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Schlagwort: Torwart

Fortuna Düsseldorf rekordiert

Das Interessante an zu-Null-Serien ist, dass man erst weiß, wie lange sie gewesen sein werden, wenn sie zu Ende sind. Wie viele begonnene zu-Null-Serien wurden schon kurz nach ihrem Anfang — quasi im selben Spiel noch — bereits beendet? Fast alle. Nur die ganz seltenen Fälle der länger dauernden zu-Null-Serien schaffen es überhaupt in den Fokus unserer Aufmerksamkeit, wobei „unserer“ ganz stark davon gelenkt ist, welcher aktuellen zu-Null-Serie „die Medien“ ihre Aufmerksamkeit schenken.

Heute ging eine der bemerkenswerteren zu-Null-Serien zu Ende. Michael Melka — ein Name, der auf landwirtschaftliche Tätigkeiten schließen ließe, wäre er nicht osteuropäischer, sondern westdeutscher Herkunft — hat gerade seine kleine persönliche Serie beendet, die gar nicht so persönlich ist. Schließlich ist ein Torwart immer nur das letzte Glied einer mehr oder minder erfolgreichen Kette: seiner davor stehenden Abwehr nämlich. Michael Melka im Tor von Fortuna Düsseldorf musste heute das erste Gegentor der Saison hinnehmen.

Zuvor war er achthundertundeine Minute ohne Gegentor geblieben und stellte damit einen neuen Regionalligarekord auf. Der alte Rekord war laut SPON von Goran Curko (dessen Nachnamen man auf keinen Fall mit Robert Hoyzer in Verbindung bringen sollte) von Tennis (!) Borussia (!) Berlin (!) mit siebenhundertvierundsiebzig Minuten. Ob Nord oder Süd, weiß ich leider nicht.

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Kleine Typologie der Fußballliebhaber

Come, Armageddon, come.

In der Spezies der an Fußball interessierten Grundgesamtheit gibt es grob geclustert drei Typen:

Typ I

Typ I spielt sehr gut Fußball, ist aber auch in jeder anderen Sportart grandios. Mit bewundernswertem Talent für Bewegungen, Raum-Zeit-Koordination und Ballgefühl ausgestattet, steuert er geradewegs auf eine Profisportlerkarriere zu, es ist nur nicht klar, in welcher Disziplin. Manchmal wird es Tennis, manchmal Zehnkampf oder Volleyball, meist aber Fußball. Wenn schon nicht Bundesliga, dann zumindest Verbandsliga. Typ I lernt keine Sportarten, sie sind ihm angeboren. Aus irgendeinem Film ist das Zitat „Typ Mittelstürmer, der macht jeden rein“ bekannt, allerdings ging es dort eher um Frauen und nicht um Sport. Nichtsdestotrotz charakterisiert dieses Zitat Typ I ganz gut. Er macht nicht nur jeden rein, er gewinnt auch jedes Tischtennisturnier, sogar, wenn er ohne Schläger spielt. Zum ersten Mal ein Snowboard unter den Füßen, ist er schon in beneidenswerter Eleganz den Hang heruntergefahren.

Beruflich lässt Typ I es meist etwas langsamer angehen und wird, wenn er Glück hat, Sportlehrer (plus ein x-beliebiges weiteres Fach, von welchem er Zeit seines Lebens so viel Ahnung haben wird, wie ein Steuerberater vom Fußballspielen), wenn er Pech hat Versicherungskaufmann, Fliesenleger oder Bademeister.

Typ II

Typ II verfügt nicht über derlei Talent, ist aber immer noch als relativ sportlich zu bezeichnen. Typ II bringt zumindest das mit, was man im Fußball ebenso gut gebrauchen kann wie Ballgefühl: Kampfkraft, Ehrgeiz, läuferische Ausdauer und den Willen, sich der drohenden Niederlage auf keinen Fall zu beugen. Auch wenn er selten Tore erzielt, ist Typ II nicht unbrauchbar im Mannschaftsgefüge. Typ II fabuliert gerne über das Spiel als solches, kaschiert damit aber nur wenig effektiv seine technische Unzulänglichkeit, während Typ I jede Reflektion oder Introspektion bezüglich des ausgeübten Sports fremd ist. Wie gesagt: angeboren. Sehende Menschen denken auch selten darüber nach, wie es kommt, dass die Netzhaut dem Gehirn einen optischen, noch dazu dreidimensionalen Eindruck der Umgebung vermittelt. Was selbstverständlich ist, wird nicht hinterfragt. Deshalb redet Typ II ja so gerne über das Spiel. Für ihn ist nicht selbstverständlich, dass die Flanke tatsächlich ankommt oder der Hackentrick nicht im Aus landet. Nichtsdestotrotz funktioniert das Spiel auch mit seiner Teilnahme, schließlich weiß er, dass man schnell passen oder einfach mal aus der viel zitierten zweiten Reihe abziehen sollte. Typ II sieht man später beim Joggen im Park, nachdem er gerade aus dem Büro, der Kanzlei oder aus dem Bundestag heimgekommen ist.

