Wo warst Du, Adam Fan?

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Ich könnte hier jetzt eine Menge faseln, über „flashbulb memories“, aber da lese man doch einfach den verlinkten Text lieber selbst.

Eigentlich war es ohnehin schon länger mal geplant, dass „wir“ uns hier über unsere flashbulb memories in Bezug auf erlebte Endspiele unterhalten, obschon ich mir nicht sicher war, ob daran überhaupt Bedarf besteht, schließlich haben diese Endspiele, abgesehen natürlich von dem einen wahrlich schrecklichen Moment („Burruchaga – Toni, halt den Ball! – Nein.“) keine weitere, größere emotionale Bewandtnis. 1982 war verdient, 1966 war man nicht geboren, 1974 war man geboren, aber auch noch nicht wirklich geistig anwesend, 2002 war spannend und enttäuschend, aber kein Beinbruch.

Außerdem hätte ich ohnehin lieber mit einem anderen Endspiel begonnen als mit dem äußerst, äußerst, äußerst schnöden Spiel von 1990, das ja bekanntlich noch unschöner entschieden wurde. Natürlich auch nicht mit 1994, das noch fürchterlicher war. Sondern z. B. mit eben jenem 1986 oder vielleicht mit 1992. Oder mit 1996, oder mit 2002, oder mit 1982. Oder mit dem Halbfinale von 2006, damit aber wohl eher nicht, weil man ja zu jenem Zeitpunkt bereits sich hier hätte mitteilen können, was man sicher getan hätte, wenn man Mitteilungsbedürfnis hätte.

Aber nun gut, nehmen wir halt den Vorschlag der dortigen auf. Ich nehm mir mal die Freiheit, aus dem a*i*as-Blog zu zitieren.

Beinahe 20 Jahre sind nun vergangen. Für viele Fußballanhänger sind die Erinnerungen an den 8. Juli 1990 dennoch sehr präsent. Gilt das auch für dich? Was hast du an diesem Tag ab 20 Uhr gemacht? Hast du auch vor dem Fernseher gesessen? Oder warst du etwa einer von 73.603 Zuschauern im Olympiastadion im Rom?

Und gebe auch gleich meine Antwort, die so furchtbar langweilig ist, dass es schon (und nicht „fast“) wehtut. Ich meine das ganz wörtlich, denn ich war mir der Dimension des Ereignisses leider nicht bewusst und hätte statt dem, was ich tatsächlich getan habe, auch in meiner Heimatstadt in ein vollbesetztes Kino gehen können, in welchem das Spiel live übertragen wurde und/oder nach dem Sieg mit Tausenden im Zentrum der Stadt bei Autokorso, Girlanden und Erdnußflips feiern können, überschwänglich, bis der Abend zum Morgen geworden wäre. Vielleicht hätte ich ein Kind gezeugt oder zumindest meine Zukünftige kennengelernt, ich hätte diesen Weltmeistertitel nicht allein gefeiert zur Kenntnis genommen.

So aber:

Ich saß als Heranwachsender, der allerdings durchaus schon feiertauglich war, bei meinen Eltern im Wohnzimmer, wo ich das Spiel schaute, mitzitterte und mich danach auch schwer freute.

Nach dem Spiel ging ich in mein Zimmer und irgendwann ins Bett.

Gute Nacht.

27 Kommentare

  1. Sind wir schon zwei. Ist es ein Trend?

  2. Viel schlimmer bei mir: Ich weiß nicht mal mehr, wo ich das Endspiel 1990 gesehen habe. Allerdings weiß ich noch ganz genau, wo ich beim Endspiel am 16.05.1992 war. Das allerdings zählt wohl nicht.

  3. Vorerst nicht… das kommt wohl irgendwann später, an einem fernen Tag in der langweiligen Sommerpause 2013.

  4. Kleine Ergänzung: 1966 ging’s mir wie Dir 1990, 1974 ähnlich, nur das wir anschließend das Spiel auf dem Acker neben dem Haus nachgestellt haben.

    Ich war Neeskens.

  5. Jetzt bitte nicht gleich das ganze Pulver auf einmal verschießen.

  6. Ich habe einige Pfeile im Köcher. Keine Sorge.

  7. Genau dasselbe. Allerdings war ich auch erst 6 Jahre alt und konnte dank der Wohnsituation nahe des KuDamms in Berlin auch vorerst nicht schlafen.

    2002… aber das ist eine andere Geschichte.

