Der blaue Adel und der alte Ritter

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Sicher den wenigsten bekannt ist die Antwort auf die Frage, welches Team im deutschen Fußball auch „der blaue Adel“ genannt wird. Man müsste hier eigentlich erst mal die Leute raten/vermuten lassen und einen Spoilerschutz einbauen. Die Frage ist aber wohl so schwierig, dass sie ohnehin nur Menschen aus dem Umfeld der baden-württembergischen Landeshauptstadt beantworten könnten, ohne zu raten.

„Der blaue Adel“, so nennt man im Fußball die Stuttgarter Kickers. Warum, das war bislang noch nicht zu eruieren. Zugelaufen ist einem diese Information mal wieder im Zuge einer dieser „Internet-Safaris“ (© by Stadioncheck), an deren Anfang man sich am Ende nicht mehr erinnert. Womöglich hatte der Ursprung dieser Safari etwas mit Manfred Kaltz und dem letzten Titel des HSV zu tun.

Wie dem auch sei. Die Stuttgarter Kickers traten (abgesehen von einem 4:1-Auswärtssieg beim FC Bayern München) ansonsten im nationalen Fußball nicht besonders in Erscheinung. Von einer Ausnahme abgesehen — als die Kiggers 1987 das Pokalfinale erreichten. Welches sie zwar gegen den HSV verloren, unter Anderem wegen eines Bananenfreistoßes von eben jenem Manni Kaltz, doch war diese Finalteilnahme etwas, was sie in die Annalen und zugleich den Fokus der Fußballöffentlichkeit brachte.

Um ein Finale zu erreichen, muss man allerdings ein Halbfinale gewinnen. Und in einem solchen waren auch 1987 schon im DFB-Pokal meist nur höherklassige Mannschaften vertreten. Denn die Kickers aus Stuttgart waren damals Zweitligist, der ihnen zugeloste Gegner Fortuna Düsseldorf hingegen Erstligist.

Wie das so war, als Underdog gegen den Overdog, als der Rasen tief war, das Wetter diesig und die Fans noch hinter Moschendrohtzaun eingepfercht waren, verrät das folgende Video der Sportschau von diesem legendären Sieg im DFB-Pokalhalbfinale des „blauen Adels“ Stuttgarter Kickers über Fortuna Düsseldorf.

Wie immer sehenswert neben dem völlig anderen Fußballspielstil auch die medial-verbale Unbeholfenheit der Spieler.



Ah, ja, gut, das haben wir jetzt alle gesehen.

Nein! Eher doch nicht.

Wie relativ sicher ist, hat fast niemand das Video zu Ende geschaut, sofern es überhaupt jemand angeklickt hat, denn es ist länger als 90 Sekunden und damit länger als die neu begründete Einheit des „maximalen Internet-Aufmerksamkeitsspannen-Umfangs“ (MIAU). Was länger als 90 Sekunden dauert, findet einfach nicht statt, bei den allermeisten jedenfalls.

Deshalb hier als Service für die Leser der Hinweis auf jenen hörenswerten Teil des Berichts mit der allwissenden Müllhalde des deutschen Fußballs, die auch damals schon an allen Ecken und Enden vors Mikro geholt wurde. Mit anderen Worten: Paule heißter, ist Altklugscheißer und wird noch stets gefragt im deutschen Fußball, was er so denkt — wenn er denn die Ritterrüstung rechtzeitig abzulegen schafft.

Also noch mal anklicken, dann geht’s sofort an der richtigen Stelle los: (funktioniert zur Zeit nicht, wird dran gearbeitet, die besagte Stelle ist bei 3:40)



Man versteht sicher durchaus auch als jüngerer Zuschauer, welchen Segen es bedeuten konnte, dass es nur drei Fernsehprogramme gab. Was man damals aber als Zeitgenosse leider selbst noch nicht ahnte.

9 Kommentare

  1. Den letzten Absatz versteh ich nicht.

  2. Nur drei Programme (was damals ja schon nicht mehr zutraf) bedeuten absolut weniger Sendezeit, die mit zweifelhaftem Gekacker fragwürdiger Experten oder C-Promis gefüllt werden können.

    Aber das sollte jetzt kein „früher war alles besser“ bedeuten. Ich will nicht dahin zurück und trauere dem Sendeschluss um 1.15h mit der Nationalhymne und anschließendem Testbild in keinster Weise nach. Außerdem habe ich es relativ gut geschafft, mir das Gequatsche vor und nach den Spielen nicht mehr anzutun. Wobei der Paule oben ja während des Spiels spricht.

  3. Danke Trainer, dass du an diese große Stunde der Kickers erinnerst. Im Finale gegen den HSV hielt man dann ja auch lange mit, und verlor erst kurz vor Schluss durch einen Freistoß von Manni Kaltz.

  4. Ja, ist bekannt, wie gesagt, ein Bananenfreistoß.

  5. So meintest du das also. Aber neben einer Reihe Dummschwätzer sind viele Experten tatsächlich garnicht so schlecht, in dem was sie tun. Ich höre mir auch gern an, was Paule so zu sagen hat. Ganz oft bin ich anderer Meinung, aber genauso oft eröffnet er mir eine Sichtweise, die ich nicht teile, die aber dennoch aufschlussreich ist.

  6. …und ich hatte „blauen Adel“ immer auf die Haupttribüne bezogen: wenn ein Schiri „mal wieder“ falsch pfeift, rumort es da deutlich vernehmbar auf den Rasen runter und man sagt: „Gugg, d‘r blaue Adel isch au net eiverschtande.“

  7. Vielleicht liegt das mit „Blauer Adel“ auch daran das Ulrich Herzog von Württemberg mal Schirmherr der Kickers war.

  8. Joa, das geht wohl in die richtige Richtung, nicht unwahrscheinlich.

    Trotz der Niederlage übernahm Ulrich Herzog von Württemberg (1877–1944) die Schirmherrschaft über den Verein und führte ihn somit auch in gesellschaftlicher Hinsicht in die vorderen Reihen Stuttgarts.

    Quelle: Wikipedia.

  9. Ich habe vor jenem Pokalfinale mit meiner Mutter Federball im Garten gespielt. Und dann ein bisschen mit dem Unterhund mitgefiebert. Immer wieder erstaunlich, welchen Mist das menschliche Hirn abzuspeichern vermag.



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