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Kategorie: Zettel-Ewalds Sammelsurium

Alles, was Zettel-Ewald sonst noch notieren würde

Jörg Berger über seine Flucht aus der DDR

Jörg Bergers Grab befindet sich auf einem Friedhof in Duisburg-Rahm, im Süden der Stadt, Nähe Düsseldorf. In Duisburg war er auch verstorben.

Einige Zeit vor seinem Tod hatte er MDR von seiner Flucht aus der DDR berichtet und was diese für Konsequenzen mit sich brachte.



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Ganz schön krank

Es begann alles an jenem Tag, an dem mein Hirntumor festgestellt wurde. Von da an war verständlicherweise nichts mehr so wie vorher und es würde auch nie wieder so sein. Dabei lag das eben nicht an den Auswirkungen des Hirntumors, sondern daran, dass man, wenn man einmal gesehen hat, nicht mehr so tun kann, als hätte man nicht gesehen, so sehr man sich auch bemüht.

Der Hirntumor war von mir selbst diagnostiziert worden. Die Diagnose war falsch, wenn auch nicht total falsch. Nach dem Aufwachen war mir sofort klar geworden, dass in diesem Moment mein letzter Tag gekommen war. Tatsächlich reihten sich dann immerhin noch so viele weitere an diesen verdammten einen Tag, dass sie ausreichten, die folgende Geschichte zu erleben und später sogar noch zu erzählen.

Wenn man an einem x-beliebigen Sonntag aufwacht und in seinem Bett liegt, ist die Wahrscheinlichkeit als männlicher Bewohner der westlichen Hemisphäre, das ist eine kulturelle, hoch, dass man einen Kater haben würde, den man bis in die frühen Abendstunden des Tages hineintragen würde, sofern es nicht ohnehin schon Abend wäre. An diesem Tag war es nicht abends, es war auch nicht Sonntag und also war es auch kein Kater.

Irgendetwas musste diese schrecklichen Schmerzen in meinem Gehirn allerdings ausgelöst haben, und wenn Männer jüngeren Alters etwas ernsthaft als Schmerzen bezeichnen, dann müssen dessen Ausprägungen ziemlich intensiv sein. Ich rief sofort, nach einigen Stunden Haderns mit den Realitäten eines Hirntumors, einen befreundeten Menschen an, der in die Apotheke geschickt wurde mit dem Auftrag, „irgendetwas gegen Hirntumor“ zu besorgen, er möge sich beeilen, denn wenn er das nicht täte, würde er wohl sein Geld für die Medikamente gegen Hirntumor nicht zurückbekommen, weil ich ohne Medikamente bis zu seinem Eintreffen verstorben sein würde.

Dem Apotheker war es zu verdanken, dass nur etwa zweieinhalb Stunden nach Aufwachen, Bemerken der Schmerzen und innnerlich mit dem Leben Abschließen, Dankbarkeit empfinden, dass man es so lange überhaupt hatte leben dürfen und schließlichem Wiedereintreffen der profanen Realität vergangen waren. „Stirnhöhlenentzündung“ lautete die Ferndiagnose des Apothekers, nachdem ich die Symptome ins Telefon geflüstert hatte; Sie verstehen, die Schmerzen.

Die mitgebrachten Medikamente bestanden also aus den schärfsten Präparaten, die man in Deutschland ohne Rezept kaufen kann, schließlich erhält man ohne persönliche Besuche beim Arzt kein Rezept und genauso natürlich konnte ein Hirntumorkranker, beinahe -toter nicht an seinem letzten Tag seine Zeit auch noch damit verschwenden, in Wartezimmern von Ärzten den Stern zu lesen, ergo gab es kein Rezept und ebenso ergo erschien der befreundete Apothekengänger also mit ein paar Kopfschmerztabletten, etwas Inhalationstropfen und einer Packung Taschentücher, welche bekanntlich noch immer gegen Hirntumore geholfen hatten.