Typ III

Typ III interessiert sich ebenso intensiv für Fußball wie Typ I und Typ II, doch, ach, es hapert sowohl am Ballgefühl als auch am Raumgefühl, zudem hat er manchmal Angst vor dem Ball respektive heranrauschenden Gegner und nein, nach der E-Jugend ist dann doch Schluss damit. Wenn es hochkommt, darf Typ III in seiner gesamten Karriere zwölf Mal von Anfang an spielen, wird dabei sieben Mal ausgewechselt und darf als Höhepunkt seiner aktiven Karriere in einem unbedeutenden Freundschaftsspiel einen Elfmeter mit seiner unnachahmlich schlechten Technik zum Torwart zurückschieben, bis Mutter entscheidet, dass das Ganze keinen Sinn hat, wenn der Sohn immer nur auf der Bank sitzt. Auf Proteste seitens des Fußballvereins ob der Abmeldung des Typ III wartet man vergebens. Es folgen Schwimmverein, Hockeyverein, Basketball, Speerwurf, Turnen, Tischtennis. Das fehlende Bewegungstalent lässt es nicht zu, dass sich Typ III irgendwo durchsetzt. Irgendwann ist ganz Schluss mit den Bewegungsversuchen unter Wettkampfbedingungen, doch die Liebe zum Fußball erkaltet nie. Weiterhin Fan eines Bundesligaclubs, macht Typ III jedes Tippspiel mit, meist ist der kicker abonniert, zumindest liest er den Sportteil der Tageszeitung als Erstes. Natürlich wird Fußball im Fernsehen verfolgt und es hängt auch das eine oder andere Trikot im Schrank. Nur Fußballschuhe, die braucht Typ III ja nicht.

Bis etwa 1985 muss es so gewesen sein für die bedauernswerten Mitglieder des „Typ III“. Dann wurde alles anders. Typ III war erlöst. Irgendjemand hatte Computerspiele erfunden. Fußball als Computerspiel. Fehlendes Ballgefühl, fehlende Ausdauer, fehlendes Durchsetzungsvermögen waren gänzlich irrelevant geworden, wenn man nur diesen Joystick mit seinen acht Bewegungsrichtungen und dem einen Knöpfchen richtig bedienen konnte. Alle, die es im Vereinsfußball nicht weit brachten, deren Liebe zum Fußball dennoch nie endete, konnten nun endlich demonstrieren, dass sie durchaus verstünden, fabelhafte Kombinationen auf den Rasen zu zaubern und als gefeierter Turniersieger vom Platz zu gehen. Was konnten sie dafür, dass die Füße nicht so wollten wie sie und dass die Angst und das Unwohlsein angesichts matschigen Fußballuntergrunds ihre ständigen, ungebetenen Begleiter waren? Nichts natürlich. Und mit der erstaunlichen Perfektion, die Typ III in seinen Kombinationen auf den Schirm warf, ging ein ebenso erstaunlicher Zuwachs an Reputation einher. „Klar, er trifft aus drei Metern keinen Supertanker“, raunen sich die Mitspieler vom Typ II zu, „aber im Halbfinale unseres EA-Sports-Turniers möchte ich lieber nicht auf ihn treffen.“

Typ I wird nie verstehen, was er mit diesem Ding namens Joystick eigentlich anfangen soll, wenn er doch viel besser in echt den Ball ins Tor schießen kann, und zwar mit traumwandlerischer Sicherheit. Er wird nie wieder auf derlei elektronischen Fußballturnieren gesehen.

Typ III hingegen ist mit der Erfindung des elektronischen Computerspiels erlöst. Er kann endlich erfolgreich seinem liebsten Hobby, dem Fußball, frönen, und erfährt die Anerkennung in den dafür relevanten Kreisen, von der er immer geträumt hat. Irgendwann wird es zum Alltag, dass Menschen des Typ III aufwachsen, die sich gar nicht erst lange mit der Schmach des Versagens auf einem realen Fußballplatz herumschlagen müssen. Typ III-Menschen leben (fußball-)sozial sicher. Sie haben nichts zu befürchten, sind ihre Fähigkeiten doch, jeder sieht es ja bei den Turnieren, unbestritten. Alle sind glücklich.

