Volkskrankheit Gedankengefängnis

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Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der usw. Dem Messias sei Dank, er hat uns die Augen geöffnet. Jahrelang war man blind dafür, doch nun ploppen sie überall aus dem Boden wie St.-Pauli-Gegentore: Ja, wer sitzt eigentlich nicht in einem Gedankengefängnis?

Da wäre zunächst der Augenöffner selbst: Er glaubt, es reiche aus, darüber zu sprechen, dass man Durchhalteparolen verwenden müsse, statt sie tatsächlich anzuwenden. Das ist ähnlich wirksam, wie einem Kochtopf Suppe zu erzählen, dass er am besten gleich mal heiß werden sollte. Anstatt ihn einfach heiß zu machen. Ein besonders perfides Gedankengefängnis, wenn jemand ahnt, dass es solche gibt, aber sein eigenes nicht erkennen kann. Was im Prinzip aber für alle Insassen von Gedankengefängnissen gilt.

Ein weiteres seiner Art steht in Hannover, wo man nichts Besseres zu tun hat, als eilig Verträge zu verlängern. Was man spätestens im November — bitte was? — okay, spätestens im Oktober sehr bereuen wird. Das dort aufgestellte Gedankengefängnis erlaubt leider keinen Blick in die Historie von One-Hit-Wondern in Bundesligatabellen. In Hannover ist das Exemplar so groß, dass sogar mehrere Menschen reinpassen. Jene, die die Verträge vorzeitig verlängern, und jene, die auf dem Platz stehen und danach Interviews geben: „Dieser Erfolg hat eine solide Basis.“ Wie gesagt: Von außen sind die Gefängnisse leicht zu erkennen, nur wer drin sitzt, hat es schwer.

Gedankengefängnisse auch in den Hirnen von Münchner Fans. Ein vierter Platz sei ein Ding der Unmöglichkeit. Dabei bräuchte es so wenig, sich daran zu erinnern, wie der FC Bayern in den letzten 2 Millionen Jahren mehrheitlich abgeschlossen hat: Deutlich schlechter als Platz 1, nicht mal Vizemeister wurde man meistens. Doch auch hier: Wieder erlaubt das Gefängnis die Vorstellung nicht, dass sogar ein vierter Platz jederzeit möglich ist.

Auf den Frankfurter Tribünen gibt es gleich hundertfach baugleiche Gedankengefängnisse. Leider hat man darin auch Äbbelwoi erlaubt, welcher die ohnehin schon vorhandene Denkweitenbegrenzung weiter verschärft. Zum Fußballsport gehören Niederlagen und auch ein potenzieller Abstieg dazu. Das einzuplanen, ist von den bedauernswerten Insassen jedoch zu viel verlangt. Dabei steigen jedes Jahr zwei bis drei Mannschaften ab. Nicht allzu selten sogar welche, die noch vor Anpfiff des 34. Spieltags nicht damit gerechnet haben. In Frankfurt hätte man es seit 16 Spieltagen kommen sehen können, wenn denn nicht stets die Gitter im Weg gewesen wären.

Falls es schließlich noch eines letzten Beweises der Existenz von Gedankengefängnissen bedurft hätte: In Hamburg glaubt man ernsthaft, beim kommenden Versuch würde Sisyphos diesmal wirklich Stabilität in punkto Mannschaft und Trainer über die Köhlbrandbrücke rollen.

Sie sind eine echte Volkskrankheit. Weshalb man dem Messias danken muss, dass er allen Beteiligten die Augen geöffnet hat. Gefahr erkannt. Doch:

Entwarnung kann weiterhin keine gegeben werden. Aus gleich mehreren zuverlässigen Quellen verlautbart, dass im Fußballbundesliga-Stift schon eifrig Pläne für den Bau neuer Gedankengefängnisse in der Sommerpause geschmiedet werden.

Hoffnungen auf eine Europa-League-Teilnahme, der Glaube, als Fan selbst der Verein zu sein, und Visionen, demnächst wie der FC Barcelona zu spielen, wabern bereits ziellos zwischen den schwedischen Gardinen umher.

Entfliehen können sie ja nicht.

9 Kommentare

  1. OT: herzlichen Glückwunsch!

  2. Ein weiteres Gedankengefängnis ist offenbar gegen Ende der Hinrunde ausgerechnet bei den Fans des Tabellenführers entstanden. Nämlich, dass die Spieler es alle da so toll finden, dass sie sich nicht wegkaufen oder abwerben lassen. Unvorstellbar der Wechsel eines Herzstückes der Mannschaft zu einem sogenannten europäischen Spitzenklubs, wo man doch sogar in Westfalen Champions League spielen kann. Perfide.

  3. Bayern auf dem vierten Platz und damit im UEFA Europa Fiat Punto Clio Europa Cup = mehr Freizeit für mich, da ich mich für diesen Wettbewerb eh nicht interessiere. So muss ich mir wohl oder übel doch wieder die Champions League mit den Bayern antun…

  4. Das wäre ein wahrhaft hartes Brot.

    Allerdings bin ich nicht so naiv, den großen Wunsch danach, dass real sein möge, was nicht real ist, nicht zu erkennen. Es gibt keine Freizeit im Fußball.

  5. aus welchem Gedankengefängnis kommt denn dein „schluchz“ letzter Tweet, Trainer?

  6. Oh, aus keinem. Jedenfalls aus keinem eigenen. Eher aus einem kurzen Besuch im Gedankengefängnis derjenigen welchen, die Fußball als Beruf ausüben.

    Für hier hat es aber keine weitere Bewandtnis.

  7. Stimmt eigentlich, im Gedankengefängnis gibt es keine Freizeit…

  8. Pingback: Wo geht was? zum letzten Spieltag 10/11 | WEB 0.4

  9. Den Ausdruck hatte der Messias wohl von seinem Sohn abgekupfert.



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