Aber es ging ja auch nicht mehr um einen Hirntumor, was nach einigen Momenten Abschiednehmen vom eigenen Drama dann auch akzeptiert werden konnte, sondern um Stirnhöhlen. Stirnhöhlen, das klingt spannend, als gäbe es bei einer Höhlentour etwas zu entdecken. Tatsächlich ist es heimtückisch und hinterhältig, weil niemand die schlimmen Kopfschmerzen, die sie bewirken, sehen kann, dabei ist man tatsächlich krank und vor allem rund um die Uhr überproportional gereizt, ohne dass man das normalerweise dazu gehörige Mitleid erhält, welches kranken jungen Männern eigentlich in besonders großen Dosen zusteht.

Am folgenden Wochenende stand eine Partie auf dem Speiseplan, die eigene Mannschaft gegen einen mehr oder weniger zufälligen Gegner, eine Heimpartie und sie würde eine besondere sein. Denn diese Partie sollte — technisch machbar war das schon lange, allein rafft man sich so selten auf — komplett aufgezeichnet und später sogar mit dem Gegner an einem anderen Abend zusammen angeschaut werden. Ein zweifelhaftes Vergnügen bei Amateurfußballern, die nicht mal genügend Luft für 90 Minuten haben, Stichwort die Regelung vom fliegenden Wechsel. Eigentlich hatte ich aber mitspielen wollen bei dieser Partie und als ich nur wenige Tage nach meinem Erwachen mit vermeintlichem Hirntumor ohne Sportkleidung um die Außenlinie strich, bekam ich eine erste Ahnung davon, wie es ist, krank zu sein, ohne dass einem dies angesehen werden kann. Es ist nicht schön, denn die Umwelt pendelt zwischen Ignoranz und Unterstellung eines Simulierens, ein dem Fußball ja nicht ganz so fern liegender Vorgang.

Die Partie wurde aufgezeichnet, eine aktive Teilnahme war dank der Stirnhöhlen nicht möglich und so erschien ich bei der später zusammen angesehenen Zusammenfassung nur als übel gelaunter Kauz im Bild, der um die Außenlinie herumstromert, sich nassregnen lässt und auf Zuruf ein paar Sekündchen lang ein künstliches Grinsen aufrecht erhalten kann, immerhin, dabei ist einem überhaupt nicht zum Lächeln zumute, wenn die eigene Mannschaft Fußball spielt und man selbst nicht teilnehmen kann.

Immerhin verlor die eigene Mannschaft mit zwei Toren Unterschied, welch ein Glück. Nichts wäre schlimmer als wenn die eigene Mannschaft gewönne, während man selbst verletzt oder krank draußen steht. Womöglich könnte Teilen der Mannschaft einfallen, dass man auch ohne diesen ja ohnehin kranken oder verletzten Typen an der Seitenlinie ganz gut Fußball spielen würde können. Und ihn folglich nicht mehr benötigte. Ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über seinen Körper und erst recht über den Zeitpunkt des Aussortiertwerdens.

So weit kam es dann glücklicherweise nicht, allerdings sollte es sich entscheidend auf den Fortgang der Geschichte auswirken, dass die Stirnhöhlenentzündung kam. Und blieb. Bis zum heutigen Tag ist sie nicht vollständig verschwunden, der Tag mit dem Hirntumor ist knapp dreieinhalb Jahre her und es verging kein einziger Tag mehr ohne Kopfschmerzen. Das ist aber nicht so schlimm, denn sie sind zwar unangenehm und hindern auch beim Denken, aber mehr auch nicht, in gewisser Weise. Es kommt ein bisschen Schnupfenartiges hinzu (nein, es ist kein Männerschnupfen) und so kann man sicher ganz gut damit leben. Was man aber nicht kann, ist Erschütterungen des Schädels gut aushalten, und bei welcher Tätigkeit des Menschen wird der Schädel erschüttert? Auch wenn es nicht die erste ist, die einem einfällt: Beim Laufen. Sagen wir besser beim Rennen.

Schlimmer als die Stirnhöhlenerkrankung an sich ist der Umstand, dass man nicht mehr Fußball spielen sollte. Man könnte es zwar noch, ohne gleich sein Leben zu riskieren, aber es wird von allen Seiten darauf hingewiesen, dass es besser sei, wenn man es nicht täte. Was dann wiederum weitere Folgen nach sich zieht, die schließlich im Titel des Textes münden. Womit wir bei der eigentlichen Geschichte angelangt wären.

