Wir! — wolln! — Euch! … …

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Ganz sicher wollen die Fans vor allem eins sehen: Punkte auf der Habenseite in der Tabelle. Das mit der Habenseite ist zwar seit geraumer Zeit, genauer gesagt: seit Einführung der Dreipunkteregel, hinfällig, das mit den Punkten, die man gerne in der Tabelle hinter dem eigenen Team stehend sehen wollen würde, hingegen nicht.

Ob da nun jemand kämpft oder nicht, ist am Ende doch beinahe irrelevant, weil eigentlich alle immer kämpfen. Es mag seltene Fälle der Arbeitsverweigerung geben, solche sind aber nun mal schlicht nicht die Regel. Stattdessen muss man offensichtlich immer wieder die grundlegenden Banalitäten des Fußballsports ins Gedächtnis rufen:

  1. Kaum ein anderer Sport ist so vom Zufall abhängig wie Fußball. (Der Hauptgrund, warum er so spannend ist, übrigens.)
  2. Wer 2:0 führt, egal wie glücklich das zustande kam, gewinnt sehr häufg am Ende auch das Spiel.
  3. Wer hinten liegt, muss aufmachen. Macht das eigene Team konteranfällig.
  4. Konteranfällig zu sein bedeutet: erhöhte Wahrscheinlichkeit von Gegentoren. Je mehr Gegentore man hat, Goto 3.

Und so weiter und so fort.

Circa 20-30 Prozent aller Tore werden zufällig erzielt (abgefälschter Torschuss, glücklich abprallende Abwehraktion oder schlimmer individueller (nicht technischer) Fehler). Da kann man noch so viel „kämpfen“, man kriegt trotzdem derartige Tore. Liegt man dann hinten, nun gut, das schrob ich ja schon, muss man aufmachen, was zu mehr Gegentoren zu mehr Panik zu mehr Armageddon führt.

Eigentlicher Knackpunkt aber ist: Es gibt tatsächlich Mannschaften, die besser sind als andere. Wenn schlechtere gegen bessere Mannschaften spielen, gewinnt immer noch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit die bessere Mannschaft. Hat die schlechtere verloren, so tut sie dies nur in Ausnahmen wegen mangelnden Kampfes.

Wenn bis zum letzten Fußballinteressierten durchgedrungen sein wird, dass „kämpfen“ keine adäquate Methode ist, um einen Ball in seinen Besitz zu bringen, den man nie sieht, weil der Gegner ihn schneller weiterpasst als man verteidigen kann, dann …

… dann müsste man natürlich zu rufende Slogans im Stadion ändern.

Und, tragischer, eventuell auch seinen Frust auf so etwas Ärgerliches umleiten wie den Umstand, dass die „eigenen Spieler schlechter sind“ als jene des Gegners.

Lässt sich nicht so gut rufen, macht sich allgemein nicht so gut wie die Sache mit dem Kämpfen. Denn Letzteres würde man ja durch den eigenen Willen ändern können. Ersteres leider nicht.

12 Kommentare

  1. Ich glaube, dass die Fans sehr wohl ein feines Gespür dafür haben, ob die Jungs da unten gerade wirklich alles geben, ob sie eben kämpfen. Und wenn sie das nicht tun, wie ich es bei meinem Klub leider öfter erleben musste oder es heute z.B. in Leverkusen zu sehen war, dann ist ein wütend-ermutigend-aufforderndes „Wir! Wollen! Euch! …“ schon angebracht. Die Fans haben schließlich nicht nur bezahlt, sie leiden auch mit.

    Da sind mir andere Gesänge und Rufe sehr viel suspekter.

  2. Ein „wir wollen Euch schneller abspielen sehen, ooh hoo hoo“ oder ein „Vertikal und schnell, zicke zacke, eins, zwei, drei“ klingt aber doof.

  3. Nein Trainer, Du unterschätzt, daß der Zufall kontrollierbar ist (hiesig alone the FC Bayern), und daß die individuellen Fehler durch Geist und Kampf der Mannschaft ausgeglichen werden können.
    Über den Kampf zwar nicht ins Spiel, aber doch zum Null zu Null oder auch ins Herz der Fankurve. Wenn die erreicht ist, spielt es sich eh leichter. Und macht der individuelle Technikfehler des eigenen Spielers mal ein Tor. – Bei Anpfiff steht jede Statistik auf Null.