Typ I ist sich dessen nicht mal bewusst, genießt aber die Anerkennung dafür, immer ins Tor zu treffen. Typ II weiß, dass er nie die Fähigkeiten von Typ I haben wird, hat aber mit Typ III genug Möglichkeiten zum abwärts gerichteten Vergleich. Typ III hingegen bezieht seine Selbstsicherheit aus den langen Abenden vor dem Schirm, in denen er selten bezwungen wird. Kurzum: die psychosoziale Sicherheit der Fußballinteressierten ist gesichert. Ein Paradies für alle, die Fußball lieben, ganz gleich welcher Kategorie.

Wie jeder Zustand reinen Glücks ist aber auch dieser nur von kurzer Dauer. Im Jahr 2006 bricht über alle Angehörigen des Typ III Armageddon herein.

Auch beim Fußball in elektronischer Form muss man wieder selbst schießen.

Fies veranlagte Angehörige des Typ II — der Ehrgeiz reichte bis zum Software-Entwickler in renommiertem Hause — stellen für elektronische Fußballspiele ein Shootpad vor. Typ III ist hochgradig verzweifelt und erlebt seine Traumata aus der E-Jugend erneut. Dass, man ist ja erwachsen, nur noch hinter dem Rücken der hilflos vor den Ball Tretenden gelacht wird, macht die Sache kaum besser. Wurden die bedauernswerten Versuche im echten Fußball so lange ausgeblendet, wie man am Rechner Erfolg hatte, ist nun eine erneute Konfrontation mit den eigenen Unzulänglichkeiten unausweichlich.

Plötzlich nimmt auch Typ I wieder an den Fußballturnieren vor dem heimischen PC oder der Konsole teil. Zwar ist auch Typ I mittlerweile eine Dekade älter und immer noch mit diesem elektronischen Schnickschnack überfordert, ohne seine Treffsicherheit verloren zu haben. Fragt man ihn nach seiner Emailadresse, antwortet er beharrlich mit „weh-weh-weh-punkt“ und hat man endlich die tatsächliche Emailadresse herausgefunden, bekommt man postwendend die Email-Einladung zum PC-Turnier mit dem Hinweis zurück, dass „dieser Email-Account inaktiv“ sei: Seit über drei Monaten wurde er nicht mehr abgerufen, aber als Gas-Wasser-Scheiße-Mensch braucht er ja auch keine Emails.

Typ II ist begeistert davon, Typ III endlich auch am Rechner überlegen zu sein und setzt all seine Energien in die Organisation möglichst vieler solcher Turniere, bei denen Typ III der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Typ III hingegen ist wieder dort angekommen, wo er vor Beginn der Videospiele schon war: Trotz seiner großen Liebe zum Fußball wird er als Bewegungslegastheniker verhöhnt, ist zunehmend entmutigt und auch nicht mehr zur Hoffnung in der Lage, dass sich nach der Einführung des Shootpads daran noch etwas ändern könnte.

Später wird man der Entwicklung des Shootpads eine Reihe von Suiziden zuschreiben. Typ II schämt sich ein wenig, aber nicht zu sehr. Schnell packt ihn wieder der Ehrgeiz zu neuen Projekten.

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Jetzt geht’s los

„S04-Torwart Neuer patzt beim 2:2 gegen Kopenhagen“, schreiben die Agenturen und wir denken daran, dass der junge Torwart gerade mal eine halbe Bundesligasaison hinter sich hat und bereits ins Nationalmannschaftstor geschrieben wurde. Davor hat der Fußballgott aber noch das eine oder andere zu durchschreitende Tief gestellt. Ein einziger Patzer ist noch kein Tief, aber über den zurückrollenden Ball zu treten kann im jungen Alter durchaus Spuren hinterlassen. Und dass Neuer so ein Mann ohne rearview mirror wie Tim Wiese wäre, ist nicht anzunehmen.

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Kahn bald unter der Haube

Ja, sakra! (Das Bayrische an der Aussprache möge bitte im Kopfe des Lesers erklingen.) Ist er nicht schon längst verheiratet? Doch, auch wenn ihn das trotz Tragens seines Eherings nicht mehr so wirklich interessiert. Auf den Klatschseiten gab es jüngst einen weiteren Ehebruch (ob vollzogen oder nicht, zumindest beabsichtigt) zu lesen. Nun ist er wieder zurück zu Verena Kerner Kerth. Doch dieses Mal meinen wir eine echte Haube. Und tragisch, aber passend dazu folgende Meldung: Mannheimer Oberligatorwart schwer verletzt.

