Sich selbst erhaltendes Siechtum

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Einerseits geht die Meldung im Widerhall der misslungenen (?) Facebook-Aktion des FC Bayern fast unter: Der FC Bayern plant seine Zukunft mit Oliver Kahn und Stefan Effenberg. Das sind jene beiden, die für eine Eindimensionalität in der Sicht auf den Fußball stehen, wie man sie eigentlich nur noch in viel älteren Generationen vermuten würde. Welche sich nichtsdestotrotz in diesen beiden Hirnen aber dauerhaften Halt verschafft hat.

Der eine beschwört bei jeder Gelegenheit den „Druck“, den es bedeute, für den FC Bayern oder überhaupt als Profi bei gewinnen müssenden Vereinen Fußball zu spielen. Mit dem man natürlich umgehen können müsse. Die wenigen Gelegenheiten, zu denen er mal etwas Anderes erzählt als vom Druck, macht seine Stichwortgeberin dadurch zunichte, dass sie die Farbe der Krawatten wichtiger findet als eine Auseinandersetzung mit dem Sportlichen. Und wenn Kahn dann doch mal von sich aus etwas aus der Sicht eines Profis zum Spiel erzählt, bleibt sie mit metaphorisch offenem Munde stehen, kann daran nicht anknüpfen, und die an dieser Stelle plötzlich möglich gewordene Diskussion versandet noch vor ihrem Beginn in jenen Bezirken des Fußballs, welche man auch gerne bei Bunte und Co. beleuchtet. Insofern weiß man nicht genau, was der alte Kahn tatsächlich über den Fußball denkt, man hat aber bislang wenig im Ohr, was über billige Platitüden hinausgeht.

Der andere beschwört bei jeder Gelegenheit, dass die Mannschaft nicht „zu ruhig“ sein dürfe. Es gehe um Leader-Eigenschaften. Um Aggressivität dem Gegner gegenüber. Dabei wirkt Effenberg wie jenes Kind, dem man gerade zum ersten Mal in seinem Leben ein mehr als einsilbiges Wort gereicht hat, woraufhin es stolz das mehr als einsilbige Wort zu jedem Anlass verwendet, ganz gleich, ob dessen Inhalt etwas mit der Realität zu tun hat, die es gerade bezeichnen soll. Ein „Leader“ klingt halt toll, in den Ohren eines offensichtlich extrem auf Anerkennung geschnittenen Gehirns eines Effenbergs, also wird es bei jeder Gelegenheit rausgehauen. Was fehlt dem deutschen Arbeitslosen? Ein „Leader“! Was fehlt all denen, die schon mal ein Spiel verlieren? Ein „Leader“! Was fehlt dem Effenberg nicht in seinem Vokabular? Ein „Leader“!

Diesen beiden Koryphäen der Eindimensionalität will der FC Bayern nun also neue Aufgaben im Verein anvertrauen. Bei entschieden kleineren Vereinen besaß man da mehr Sachverstand: In Karlsruhe jagte man Kahn mit seinem Vater bei der Kandidatur zum Präsidenten davon, in Gladbach lacht man heute noch über die Aktion, mit der Effenberg — größtenteils ohne inhaltliches Programm — zusammen mit anderen ewig Missverstandenen wie Horst Köppel und Berti Vogts den Verein übernehmen wollte. Da der Verein ja ohnehin, wie man heute sieht, auf dem völlig falschen Weg war, war das aus Sicht der Protagonisten nötig geworden.

Einerseits geht die Meldung im Widerhall der Facebook-Aktion des FC Bayern fast unter. Andererseits muss man sich keine Sorgen machen, dass der FC Bayern — bald geführt und beraten von eindimensionalen alten Recken, deren Weiterbildung selbst bei besten Möglichkeiten, Experte bei Sky oder beim ZDF, und somit hautnah an den besten Spielen des Planeten dran, nur im Schneckentempo vorwärts geht — in mittlerer Zukunft gefährdet sein könnte.

Denn wenn die x in Folge verlorenen Partien gegen Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund eines bewiesen haben, dann jene traurige Erkenntnis: Man interessiert sich bei den großen Medien weniger dafür, warum der Sieger so stark war. Betont wird die Frage, warum die Bayern so schwach waren und was sie falsch machen, wo man sich demnächst wird verstärken müssen. Begründet wird diese Vorgehensweise damit, dass sich nun mal mehr Menschen für den FC Bayern interessieren als für alle anderen Vereine. Selbst dann, wenn der FC Bayern verliert und andere Vereine schon mit anderthalb Beinen im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrtausends angekommen sind, während andere noch nicht mal den Akku ihres E-Rollis komplett aufgeladen haben.

Insofern darf man sich also getrost zurücklehnen und kann die Hoffnungen respektive Ängste begraben, dass eines Tages der FC Bayern mal nicht mehr der am meisten hofierte Verein der Liga sein wird, weil so etwas Profanes wie erfolgreicher Fußball ausbleibt. Selbst wenn andere Teams dauerhaft erfolgreich spielen, auch im Misserfolg bleibt der FC Bayern die Nr. 1 des Interesses. Es gibt also keine Chance auf Änderung, denn um den dauerhaft zu sichern, den Misserfolg, hat man ja gerade erst Kahn und Effenberg verpflichtet.

11 Kommentare

  1. Wo hast du diese Meldung denn her? Ich habe davon bisher nix gehört…

  2. „Nachfolgeregelung: Bayern-Bosse planen Zukunft mit Kahn und Effenberg – Welt Online – vor 1 Tag“

  3. du hast in vielen Punkten recht und sprichst mir aus der Seele. Aber, diese beiden sind Clowns und Bayern ist ein Zirkus, da pssen sie also gut hin.

