aufhabe, da ich erklärter Sympathisant des australischen Fußballs bin. Sieht man sich aber diese von Eugen Strigel („öp-säids“) verfasste erstaunlich ehrliche Auflistung von Fehlentscheidungen bei der WM an:

„Australien – Japan am 12. Juni

Nach wie vor stellt natürlich der Torraum einen besonderen Schutz für den Torwart dar. Der australische Torhüter Schwarzer wurde von einem Gegenspieler beim Kampf um den Ball weggestoßen. Das 1:0 für Japan war nicht korrekt. Hier hätte Schiedsrichter Abd el Fatah abpfeifen müssen.“

„Kroatien – Australien am 22. Juni

Ein tolles Fußballspiel, nur nicht für Schiedsrichter Graham Poll. In den Anfangsminuten unterblieb bei einem klaren Halten von Simunic ein Strafstoßpfiff für Australien. Dann übersah der Schiedsrichter ein Handspiel des Kroaten Tomas im eigenen Strafraum. Hier stellte Graham Poll nach seiner Aussage zwar das Handspiel fest, durch die Kurzarmhemden war für ihn aber nicht auszumachen, welchem Spieler das Handspiel unterlief. Und dann kam noch ein „Anfängerfehler” dazu. Simunic sah dreimal Gelb.“

(Strigel vergißt hier, dass Poll noch dazu die Partie abpfiff, als Australien gerade im Begriff war, ein Tor zu erzielen — der Ball landete am Ende dieses Angriffs im kroatischen Netz. Man pfeift normalerweise nicht ab, wenn eine der beiden Mannschaften gerade im gegnerischen Fünfmeterraum zum Schuss ansetzt.)

„Italien – Australien am 26. Juni

Mit einem Strafstoß in der Nachspielzeit für Italien wurde diese Partie entschieden. Der Australier Grosso grätschte nach dem Ball, sein Gegenspieler fiel dann über Grosso und Schiedsrichter Medina aus Spanien pfiff Strafstoß (siehe Foto oben rechts). Für mich wäre Weiterspielen hier die richtige Entscheidung gewesen.“

(Gemeint sind der Italiener Grosso, der fiel, und der Australier Neill, der grätschte.)

und behält im Hinterkopf, dass der Schiedsrichter der Partie Australien — Brasilien, Dr. Merkus Merk, von vielen Seiten für seine einseitige Leitung der Partie kritisiert wurde, kommt man auf insgesamt vier Spiele der Australier, in denen sie benachteiligt wurden. Das sind vier Spiele von vier gespielten, was nahe bei 100 Prozent liegt. Leider ist eine WM zu kurz, um das wie bei einer kompletten Saison im Laufe des Turniers wieder auszugleichen.

Mir liegen jegliche Arten von Verschwörungstheorien fern, auch wenn uns Vorfälle wie der italienische Manipulationsskandal oder das seltsame 5:2 von Athen gegen Tiflis zumindest aufmerksam werden lassen sollten. Hätten aber die Australier ihre Gruppe gewonnen, was sie ja bei einem 3:0 gegen Japan und einem 4:2 gegen Kroatien bei gleichzeitigem Remis gegen Brasilien getan hätten, wäre Australien gar nicht erst auf Italien getroffen. Aber weder liegen mir Verschwörungstheorien noch Aufrechnungen der Marke „hätte, wäre, wenn“ noch bedeutet es irgendetwas, wenn Australien nicht auf Italien, sondern auf irgendeine andere Mannschaft getroffen wäre — bedauerlich bleibt es trotzdem, dass eine der wenigen Mannschaften neben der deutschen, die mutig, aggressiv (im Rahmen des Erlaubten) und herzerfrischend gespielt hat, so früh die Segel streichen musste.

Für 2010 darf man jedenfalls Einiges von Australien erwarten, wo der Fußball zum ersten Mal so richtig zu Leben erwacht. Eine Wiederholung dieser Fülle von zweifelhaften Entscheidungen gegen Australien ist nicht sehr wahrscheinlich, und so dürfen wir uns vielleicht gar auf einen Viertelfinalisten Australien freuen.