Eigentlich spricht nichts dagegen, einem Torwart eine Haube aufzusetzen. Abgesehen von der je nach Beschaffenheit der Haube größeren Verletzungsgefahr für die Feldspieler, die in ein physisches Duell mit einem Torwart gehen. So wie die Haube Petr Čechs beim EM-Qualifikationsspiel Tschechien — Deutschland aussah und wirkte, scheint eine derartige Gefahr aber kaum vorzuliegen.

Ob diese Kryptonit-Hauben aber tatsächlich Stöße und Einwirkungen mit großer Kraft abzudämpfen vermögen, kann ich nicht beurteilen. Sind es nur ein paar Prozent der Stoßeinwirkung, die abgefedert werden, reichte schon ein theoretisch einziger tragischer Fall, um die Nutzung von Hauben für Torhüter zu befürworten. Sähe sicher zunächst ein wenig strange aus, aber ähnlich Radfahrern mit Helmen könnten sie auch im Fußball früher oder später je nach Gestaltung imagebildend wirken — und gar ein zusätzliches Merchandising-Instrument sein. Pläne für die Umsetzung dessen liegen sicher schon längst in adidas‘ und Nikes Schubläden.

Wir kaufen bald nicht nur Torwarthandschuhe, Torwarthosen und an den Ellenbogen gepolsterte Torwarttrikots, sondern auch Torwarthauben.

Und in 20 Jahren lachen wir darüber, wie lustig doch Torhüter ohne Torwarthauben aussahen, während wir aus Nostalgie noch mal „Deutschland. Ein Sommermärchen“ schauen, so wie wir heute über die langen Haare lachen, die wir früher trugen.

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Ohne Ersatztorwart

Von so einer Begebenheit hab ich im Profibereich auch noch nie gehört: Der FSV Mainz 05 spielt heute wegen der Verletzung von Stammtorwart Wache mit Ersatzkeeper Wetklo im Tor. So weit, so normal. Auf der Ersatzbank der Mainzer befindet sich aber kein Ersatztorwart!

Mit viel Pech auf Mainzer Seite erleben wir später noch einen weiteren Fall für diese, hier schon ein mal erwähnte Seite.

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Die schöne Tradition von Torwartfehlern deutscher Torhüter in WM-Finals

2002 war es Kahn, der Ronaldo den Ball zum 1:0 servierte. 1986 war es Toni Schumacher, der unter einem Eckball hindurchflog und den Argentiniern ein Tor ermöglichte.

Wahrscheinlich weiß kaum jemand, dass diese gute Tradition schon 1954 von Toni Turek begründet wurde — von wegen Fußballgott. Das Video bringt es ans Tageslicht: Toni Turek macht vor dem 0:2 gegen Ungarn einen haarsträubenden Fehler. Hier ab 0:40 zu sehen.



Man hörte, ein gewisser Tim Wiese nahm sich später gegen Juventus ein Beispiel an Toni Turek.

Wahrscheinlich liest man nur deshalb nie von diesem Fehler, weil das Finale nun mal gewonnen wurde. Das ist nicht fair gegenüber Oliver Kahn und Harald Schumacher.

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Neues von den Natursektfreunden

Kahn-Bashing, es macht schon fast keinen Spaß mehr. Der alte Mann und das Tor.

Grotesken spielen sich ab.

Es ist ja nun nicht so, als gäbe es in Deutschland, in Europa oder von mir aus auch in Giesing keinen Torwartnachwuchs. Natürlich war Kahn einer der allerbesten seines Fachs, und nach dem Ende seiner Karriere (Gott allein wird wissen, wann dieser ferne Termin endlich ins Haus stehen wird) wird er auch zurecht in einer Reihe mit den ganz großen Torhütern des Fußballsports genannt werden. Seine Leistungen bei der WM 2002 wurden selbstredend ein wenig überhöht, aber so entstehen Mythen halt. Und Kahn war ja beileibe kein Schlechter. Er war mal ein richtig Guter. Nur ist das ebenso wie die WM 2002 schon fünf (!) Jahre her. Und wäre Kahn nur ein Torwart geblieben, was er ja nie war, sondern immer auch Karatekämpfer, Regelbeuger, Vor-Sich-Hin-Philosophierer und -Esoteriker, dann würde man ihn vielleicht sogar nach dem letzten Spiel seiner Karriere ein bißchen vermissen.