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Cruyff ging, van Basten kam

Die Krönung der absolut nutzlosen Faktenhuberei — Stadienkapazitäten, Rückennummern, Spitznamen, Nebentätigkeiten oder besondere Hobbies im Fußball — ist wohl die Information, für welchen anderen Spieler ein Fußballer zu Beginn seiner Karriere eingewechselt wurde. Also noch sinn- und nutzloser geht es kaum. (Wenn jemand etwas Sinnloseres weiß: gerne.)

So wurde Lukas Podolski zum Beispiel bei seinem ersten Länderspiel für Fredi Bobic eingewechselt. Lothar Matthäus für Bernard Dietz. Irgendwo in Dänemark wurde mal der Sohn in seinem ersten Spiel überhaupt für den Vater eingewechselt.

Die Krönung der Krönung der absoluten Faktenhuberei ist es dann natürlich, wenn ein König im Spiel ist. In diesem Fall ist es König Johan, Cruyff um genauer zu sein. Der war am Beginn einer großen Karriere in der Funktion als Auswechselspieler beteiligt.

Die Überschrift verrät es schon, 1982 begann Marco van Bastens Profizeit als Einwechselspieler in einer Partie für Ajax Amsterdam gegen NEC Nijmegen, Endstand 5:0 für Ajax, ein Tor unter anderem durch eben jenen van Basten. Und das Feld verließ für Marco van Basten kein Geringerer als Johan Cruyff.

Also sinn- und nutzlose Zufälle gibt’s … die hätte man gar nicht gebraucht, stehen in keinem Zusammenhang, haben keinerlei weitere Bewandtnis — und sind damit genau richtig hier im Blog.

(Nutzlose Info entdeckt beim Tumblr vom Vintage Football Club.)

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Delling mit Schnörres

Auch beim NDR fließt ein wenig 11Freunde-Blut in den Adern und man widmet einen ganzen, wenn auch kurzen Beitrag den Modesünden früherer Moderatoren des „Sportclub“, mit dabei der im Titel erwähnte Delling mit dem im Titel erwähnten Gesichtsschmuck. Ansehen auf eigene Gefahr.

Man darf annehmen, dass sich das Ganze nicht im „Movember“ ereignete.

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Sommer Schule

Etwas merkwürdig mag es anmuten, hier extra eine Sommerpause anzukündigen, wenn die Tage in den letzten Monaten auf dieser Seite ohnehin mehrheitlich aus Pause bestanden. Doch diese Sommerpause wird eine besondere sein.

„Alles muss raus“, Sommerschlussverkauf schon Anfang Juli, bzw. den gesamten Juli hindurch, bei dem einfach mal alles aus dem Archiv gezogen werden muss, was sich so angesammelt hat, mehrheitlich Videos von schrägen oder schönen Dingen rund um Fußball, aber auch schon mal schlichte Links zu interessanten Texten, das alles wiederum hauptsächlich zu früheren Zeiten, wie es hier ja immer mehr überhand genommen hat. Alles, was sich so angesammelt hat, aber nie konkret einen Anlass fand, veröffentlicht zu werden.

Und weil heinzkamke letztens ja schon zurecht feststellte, dass wir mittlerweile des ständigen Wälzens in der Vergangenheit, vor allem der 1980er, so langsam aber sicher überdrüssig werden — ein Gefühl, eine Ansicht, welche man hier teilt — ist diese erstmalige offizielle Sommerpause im Blog eine gute Gelegenheit, den ja nichtsdestotrotz oft sehenswerten, aber dann auch genauso oft isoliert im Raum stehenden Zeitdokumenten noch mal zu etwas Öffentlichkeit zu verhelfen, ehe dann auch mal Schluss sein muss. Schluss mit dem ständigen Reenactment der eigenen Jugend und der Nabelschau durch die ohnehin ziemlich verzerrende Zeitmaschine.

Oder zumindest dürfte dann mal eine Phase folgen, die andere Zeiten in den Fokus rückt, vielleicht ja mal wieder die Gegenwart, ehe man in späteren Momenten vielleicht doch wieder Appetit auf die 1980er, 1970er oder ähnlich lange vergangene, aber nie endende, weil überall konservierte Zeiten bekommt. Für neuen Appetit muss man bekanntlich erst mal ein wenig abstinent sein. Gilt übrigens im Après-WM-Jahr auch für den Fußball an sich.

