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Schlagwort: Interview

Weltpokalsieger 3024

Gerade hatten wir noch davon gesprochen, dass Ex-Profis für verantwortungsvolle Aufgaben rund um die Organisation eines Fußballvereins nicht zwangsläufig die beste Wahl sein müssen. Overath und Seeler kommen da sofort in den Sinn, wo die Präsidentschaft nicht allzu sehr gefruchtet hat. Auf der anderen Seite will man auch keine windigen Geschäftsleute à la Günter Eichberg oder Michael A. Roth, die sich zu Alleinherrschern aufschwingen und sich im Glanze sonnen, den Verein aber geradewegs in finanzielle Schwierigkeiten führen.

Einen deutlich anderen, seriöseren Weg geht in diesen Tagen (ausgerechnet!) Rot-Weiss Essen, wo mit Michael Welling ein Doc an der Spitze des Vereins steht, der seinen Titel zufällig in Wirtschaftsfragen erwarb, mit denen er sich auch nach seiner Ausbildung universitär beschäftigte, bevor er schließlich die Nr. 1 bei RWE wurde.

Und dass dieser Lebensweg zu einer etwas anderen Art führt, als es bei Fußballern in der Regel der Fall ist, verdeutlicht nicht zuletzt dieses Statement aus einem Interview mit der Zeit, welches er anlässlich der Solidarprämie für Mesut Özil gab, die Rot-Weiss Essen erhält, weil Mesut Özil dort in seiner Jugend kickte.

ZEIT ONLINE: Was sind die Ziele von Rot-Weiß Essen?

Welling: Wir sind auf dem Weg zum Weltpokalsieger, vielleicht im Jahr 3024. Als Fußballer wollen wir jedes Spiel gewinnen. Und wenn wir jedes Spiel gewinnen, was aktuell nicht ganz so gut klappt, wollen wir Meister werden. Und im Jahr darauf auch. Dann ist die logische Konsequenz, dass wir auch Weltpokalsieger werden wollen.

Hätte man derart Gewitztheit und auch Selbstironie je von einem der leuchtenden Strahlemänner gehört?

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Interview im Stehblog: „Fußball ist immer sehr viel Glück“

Gunnar lebt in Wiesbaden und bloggt in seinem Stehblog über den dortigen SVWW, der am kommenden Sonntag Gastgeber des MSV Duisburg sein wird. Aus diesem Anlass lud Gunnar mich zu einer Prise Schnupftabak und zwei trockenen Keksen sowie einigen alten Erdnußflips ein, was wir dazu nutzten, uns über Fußball zu unterhalten, wobei das Gespräch zum Glück nicht ganz so trocken wie die Kekse war. Und über den Zwangsabstieg, Duisburgs Sportmanager und verblüffende Solidarität quatschten wir auch. Wirklich gelungen, nicht zuletzt weil Gunnar ein ausgewiesener Meister der Fragekunst ist.

Trainer, Dein Blog trainer-baade.de ist eins der bekanntesten deutschen Fußballblogs und wurde 2011 vom Magazin 11 Freunde als “Fanmedium des Jahres” ausgezeichnet. Dabei schreibst Du selten über konkrete Spiele, sondern überwiegend über das “Drumherum”. Wie kommt’s?

Weiter im Stehblog …

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Der General macht eben keinen unmenschlichen Druck

Wenn man die beiden Wörter „unmenschlich“ und „Druck“ in einer Kombination liest, weiß man schon seit geraumer Zeit automatisch, um wen es geht. Oliver Kahn natürlich, der auch als Experte im Prinzip nur diese eine Platte kennt. Doch zu Oliver Kahn mehr weiter unten. Zunächst ein Blick auf einen seiner langjährigen Vereinstrainer.

Den „General“ Ottmar Hitzfeld.

Die Wikipedia schreibt, dass man Ottmar Hitzfeld den Beinamen General „wegen seiner sachlichen Art“ verpasst habe. Moment mal: Ein General sollte zwar sicher kühlen Kopfes abwägen, keineswegs zu viel riskieren und immer mit klarem Verstand handeln. Aber sollte er in seinem Auftreten besonders „sachlich“ sein? Ein General, der auf seine Truppe wie ein Orthopäde oder ein Landschaftsgärtner wirkt(, um nicht immer die armen Buchhalter mit diesem Etikett zu strapazieren)? Würde man von einem General nicht eher Eigenschaften wie Entschlossenheit, Zähigkeit, Durchsetzungsvermögen und nicht zuletzt Härte gegen die Umwelt, vor allem die feindliche, sowie seine Untergebenen erwarten?

