Fukushima ist kein Verbrechen

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(Selbstedend ist der Umgang mit den Folgen der Katastrophe sowie die im Vorfeld mangelhafte Wartung und fehlende Expertise mancher Mitarbeiter in vieler Hinsicht doch ein Verbrechen, das ist hier aber nicht das Thema.)

Fukushima zu bauen und es erdbebensicher bis zu einem Richter-Skalenwert von 9 zu machen, dann aber von einem Erdeben von 9,1 samt anschließend über die Sicherheitsmauer schwappendem Tsunami überrascht zu werden, mit den bekannten Folgen einer verstrahlten Zone, in der zuvor Tausende Menschen (und Tiere) lebten, ist an sich erst mal kein Verbrechen.

Könnte man meinen, man kann aber genauso der Ansicht sein, dass es durchaus ein Verbrechen ist. Wir werden gleich sehen, warum.

Vorweg gesagt: Jene flammende Leidenschaft im Kampf gegen Atomkraft, als sei diese der Antichrist, ist mir völlig fremd. Sollte demnächst mal ein echter Killer-Meteorit auf die Erde zufliegen und diese unweigerlich zerstören, wäre ich ganz froh, wenn ich Platz in einem Raumschiff mit atomar gespeister Energiezufuhr fände, das mich in wenigen Jahren zu einem der Erde relativ ähnlichen Planeten fliegen würde.

Auf der anderen Seite fand ich schon immer diese seltsame Rechnung höchst beängstigend, dass Störfälle samt GAU in Atomkraftwerken wohl „nur“ „alle 10.000 Jahre“ auftreten würden. Bei weltweit 400 Stück dieser Atomkraftwerke müsste also etwa alle 25 Jahre eins davon in die Luft fliegen, und nach knapp 50 Jahren Atomkraftnutzung liegen wir mit Tschernobyl und Fukushima ganz gut im Zeitplan.

Selbst wenn man nun annähme, dass die Atomkraftwerke nicht gemäß ihrer Wahrscheinlichkeit, nämlich alle 10.000 Jahre, aber bei 400 Kraftwerken eben im Schnitt alle 25 Jahre, in die Luft flögen, sondern jenes eine in der Nachbarschaft in genau 10.000 Jahren — und bis dahin hätte man Ruhe: Dann kann man doch nicht umhin, dass dies eine groteske Anmaßung ist, den Menschen, die in 10.000 Jahren leben werden, ein dann in die Luft fliegendes Atomkraftwerk hinzustellen. Woraufhin sie eine Evakuierungszone um dieses Kraftwerk einrichten müssen, und einige nachfolgende Generationen dieses Gelände nicht mehr betreten oder nutzen können.

Der eigentliche Kern dieser Aussage ist aber, und es erstaunt doch sehr — jaja, Tschernobyl war ja nur ein misslungenes Experiment und auch gibt es in Deutschland keine Tsunamis — erstaunt sehr, dass man das nicht vorher verstanden hat: Gerade wenn man mit solch hohen Zahlen hantiert, wie dass diese Dinger 10.000 Jahre lang störungsfrei laufen (was sie nicht tun), ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Unfall kommt, immer genau 1. (Für jene, die damit nicht vertraut sind: Das bedeutet, die Eintretenswahrscheinlichkeit liegt bei 100 Prozent.) Es wird auf jeden Fall zu einem Unfall kommen. Ja, das ist so. Es ist nur nicht klar, wann.

Wir sehen also zumindest in Deutschland ein, dass das Risiko angesichts der hohen Kosten in der Frage der Menschen- und Tierleben sowie der Verseuchung riesiger, meist relativ dicht besiedelter Gebiete, und angesichts der sicheren Eintretenswahrscheinlichkeit eines Unfalls, besser ist, diese Dinger gar nicht erst zu benutzen.