Langer Rede, kurzer Sinn: Hier ist erst mal keiner zu Hause, jetzt ist Urlaub angesagt, und dennoch werden mehr oder weniger täglich Beiträge erscheinen, ohne dass diese ein roter Faden verbände, abgesehen vom ganz großen Rahmen Fußball natürlich.

Viel Spaß damit und wir lesen uns wieder am 1. Spieltag der neuen Saison. Welcher Liga, wird allerdings nicht verraten. Gleich folgt dann auch schon das erste Schätzchen aus den Tiefen des Archivs.

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It’s a wonderful game

ballons

Nicht oft sieht man den Himmel so wie an diesem Tag, selten sieht man diese Leichtigkeit im Zusammenhang mit Fußball, ohne dass sie aufgepfropft ist, was sie hier nicht war, weil sie von den Anreisenden selbst so entschieden war. Keine Choreographie im Stadion, keine noch durchgeographiertere eines Werbeclips, natürlich so gewollt und auch bewusst mitreißend, angesichts der Umstände aber keineswegs inszeniert. Ballons steigen in den Himmel, in blau und weiß, in den „Vereinsfarben“, und so wirr wie diese auf dem Foto mit ihren unterschiedlichen Größen wirken, so verwirrten sie auch das Hirn des Betrachters.

Natürlich ist es naiv, sich von ein paar aufgeblasenen Luftballons die Schwere des Seins davonwehen zu lassen, jene Flucht zu ermöglichen, deretwegen man ja hauptsächlich zum Fußball geht: Weil man nicht nachdenken will, weil man mitfliegen will, auf der so fein in den Strafraum geschlagenen Flanke, auf den Ballons, die an ein wenig Schmuck des Lebens interessierte Menschen vorher in mühevoller Blasarbeit zusammengestellt haben, weil man mitfliegen will in diesen Himmel, ein Stück Ewigkeit fürs Sein, Momente sammeln, darum geht es doch, Momente, in denen die Schwere nicht aufs Gemüt drückt, die Zweifel nicht überhand nehmen. Es ist einerseits Eskapismus in Reinkultur, sich um den Spielausgang einer Pokalpartie zu kümmern und gleichzeitig ist es doch die Antwort auf alle Fragen (und Spiele enden nicht mit „42″), die das Leben so stellt. Jedenfalls so lange man nicht wegschaut.

Nicht jede oder jeder der Anwesenden mag diesen Ballons so nachgeschmachtet haben wie der Autor, aber wie sie da so in den Himmel flogen, in die Atmosphäre des kleinen Erdballs, die so klein ist, dass man sie von der Sonne aus schon gar nicht mehr sehen könnte, während man die Sonne von der Atmosphäre aus nicht nur überdeutlich sieht, sondern spürt, auf der Haut, der Stirn, im Nacken, wie man sich wendet, sie brennt und wie sie da so verbrennt, was man an zärtlichem Etwas in seinem Leben angesammelt hat, lässt es sie leben und fühlen und genießen. Und danach los ins Stadion nebendran und der Wind weht und die Luft riecht nach Lust und die Ballons haben die Melancholie ja zum Glück schon weit weg mitgenommen und dann rollt der Ball und man ist eins mit dem Moment.

(Wenn man genau hinsieht, erkennt man oben im Bild übrigens Idefix.)

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Falsches Jahrzehnt, Freiburg

Links die Zahl der Punkte in der Saison 2014/2015 nach der Zwei-Punkte-Regelung, rechts die Zahl der Punkte nach der Drei-Punkte-Regelung.

