Wegen Tibet — Boykott der Bundesliga

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Tja, liebe Freunde des meist ungepflegten, ungehobelten Fußballsports: Eine traurige Nachricht habe ich heute für Euch zu überbringen. Ich hoffe, ich werde nach dem Überbringen dieser Nachricht nicht gemäß alter Bräuche getötet.

Der kommende Bundesligaspieltag fällt leider aus.

Die ungefähr 400 professionellen Fußballspieler in Deutschlands höchster Liga haben gestern per gemeinsamer Videochat-Konferenz beschlossen, angesichts der Ereignisse rund um Tibets Kampf um Unabhängigkeit und gegen Unterdrückung in den vorerst unbefristeten Boykott zu gehen.

An diesem Wochenende kein Fußball.

Nächste Woche vielleicht auch nicht.

Über die Wirkung sind wir uns alle im Klaren: Der Druck auf die chinesische Regierung und die von ihr für Geld zur Ausübung von Gewalttaten verpflichteten Menschen wird damit enorm erhöht. Eventuell werden sich die Machthaber in diesem bevölkerungsreichsten Land der Erde sogar überlegen, schon um 15.31h am kommenden Samstag eine Erklärung abzugeben, in der sie jetzt und in Zukunft dem Staatsterror gegen tibetanische Terroristen abschwören, auf dass der nächste Bundesligaspieltag doch noch gerettet werde. Zumindest werden gewisse, einflussreiche chinesische Regierungskreise zitiert, in denen blankes Entsetzen darüber herrscht, dass ein Bundesligaspieltag ausfallen könnte. Schließlich gilt nicht nur hierzulande, sondern auch in China: Erst kommt der Sport, dann das Fressen (und die Ressourcen und die Macht und so).

Man erinnere sich an die begeisterten Massen, die einem Freundschaftsspiel Arminia Bielefelds beiwohnten, als jene in China zu Gast war. Klar, dass diesem enormem Druck eine Regierung, sei sie auch noch so gewaltbereit, nicht standhalten kann.

17 Kommentare

  1. Trainer, ich bin nicht sicher, ob das ein angemessener Umgang mit diesem Thema ist. Ich bin echt betroffen, wenn ich die aktuellen Meldungen höre. Ich lass das erst mal so stehen und denke noch mal nach …

  2. Genau die richtige Maßnahme. Nur über die Wirtschaft kann Druck ausgeübt werden. Und die ganzen chinesischen Internet-Sender, die unerlaubterweise die Bilder vom europäischen Fußball abgreifen, werden Peking mal richtig die Volksversammlung heiß machen.

  3. Jetzt fluchen alle über die Chinesen, aber mit den USA (Irak-Krieg), Russland (Tschetschenien) oder der Türkei (alljährliches Kurden-Bekämpfen) verstehen wir uns bestens!? Aber das passt ja zu unserer BILD-Aufregungs-Demokratie mit ihrem ausgesprochenen Kurzzeitgedächtnis…

  4. @ Gotorio: Ich fürchte, ich bin missverstanden worden. Ich meinte nicht grundsätzlich Boykott, sondern die eher nicht ernst gemeinte Version des Trainers, die Sache ins Lustige zu ziehen. Trainer, korrigier mich bitte, wenn ich falsch liege.
    Ich finde Boykott ist sehr angemessen in dieser Situation. Wenn sich nicht ganz kurzfristig ganz dramatisch was ändert, und das halte ich leider für ausgeschlossen, sollten in China auch keine Olympischen Spiele stattfinden.

    @ Jochen: Den Schuh ziehe ich mir mal nicht an, weil ich auch diese Dinge anprangere. Ein wenig kennst du mich und wirst das wissen. China hat leider eine ganz besondere Dimension und besondere Ausprägungen. Wenn ich mir alleine anschaue, wie gerade Journalisten vertrieben und Internet-Verbindungen gekappt werden, weil man – und das ist offizielle Sprache – keine Augenzeugen und unkontrollierten Kontakte wünscht, dann … Aber lasse wir das, das geht hier zu weit.