So weit klar, ja? So weit kann man folgen, ja? Es gibt sicher auch noch einige Söhne von Managern von Energiefirmen, die der Ansicht sind, man solle diese Risiken trotzdem eingehen. Diese können sich allerdings auch problemlos irgendwo anders ein neues Haus kaufen, im Fall der Fälle, oder leben ab dann einfach in Florida. Alle anderen, die nicht direkt monetär vom Einsatz von Atomkraft profitieren, haben wohl inzwischen begriffen, dass die Nutzung von Atomkraftwerken zwangsläufig dazu führt, dass es zu einem Unfall kommt. Weshalb sie einsehen, dass deren Nutzung, so nett die Vorteile bei störungsfreiem Betrieb auch sein mögen, zu riskant ist.

Natürlich fliegen zu Lebzeiten eines einzigen Menschen nicht alle 400 Atomkraftwerke in die Luft, sondern nur vereinzelte, und da der Globus recht groß ist, kann es schon mal auf der anderen Hälfte der Erde passieren. Folglich bekommt man die Auswirkungen nicht mit und kann sich weiter in relativer Sicherheit wähnen. Die Uhr aber, dass auch in der direkten Nähe etwas passiert, tickt weiter. Wie gesagt läuft sie die ganze Zeit, ohne dass man weiß, wie nah am Zeitpunkt Null sie jetzt gerade ist. Nur dass sie beharrlich auf den Zeitpunkt Null zuläuft, weiß man sicher. Die einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass das Atomkraftwerk hochgeht, ist, dass man es schlicht nicht benutzt.

So, und dann denken wir noch mal drüber nach, ob mit dem Wissen, dass es — insbesondere, wenn die Leute im Kontrollraum für ihre Tätigkeit nicht ausgebildet und teilweise betrunken sind — ganz sicher zu einem Unfall kommen wird und dass dessen Folgen für die Betroffenen unumkehrbar sind, die Nutzung von Fukushima nicht doch ein Verbrechen ist.

15 Kommentare

  1. Bei der Lektüre der ersten Texthälfte habe ich gespannt auf den Fußballbezug gewartet. Während der zweiten gehofft, dass er nicht mehr kommen möge. Danke.

  2. Man kann aber auch ergänzen, dass jede andere Form der Energiegewinnung ebenso zwangsläufig zu Unfällen führt. Neben dem was die old-school Energien in den letzten 10.000, 50 oder 25 Jahren an Menschenleben forderten, sind die Opfer der Atomkraftwerke verschwindend gering. Für die „grünen“ Energien kann man auch erhebliche Opferbilanzen basteln.

    Wenn also alles zu Schäden, sogar erheblich größeren Schäden als bei der Atomenergie führt, dann kann man auch der Meinung sein, dass man die paar für die böse Energie dann auch noch mit in den Gefahrenkorb legt.

    Meinetwegen muss Pyrotechnik auch nicht unbedingt sein. Aber wenn ich diese Initiative richtig verstanden habe, dann ging es doch darum, unter Einhaltung der Gesetze und in speziellen Zonen das Zeug abzubrennen. Wenn dieses Zeug, was einigen so fundamental wichtig ist, damit kanalisiert und zivilisiert wäre, könnte ich damit gut leben und würde den Anblick der Feuerchen wohl auch herzerwärmend finden.

  3. Huch, ein thematisches Auswärtsspiel, wenn mir diese etwas plumpe Metapher erlaubt ist.

    Aber ein sauber herausgespielter Sieg, um im Bilde zu bleiben. Auch in der Höhe durchaus…

  4. Ja, zugegeben, ich denke immer noch nach.
    Ist der Ball wirklich beherrschbar, sind Systeme irgendwann absolut geschlossen, hätte ich George Best etwas anderes anvertraut als meinen Fußball? Soll ich für meinen Verein noch eine reale Rakete abschießen, Silvester? – Ich denke nach …

  5. Klar, dies ist ein Fußball-Blog. Und klar, keiner wird wohl je erfahren, warum der Trainer gerade jetzt das Thema Atomkraft in diesem, bisher so blütenreinen Fußball-Blog aufgreift (oder lag‘s am Sponsor vom Glubb?).