54 FC Bayern München 79
49 VfL Wolfsburg 69
47 Borussia M‘gladbach 66
44 Bayer Leverkusen 61
34 FC Augsburg 49
35 FC Schalke 04 48
33 Borussia Dortmund 46
32 1899 Hoffenheim 44
32 Eintracht Frankfurt 43
32 SV Werder Bremen 43
31 1. FSV Mainz 05 40
31 1. FC Köln 40
28 Hannover 96 37
27 VfB Stuttgart 36
26 Hertha BSC 35
26 Hamburger SV 35
27 SC Freiburg 34
24 SC Paderborn 07 31
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Ivo, we‘re home

Die 3. Liga ist eine ungewöhnliche Veranstaltung. Hier versammeln sich frühere Erstligisten zusammen mit den leidigen Zweitvertretungen größerer Clubs sowie einigen, bei allem Respekt, Dorfclubs wie Großaspach oder Elversberg zum gemeinsamen Wettbewerb. So kommen in Dresden im Schnitt 22.300 Zuschauer, in Großaspach 2.300, bei Mainz II dann gerade mal 1.100. Die Partien werden nicht wie jene der 1. und 2. Bundesliga bei einem Bezahlsender übertragen, oft nur auf den Seiten der Dritten Fernsehsender gestreamt. Und wenn man Pech hat, gibt es überhaupt keine Bilder im TV von den Auswärtspartien des eigenen Clubs. Natürlich beschäftigt man sich nicht freiwillig mit einem solch seltsamen Konstrukt wie dieser 3. Liga, es sei denn, man muss. Und beim MSV Duisburg musste man das, weil Roland Kentsch nicht in der Lage gewesen war, gegen ein Bundeskanzlergehalt korrekte Zahlen in den Lizenzantrag zu schreiben. … weiterlesen.

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TV-Tipp: „Als Arbeiterjungs Profifußballer wurden“

Heute um 13h im WDR, aber auch online zu sehen.

Keine Sorge, die 45-minütige Doku ersäuft nicht in Nostalgie, sondern wartet mit interessanten Einblicken in den Fußball und vor allem in den Zeitgeist jener Tage der Gründungszeit der Bundesliga auf. Prädikat sehenswert, selbst wenn man kein Faible für den Westen, sondern nur für Fußball besitzt.

Mit Willi Lippens, Berti Vogts, Wolfgang Weber, Fred Bockholt, Wolfgang Kleff, dem unvermeidlichen Hermann Gerland und vielen weiteren, vor allem aber einem Gefühl dafür vermittelnd, wie sehr die Art, Fußball zu spielen von den sonstigen vorherrschenden Vorstellungen im Leben der Menschen abhängt oder -hing. Und mit 45 Minuten und einem bunten Mix an Protagonisten auch leicht konsumierbar.

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In der KO-Runde

Es sollte eigentlich eines dieser ganz normalen Sommerturniere werden, 2×15 Minuten pro Partie auf dem Großfeld, aber noch in der Jugend, mit einer Vorrunde aufgeteilt in diverse Gruppen und einer folgenden KO-Runde, bis ein Turniersieger ausgespielt sein würde. Sowie natürlich auch alle anderen Platzierungen auf diesen Turnieren ausgespielt werden, die Pokalproduzenten-Innung will schließlich auch irgendwie leben, also gibt es Pokale, immer kleiner werdend, selbst für den Letzten beim Turnier. Immerhin ist auch dieses Team ja angetreten.

Wichtiger waren aber für junge Leute immer die Platzierungen in den höheren Rängen. Wie man weiß, sind manche der Teilnehmer auch schon mal schnell gekränkt, wenn sie plötzlich und völlig unerwartet, etwas, was im Fußball sonst quasi nie auftritt, eine Niederlage hinnehmen müssen. Weshalb es nicht unbedingt immer eine gute Idee ist, in Ermangelung von Platz mehrere Teams in ein und dieselbe Kabine einzuweisen, bei diesen Sommerturnieren, bei denen es nicht nur dem Prinzip nach um gar nichts geht außer diese blöden Pokale und natürlich, wenn man schnell gekränkt ist, die „Ehre“, was auch immer das sein soll.

In Kamp-Lintfort, von dem Hanns-Dieter Hüsch mal sagte, dass es die englische Übersetzung von „Castrop-Rauxel“ sei, was wiederum Latein für „Wanne-Eickel“ wäre, fand das Turnier statt. Und Kamp-Lintfort, das war schon immer ein heißes Pflaster.

