Nach der Gender- die Gerontoproblematik

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Wer sich an ansprechenden Betrachtungen zu den Spielen der Frauen-WM mit deutscher Beteiligung laben will, sollte sein Internetinhaltewiedergabegerät zum Beispiel zu freitagsspiel oder zu angedacht lenken.

Hier kann es das nicht geben, denn die Schwierigkeiten beim Eröffnungsspiel haben sich noch verschärft. Jener nämliche Laden vom Tag der Partie im Berliner Olympiastadion ist pleite gegangen und hat mit Stichtag 30.6. die Pforten geschlossen. Bleiben nicht mehr allzu viele, die überhaupt in Frage kommen, Frauenfußball zu zeigen. Die erste Alternative überzeugte beim Spiel gegen Nigeria deshalb nicht, weil der Laden — obschon nicht allzu barock in der Aufmachung — nur von Menschen jenseits der 50 besucht wird. Die zweite Alternative, gestern gegen Frankreich getestet, überraschte beim Annähern mit großem Lärm und Unmengen an, auch jungen, Menschen, die sich trotz der Temperaturen freiwillig im Innern der Kneipe und nicht im Biergarten an der frischen Luft aufhielten. Heißa, das versprach ein Spaß zu werden, endlich WM-Stimmung, wie man sie sich als passiver Teilnehmer wünscht.

Noch dazu mit Frankreich ein spielstarker Gegner, in Mönchengladbach eventuell sogar etwas dem Fußball näheres Publikum als in Berlin, die passenden Zutaten also. Das Publikum in der Kneipe selbst schien in höchst freudiger Erwartung zu sein, alle sprachen durcheinander, sicher ging es um die Frage, ob Birgit Prinz in der Startelf stünde oder wer ihr Ersatz sein würde, die Stimmen drangen laut nach draußen, zu verstehen waren sie aber nicht. Außerdem war die Lokalität sogar von außen erkennbar mit einigen Länderfahnen geschmückt — es war also alles angerichtet für einen perfekten Fußballabend.

Bis man die Tür des Gewerbes öffnete, die Augen schon wieder keine Leinwand erblickten und der Quizmaster des Abends sein Mikro ergriff, die erste Frage in die Runde warf, woraufhin das Diskutieren und der dazugehörige Lärmpegel weiter anschwollen und man wiederum ohne Bewegtbilder der WM von dannen ziehen musste. Merke: Wenn man Kneipiers eine Woche vor der Frauen-WM fragt, ob sie denn wirklich alle deutschen Spiele der Frauen-WM übertragen, gilt das Bejahen dieser Frage nur für jene Tage, an denen nicht andere, alteingesessene und definitiv publikumsträchtige Veranstaltungen stattfinden.

Erneut verpasste der Autor also auf dem Weg zur dritten Alternative den Beginn des Spiels und seine Laune wollte sich angesichts des sich stets wiederholenden Procederes des hektischen Ortswechsels vor Anpfiff auch nicht allzu schnell erholen, obwohl die Partie selbst alles Nötige dazu bereit stellte.

Wieder nur ältere Herren im Publikum dieser Schänke, von eher 60 Lenzen aufwärts, war immerhin hier das WM-Spiel tatsächlich das Zentrum des Interesses. Eine kleine Entschädigung, das Publikum schaute endlich das Frauenfußballspiel und zwar nur das Frauenfußballspiel. Nicht unter dem Tisch heimlich die Apothekenrundschau und auch nicht in Wahrheit die Frauen. Einem besonders lauten Exemplar an Zuschauer war neben den vielen Toren für die Deutschen auch noch jede gelunge Flanke einer deutschen Spielerin ein „So geht Fußball!“ oder „Das ist Fußball!“ wert, kaum zu überhören, dass er es im elendigen Vergleich mit dem Männerfußball verstanden wissen wollte. Dennoch erhöhte seine Begeisterung für das Gesehene auch diese der Umstehenden dramatisch.

Jene Begeisterung, die beinahe überzukochen drohte, als nach dem 3:1 auch noch der Anschlusstreffer fiel, welcher wiederum mit einem Tor beantwortet wurde. Ehe die Gefahr zu groß wurde, dass einer der Anwesenden wegen der berechtigten Aufregung mit Herzinfarkt umkippte, entschied der Chef der Gaststätte allerdings mit einem kurzem „So, das reicht jetzt“, dass man zwar gerne Frauenfußball schauen könne, Interviews mit den Spielerinnen nach Abpfiff dann aber doch niemanden mehr interessieren.

„Mach doch mal wieder Heino an.“

10 Kommentare

  1. Eigentlich wollte ich ja warten, bis der Kamke was sagt, ich weiß nämlich gar nicht so genau, ob man das macht und wie, aber: Danke. Für Text und Erwähnung.