    Doch wenn man so einen Schwachsinn wie von @McP lesen muss, dann darf (muss!) man doch wohl auch seinen Senf möglichst dick und eindeutig dazugeben. Getreu dem Bochumlied-Schreiber: Was soll das?

    Oder meinte @McP nach dem Motto: Das Leben ist gefährlich und endet meist tödlich. Also lassen wir es doch gleich sein. Oder was?

    Nur mal so als Anregung zum Nachdenken: Gibt es, außer der Atomenergie, noch irgendeine eine andere Technik, deren Abfall noch in so weit weg befindlichen Zeitaltern, dass es unsere gegenwärtigen Zivilisationsperspektiven ins absolut unkalkulierbare rückt, so dermaßen lebensgefährlich ist. Man bedenke, was der Mensch dementsprechend vor ca. 100.000 Jahren so gemacht hat, um sich der Tragweite bewusst zu werden.

    Man stelle sich außerdem vor, wie es wäre, wenn irgendwo im dicht besiedelten Westeuropa oder China ein AKW hoch ginge. In Japan hat’s zwar viele getroffen, doch die Geografie rund um Fukushima (Berge im Hinterland, der Pazifik davor) sind dort – zumindest kurzfristig betrachtet – ein Plus.

    Wer darauf überzeugende Antworten hat, dann her damit. Bisher gab’s keine, außer: die deutschen AKW’s sind sicher. Der Trainer hat darauf s.o. schon repliziert.

    Oh Mann, zu was man hier alles „produziert“ wird….

  6. „… und auf der Gegentribüne kam der Trommeltakt, nur der Takt: Fußballfans sind keine Verbrecher.“
    tamtamtam tatatam tatatam

  7. Pingback: Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf

  8. Diesen Text hätte ich hier nicht erwartet – trotzdem sehr gern gelesen.
    Schade, dass es ein trauriges Ereignis wie Fukushima brauchte, in gewissem Sinne also ein Verbrechen, damit ein breites Nachdenken über die Gefahren der Atomkraft einsetzt. Aber besser spät als nie. Hoffen wir, dass es nicht so schnell in Vergessenheit gerät.

  9. Schöne Analogie.
    Der Trainer könnte über so vieles schreiben und ich würde es gerne lesen…

  10. Öhm, was ist mit Harrisburg?

  11. Äh, wie ich letztens im DRadio schon sagte, geht es hier im Blog ausschließlich um Fußball, das ist auch bei diesem Beitrag so.

  12. Genau: Und für diese Ausschließlichkeit gebe ich ein gutes altes Sprichwort drauf: Schuster, bleib bei Deinen Leisten; unterzeichne auch nach etwa 26 Semestern nichts, da wo Dir eins vorgedruckt wird.
    Und: Dies war nun wirklich mein letztes Statement in diesem wunderbaren handwerklich-meisterlichen Thread.

  13. „Äh, wie ich letztens im DRadio schon sagte, geht es hier im Blog ausschließlich um Fußball, das ist auch bei diesem Beitrag so.“
    Offenbar hat es tatsächlich noch dieses Belegs bedurft, dass der kurz danach für die richtige Interpretation von Aussage und Parallele geschmähte McP der einzige war, der ihn verstanden hat.

  14. Ob er ihn richtig verstanden hat, darüber kann man wohl streiten. Aber immerhin hat er ihn verstanden.

    Wobei man mit dieser – auch von mir öfters verwendeten – Argumentation streng genommen auch den Strassenverkehr zum Stadion verbieten könnte. Oder den verkauf von Eintrittskarten aus Papier. Irgendwo und irgendwann wird sich schließlich einer daran schneiden und an einer Sepsis eingehen. Schon Du könntest es sein!

  15. Mein lieber sternburg, das ist jetzt in der Argumentation unter Deinem Niveau. Es geht um Wahrscheinlichkeiten. Nicht um Möglichkeiten.



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