Dass es ein solches bei einem stinkunbedeutenden Sommerturnier aber auch werden würde, konnte man nicht ahnen, als man an einem herrlichen Sommermorgen in den Autos der Eltern auf der Rückbank seine Mickey-Mouse-Taschenbücher las, bis man nach langer Fahrt endlich am Spielort angekommen war. Und prompt mit zwei anderen Teams zusammen in eine der wenigen vorhandenen Kabinen eingewiesen wurde.

„Wertsachen“ besaß man damals natürlich keine, die Gefahr des Beklautwerdens war also gering, sieht man von den in bestimmten Kreisen immer auch als Statussymbol fungierenden besonderen Fußballschuhen ab. Dachten sich die Erwachsenen jedenfalls, warum sollen sich nicht drei Teams in der selben Kabine umziehen? Sind doch alles liebe Jungs, die Pubertät beginnt gerade erst, da wird man sich doch für den Zeitraum eines Turniers wohl verstehen?

Dieses, das Turnier, nahm seinen Lauf und wie es der Zufall so wollte, spielten wir unsere Vorrunde hervorragend, von Sieg zu Sieg eilend und damit sicher in der KO-Runde. Während unseren Zellennachbarn, nein, -mitinsassen das gleiche Kunststück in einer anderen Gruppe gelang.

Nach weiterem Voranschreiten des Turnierverlaufs trafen wir also aufeinander, im Viertelfinale des Turniers ohne besonderen Wert. Und weil wir damals so gut drauf waren, wie man nur drauf sein kann, wenn man noch nie Liebeskummer hatte, gar nicht weiß, was einen da in diesem Bereich alles noch erwartet, man sich also ohne jegliche Ablenkung voll aufs Spiel konzentrieren kann, schossen wir auch diesen Gegner in nur 2×15 Minuten vom Platz und das sogar auch psychisch relativ vernichtend mit 5:1.

Wiel sie ihre eigene Gruppe ebenfalls mit drei Siegen überstanden hatten, war das natürlich eine große Enttäuschung für sie. Wie sich herausstellen sollte, eine unbewältigbare Enttäuschung. Was wiederum kein Problem gewesen wäre, wenn man das geahnt und nicht mit ausgerechnet diesem Team die Kabine geteilt hätte. Was auch immer noch halb so wild gewesen wäre, wenn unsere eigene Mannschaft sich geschlossen in die Kabine begeben hätte.

Die meisten Mitspieler zogen es aber vor, nach diesem weiteren glorreichen Sieg einfach in der Sonne (der physischen und der metaphorischen des Erfolgs) zu baden, andere verlustierten sich am Bratwurststand. Nur meinen Busenfreund, der auf dem linken Flügel immer hinter mir aufräumte und meine Laufwege im Schlaf kannte, und mich dürstete es ein wenig nach Wasser. Welches wir, ganz Mickey-Mouse-behütete junge Menschen aus der Vorstadt, natürlich von unseren Eltern mitgegeben bekommen hatten. Schön kühl, geschützt vor Sonneneinfall, in den Taschen deponiert, welche in der Kabine standen.

Weshalb wir uns — man ahnt beim Lesen wahrscheinlich schon den selben Fehler, den Opfer in Horrorfilmen stets begehen: in einem Haus immer weiter nach oben zu laufen, sich selbst jeglichen Fluchtweg abschneidend, in Straßen genau die Sackgasse anzustreben, aus der es keinen Ausweg gibt, weshalb es dem Zuschauer kalt über den Rücken läuft und er gleichzeitig ein ernst gemeintes „Halt! Geh doch nicht da lang!“ entgegenrufen möchte — in die Kabine begaben, in der wir einquartiert waren.

Jene Kabine, in der auch unsere unterlegenen Gegner waren, die sich weder in metaphorischer Sonne des Erfolgs baden konnten noch in realer Sonne baden wollten. Und also nahezu vollzählig in dieser Kabine anwesend waren.