Inspiriert durch indirekter-freistoss.

4 Kommentare

  1. Ach Mensch Trainer, nun lass doch diesen unsäglichen Scheiß bitte. Wenn dir jede Form von Verschwörungstheorien fernliegt, dann lass es doch auch, da noch ein kritisch angehauchtes „aber“ anzufügen und durch die Hintertür dann eben doch das zu tun, was dir als reflektiertem Schreiber ach so fernliegt. Mit diesem Artikel machst du den Quatsch nur unnötig in der Linksspießerszene populär – obwohl, ich glaube, da kommt diese Meinung sowieso her.

    Es ist doch absurd, mit solchen neururerischen Auflistungen irgendwas „beweisen“ oder „darstellen“ oder – noch schlimmer – „zum Nachdenken animieren“ zu wollen. Die Australier hatten auch Glück mit Schiedsrichterentscheidungen, natürlich hatten sie das, es ist überflüssig, das überhaupt zu erwähnen, weil es in der Natur des Fußballs liegt. Man kann sicherlich problemlos der Meinung sein, dass Australien benachteiligt wurde, so wie die Italiener der Meinung sind, sie wurden seit 1982 (oder besser: 1938) permanent benachteiligt, oder Dieter Baumann der Meinung ist, die Zahnpasta sei es gewesen, oder ich der Meinung bin, dass Liegefahrradfahrer sozial zu ächten sind, aber das an Fakten festmachen zu wollen, ist ärgerliches Gewäsch.

  2. Lieber Ben,

    Du hast es nicht verstanden. Ich sage nicht, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handelt. Ich sage, dass ich solchen überhaupt nichts abgewinnen kann und dass es hier auch keine ist. Ich sage mit keinem Wort, dass es eine Berti-Vogts’sche Verschwörung gegen die Australier gegeben hat.

    Sie hatten Pech in entscheidenden Szenen und deshalb sind sie rausgeflogen und das bedaure ich, weil ich sie sympathisch fand.

    Es ist doch eine bemerkenswerte Verkettung von Pech, so wie es bemerkenswert ist, dass die Schotten 8x teilnahmen und davon 3 oder 4x nur an der schlechteren Tordifferenz scheiterten.

    Ich bin nicht Teil der australischen Mannschaft und deshalb hat das doch wohl einen ganz anderen Beigeschmack als wenn man wie einst der VfL Bochum eine solche Liste vermeintlicher Benachteiligungen der eigenen Mannschaft öffentlich macht, worauf Du hier anspielst.

    Gleichzeitig hätte ich aber grundsätzlich auch jede Form von Verschwörungstheorie abgelehnt, die besagt hätte, dass Juventus nur deshalb seit 400 Spieltagen Tabellenführer ist, weil sie systematisch die Schiedsrichter bestechen (oder erpressen).

    Damit sage ich immer noch nicht, dass Australien an einer Verschwörung gescheitert ist, ich wollte das auch in keinen Zusammenhang bringen, sondern darauf hinweisen, dass prinzipiell alles denkbar ist. Wenn ich gleichzeitig aber dabei bleibe, dass es in diesem Falle keine ist und in 99,9% der sonstig zu diskutierenden Fälle auch keine, dann weiß ich nicht, wo das Problem sein soll.

    Die Australier haben sich jedenfalls nicht wie Berti Vogts einen abgegeifert, sondern haben es — jaja, das nächste Klischee der Linksspießer — sportsmännisch aufgenommen und nicht geklagt. Und was wäre der Fußball ohne solche Geschichten vom tragischen Scheitern und von Toren in allerletzter Minute, von unberechtigten Roten Karten und von verschossenen Elfmetern, von Helden, Göttern und Verrückten?

    Nun gut. Das ist ein anderes Fass. Aber es steht nicht weit weg.

  3. Es gibt kein Problem. Nur Traffic.



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