  8. Bei meinem Vater.

    Mein Vater hatte extra für das Finale eine kleine Deutsche und eine kleine Argentinische Fahne bei Fahnen Fleck gekauft und auf den Fernseher gestellt :)

  9. In meiner Erinnerung war das echte Finale 1990 das Achtelfinale. Klinsmann Krämpfe, Völler Rot, den Europameister besiegt und damit zu unflätigen Reaktionen gezwungen. An die drei Zusatzspiele kann ich mich kaum noch erinnern. Aber die Couch im Partykeller (typisches Relikt 70er und 80er Jahre Eigenheiminnenarchitektur) unseres Gastgebers ging nach dem Siegtreffer zu Bruch. Immerhin hat sie bis zum Finale durchgehalten.

  10. Hach 1990, was für ein wunderbarer Sommer. Da ich einer der wenigen im Freundeskreis war, der schon eine eigene Wohnung hatte, versammelten sich bei mir zig Bekannte und Unbekannte. Das Haus war schon wochenlang mit allerlei großen internationalen Fahnen geschmückt. Nicht jedem gefiel das und auch nicht der Lärm der besonders bei Deutschlandspielen heraus drang. Schnöde Spiele hatte wir durch die Wende ein paar Monate zuvor abgeschafft. Alles war toll und WAHNSINN. Außer die Argentinier, die wurden einem von Minute zu Minute unsympathischer. Aber da die Gerechtigkeit und also auch wir siegten, organisierte man – erprobt wie wir waren – sofort eine Demonstration um unsere Freude kundzutun. Es reihten sich auch ziemlich viele ein und Lobgesänge auf Lothar Matthäus führten die Hitparade an. Endlich Weltmeister.

  11. Meine damalige fußballabgeneigte Freundin hatte zu Recht auf freie Autobahnen spekuliert und war auf dem Weg zu mir nach Hamburg. Ich saß irgendwo mit Uni-Freunden vor der Glotze (keine Ahnung mehr, ob privat oder in einer Kneipe, aber es war im Hamburger Osten). Nach dem Schlusspfiff musste ich sofort los, mitfeiern ging nicht: die genervte Dame wartete auf mich, was dazu führte, dass auch ich angenervt war. Insofern: Scheiß Abend.
    Aber nicht zu vergleichen mit dem 19. Mai 2001.

  12. Ich war zu Besuch bei meinem Cousin und ging mit ihm zu einigen seiner Freunde, um das Spiel zu sehen. Was ich nicht wusste: die hatten keine Ahnung von Fußball. Nicht ideal.

    Nach dem Spiel ging’s ins Zentrum der Kleinstadt, wo ich meinen ersten Autokorso erlebte, der nicht nur für damalige Verhältnisse (verkläre ich?) ziemlich beeindruckend war. Die Stimmung war großartig, und doch bekam ich eine erste -unangenehme- Ahnung, was Eventfans sind.

  13. Hübscher, weil so schön Deutsch, als das Zitat mit Burruchaga finde ich immer noch:
    Sie schlagen sie da, wo sie unschlagbar schienen: In der Luft. Ja der gute Rolf Kramer, oder war’s Johannson? Ich meine aber das Johannson das Endspiel 82 kommentiert hatte und dann müsste nach guter Tradition Kramer 86 an der Reihe gewesen sein, oder? Ich könnt ja nach gucken frag aber mal lieber in die Rund hier.

    ach ja, 90 gings mir wie dem Trainer. denke aber mal, dass ich ein „paar“ jährchen jünger bin. Und so blieb mir im Grunde nicht viel Auswahl. an 82 und 86 habe ich aber bis heute die nachhaltigsten erinnerungen. die mäßigen spiele 90 sind mir weniger eindrücklich in erinnerung geblieben als die technisch versierten grottenkicks zuvor.

  14. Ersetze Eltern, durch Patentante, aber auch mit Eltern…

    >>Ich saß als Heranwachsender, der allerdings durchaus schon feiertauglich war, bei meinen Eltern im Wohnzimmer, wo ich das Spiel schaute, mitzitterte und mich danach auch schwer freute.

    Nach dem Spiel ging ich in mein Zimmer und irgendwann ins Bett.

    Gute Nacht.<<

  15. 1990: Familie Aussen im Griechenlandurlaub. Klein Linksaussen war zehn Jahre alt und interessierte sich nicht die Bohne für Fußball. Mein Vater so ein wenig, konnte das Finale aber wohl nur im Ausland ertragen, wo die deutschen Fahnen nur im Fernsehen zu sehen waren.

