Ich sehe was, was Du nicht siehst

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Man erinnere sich an den alten Nick Hornby, der da ja schrieb, dass er mit den Fans von Wolverhampton Wanderers mitfühle, welches irgendwann in den 1950ern zwei, drei Mal Meister wurde und seitdem — gar nicht mehr. Als kleiner Junge dachte er, Meisterschaft, das sei so etwas, was in schöner Regelmäßigkeit reihum ginge. Nun warten Fans der Wolverhampton Wanderers schalke-esk seit den 1950ern auf eine Wiederholung des Titelgewinns, allein: vergeblich.

Seit Einführung der „neuen“ Premier League wurde neben Manchester United, dem FC Arsenal und dem FC Chelsea mit den Blackburn Rovers genau ein Außenseiterteam Meister. Klar, bei Wettbewerben mit Turniercharakter ist die Außenseiter-Durchlässigkeit aufgrund der geringen Zahl der Spiele etwas höher, dennoch sind Turniere wie die WM 2002, bei der wirklich alle Großen früh die Segel strichen, selten. Als Selbstverständlichkeit darf man bei der winzigen Zahl von 4 Teilnehmern an einem Halbfinale aus entweder über 200 oder knapp 50 Kandidaten dennoch nicht nehmen. Man muss nur die Zahl der „Großen“ in Europa zusammenzählen und kommt zur Konsequenz, dass es für je nach Maßstab 3-5 Große einfach nicht reichen kann. Umso bemerkenswerter ist jene Bilanz, der gestern nur ein weiteres Kapitel der langen fußballdeutschen Erfolgsgeschichte angehängt wurde:

möglich gespielt verpasst
WM 82 Finale 7 7 0
EM 84 Vorrunde 5 3 2
WM 86 Finale 7 7 0
EM 88 Halbfinale 5 4 1
WM 90 Finale 7 7 0
EM 92 Finale 5 5 0
WM 94 Viertelfinale 7 5 2
EM 96 Finale 6 6 0
WM 98 Viertelfinale 7 5 2
EM 00 Vorrunde 6 3 3
WM 02 Finale 7 7 0
EM 04 Vorrunde 6 3 3
WM 06 Dritter Platz 7 7 0
EM 08 Finale 6 6 0

So sieht „meine“ Bilanz aus, da ich 1982 bezogen auf große Fußballturniere erwacht bin. Das bedeutet auch: Von den möglichen 88 Spielen, die Deutschland hätte machen können, haben 75 stattgefunden. Ich habe also dank des langfristig gesehen überragenden Erfolgs der deutschen Mannschaft nur schlappe 13 mal keinen Fußballabend mit deutscher Beteiligung gehabt, der hätte sein können, und man muss schon sehr undankbar sein, um das nicht zu würdigen zu wissen.

Einfach nur nach Österreich, in die Schweiz, nach Polen, selbst nach Frankreich oder England schauen, um zu sehen, wie gering die bundesdeutsche Quote an nicht stattgefundenen Spielen ist. In den Jahren 82 bis 92 waren es glatt nur 3 Spiele in einem Jahrzehnt, die nicht stattfanden. Nimmt man die Zeit ab der WM 1970 hinzu, wird es nicht schlechter, eher besser. Verpasst nur das Finale der WM 1978, ansonsten alle möglichen Spiel mitgemacht.

Hat da jemand über unansehnlichen Fußball gejammert? Sicher nicht so unansehnlich wie ein Spiel, das gar nicht stattfindet.

19 Kommentare

  1. Wieso verpasst man 3 Spiele, wenn man im Viertelfinale rausfliegt? Oder rechne ich da irgendwie was falsch?

  2. Scheiße. Voll vertan. Wird sofort korrigiert. Danke für den Hinweis.

  3. Schöne Statistik. In etwa darüber habe ich mich gerade noch, während der Längen in dem Spiel ESP-RUS, mit einem Freund unterhalten. Und diese Möglichkeit, an vielen Spielen teilnehmen zu können, macht einen Spieler wie Schweinsteiger zum reellen Einlotharmatthäus-Ablöser.

  4. Wie Du das so sagst, sehe ich gerade, dass Per Mertesacker mit 48 doch tatsächlich schon mehr Länderspiele als Christoph Metzelder mit 46 gespielt hat. Ts.

  5. Und wenn unsere einzige Qualität darin besteht, (fast) immer zu gewinnen, ist das doch auch was, oder?
    Im Ausland bewundert man uns dafür, sogar die Engländer. Nur wir haben’s noch nich ganz verstanden.
    Im Prinzip könnte Lukas Podolski sogar Gerd Müller ablösen – 28 Tore in vier Jahren Nationalmannschaft, damit wär‘ er mit 29 Jahren bei 70 Toren. Und selbst wenn’s irgendwann nicht mehr so fluppt – der Bierhoff ist doch auch noch mit 34 zur WM gefahren.

  6. Ich finde nicht, dass bei der WM 2002 alle Großen früh die Segel strichen, denn ins Finale kamen, trotz des ungewöhnlichen Turnierverlaufs, mit Deutschland und Brasilien doch wieder zwei Große.

  7. Und überhaupt sind wir die beste Turniermannschaft.
    Spielen zwar nicht immer den schönsten Fussball, aber den erfolgreichsten.