Wir betraten die Kabine, da schaute man uns schon komisch an. Hey, wir hatten nichts weiter getan, als zu gewinnen. Das hätte Euch genauso gelingen können. Die Wasserflaschen aus der Tasche geholt, flugs angesetzt und die ersten Schlucke geschluckt, setzte dann auch das erste verbale Provozieren ein. Nun sind relativ jung Pubertierende meistens keine Sprachgenies, die Atmosphäre begann aber, sich zuzuziehen. Was wir hier wollten, ob wir nicht diejenigen wären, die sie gerade vernichtend geschlagen hätten. Das, immerhin, war eine rhetorische Frage und so begannen die rund ein Dutzend Spieler des Gegners auf uns zuzudrängen, der Raum wurde immer kleiner, die Luft heißer und der eigene Pulsschlag höher.

Es wurden Vorwände erfunden, wie man sie später noch zig Mal im Leben hören musste, hier aber zum ersten Mal und ohne eine Ahnung, wie man diese geschickt entkräftet. Einer von uns beiden habe eine Freundin eines der gegnerischen Spieler zu lange und zu lüstern angeschaut, was vollkommen an den Haaren herbeigezogen war, wie es das immer ist, aber hier besonders. Mag es in allen anderen späteren Fällen dieses lächerlich konstruierten Vorwurfs so gewesen sein, dass man immerhin mal geschaut hatte, für einige Bruchteile von Sekunden, so konnte dies Argument hier überhaupt nicht verfangen. Wir lasen noch Mickey-Mouse-Taschenbücher und waren weit entfernt davon, in Mädchen etwas anders als Störenfriede bei einem Fußballturnier zu sehen.

Die Gegenseite zeigte sich dennoch zumindest nach außen sehr überzeugt davon, dass da ein falscher Blick unsererseits geschehen sei und die ganze Bagage bewegte sich weiter auf uns zu, wohl eher nicht, um um Autogramme zu bitten. Der Raum schmolz weiter in sich zusammen und wenn dann erst mal die Grenze der ersten physischen Attacke gefallen ist, eskaliert es schnell. Erst wird man geschubst, dann getreten und dann auch ins Gesicht geschlagen, gerne auch mal mit der blanken Faust, wie man sie später öfter im Gesicht spürte, dann aber eher aus anderen Anlässen als Niederlagen im Fußball.

Soweit war es hier noch nicht, aber geschubst wurde man schon. Weil man ein Mädchen angeschaut habe, völlig frei erfundener Vorwurf, aber bitte, wenn man mit Niederlagen nicht umgehen kann, dann muss so etwas schon mal herhalten.

Es wurde jetzt wirklich sehr stickig in der Kabine, und man wäre gerne einfach gegangen. Zwischen dem eigenen Körper und der Ausgangstür befanden sich aber ca. 12 heißblütige Gegenspieler, die man gerade mit 5:1 bezwungen hatte und die nicht allerbester Laune waren.

Und jetzt wird es womöglich ein wenig unglaubwürdig, aber das einzige, was uns angesichts der Zentimeter für Zentimeter auf uns zurückenden Meute von nach Rache sinnenden Zombies noch als Ausweg blieb, war das zum Glück hinter uns befindliche Fenster zur Straße. Es war der Busenfreund, der die geistesgegenwärtige Idee hatte, einfach das Fenster aufzuwerfen und mir sofort zu bedeuten, da herauszuspringen, zum Glück nicht allzu tief, woraufhin er mir ebenso schnell folgte. Sanfte Landung, aber das steuernde Gehirn immer noch voller Adrenalin. Sicher konnte man schließlich nicht sein, dass einem die Bande jetzt nicht folgen würde, weshalb wir die Beine in die Hand nahmen, ums Vereinsheim herumsprinteten und in Richtung unseres Trainers rannten. Die blutrünstigen, unseren Skalp wollenden Zombies des unterlegenen Gegners folgten uns nicht, vielleicht wäre ihnen eine solche Hetzjagd dann doch zu offensichtlich mit einer Begegnung mit Erwachsenen verknüpft gewesen, vielleicht hatten sie aber auch alleine durch unsere Flucht das Gefühl, uns ausreichend gedemütigt zu haben. Für den Frevel, gegen sie gewonnen zu haben. Nach ausgiebigem Sprint erreichten wir ihn dann, unseren Trainer, und die Meute folgte tatsächlich nicht.

Wieder eine KO-Runde überstanden, heil, danach das Halbfinale.

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