Die Tatsache, dass ich Oliver Kahn so viele Zeilen widme, lässt ja ohnehin schon ahnen, dass er kein Kleiner seines Fachs ist. Doch seine Zeit ist abgelaufen: Dass er aufgrund seiner erlahmenden Torhüterschaft eigentlich schon längst hätte ausrangiert werden sollen, hab ich hier schon mehrfach erwähnt. Dazu bedürfte es aber Non-Sentimentalisten, wie es Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß erstaunlicherweise in Personalfragen nicht sind, während sie es doch in vielen anderen Fragen den Fußball betreffend sind.

Einem offensichtlich nur noch durchschnittlichen Bundesligatorhüter eine Vertragsverlängerung anzubieten, während man ein angebliches Supertalent auf der Bank schmoren hat und ebenso leicht an anderer Stelle besseren Ersatz fände, das grenzt an Realitätsverweigerung. Sicher gab es Zeiten, in den späten 1970ern und davor allemale, in denen auch ein 40-jähriger Torwart noch Weltklasse sein konnte. Damals bestand die Weltspitze allerdings auch nur aus Argentinien, Brasilien und einer Handvoll europäischer Nationen. Heute besteht die Weltspitze aus Spielern aus aller Herren Länder, darunter sicher auch der eine oder andere Torwart. Dass bei solch zunehmender Konkurrenz und vor allem der viel athletischeren Spielweise der Verschleiß größer ist, liegt auf dem Spielfeld.

Und dass der Verschleiß bei Kahn selbst ziemlich groß ist, ist ebenso offensichtlich, so sagt er:

„Aber es ist schwer für einen Außenstehenden, diesen unglaublichen Druck, der rund um ein K.o.-Spiel gegen Madrid herrscht, nachzuvollziehen. Und dann passiert noch so etwas wie mit der Dopingkontrolle.“

Er kann mit dem Druck, dem viel zitierten, nicht mehr umgehen. Behauptete er früher noch, dass er „den Druck“ brauche, um Bestleistung zu bringen, demonstriert er jetzt immer wieder, dass er mit dem Druck nicht klarkommt.

Besonders dreist an dieser Äußerung, die er im Rahmen seiner Entschuldigung an den österreichischen UEFA-Angestellten vom Stapel ließ, ist aber etwas Anderes: Dass er sich entschuldigt und im selben Atemzug die Verantwortung für seine Handlung dann doch wieder von sich weist. Bei diesem „unmenschlichen“ Druck, ja, da kann doch niemand erwarten, dass sich ein erwachsener Mann wie ein erwachsener Mann benimmt, und schon gar nicht, wenn das eigentliche Spiel schon zwei Stunden her ist und der Druck sich eigentlich in Freude (schließlich war man ja weitergekommen) umgewandelt haben müsste.

Der Druck ist es gewesen, nicht Kahn. Solch Rumwinselei ist peinlich für einen Sportler, der immer die „Nr. 1″ sein will.

Und inzwischen hat Herr Krösslhuber auch Licht in die dunklen Szenen in den Katakomben der Allianz-Arena gebracht: „Nr. 1″ hat den Becher mit der Urinprobe an die Wand geworfen. Eurosport schreibt:

Laut „Österreich“ habe Kahn den kompletten Doping-Raum (30 Quadratmeter) besudelt und dabei auch die Unterlagen von Dr. Krösslhuber erwischt: „Zum Glück hatte ich die Formulare in doppelter Ausführung dabei, man kann sich ja mal verschreiben“. Der Doktor selbst blieb von der „Sauerei“ verschont: „Ich wurde körperlich nicht attackiert.

Kahn hat den ganzen Raum mit Pisse besudelt, schmeißt einen Becher Fäkalien durch einen Raum, in dem sich ein anderer Mensch befindet, der nicht zu seiner Mannschaft gehört — und er wird nur ein Spiel gesperrt? Jemanden mit Urin zu bewerfen ist auf der nach unten offenen Abscheulichkeitsskala für meine Begriffe schon ziemlich weit unten. Man sollte Kahn durchaus länger als dieses eine Spielchen sperren, vielleicht auch ein Antiaggressionstraining absolvieren lassen, wie man es Kreisligaspielern in einem solche Falle auferlegte.

Seinen hart erarbeiteten Respekt in der deutschen Fußballszene verspielt er neben seinen immer durchschnittlicher werdenden Leistungen aber vor allem mit solchen Ausfällen.

Wer den Druck nicht aushalten kann, sollte nicht mehr mitspielen.