  4. Und zum ‚Knackpunkt‘: Wenn „Kämpfen und siegen“ hinfällig sein wird, wird es auch die „Kunst des Ballspielens“ nicht mehr geben; denn dann würde die Utopie realisiert sein … und niemand mehr an Gewinnspielen, ergebnisorientierten Spielen interessiert.

  5. Ich finde, dass das eine interessante Idee ist, aber sie dennoch, Gott sei Dank, nicht ganz zutrifft. Nehmen wir das WM Halbfinale 2010 Deutschland – Spanien. Deutschland hat verdient verloren, aber nicht weil Spanien unbedingt die bessere Mannschaft war, sondern weil Deutschland gegen Spanien den Angstschweiß in der Kimme hat und nicht so befreit aufgespielt hat, wie in den Matches vorher. Und da kann man sein Team schonmal auffordern, nicht so ängstlich rumzustehen, sondern mutig zu „kämpfen“. Ich nehme übrigens mal voraus, dass das Real – Bayern in Madrid ähnlich sein wird. Die Bayern haben Schiss und verlieren 4:1.

  6. Ersetzt man kämpfen durch siegen, dann paßt das allemal.

  7. Im Gegensatz zu den Vorrednern stimme ich Trainer Baade voll und ganz zu. Der Irrglaube, dass „mit Willen und Kampf alles möglich“ sei, scheint mir noch ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, als eine Abwehr noch aus Holzhackern formiert wurde und es ausreichte, einfach mehr und länger zu rennen als der Gegner.

    Zwar ist es möglich, sich in ein Spiel reinzubeißen und den Gegner so niederzuringen, aber das passiert nur noch selten. Die Spieler sind heute einfach viel besser geschult, sowohl taktisch als auch technisch. Bloßes Anrennen und Grätschen reicht da einfach nicht mehr aus. Vor allem dann nicht, wenn die Taktik des Gegner darin besteht, Kraft raubende Zweikämpfe durch schnelles Passspiel gänzlich zu vermeiden.

    Den Hinweis auf das WM-Halbfinale von Ace T halte ich aus aus diesem Grund für falsch: Die deutsche Elf hatte überhaupt keine Ahnung, wie sie in die Partie hieninfinden sollten, die die Spanier von Anfang an routiniert dominiert haben. Das war keine Angst: Ihnen fehlten die Mittel.

  8. Oliver, wenn das körperlose Spiel erst auch im Fußball regelwerklich vermessen ist, wirst Du (nicht) sehen, was Du heute noch nicht vermißt. -
    Die ganze Techniktaktikschule des ganz ganz oberen Fußballs ist nichts, wenn Du mit Deinem Kind auffen Platz gehst. Und der ganze professionelle Zauber hinter dem wirklichen Spiel ist nur der arena-Fußball, der überall gleich ist ohn Unterschied.

  9. Trainer, Du musst schon richtig zuhören. „Wir woll’n euch kämpfen sehen“. Die Menschen bezweifeln überhaupt nicht, dass ihre Lieblinge kämpfen, sich als handelsübliche Vollprofis bis zur Erschöpfungsgrenze anstrengen. Aber sie wollen dies auch visuell wahrnehmen. Und weil der moderne Fussball für den allergrößten Teil seiner Zuschauer geistig nicht mehr in voller Komplexität zu erfassen ist, deshalb verlangen diese Zuschauer nach bekannten Stilmitteln, vertrauten Indizien des Kampfes. Nach sinnlosen Grätschen, ziellosen Sprints, planlosen Befreiungsschlägen, Stürmerfouls, Beschimpfungen und Rudelbildung.

    Jedenfalls, wenn es weder eine eigene Führung, noch „begeisternden Offensivfusball“ zu bejubeln gibt. Warum sollten die Leute sonst auch ins Stadion gehen?

  10. Kampf ist nicht alles, aber ohne Kampf ist alles nichts.

    Höhö.

  11. Ruft man das, sternburg, beim FC Barcelona auch? Wie ja grundsätzlich die Frage existiert, ob man eigentlich nur in Deutschland ruft, dass man die Spieler kämpfen sehen will.

    Das hier unterschreibe ich allerdings sofort:

    weil der moderne Fussball für den allergrößten Teil seiner Zuschauer geistig nicht mehr in voller Komplexität zu erfassen ist

  12. Ich würde jetzt nicht für jeden Buchstaben meines vorhergehenden Kommentars zweckwichtige Gliedmaße für völlige Sarkasmusfreiheit ins Feuer halten wollen, liebster Trainer.



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