Normal wie alle anderen

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„Ich möchte endlich normal sein“, seufzte die Bundesliga-Tabelle, als sie sich auf den Sessel plumpsen ließ. Sie wirkte etwas derangiert und es hatte den Anschein, als wenn sie stürmische Zeiten hinter sich gehabt hätte.

„Wie normal genau?“

„So normal wie alle anderen.“

Schweigen.

„Wie welche anderen?“

„Sehen Sie nur in die 2. Liga. Da ist die Mannschaft mit dem höchsten Etat oben, die mit den kleinsten Etats sind unten. Das nenn ich normal. Oder in Spanien. Da sind immer die beiden Großen oben, egal ob Sommer, Frühjahr, Herbst oder Winter. Nicht so wie bei mir.“

Die Bundesliga-Tabelle blickte aus dem Fenster, wo sich hinter einer Regenwand der Herbst versteckte.

„In Holland werden immer die selben drei Meister, in der Türkei auch. Bei mir kommt immer mal wieder ein Außenseiter durch. Ich fühle mich wirklich sehr durchlässig. Das kostet Energie, und ich frage mich auch, wie das nach außen wirkt, so unaufgeräumt daherzukommen.“

Der Hinweis, dass sich diese Zustände in Holland zuletzt geändert hatten, hatte noch Zeit bis nach dem Lamento.

„Wer mich besucht, weiß nie, was er bekommt. Ich weiß es ja selbst nicht, was am nächsten Wochenende passiert. Mal ist unten oben, dann ist wieder oben unten und in der Mitte steckt auf einmal der Kopf. Das ist wie nach einem großen Rausch. Jedes Mal muss ich mich erst neu sortieren.“

Einer längeren Pause folgte der erste Blickkontakt.

„Ich will endlich normal sein, so wie alle anderen auch. Dieses ständige Neuerfinden, diese Achterbahnfahrten machen mich noch total plemplem.“

„Gibt es nichts Positives daran?“

„Nein.“

„Auch nicht, wenn Sie länger nachdenken?“

„Im Moment ist nichts normal. Alles ist durcheinander. Was soll ich denn sagen, wenn mich einer fragt, was Frankfurt da oben zu suchen hat? Das ist doch nicht normal! Es sollte doch alles zementiert sein, und das hieße, Frankfurt läge zwischen Platz 8 und Platz 12. Stattdessen legen sie eine Serie hin, die sie nach oben spült. Oder Mainz. 7 Siege am Stück – das ist doch nicht normal. Ich hab versucht, es zu korrigieren, jetzt verlieren sie nur noch am Stück. Das ist auch nicht normal. Aber wie soll sonst Normalität zurückkehren? Sie müssen verlieren, aber nicht so oft. Alles nicht normal.

Schalke. Schalke! Zehn Jahre lang die beste Defensive der Liga, dann kommt dieser Magath, wird Zweiter mit Nonames, auch schon nicht normal, aber dann verkauft er alles wie im Wahn und schon sind sie Letzter.“

Der Einwand, dass der FC Köln Letzter sei, nicht Schalke, wurde mit dem Hinweis weggewischt, dass „wenigstens das normal“ sei.

„Jeder sagt, dass man so einen Lauf wie der BVB nicht eine ganze Saison durchhalten kann. Wenn ich sie aber jetzt abstürzen lasse, dann ruft schon wieder jeder, wie vorhersehbar das alles sei. Hätte man gerade erst gehabt, mit dem Absturz der Hoffenheimer nach dem Herbstmeisterschaftsgewinn, werd ich dann zu hören bekommen.“

„Das wäre doch normal.“

„Nur immer normal geht ja nicht, weil sich dann auch wieder jeder beschwert. Wobei dann wenigstens keiner mit dem Argument Unglaubwürdigkeit um die Ecke kommt.“

Das Dunkel begann sich ein bisschen zu lichten, vor dem Fenster.

„Also ist es doch ganz gut, wenn es nicht immer normal ist?“

„Natürlich! Ich hab in den 1980ern und 1990ern mal drei Mal hintereinander die Bayern gewinnen lassen. Das war eigentlich normal. So normal wie dass Brasilien immer die Weltmeisterschaft gewinnt.“

„Aber Brasilien gewinnt doch gar nicht immer die Weltmeisterschaft?“

„Eben. Das ist völlig normal. Und so wird sich wohl auch keiner beschweren, wenn es diesmal wieder ganz normal wird. Oder eben doch, aber anders. Normal eben, dass ich die Bundesliga-Tabelle bin, und nicht die Primera Division. Ich will eigentlich auch gar nicht jemand anders sein.“

Das Selbstvertrauen kehrte offensichtlich zurück.

„Schließlich kommen die Leute mich genau deshalb immer besuchen, weil ich ich bin und nicht Holland. Glaube ich. So genau hat mir das ja noch nie einer verraten. Aber wenn ich alles normal sein lasse, wenn Bayern mit 10 Punkten führt, dann hab ich wirklich viel weniger Anrufe und auch Emails.“

„Wollen Sie denn viele Anrufe und Emails?“

„Ja natürlich! Wenn keiner mehr käme, das wäre traurig. Dann verfielen meine schönen Stadien und womöglich würde ich dann irgendwann selbst keine Lust mehr haben, alles würde den Bach runter gehen. Keine Kameras, keine Interviews, keine Zuschauerrekorde.“

„Was eine normale Reaktion wäre.“

„Weshalb ich beschlossen habe, dass es ganz okay ist, dass es für einen wie mich eigentlich ganz normal ist, nicht ganz normal zu sein. Dafür lieben die Leute mich. Und das mit dem Kopfsortieren nach dem Spieltag, damit muss ich dann wohl leben. Aber ich tu’s gerne. Für mich, und auch für die anderen.“