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Wenn der Dummschwätzer Elfmeter schießen sollte – (XVIII)

Günter Netzers Wortwahl ist häufig ein wenig befremdlich, aber auch Stil bildend. So nennt Netzer einen Torwart beharrlich „Torwächter“. Weitere Beispiele fallen mir ad hoc nicht ein, es gibt sie aber (echte Faktenhuberei ist das hier). Im Blick wird Netzer so zitiert:

ARD-Chef-Analytiker Günter Netzer: «Vogel ist ein introvertierter Mensch, der die Öffentlichkeit nicht sucht und mehr in Ruhe arbeiten will. Er fühlte sich beim Elfmeterschiessen offenbar nicht sicher. Dass er Trainer Köbi Kuhn seine Bedenken signalisiert hat, finde ich absolut in Ordnung. Franz Beckenbauer hat als Captain übrigens auch nie Elfmeter geschossen.»

Womit wir nun leider nicht wissen, ob Netzer „Käpt‘n“ oder „Captain“ gesagt Schrägstrich gemeint hat, denn in der Schweiz benutzt man ohnehin wesentlich mehr englische Fußballausdrücke als in Deutschland („Corner, Penalty,…“). Was wir nun aber wissen ist, dass der Dummschwätzer sich stets vor dem Elfmeterschießen gedrückt hat. So konnte er auch anders als der Wurst-Uli 1976 zwangsläufig nicht verschießen.

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Titan hinter Glatze?

Ich bin ja bekanntermaßen kein großer Fan der aktuellen Torwartleistungen von Oliver Kahn, aber den alternden Titan hinter der ebenso alten Glatze einzusortieren, ist schon ein starkes Stück. Barthéz dürfte in solchen Listen überhaupt nicht auftauchen, schließlich ist er ein echter Pannen-Fabi, während Kahn die damalige katastrophale Saison mit Fehlern gegen Madrid, Aachen und Bremen inzwischen vergessen gemacht hat. Die Namen der „Experten“ in der Jury möchte ich ohnehin nicht wissen, wahrscheinlich waren Berti Vogts, Fredi Bobic und Stefan Effenberg darunter.

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Čech ein Störtebeker?

Einer von beiden lügt, aber wer?

Die B. Z. schreibt:

„Nur 16 Sekunden stand Chelseas Torhüter Petr Cech in der Partie beim FC Reading auf dem Platz, dann musste er nach einer Kollision mit Stürmer Stephen Hunt bewusstlos vom Platz getragen werden.“

Dagegen schreibt die FTD (und viele andere):

„…und Cech eine Erstversorgung auf dem Platz verweigerte. Cech musste auf allen vieren vom Platz kriechen.“

Vielleicht hat sich der Agenturschreiber da mit dem später verunfallten Ersatz für Petr Čech vertan, Cudicini, der ebenfalls mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus musste. Dass ein Bewusstloser ähnlich einem frisch geköpften Huhn noch ein wenig durch die Gegend robbt, hat man selten gesehen und gehört eher ins Reich der Legenden um Klaus Störtebeker. Ob man mit einem Schädelbasisbruch sofort bewusstlos wird und ob ein Schiedsrichter tatsächlich die Partie weiterlaufen lässt, wenn sich ein Torwart nach einem Zusammenprall überhaupt nicht mehr rührt, ist beides unbekannt bzw. Spekulation.

Schlimm ist dieser Unfall natürlich ohnehin. Erstaunlich aber, wie wenig lebensbedrohliche Unfälle es insgesamt im Fußball gibt; schließlich spielt man in der Kontaktsportart Fußball abgesehen von Scheinbeinschonern und evtl. einem Suspensorium vollkommen ohne Schutzvorrichtungen, wie sie im Eishockey oder im Football gang und gäbe sind. Und ich nehme an, dass weltweit auch ein wenig mehr Fußballspiele durchgeführt werden als z. B. Ring- oder Boxkämpfe.

Neue Nahrung erhält durch diesen Vorfall aber die Seite torhuetende-feldspieler.de. Nach dem Ausfall des zweiten, eingewechselten Torhüters musste Feldspieler John Terry das Tor von Chelsea hüten, was er in der bis zum Schlusspfiff verbleibenden Zeit erfolgreich tat. Zweifelnde entnehmen dies dem Endergebnis von 1:0 für Chelsea. Terrys Fähigkeiten als guter Schütze halfen ihm bei diesem Unterfangen, wie man auf diesem Bild sieht.

