Sleepless in Montevideo

| 16 Kommentare

Heute Nacht konnte ich nicht schlafen, weil mir plötzlich entfallen war, wer 1930 Weltmeister war. Eine Information, die eingebrannt schien wie mein eigener Name. So sehr eingebrannt, dass man sie als Teil des Lebens wahrnahm, wie dass unten unten ist und oben oben und dazwischen nun mal der Horizont. Das „entfällt“ einem ja auch nicht, so lange man noch lebt.

Panik schlich in mir hoch. Panik vor Demenz, vor der Unfähigkeit, jemals wieder Pseudo-Experten-Senf zum Thema Fußball abzugeben, wenn ich schon basalste Dinge nicht mehr wüsste. War es Argentinien? Die Tschechoslowakei? Ungarn? Chile? Es fiel mir nicht mehr ein, obwohl mir klar war, dass es die drei Letztgenannten nicht sein konnten, da sie in WM-Finals immer nur verloren, wenn sie sie überhaupt erreichten. Dennoch, die Panik wuchs unaufhaltsam, an einschlafen war schon gar nicht zu denken. (Meine-)Welt-Untergangsphantasien wurden nur noch von dem Gefühl überboten, völlig von Gugel und Konsorten abhängig zu sein, wenn man solche Dinge schon nicht mehr selbst weiß. Weltmeister, so etwas nicht mehr abrufen zu können, grenzt an einen Totalausfall aller Systeme. Niemand vergisst doch bei lebendigem Leibe, wann wer die WM gewann! Doch hier: nichts mehr. Keine Erinnerung, nur noch eine diffuse Ahnung.

Machtlosigkeit ist unangenehm. Und jeder, der schon mal mit dem Ausfall von einer bestimmten Sinnesmodalität zu kämpfen hatte, weiß, wie schrecklich es ist, bestimmte Dinge nicht mehr tun zu können, die man vorher als selbstverständlich betrachtete. Nun will ich nicht behaupten, dass das Wissen darüber, wer wann im Fußball welchen Titel gewann, so etwas wie eine Sinnesmodalität ist. Es ist aber ein naher Verwandter.

Irgendwann, nach zähen, schier endlosen Minuten des Zitterns vor dem geistigen Verfall und der Unfähigkeit, unter Meinesgleichen ein normales Leben führen zu können, fiel mir ein, ja, Uruguay ist tatsächlich zweimaliger Weltmeister. Die Angstschweißbäche, die aus meinem Bett rannen, versiegten und Bruder Schlaf gesellte sich endlich zu mir. Uruguay, 1930. Wie kann einem so etwas entfallen?

16 Kommentare

  1. grossartig :)

  2. Du pennst doch eh nur auf der Tastatur, warum bist Du nicht schnell zur Wikipedia?

  3. Also wirklich, Trainer, Weltmeister sind doch einfach zu merken: Uruguay, Italien, Deutschland, Brasilien, Argentinien und die Gastgeber England und Frankreich. Die letzten beiden muss man sich aber nicht merken.

  4. oh doch, England muss man sich merken. Schlielich muss man jedes Jahr die Textzeile der „Three Lions“ dem Laufe der Zeit anpassen. Inzwschen sind es ja, versmaßungeeignet „fortytwo years of hurt“.

  5. Komisch, und ich habe komplett vergessen, wer in der Bundesliga die Tabelle anführt und mal wieder Meister wird. Angeblich soll die Truppe schon einmal oder sogar häufiger Meister geworden sein. Daran würde ich mich doch erinnern, oder?

  6. fäng mit ba an, wie in „fu ba“ oder bah

  7. Sich erinnern (können) wird so was von überbewertet. Genauso wie Fußball-Wissen der Marke wer/wann/wo/wie/was und der Film „Sleepless in Seattle“. Eine luzide Betrachtung darüber wie ein Fußballzwerg wie Uruguay im Abstand von 20 Jahren zweimal Weltmeister werden konnte und die Erfinder der Sportart nur einmal fände ich hingegen höchst lesenswert. Denn das hat mit Jahreszahlen sehr wenig, mit Sinn für die Unwägbarkeiten der Sportart jedoch sehr viel zu tun. Und gerade im zweiten Tiefgrund liegt doch der Schatz der Weisheit vergraben oder etwa nicht?

  8. Das hat mehr mit Überschätzen des Mutterlandes zu tun und auch mit Unterschätzen der Urus zwischen 30 und 50 (also nicht Alter).

    Anders gesagt: Picassos Mutter konnte auch nicht malen.

  9. Ich hasse es, diesen wirklich guten Picasso-Spruch kaputt zu machen. Denn der hat mich spontan enorm amüsiert. Aber dann habe ich mal gecheckt: Nicht seine Mutter, aber sein Vater konnte malen (http://en.wikipedia.org/wiki/Picasso).

  10. Nun ja, aber England ist ja nicht das Vaterland des Fußballs, sondern….?

    Siehste.

  11. Kleine Klugscheiß-Unterbrechung: Der Fußballzwerg Uruguay wurde 1916, 1917, 1920, 1923, 1924, 1926 und 1935 Südamerikameister, 1924 und 1928 Olympiasieger. 1934 und 1938 nahm man aus finanziellen Gründen nicht an der WM in Europa teil – wer weiß, was da noch möglich gewesen wäre? Somit hat Uruguay erst 1954 seine erste WM-Niederlage kassiert – im Halbfinale nach Verlängerung gegen Ungarn.

    Und Ungarn hatte auch schon vor der feindlichen Übernahme durch Lodda seine besten Tage hinter sich. Umgekehrt hatte vor der WM 1974 niemand die Niederlande als Fußball-Nation sonderlich ernst genommen.

  12. An all die Vorkommnisse kann ich mich natürlich bestens erinnern. 1916 wurde ich schließlich pensioniert, ab da hatte ich mehr Zeit für meine Hobbys wie Stärke der Fußball-Nationen über die Jahrzehnte hinweg miteinander vergleichen ;-)

  13. Und zur Zeit, als die Urus zum ersten Mal Weltmeister wurden, war die deutsche Nationalmannschaft mehr oder weniger noch ein Niemand, während der kleine Nachbar im Süden, jawohl: Österreich, als Inbegriff der Spielkultur galt.

  14. Und warum ist England nicht das Vaterland, sondern das Mutterland des Fußballs? Und wieso heißt es überhaupt meistens Vaterland, aber Muttersprache?
    Zumindest die zweite Frage wird in diesem Podcast hier beantwortet. Und damits Spaß macht und damit es auch einen gewissen, wenn auch kleinen Fußballbezug hat, ist es ein schweizer Podcast; quasi als Sprachübung, später im Jahr mag es dem geneigten Fußballfan noch zu Gute kommen ;-)

  15. Ah, der Meister der Podcasts schlägt wieder zu. Danke, Herr Wieland.

    Die Sache mit dem Baseballteam und dem dazugehörigen Zahlenwust müssten wir auch noch mal diskutieren, das aber drüben bei Dir.

  16. Es gab in dem Podcast keinen einzigen Fußball-Bezug. Ich sage das nur, um allzu Neugierige zu warnen. Das Eidgenössische ist nämlich fast so schwer wie Sütterlin. Selbst wenn so langsam und gedehnt gesprochen wird wie in diesem Beispiel aus dem Schweizer Radio.



Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.