„Sicher?“

„Sicher. Normal ist langweilig. Und mehr noch als nicht normal zu sein hasse ich die Langeweile. So viel ist mal klar. Ich bin wie gesagt die Bundesliga-Tabelle, keine Zweite Liga, nicht die Türkei und schon gar nicht Polen. Ich denke, ich bin all die Jahre eigentlich auch ganz gut damit klar gekommen, dass ich nicht so normal bin wie die anderen. Allerdings war es selten so krass wie in den letzten Wochen. Deshalb hab ich wohl ein wenig überreagiert. Aber jetzt freu ich mich wieder, ich selbst zu sein. Nicht so ganz normal, was aber normal ist.“

„Dann können wir hier ja aufhören für heute, wenn Sie sich da doch wieder sicher sind, dass das ganz okay so ist, wie es ist.“

„Okay, gut. Danke.“

Die Bundesliga-Tabelle brach auf, viel spannungsvoller und energiereicher als noch beim Hereinkommen, öffnete die Tür mit einer zackigen Handbewegung und war schon fast draußen, als sie sich doch noch einmal umdrehte.

„Nächstes Treffen dann wieder am Montag nach dem Spieltag?“

20 Kommentare

  1. Grossartig!

    *klatscht Applaus*

    Aber laß das den UH nicht lesen, der wird dir was erzählen, was alles nicht normal ist!

  2. Schon wieder ganz großes Blogger-Tennis… Trainer, du brauchst nen Verlag!

  3. Sehr nett, gefällt. Tolle Idee, die Tabelle in der Therapiesprechstunde auflaufen zu lassen. Allerdings – wenn diese kleine Stilkritik erlaubt sein darf – hättest du in der Mitte etwas kürzen können. Das würde wohl auch ein – sollte es ihn dereinst geben – Verlag sagen. Und ob man das nun wieder wollte…

  4. ah der enno weiß wieder alles besser ;)

    danke trainer. die geschichte werde ich meinen kindern – später mal – abends vorm zubett gehen vorlesen…

    :)

    soll heißen großes tennis!

  5. Ich ziehe meinen Hut und verneige mich. Einfach nur herrlich… nur dass Köln im Tabellenkeller nicht normal sein dürfte ;)

  6. Alles gesagt. Vergnügen.

  7. Kompliment, großartiges Artikelchen. Da erscheinen einem die hochmögenden Sportteile unserer Großzeitungen gleich noch viel öder. Die müßte man ohnehin mal einer vergleichenden Textanalyse unterziehen: oder lese nur ich dort seit Jahren dieselben lieblosen Binsen, die nur hinsichtlich der Namen, Zahlen und Ergebnisse (noch) notdürftig aktualisiert werden?!

  8. Nach längerer zeit nochmal: Richtig, richtig gut! Danke für das Schmunzeln ;)

    we love Bundesliga ;)

  9. Sehr schön.

    Auch wenn die Änderung in Holland in der Türkei auch vollzogen wurde.

  10. Interessant interessant, ich hätte wahrscheinlich nie gekuckt aber; seit dem ich Fußball in meiner Welt wahrnehme wurden in England, Deutschland und Spanien jeweils sechs Mannschaften Meister.

    Die Türkei fällt da etwas ab mit fünf Teams, genau wie das in den Niederlanden der Fall ist.

    Ich hätte das nie nachgeschaut ohne den Trainer aber ich denke der ist doch etwas älter als ich dachte.

    Überraschung in diesem, unseren Lande war auch in meinem Zeitraum nur Wolfsburg.
    Man kann der Bundesliga also ausrichten, es ist alles ganz normal.

  11. Ich komm auf 8. Beim letzten Gladbacher Titel war ich noch zu jung, beim Kölner Double bin ich in der Rückrunde vorsichtig eingestiegen.

    Zum eigentlichen Thema (dem von Humbug, meine ich) bin ich der Ansicht, dass die -für mich überraschende- Zahl der Meister als Kriterium nicht ausreicht. Meines Erachtens wäre die Zahl der Mannschaften, die in einem bestimmten Zeitraum (die letzten 10 Jahre würden mir reichen) unter den ersten 3, 5 oder 6 waren, aussagekräftiger. In Deutschland waren seit 1999 12 unter den ersten 6, 8 unter den ersten 3. Zu mehr fehlt mir grad die Zeit.

  12. Ich glaube auch, dass der Trainer nicht nur die Meister meint, sondern immer wieder Mannschaften, die sich oben reinspielen…

  13. Ganz großes Tennis! :-)

  14. Wollte dem Trainer da garnicht widersprechen. Aber auf mich und zumindest die Meistertitel bezogen war es ein feiner Spaß das nachzuschlagen.

    Die Bundesliga, wie sie da auch so auf der Couch liegt hat ja noch ein Problem. Sie vergisst halt nix.
    Ich schon, merke mir Meistertitel, klar. Die Abschlusstabellenplätze meines Vereins, logo. Aber sonst.
    Bin ja auch nicht vom Fach.

  15. Ok, setze 15 Hüte auf und ziehe sie alle vor diesem Text. (Wobei das nur dasselbe ausdrücken soll, was alle schon gesagt haben: großartig!)

    Da döst man in den Tag hinein, überlegt sich, wie man die Bundesliga im November 2010 in Worte fassen könnte – und dann findet der Trainer, wie immer, genau die Worte, die einem hätten einfallen sollen.

  16. Was die anderen sagen.

    Sehr, sehr schön.

  17. Ganz, ganz hervorragend, eine gelungene Mischung aus Fakten und Humor. Mein Kompliment!

  18. Großes Kino. Aber das ist beim Trainer ja normal!!



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