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Wie sich die Taubheit auf Deutschlands Sommerkartoffelackern ausbreitet

Fabian Ernst sagte mal sinngemäß über Jens Lehmann:

„Normalerweise vergißt man mit der Zeit die schlechten Spiele eines Fußballers und die guten rücken in den Vordergrund. Bei Jens Lehmann scheint es andersrum zu sein.“

Als er das sagte, war die WM allerdings noch weit entfernt. Jene WM, von der wohl kaum jemand in Deutschland bezogen auf sein Image so sehr profitiert hat wie Jens Lehmann. Noch ein halbes Jahr vor der WM erreichte Jens Lehmann in den Umfragen Werte wie 14 oder 23 Prozent der Antwortenden, die ihn als ersten Torwart sehen wollten. Und dass auch Sympathie bei dieser wie bei allen anderen Personalentscheidungen, die irgendwo auf der Welt von Menschen getroffen werden, eine Rolle spielte, ist wohl außer Zweifel. Heute stellt kein Mensch mehr ernsthaft Jens Lehmanns Status als ersten Torwächter der Nationalmannschaft in Frage.

Was Fabian Ernst als Möglichkeiten darlegt, ist — wie der Psychologe weiß — leider beides falsch. Nur die emotionale Intensität des Erlebten entscheidet, wie gut man etwas erinnert; nicht aber die Richtung. Das heißt, dass es egal ist, ob Ereignisse positiv oder negativ sind. Sind sie nur ausreichend intensiv, werden sie auch behalten — und das sogar unabhängig von einer willentlichen Beeinflussung dieser Tatsache. Anders als beim Lernen von Vokabeln kann man nicht selbst entscheiden, welche Ereignisse emotional berührend sind und in der Folge gut erinnert werden.

Woran ich mich jedenfalls bis zu diesem Moment äußerst gut erinnere — und ich nehme an, auch noch etwas länger tun werde — ist diese lähmende Taubheit nach dem verlorenen Halbfinale gegen Italien. Im Zug von Dortmund nach Hause glitt ich in einem proppevollen Zug voller schweigender Menschen durch die nun gar nicht mehr einladend warme Nacht. Niemand sprach ein Wort — abgesehen von ein paar dankenswerterweise gedämpften Handytelefonaten, wann die hängenden Köpfe zu Hause eintreffen würden. Inmitten eingerollter Fahnen war ein Haufen Menschen vereint in der isolierenden Wirkung der Trauer. Es sprach sich auch niemand Trost zu. Es herrschte einfach nur eine dicke, schwere Taubheit, die sich von dem Zug aus sogar bis auf die Landschaft, durch die wir fuhren, auszudehnen schien.

Bevor es zu schwülstig wird, gebe ich gerne zu, dass ich hier etwas, aber nur etwas, übertreibe. Bewegen konnten die Menschen sich schon noch. Und Pommes hab ich auch noch an dem Abend gegessen. Nichtsdestotrotz war dies eine Stimmung, als wäre mitten im Juli der November über Westfalens Kartoffelacker gekrochen.

Ich nehme an, dass ich nicht alleine damit war, jäh aus dem Rausch der vorigen Wochen gerissen worden zu sein. Dieser fast schon schockähnliche Zustand wird zu einer Flash-Bulb-Erfahrung bei allen WM-Infizierten in Deutschland geführt haben. So, wie jeder weiß, wo er war, als er von den Anschlägen vom 11. September erfuhr, wird zumindest jeder WM-Infizierte wissen, wo er war und vor allem, wie er sich gefühlt hat, als die Italiener die beiden Tore erzielten und kurz danach.

Ich selbst lag bekanntermaßen erstmal darnieder. Nein, ausnahmsweise nicht dem Gerstensaft geschuldet. Gelähmt im Bett. Und das als erwachsener Mann, wegen des Ausgangs eines Fußballspiels!

Nun ist es natürlich immer ein bißchen albern, das eigene Schicksal oder Wohlergehen mit dem Ausgang eines Fußballspiels zu verknüpfen und natürlich habe ich mich genauso wie die übrigen Beteiligten, als da wären die Mitfahrer im Zug, die Spieler der deutschen Mannschaft und alle restlichen Infizierten, von diesem Schock inzwischen erholt.

Emotional bin ich wieder auf der Höhe, ich hege keinen Groll gegen den italienischen Fußball, jedenfalls nicht mehr als zuvor, und ich denke nur selten an diese Situation zurück.