  5. Das wirft einen ganz neuen Blick auf den Konflikt, Trainer. Die Situation ist viel unübersichtlicher als ich dachte. Im Hintergrund spielen sich wohl doch ganz andere Dinge ab. Das Arminia-Spiel in Shanghai war ja damals schon der Auslöser von Protesten in China. Hinzu kommt das Problem, dass der Dalai Lama wohl selbst ein großer Arminia Bielefeld-Fan ist und bei seinem letzten Besuch in Deutschland seinen Beratervertrag zur Vermarktung der 2-Liga in Tibet mit dem Hotelgutscheinsender DSF kündigte und einen neuen Beratervertrag mit Premiere abgeschlossen hat, der für ganz China + das abtrünnige Taiwan gilt. Arminia lässt jetzt gegenüber dem Regime in Peking die Muskeln spielen, weil die von Premiere gesteuerte tibetische Zentralvermarktung des Vereins von Peking behindert wird. Premiere möchte wiederum den Boykott verhindern, ist um einen Kompromiss bemüht, und der Dalai Lama droht China nun mit Rücktritt, wenn keine Bundesligaspiele mit Beteiligung Arminia Bielefelds in China + Taiwan übertragen werden. Die Regierung Chinas aber verbittet sich jede Einflussnahme auf die Innnenpolitik, möchte aber unmittelbar an den Fernseheinnahmen der Bielefeldspiele beteiligt werden. Eine zerfahrene Situation. Ich hoffe alle Beteiligten einigen sich schon sehr bald auf die „Größe“ und den „Glanz“ des Sports – wie 1936 bei der Olympiade in Berlin.

  6. @zangel: Das war nur als Kritik an unserer Gesellschaft zu verstehen. ;-)

  7. Ich tue es ungerne, aber hier muss ich es wohl sagen. Zangel, ich ziehe hier nichts ins Lustige. Mein Beitrag sagt, dass es doch niemandem wehtut, ob jetzt ein paar Leute in einem Stadion rumlaufen oder eben nicht. Wenn man etwas verändern möchte, halte ich andere Maßnahmen als einen Boykott einer Sportveranstaltung für wesentlich wirksamer. Und das geht ja bei anderen Situationen auch, Boykott von Dingen, der Wirkung zeigt. Zum Beispiel von Produkten, aber dazu müsste man dann eben auf 1,3Mrd potenzielle Käufer der eigenen Produkte verzichten, was wohl ein wenig mehr im eigenen Säckel schmerzt als ein paar Sportler zu Hause zu lassen. Und die von Jockel angesprochene Selektivität der Entrüstung wäre noch mal einen weiteren Beitrag wert.

  8. Sorry, aber ein Boykott der Olympischen Spiele in Peking, einer prestigeträchtigen Großveranstaltung, ist durchaus sinnvoll. Die Legende vom apolitischen Sport und seiner Präsentationsformen sollte doch eigentlich Geschichte sein. Das trifft die Regierungskaste Chinas sehr, sollte es denn soweit kommen. Wie aber sollten globale Kapitalströme und komplexe Kapitalverhältnisse renationalisiert werden? Einfach „Kauft keine chinesischen Produkte“ fordern? Was soll das heißen?
    Übrigens: Eine genauso wichtige Frage in diesem Konflikt betrifft den zweifelhaften Status des Dalai Lamas selbst, wie hier herausgearbeitet wurde…

    http://www.lizaswelt.net/2007/07/der-freundliche-skinhead.html

  9. @ Gilad: Die bisherigen Boykotte (von denen es ja viele gab) hatten null bis unter null Wirkung. Dazu kommt noch, dass das Erdäpfel mit Äpfel sind: den medialen Kampf der Zeichen und den polit-ökonomischen zu vergleichen. Ein Boykott einer Sportveranstaltung ist ein symbolischer Akt, wirtschaftliche Konsequenzen aus Tibet zu destillieren ein politischer. Abgesehen davon, dass reale Konsequenzen sich in Grenzen halten dürften.