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  3. Cooles Spiel, Deutschland gegen Frankreich. Spannend bis zum Schluss, auch, wenn es durch eine Rote Karte etwas eingetrübt war, diese war allerdings eine Notbremse, also in meinen Augen nicht so schlimm. Das war einfach ein richtig schönes Fussball Spiel. Als einzigstes macht mir die deutsche Abwehr Sorgen, aber die kann sich ja noch steigern.

  4. Der Kamke war noch gar nicht hier gewesen.
    Jetzt schon, und er schließt sich dem Freitagsspieler an. Danke schön.

    Aber Trainer, so ganz versteh ich das noch nicht. Ich dachte, bei Euch inne Ecke sei Fußball (ja,ja, „Fußball“, haha) so ein Riesending. In Stuttgart hat jede Zeitung und erst recht jedes Onlinemedium eine Übersicht der die WM zeigenden Lokalitäten veröffentlicht, inklusive der Information, welche Spiele gezeigt würden (alle, nur mit Deutschland, alle ab Viertelfinale,…), gerne mit Bewertung, wenn auch ohne Information zum jeweiligen Altersdurchschnitt. Wobei ich zugeben muss, die Angaben noch keinem Realitätstest unterzogen zu haben. Ich schau ja lieber im kleinen Kreis. Gerne auch sehr klein.

  5. Well, heinz, da wäre zunächst das Problem, dass ich keine Printausgabe im Abo habe. Und dieser „KEINE WERBUNG!“-Aufkleber auf dem Briefkasten funktioniert angenehmerweise, so dass auch keines von diesen Wochenblättchen inklusive WM-Inlet mich erreichen könnte.

    Das zweite Problem ist jenes, welches ich schon mal an anderer Stelle beschrieben habe: Die meisten Leute hier interessieren sich für ihren Verein, aber nicht für Fußball. Und schon gar nicht für Frauenfußball, obwohl Duisburg da eine der Top3-Städte in Deutschland ist.

    Dann kommt hinzu, dass ich nach meinem Umzug noch nicht so richtig wieder orientiert bin, was es alles wo gibt, abgesehen von den „Szenekneipen“, wo sonst noch Fußball läuft samt angenehmem (nicht zu prollig und tatsächlich am Spiel interessiert, Alter eigentlich egal) Publikum. Es gäbe also vielleicht noch bessere Alternativen, mir sind sie nicht bekannt. Bis vorgestern waren aber auch (Ursprungs-)Alternative 1 und Alternative 2 bombensichere Lösungen, deren Wegfall mich jetzt – urplötzlich – vor neue Herausforderungen stellt.

    Bleibt für Auswärtige zu erwähnen, dass diese Stadt hier auf dem Papier zwar eine halbe Million Einwohner hat, etwa 50% davon aber durch Eingemeindungen (1929, 1975) hinzukamen, so dass das Zentrum nicht einem jenem entspricht, welches man für eine Halbmillionenstadt erwarten würde. Es hat eher die Quantität von Krefeld mit seiner Viertelmillion. Noch dazu ist das (Einkaufs-)Zentrum einer Stadt selten der Ort, an dem man die meisten Kneipen findet, was mich just in dieser Sekunde auf die Idee bringt, es demnächst mal am Innenhafen zu versuchen.

    Dort ist es aber meist so klinisch porentief rein, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass da jemand „Tor!“ ruft, wenn ein solches erzielt wurde. Okay, abwarten. Sollte das Viertelfinale gegen Japan siegreich bestritten werden, habe ich ja noch insgesamt drei Versuche, glücklich zu werden.

    So eine Auflistung wäre aber im Vorhinein praktisch gewesen. Dass sie nötig werden würde, konnte man aber nicht ahnen.

  6. Gestern war ich in einem Irish Pub, und selbst da lief im Fernseher die Frauenfußball-WM…

  7. Ok, Trainer, dann will ich mal nicht so sein und die Erklärung akzeptieren.

  8. Wenige Hundert Meter von der für diese Zeilen genutzten Tastatur entfernt befindet sich das 11-Freundinnen-WM-Quartier. Mit Blackjack und Nutten Kickertisch, fachkundigem Publikum, Diskussionsrunden und allem Pipapo.

    Wäre doch mal ein angemessener Ort für ein Autoren-, Leser- und -innentreffen, häh?

  9. Wäre es das? Kann ich mangels Kenntnis nicht beurteilen. Falls Du aber damit andeuten willst, dass Du da irgendetwas in die Wege leiten möchtest, wäre ich der Letzte, der dazu Nein sagte.

  10. Beurteilen kann ich das auch nicht. Schon als ich neulich vorbeilatschte und den Aushang erblickte, musste ich aber an Deine Probleme mit dem Finden einer geeigneten gastronomischen Begegnungsstätte denken.

    Wenn ich da was anleier, wär’s irgendwie dämlich: Ich bin ja schon hier.



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