Angesichts des „Anlaufens“ — wie man so schön bei dieser altertümlichen Einrichtung namens Kino sagt, wenn ein neuer Film gezeigt wird — von Sönke Wortmanns Film, dessen Titel „Deutschland. Ein Sommermärchen“ in Schwülstigkeit meinem Beitrag in nichts nachsteht, frage ich mich aber, ob ich wirklich schon wieder bereit bin. Bereit, auch noch Geld dafür zu bezahlen, dass ich mich schlecht fühle.

Wir wissen ja alle, wie es ausgeht. Und ganz ehrlich: wer sich über den dritten Platz bei der WM gefreut hat, der hat doch kein Herz. Der freut sich auch, wenn Gäste gehen und nicht das ganze Geschirr geklaut haben, sondern nur die Hälfte.

Dass Wortmanns Film jetzt in den Kinos anläuft, lässt mich zweierlei denken:

1. Ist es wirklich erst drei Monate her, dass die WM vorbei ist?
2. Ist es wirklich schon drei Monate her, dass die WM vorbei ist?

Wie man bei der Netzeitung liest, ging es Wortmann aber nicht so viel anders als allen anderen und fast hätte es gar keine Bilder von den Szenen danach gegeben:

Netzeitung: Wie ging es denn Ihnen persönlich, als Italien tatsächlich diese beiden Tore schoss?

Wortmann: Ich konnte erst einmal gar nicht drehen. Die Kamera lag neben mir auf der Bank, aber ich war unfähig sie aufzuheben. Als ich mich nach zehn Minuten dazu überwinden konnte, erschien sie mir unendlich schwer, obwohl sie eigentlich ganz leicht ist. Man muss sich dann ein paar Mal selber in den Hintern treten, und ich habe schließlich in der Kabine auch gefilmt, mich aber ganz mies dabei gefühlt. Ich habe auch immer damit gerechnet, dass einer mal sagt, ich solle es lassen, aber das tat keiner. Und so ging auch dieser Abend irgendwann zu Ende.

Tröstlich ist das nicht. Besonders wenig tröstlich ist, dass mein RE heute 10 Minuten Verspätung hatte und ich somit die 18.30h-Vorstellung verpasst habe und deshalb den Film frühestens Dienstag sehen kann. Den bekanntermaßen dramatischen Anfang mit den Szenen des Auslösers dieser Taubheit möchte ich natürlich nicht verpassen. Dienstag also. Freuen werde ich mich aber nicht auf das Wiedererleben meines Traumas. Ich gehe eher hin, um meinen Schock zu verarbeiten. Danach sollte man mich vielleicht erstmal nicht ansprechen.

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Bankkaufmann bei der örtlichen Sparkasse

Ich bin ja selbst noch nicht besonders weit gekommen. Von „zu Hause“ bis zur Ruhr-Uni in Bochum, dann nach Duisburg. Das sind Entfernungen, die man als guter Läufer auch noch locker an einem Tag zu Fuß zurücklegen könnte. Deshalb hab ich auch kein Recht über Kleinbürgerlichkeiten in anderer Leuts Leben zu lästern. Vor einiger Zeit schon las ich, dass es in Italien durchaus üblich ist, dass die Söhne der Familien bis zum Alter von 25, 26 noch zu Hause bei den Eltern leben und dass das auch niemanden stört. Damit ist ja auch klar, dass diese Jünglinge ebenfalls nicht viel von der Welt sehen, denn entweder arbeiten/studieren sie in der Nähe ihres Elternhauses oder sie sind arbeitslos.

Trotzdem finde ich es bemerkenswert richtig, was Robert Enke in diesem Interview bei den 11 Freunden zu seiner nicht immer glücklich verlaufenen Zeit in Portugal, Spanien und der Türkei sagt:

„Leuten, die noch nie aus ihrem Vorort in Deutschland raus gekommen sind, bin ich in dieser Hinsicht keine Rechenschaft schuldig.“

Natürlich ist es im 3. Jahrtausend nach Christi wesentlich einfacher als in den Zeiten vor Handy und Internet, ins Ausland zu gehen, weil der Kontakt in die Heimat wesentlich leichter (und zuverlässiger zustandekommend) geworden ist. Nichtsdestotrotz ist es nicht leicht, als Anfang 20-jähriger ins Ausland zu gehen und dort als Profi in einer Sportart tätig zu sein.

Denn alle, die auch zur Mannschaft gehören, sind gleichzeitig auch Konkurrenten (bei einem Torwart spitzt sich diese Situation noch zusätzlich zu).

Deshalb habe ich Respekt für Robert Enke, dass er in Istanbul gekündigt hat, obwohl er nicht wusste, wie es weitergehen würde.

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