  10. @ fred. Habe ich tatsächlich Äpfel und Birnen vertauscht? Da bitte doch etwas vorsichtiger mit zu sein. Was du vielleicht nicht berücksichtigst: Es gibt eine Materialität der (medialen bzw. visuellen) Zeichen im Feld des Symbolischen, etwa, das visuelle Zeichen „leeres Stadion“ als Unterbrechung der Ökonomie des IOC-business und dem daran angeschlossenen globalen Markt samt Medien. Das ist hochgradig politisch und mehr als nur ein symbolpolitisches Zeichen für Dissidenten und andere demokratische Kräfte in China. Wirkungslos ist das nicht. Ich halte die reine Fixierung auf den Boykott von Waren, also die Nationalsierung und Personalisierung von Kapitalverhältnissen für sehr viel problematischer. Nochmal: Wie soll das genau funktionieren? Den Transrapid in Shanghai demontieren, den Chinaimbiss an der Ecke boykottieren? Der einfache Anti-Globalsierungs-Affekt erweist sich hier als fast apolitische idealistische Phrase.
    Zur Historie: 1936 wäre ein Boykott sehr sinnvoll gewesen. 1980 und 1984 war der Boykott in der Eiseskälte des kalten Krieges eher wirkungslos – das stimmt, hatte aber etwas mit der bipolaren Weltordnung damals zu tun.
    By the way: Das Schlimmste, was ich zu dem Thema dieser Tage gelesen habe, war Heiner Brands Aussage, dass man damit den Athleten die schönsten Momente ihres Lebens nehmen würde. Bei ihm wäre das so gewesen, damals. Da kommen mir die Tränen…

  11. Trainer, bezüglich der Bundesliga gebe ich dir recht. Ich habe allerdings auch nicht mitbekommen, dass es ernsthafte Überlegungen in diese Richtung gibt. Kann daran liegen, dass ich in den letzten Tagen die Medien ein wenig vernachlässigt habe. Vielleicht entspringt es ja auch nur deiner Phantasie. Ich werde das umgehend recherchieren.
    Ganz unabhängig davon halte ich eine Übertragung auf jedwede Sportveranstaltung für völlig falsch. Ich halte es da mit Gilad; Der Boykott der Olympischen Spiele hätte eine Symbolwirkung, die nicht zu unterschätzen wäre.
    Die von Jochen ins Spiel gebrachte Selektivität der Entrüstung ist natürlich ein weiteres und ganz spannendes Thema. Ich werfe dazu mal eine weitere Frage in den Ring: Hätte man China überhaupt die Spiele geben dürfen, unabhängig von dem, was aktuell mit Tibet passiert?

  12. Ein Boykott der Spiele hätte vor allem dann eine (nicht nur symbolische, sondern auch konkret wirtschaftliche) Wirkung, wenn auch alle mitmachen. Wir leben aber zufällig in Zeiten des Doppeldenk, wo in ein und der selben Tagesschau China kritisiert und Olympia-Begeisterung verbreitet werden wird. Hängt halt zu viel Geld dran. Jaaa, wenn wir noch kalten krieg hätten, da gab´s noch richtige Feinde! Aber China ist ja nur so ein bißchen Feind, wenns drauf ankommt aber ein gern gesehener Wirtschaftspartner, auch für „den Westen“, was auch immer das sein mag.

    Die Sportler selber hätten es in der Hand – wenn sich eine breite Mehrheit zum Boykott bereit erklären würde (oder auch nur ein Großteil der *hüstel* Leistungsträger (mir ist dieses in Sportkontexten eher positiv besetzte Wort zunehmend widerlich, da es zu einem von neokonservativen Hetzern mißbrauchten Kapmfbegriff mutiert)), könnten die anderen nachziehen (Gruppendruck), und ohne Topathleten kannste Olympia vergessen.

    Das wird natürlich nicht passieren. Ich fände es toll, wenn dann wenigstens unsere Medienvertreter in jedem, wirklich jedem Interview, das sie mit einem Teilnehmer führen, bohrende Fragen stellen, warum derjenige nicht die großartige Idee eines Sportlerboykottes unterstützt.

    Aber auch das wird nicht passieren. Erstmal, weil so ein Journalist sofort gefeuert werden würde (es sei denn auch hier wieder, alle machten mit… man kennt das Problem ja), und wenn doch solche Frage drohen würden, dann sind die Athleten entsprechend gebrieft, was sie antworten sollen (von „dazu sage ich nichts“ über „machen doch alle mit,was soll ich alleine da ausrichten“ bis hin zu Pseudo-Gegenargumenten, warum ein Boykott nichts bringt und es besser sei, mitzumachen).