  4. Hach, ja, München…
    Wär nicht das erste Mal, daß der Druck auf einen Leader mit dessen Untergang endete. Da hams auch den ganzen Verein mitgerissen, oder? Dös wär schee, i freu mi :)

  5. „Zwei Namen sind an der Säbener Straße oft zu hören: Stefan Effenberg und Oliver Kahn.“ Aaaah ja. Scheint ja wirklich beschlossene Sache zu sein… oder woher nimmst du deine Sicherheit, dass das tatsächlich so kommen wird?

    Dortmund und Gladbach nun als positive Beispiele (im Gegensatz zu den Bayern, die ja seeehr viel falsch gemacht haben – schaut man sich die letzten Jahre an) ist auch sehr gewagt. Dortmund steht zur Zeit gut da und macht vieles richtig. Trotzdem wäre ich sehr vorsichtig zu sagen, wie es dort in 3 Jahren aussieht. Wenn mal die Krise kommt und der Trainer geht.

    Und Gladbach? Bei allem Respekt, aber die schweben im Moment auf Wolke 7. Das hat mit langfristiger Planung wohl eher weniger zu tun, als mehr mit glücklichen Umständen und einem überragenden Spieler. Ob das über längere Zeit Bestand hat, wage ich sehr zu bezweifeln. Denn Gladbach gehört nun mal leider zu den Vereinen, die die größten Fehler im Moment des „Erfolgs“ machen und sich regelmäßig selbst demontieren.

  6. Glückwunsch, Trainer. Was für ein präzise getimter Artikel. Sozusagen „in die Gasse gespielt“.

    Lustig zunächst: wie die „Bayern-Fans“ wegen eines harmlosen PR-Gags hyperventilieren. Das zeigt zweierlei:

    1) Der Durchschnittsfan verkraftet es nicht, wenn er – und sei es in kompensatorischer Überidentifikation – mal weder amtierender Deutscher Meister noch mit zehn Punkten Vorsprung Meister in spe ist.

    2) Angesichts der furiosen Auftritte von BD und BMG geht den Bajuwaren der Arsch auf Grundeis. Ihre Branchenführerschaft im Marktsegment „erfolgreichster Fußball national“ wankt.

    Zu Effenberg/Kahn: da können sie auch gleich Herrn Matthäus nehmen! Der hat wenigstens schon ein paar heftige reality-checks hinter sich, während Effenkahn selbstverliebt in ihren Traditionsecken hocken, sich ihre Pokale polieren und völlig unreflektiert ihre höchst subjektiven Karriere-Erfahrungen („Leader“, „Druck“) zum Stein des Fußballweisen verklären.

    Außerdem verfügen beide (wie Matthäus) ungeachtet ihres sportlichen Erfolgs bestenfalls über das Gehirn eines, pardon, Hauptschülers. Wenn sie es denn überhaupt benutzen und nicht gleich mit niederen Organen „denken“: „Eier, wir brauchen Eier!“

    Für die Führung eines Spitzenvereins langt das nie und nimmer. Wenn Klopp/Favre/Slomka etwas gemeinsam haben, dann: jede Menge Gehirnschmalz und eine beträchtliche soziale Intelligenz.

    Also wegen mir: stellt Effenkahn ruhig als Präsident/Manager/Trainer/Teamchef/whatever ein. Soviel Popcorn paßt gar nicht auf meinen Fernsehtisch…

  7. Kann mir nicht vorstellen, daß Bayern jemanden verpflichtet der ein noch größeres Mitteilungsbedürfnis als Uli Hoeneß hat. Diese Nummer ist immer schief gegangen.
    Denke es läuft eher auf ein Breitner-Model hinaus. Kahn und Effe irgendeinen Beraterjob geben damit sie brav alles super finden was in München passiert.

  8. Kahn und Effenberg zurück beim FC Bayern? Das wäre so, als würde man auf Krampf seinen 50. Geburtstag wiederholen wollen. Mir soll es jedoch recht sein – wie immer wenn sich Feindbilder wieder vereinigen … (-;

  9. Ich bin da bei Rob. Die werden irgendwie als Grüßaugust installiert, auch weil ein Großteil der Anhängerschaft ein ganz ähnliches Bild vom Fussball hat. Für so blöd, den beiden Knallchargen irgendeine tatsächliche Entscheidungskompetenz zu überantworten, halte ich die Bayern nicht.

    Ich findes es übrigens an dieser Stelle immer besonders betrüblich, dass das Englische hierzulande mittlerweile so eine allgemeine Zweitsprache geworden ist. Anderswo müsste er das sagen, was er meint, nämlich einen Führer. Man müsste ihm selbstverständlich nicht gleich unterstellen, den Führer zu meinen (solche gedanklichen Transferleistungen traue ich dem GröFaZ, dem Größten Fußballer aller Zeiten, nicht zu), trotzdem wäre es entblößender.

  10. @ sternburg

    Sie haben vollkommen recht. Schon erstaunlich, wie das „Leader“-Gequatsche anstandslos durchgeht, wenn es nur denglisch bleibt.

    Erinnert mich an eine große Münchener Werbeagentur, die als neuen Stadtslogan „Munich moves“ vorschlagen wollte.

    Man muß kein Historiker sein, um zu wissen, warum das vielleicht doch etwas, äh, problematisch sein könnte.



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