    Aus irgendeinem Grund sympathisierten die Griechen mit den Deutschen, was mir herzlich egal war, da das verfallene Haus neben dem Restaurant, in dem ein paar Örtliche sowie meine Eltern und mein älterer Bruder das Endspiel guckten, auf mich (und meinen kleinen Bruder) wesentlich größere Faszination ausübte als irgendein Ball. Ich verpasste daher ca. 85 Minuten des Spiels (nein, nicht die ersten 85, sondern alle bis auf die paar, in denen ich zur Restaurantterrasse zurückstürmte, um einige Schluck Fanta zu mir zu nehmen), freute mich aber sehr, als der Wirt nach dem Spiel eine große Grillfleischplatte auf den Tisch stellte mit der herzlichen Einladung an alle, zuzugreifen bei all den herrlichen Dingen.
    Und mein älterer Bruder brüllte mich irgendwann an: „Wir sind Weltmeister!“, worauf er von meinem Vater vermutlich erklärt bekam, weshalb „Wir“ schon mal gar nicht und so, aber daran erinnere ich mich nicht mehr, es erscheint aber als die wahrscheinlichste Variante. Mein älterer Bruder, der heutzutage vermutlich maximal fünf bis sechs aktuelle Nationalspieler aufzählen könnte (gleich, ob deutsche oder andere), während ich… nunja, ich lese Fußballblogs, das sollte wohl der Sache genüge tun.

  16. Mein erstes richtig wahrgenommene WM Endspiel war 1974. Ich war 11. Mein Vater impfte mir vorher ein, ja nicht auf die Holländer zu halten. Wie er da bloß drauf kam. Wir waren im Fernsehraum der ehemaligen Max-Schmeling Villa in Bad Saarow ungefähr 15 Mann. Fast alles erwachsene Männer. Meine Mutter und meine zwei jüngeren Schwestern waren derweil im Urlaub 1,5 Kilometer von der Villa entfernt am See baden. Holland ging blitzschnell durch einen Elfer in Führung. Entsetzen. Absolute Stille für einen Moment. Unerträgliche Stille. Deutschland drehte das Spiel. Erst ein Elfer von Breitner. Dann Gerd Müller mit diesem typischen Müller Tor (davon hatte ich im Bayern Trikot von ihm schon einige gesehen)kurz vor dem Halbzeitpfiff. Zweite Halbzeit war von zahlreichen ..oh..der Männer und meines Vaters begleitet. Ich hab auch wahnsinnig mitgefiebert. Deutschland hielt das 2:1 fest. Danach analysierte mein Vater tagelang. Mir sind die Lobeshymnen auf die Paraden von Sepp Maier im Tor, den kopfballstarken Beckenbauer, Schwarzenbecks Abwehrarbeit vor dem Libero F.B. und das Siegtor von Gerd Müller, die wahnsinnig wichtige nervenstarke Treffsicherheit von Paule Breitner beim Strafstoß zum 1:1 noch gut im Ohr. Uli Hoeneß. Ihn hatte ich im Herbst 73 das erste mal live im Europapokal gesehen. Es fiel aber immer ein Name. Berti Vogts. Wadenbeißer hatte mein Vater damals glaube ich nicht gesagt. Das hat man dem Berti wohl später in der Retrospektive angehangen. Den großen Johann Cruyff aus dem Spiel genommen zu haben war die Basis für den WM Sieg. So mein Vater. Wahnsinn. Vogts wurde mit Lob von meinem Vater überschüttet. Ich selber hatte bis zum Endspiel in meiner kindlichen Sicht Cruyff als den überragenden Spieler des Turniers gesehen. Später kamen Platini oder Zidane nie annähernd an diese Leichtigkeit und diese fußballerische Klasse heran. So ist bis heute mein rein subjektives Empfinden. Hoeneß sagte später das die Niederlande nur einen Schwachpunkt hatten. Ihren Torwart. Diese Finale von München war mein erstes Endspiel. Es war für mich sehr emotional. Ich mochte schon vor der WM die Bayern Spieler sehr. Ich fand die einfach ziemlich stark. Die anschließenden Urlaubstage waren sehr schön.

  17. Ich habe das Spiel als knapp 12-Jähriger ebenfalls im elterlichen Wohnzimmer verfolgt. Meinen knabenhaften Leib umhüllte ein an das Design des Deutschland-Trikots angelehntes T-Shirt. Schrecklich wars, spannend wars.
    Nach Schlusspfiff liefen mein Nachbarkumpel und ich eine Art Ehrenrunde durch die Siedlung und winkten den natürlich nur für uns hupenden Autos zu.
    Die wahre Sause sollte allerdings erst am nächsten Tag steigen. Vorletzter Schultag, Klassenausflug in die Stuttgarter Wilhelma (hat nichts mit Prostitution zu tun!). Unser Bus war einfach nur „schwarz-rot-geil“.