    Es wird eine große Show der Verlogenheit, die mit strahlendem Grinsen verdrängt wird. Vielleicht werden ein paar Hinrichtungskandidaten und ein paar tibetische Bürger(rechtler) einige Wochen Schonfrist haben, weil das Gemetzel dann doch zu sehr von der Show ablenkt. Mehr nicht.

    PS: ja logisch, der Dalai Lama ist auch nicht so toll, weiß man. Ich hätte da zwar eher auf Marcus Hammerschmitt verlinkt als auch das rechte Hetzblog „Lizas Welt“, aber bitte. Man findet halt kaum Organisationen einer bestimmten Größe bzw.Personen eines bestimmten Einflusses,über die man nur und ausschließlich Gutes sagen kann. Gleiches wie für den Dalai Lama gilt auch für Albert Schweitzer oder Mutter Theresa – das is ne Binsenweisheit.

  13. Ach, ja, die Geschichte mit den Journalisten….
    Das is ja wohl mal ne Binsenweisheit 2.0…

  14. Es gab noch mehr Boykotte als 36, 80 und 84, siehe hier. Dass ein Kampf der Zeichen politisch sein kann, sehe ich auch. Wenn die Vergangenheit aber zeigt, wie erfolglos diese Aktionen waren (und folgenlos), sollte uns mal was anderes einfallen, als gerade die Boykott-Rufe, die für meine Begriffe eher die politische Ohmacht illustrieren, als dass sie tatsächlich Strahlkraft entwickelten.

  15. Okay, klar: „Sich etwas anderes einfallen lassen“ wäre besser. Darauf können wir uns einigen, wenn es nicht gerade die Hoffnung oder sehnsuchtsvolle Anrufung von politischen Symbolbildern ist, die vielleicht schon 1968 in Mexiko entstanden sind; ich denke an die geballte Faust, an die berühmten black panther movement-Bilder. Sollen wir auf die Wiederkehr dieser Bilder hoffen? Darum geht es wohl nicht… Allerdings: Der einfache Boykott-Aufruf reicht bestimmt nicht aus. Das behaupte ich auch gar nicht, aber der momentane (mediale) Konsens – auf den ja zu Recht xconroy verweist – , dass Boykotte historisch eh gescheitert seien, ist auch nicht überzeugend. Ich würde gerne eine Position von Leuten wie Jens Weinreich dazu lesen, die in der Lage sind die Politik (und damit die politische Ökonomie) des IOC, das Verlangen nach der Spektakel-Kultur hier, performt durch die Medien weltweit mit der politischen Situation vor Ort kurzzuschließen. Vielleicht schimmert dann eine Möglichkeit hervor, welche Politiken die richtigen sind.

  16. Die „politischen Symbolbilder“ à la 68 wird es ja schon deswegen nicht geben, weil sie ja sehr viel unglaubwürdiger sind: Ich meine, solidarische Symbolhandlungen haben schon die Tendenz, ins selbstverliebt-romantische zu kippen. Die Gefahr bestand 68 nicht, heute aber wohl. Gerade, was Tibet anbelangt. Tibet ist ja eine Art Minimalkonsens für eine bessere Welt.

    Dessenungeachtet vermisse ich in der Diskussion den Blick darauf, wie über China (und andere Länder) berichtet wird; das meine ich jenseits der Tendenzen, sondern in erster Linie strukturalistisch. Da gibt es ja inzwischen wenige Ansätze. Das dürfte aber nicht mehrheitsfähig sein.

    Jedenfalls ist die Boykott-Diskussion für mich die falsche: dass darüber geschrieben werden muss, finde ich klar. Dass mit Olympia darüber mehr geschrieben wird als ohne, auch. Dass die meisten Artikel mich trotzdem enttäuschen werden, naja. Gehört dazu.

  17. Na also, sage ich es doch. Hier geht es entlang zu einem spannenden Gespräch im Deutschlandfunk mit Jens Weinreich u.a.

    http://jensweinreich.de/?p=174



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