Was für ein großartiger Torjäger!

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FIFA-Interviews zu zitieren ist ein bisschen so, wie auf die Jagd nach Tippfehlern zu gehen: Es hat sich überlebt, sofern der dortige Stil nicht mal endlich ein wenig entverwässert wird. Wird er aber auch in diesem Interview mit Iker Casillas nicht. Da die Fragen von verschiedenen Menschen mit seltsamen Namen gestellt werden, ist davon auszugehen, dass es lediglich die Zusammenstellung eines Fan-Chats ist. Was für komische Gesellen sich allerdings in einem Fan-Chat bei der FIFA herumtreiben, verdeutlicht diese Frage von einem gewissen Stevedotcom:

Steve.com: Was denkt man sich, wenn man ein Tor kassiert… „Was für ein dummer Fehler von mir!“ oder „Was für ein großartiger Torjäger!“?
Casillas: Ich sage mir immer, dass ich ein wenig mehr hätte machen können.

Offensichtlich hat sich dieser jemand zu lange, zu viel, zu ausgiebig und vor allem zu seit Beginn seines Fußballfanseins Texte aus der Weißwaschmaschinerie der FIFA zu Gemüte geführt: Ob der Torwart nach einem Gegentor denke, wie toll doch der Stürmer sei, der das Tor erzielt hat, will er wissen.

Die herrliche Naivität dieser Frage ist einfach zu schön, um wahr zu sein.

Fragt man Michael Rensing, ob er sich über Grafites „Tor des Jahres“ so richtig gefreut habe?
Fragt man Oliver Kahn, ob er angesichts der 3 Gegentore durch Sergio Conceição bei der EM 2000 beeindruckt von dessen Spielstärke gewesen sei?
Fragt man Christian Wörns, ob er sofort daran dachte, wie toll Davor Suker spiele?
Fragt man etwa Jürgen Kohler, ob er dachte, wie „großartig“ Marco van Basten im EM-Halbfinale 1988 gewesen sei?
Fragt man die gesamte Elf vom WM-Finale 1986, ob sie zuerst dachten: Was für ein toller Pass von Diego Maradona zum 3:2, mit dem der Kampf um die Weltmeiterschaft gegen sie entschieden wurde?

Fragt man überhaupt so eine — wenn nicht Naivität als Ausrede gelten könnte — unverfrorene Frage?

Und wie weit muss man vom Fußball als Sport zweier konkurrierender Mannschaften entfernt sein, um überhaupt erst auf eine solche Frage zu kommen?

Das kommt jedenfalls dabei raus, wenn die Leute Fußball nur noch als Konglomerat aus Friede, Freude, Eierkuchen wahrnehmen und dem ganzen Sermon, der unter dem Motto, dass das Spiel so gut zur Völkerverständigung diene, verbreitet wird, erliegen. Die Antwort auf diese Frage hätte man sich nämlich kinderleicht selbst geben können: Sich einfach bei einem x-beliebigen Spiel ins Tor begeben, dann ein Tor von einem x-beliebigen Stürmer dieser Welt kassieren, ob nun schuldhaft oder nicht, und dann kurz innehalten, einen Screenshot von den eigenen Emotionen und Aufwallungen machen und fertig ist die Soße aus ganz bestimmt nicht Bewunderung für den Stürmer, sondern Wut, Enttäuschung, Gram, Aggression, Selbstanklagen, Bedauern und noch mal Ärger.

Von Bewunderung für irgendeine Leistung eines Gegners ist da noch weniger Spur als von Lesenswertem in FIFA-Interviews.

6 Kommentare

  1. Äh, nicht doch. Das wollte ich nicht.

  2. Ich hab sie wiedergefunden. Die Sprache.

    Da kann ich sie ja gleich mal zur Anwendung bringen und nachfragen, ob ich die schicken Seitenzahlen bisher immer übersehen habe, oder ob sie tatsächlich neu sind?

  3. Wenn ich jetzt noch wüsste, was Du genau meinst, könnte ich helfen.

  4. Das reicht ja schon als Antwort – wenn es etwas Neues wäre, wärst Du bestimmt total stolz und hättest gewusst, was ich meine.

    Mir ging es um die Kästchen von 1 bis 162 unten auf der Startseite (und allen folgenden).

  5. Als Bernd Schuster auf seine älteren Tage in Leverkusen die Wege schon einmal zu weit wurden und der Laufmüde aus dem Mittelkreis den Ball dorthin schlug, wo Fußballer gerne mal hinschießen, wenn sie nichts besseres im Sinn und nichts anderes zu tun haben, stand Köpke nicht wie angenommen zu weit vor seinem Tor und wurde überrascht, nein, er dachte daran, welch großartiger Fußballer dieser Schuster immer noch sei und genoss den Flug des Balles – bis er in seinem Tor einschlug. „Fantastisch“, sagte er leise zu sich selbst, „das wird das Tor des Monats, vielleicht sogar des Jahres …“ Und Köpke lächelte.

    So muss es gewesen sein. Man sollte ihn einfach mal fragen. Ein Fall für die FIFA.



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