  18. Sind alle so nostalgisch hier… Dabei habt ihr noch so viele Weltmeisterschaften vor euch.

  19. @jürgen Kalwa: Ausgangspunkt der Trainingseinheit von Meistercoach Baad war ja die Blitzlichterinnerung (flashbulb memories).

  20. Weltmeisterschaften vor uns?

    Turniere nicht Titel, oder?

  21. Mir ging’s wohl auch wie Dir. Mit dem Unterschied, dass ich nach dem Spiel ins Bett getragen wurde und sich die Erinnerungen generell in Grenzen halten, da mein Fußball-Gedächtnis erst am 10. Juli 1994 beginnt.

  22. Ich zitiere aus meinem eigenen Frühwerk zur Nationalmannschaft und ihren diversen Endspielen:

    „Als Deutschland verdient Weltmeister wurde: 1990, in meinen letzten Göttinger Tagen, drückte ich erst Dänemark, dann Kamerun die Daumen. Relativ emotionslos schaute ich im Gegensatz zu meiner damaligen Freundin (der totale Großereignis-Fan ohne jedes Interesse am Kicken zwischen EM und WM – das konnte nicht gut gehen) das Endspiel an und fand danach: Dieses Argentinien als Weltmeister wäre noch schlimmer gewesen. Zudem gab’s zum ersten und einzigen Mal Freibier in der Tangente. Mindestens fünf Liter. Für alle Gäste zusammen natürlich.“

    Hingegen kann ich absolut nichts zu 1992 sagen. Ich war Volontär, schaute mit meinen Kollegen das Finale. Beim 0:1 war ich auf dem Klo, beim 0:2 holte ich als Dienstjüngster Pizza. Und die Kollegen schalteten die Kiste irgendwann frustriert ab. Ich habe bis heute wohl die beiden dänischen Tore nicht gesehen…

  23. Ja, der große Triumph von 1990. Unvergessen. Vor allem, weil ich das Spiel bis heute nicht in voller Länge gesehen habe. Ich war damals im Zug unterwegs, Schweineexpress am Sonntagabend nach Kiel rauf. Die Abteilnachbarn hatten ein Radio dabei, daher war man auf dem Laufenden. Und weil die Bahn damals noch keine ICEs hatte, war die Party in der Kieler Innenstadt schon zu Ende, als wir dort eintrafen. So blieben mir eventuelle Loddar-Maddäus-Gesänge zum Glück erspart.
    Übrigens habe ich aus demselben Grund auch vom 09.11.1989 nix mitbekommen. Da war ich nämlich grad auf See, um das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland im Ausland zu heben. Immerhin weiß ich noch, dass wir zuerst dachten, unsere Funker wollten uns veräppeln, als sie das entsprechende Fernschreiben in den Decks verteilten. Denke ich manchmal heute noch.
    Das erste WM-Endspiel, an das ich mich erinnern kann, war 1974. Ich war zwar noch im Kindergarten, aber eins werde ich nie vergessen: meine Mutter hatte damals zum Finale ein befreundetes niederländisches Ehepaar eingeladen, welches wir vom Campingplatz kannten. Völlig arglos, ohne Hintergedanken, schon Monate zuvor, als noch niemand wusste, dass die Niederlande überhaupt teilnehmen konnten. Was dann geschah, war ein erster hochinteressanter EInblick für janus in die Welt der Konfliktbewältigung bei Erwachsenen. I love it. Damit kann man Mutti heute noch ärgern.

  24. Österreichurlaub – ORF – war nett

  25. Dänemark-Urlaub. Das Spiel gesehen auf einem winzigen Schwarz-Weiß-Fernseher des dänischen Ferienhausvermieters, inkl. dänischem Kommentar.

  26. Pingback: Trainer Baade » Blackout der unverzeihlichen Art:

  27. Spät dran, aber was solls.
    Also ich war in Italien, erster Auslandsurlaub als Neuwestbürgerling (gerade mal 10 Jahre alt). In der Teenagerbespaßungsanlage wunderte mich, was da soviele Leute vor der Leinwand guckten. Die Stimmung war irgendwie nicht so richtig doll hinterher. Hatte mich da aber noch nicht groß gejuckt. Eis und Pizza waren super, mehr war für mich damals nicht von Interesse.



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