  8. Es ist vollkommen richtig. In der ewigen EM-Tabelle sind wir klar Erster – noch weiter gestärkt, und in der WM-Tabelle Zweiter. Und der Fußball dieses Jahr ist weit besser als 82 oder 86 und die letzten beiden EMs

  9. Ich finde ja, dass hier zu wenig die mangelnde Qualität der N11 thematisiert wird. Ein gutes Spiel im Turnier ( diesmal gegen Portugal) und damit verdient im Finale? Das ist eine verdammt schlechte Statistik und schmälert darüberhinaus den Wert der EM. Auch das pragmatische Argument, dass unansehnliche Spiele immer noch besser seien als Spiele, die gar nicht stattfinden, ist relativ. Man könnte ja auch sagen, dass ein Spiel so unansehnlich war, dass man den Eindruck bekam, dass es gar nicht stattgefunden habe: Wurde Fußball gespielt? Außerdem: Was nützen errumpelte Titel, wenn sie kein Maßstab für den Fußball der Gegenwart und gar der Zukunft sind? Siehe Griechenland 2004. Zudem: Die UEFA (auch die FIFA) sollte sich vielleicht einen neuen Turniermodus überlegen, der Losglück nicht auch noch belohnt. Wie das aussehen könnte, weiß ich leider auch noch nicht…

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  11. nee, gilad,

    man kann das auch einfach mal wertschätzen, was die deutsche Nationalmannschaft (mit ihren Mitteln) erreicht hat. Einfach so. Man kann selbstverständlich außerdem die Qualität der Nationalmannschaft thematisieren. Ist aber ein anderes paar Schuhe.

  12. Okay, um Qualität geht es dann eben zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. In Südafrika vielleicht schon oder in der Ukraine demnächst oder somewhere else…

  13. Die Qualität der Deutschen ist gar nicht so schlecht. Das Team ist in zwei Jahren auf dem Höhepunkt – für die fehlende Kombinationsfähigkeit ist das, was sie improvisierend tun, hervorragend. Deutsche Tugend. Strategischer Ausgleich der eigenen Schwächen durch Selbsterkenntnis, ganz nach Clausewitz‘ Formel Vom Kriege… Gut, dass wir nur noch Fußball spielen und das konstruktiv einsetzen

  14. Es ist nicht ein anderes Paar Schuhe; es sind genau die zwei schuhe, die ein Paar ausmachen. Es muss doch eine gewisse Qualität vorhanden sein, um überhaupt in Turnieren Erfolg zu haben. Wieso wird von der deutschen Mannschaft stets verlangt, Titel zu gewinnen und gleich die höchste B-Note mit abzuräumen? Es gab wahrlich genug andere Titelträger, bei deren Spielen man am Fernseher verzweifeln konnte (gerne genommen: ITA, GRE).
    Und zum „Losglück“ am Beispiel der WM 2002: Die Gegner nach der Vorrunde hätten ebenso Portugal/Spanien/Italien heißen können. Das diese Teams nicht so weit kamen, lag nun nicht gerade am deutschen Glück, sondern eher an deren eigenem Unvermögen.

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  16. gilad,
    schonmal was vom „Schweizer System“ gehört? Wird u.a. bei Schachturnieren gerne verwendet.

    Dann würde jede Mannschaft 6 Spiele machen, immer gegen die, die gerade in der Tabelle daneben steht, aber gg. kein Team zweimal. Nach zB den 6 Spieltagen gewinnt dann der der Vorne steht. Sehr fair, aber nicht unbedingt so spannend.

  17. @ Gilad: Zwei Vorschläge zum Schönspielmodus der FIFA:

    1.: Wir führen eine B-Note ein. In der Jury sitzen Kaiser Beckenbauer, König Cruyff, Bum-Kun Cha, Eusebio, Eric Cantona und El Grande Diego. Die vergeben dann Noten von 1 – 10 für bester Doppelpass, schönste Blutgrätsche und derbste Schiri-Beleidigung.

    2. Wir befragen den TED. Per Telefon dürfen natürlich die Nationalitäten abstimmen, deren Mannschaften nicht am Turnier teilnehmen. Da verleirt Russland kein Halbfinale mehr. Und natürlich verkündet Thomas Herrmanns die Wertungen. Royaume-Uni: Deux Points.

  18. Idee 1 klingt sehr gut, Patrick. Mir fehlt noch ein französischer Mode- und Filmemacher in der Jury. Karl Lagerfeld würde mir aber auch reichen, um auf dieser Skala auch noch die Ästhetik der Spieler zu beurteilen: Schauspielerisches Vermögen, modische Details (Frisuren etc.) – diese Faktoren prägen ja schließlich auch die Gesamterscheinung einer Mannschaft in einem Turnier.

  19. tja, und wenn ich die turniere ab 66 (das war mein erstes) dazurechne, komme ich für die ganze zeit von 66 bis 80 auf gerade einmal 3 !!!!!!! Spiele, die die deutsche Mannschaft mehr hätte spielen können. Und das auch nur, weil sie in der Quali der EM 68 ausgeschieden waren. Unfassbar.

    Kann das mal jemand für England, Italien, Holland, Spanien und Frankreich machen??? Ist ja noch genug Zeit bis zum Finale…



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