Härte gegen Untergebene ist allerdings sicher nicht das, was man dem verbindlichen Hitzfeld zuschreiben kann. So berichtet Stefan Wessels im Interview mit 11Freunde:

Stimmt es eigentlich, dass Ottmar Hitzfeld seine Nummer Eins nie kritisiert hat?

Nur sehr selten. Das kann man natürlich kritisch sehen, aber die Menschenführung zeichnete diesen Trainer immer aus. Oli hatte seinen unantastbaren Status, auch innerhalb der Mannschaft. Falls ihm Fehler unterliefen, wurde in den ganzheitlichen Mannschaftssitzungen nie darüber gesprochen. Das hat Hitzfeld sicherlich berechnet, aber die groben Patzer blieben ja eigentlich auch immer aus.

Denkbar wäre es wohl eher, dass man Ottmar Hitzfeld einen „General“ nannte, weil es da diesen Otto Hitzfeld gab, der General der Infanterie im Zweiten Weltkrieg war und noch dazu aus Schluchsee stammte, also unweit von Ottmar Hitzfelds Heimat Lörrach aufwuchs und sicher dort kein Unbekannter war. Doch dazu ist nichts Genaueres bekannt. Figuren aus dem Zweiten Weltkrieg mögen aus begrüßenswerten Gründen heute kaum noch präsent sein, aber damals waren sie es möglicherweise, siehe auch den Spitznamen von Friedhelm Konietzka, der da nach dem russischen General Timoschenko lautete.

Moderne Menschenführung ist es jedenfalls sicher nicht, so wie Ottmar Hitzfeld, jemanden nie zu kritisieren. Auch wenn man das bei einem der weltbesten Torhüter natürlich für sich so entscheiden kann, ohne dass das grundsätzlich falsch sein müsste. Es wirkt aber eben so, wie man Hitzfeld auch sonst kennen gelernt hat, auch jetzt als TV-Experte: nie anecken, keine harten Äußerungen, keine Straightheit, also kurz gesagt: alles andere als wie ein General.

Kommen wir dann zum Rezipienten dieser Nichtbeachtung, zum mehrfachen Welttorhüter (der IFFHS) Oliver Kahn. Der ständig diesen unmenschlichen und so weiter spürte. Eins wird jetzt jedenfalls klar: Vom Trainer kann er ihn nicht gespürt haben. Im Gegenteil wurde er von diesem fast nie (!) kritisiert. Was für eine unglaubliche Vogelfreiheit er genossen haben muss. Und wie wenig sich Hitzfeld wahrscheinlich überhaupt mit dem Torwartspiel beschäftigt haben wird, wenn er dessen Wirken nie bemängelte. Man kann sich vorstellen, dass es einem auch im negativen Sinne leicht zu Kopf steigt, wenn man ständig als Welttorhüter geehrt, aber nie kritisiert wird, nicht mal vom eigenen Vereinstrainer. Ein Schlaraffenland, welches aber zu Megalomanie verführt, wie dann ja auch mehr oder weniger geschehen.

Während diese Sprach- und Kritiklosigkeit Hitzfelds uns wieder zur Frage bringt, wo eigentlich überhaupt der Druck in solchen Situationen herkommt: Von innen oder von außen? Wie hier gerne zitiert, kannte Wolfgang Kleff als Torwart keinen Druck, sondern sah sich als Helfer in der Not. Wenn der Vordermann einen Fehler gemacht hatte, konnte er als Torwart ihn wieder ausbügeln, so seine Einstellung. Und man denke über all die anderen Torhüter nach, die mit Freude, mit Respekt oder mit Angriffslust ihrem Job nachgehen, aber nie von dem unmenschlichen und so weiter sprechen, weil er für sie nicht in dieser extremen Form existiert.

Ob Hitzfeld, der vielleicht kein General, aber sicher kein schlechter Menschenkenner ist, ahnte, dass man dem ohnehin schon innerlich unter unmenschlichem Druck leidenden Torhüter nicht noch ein Pfefferminzplättchen mehr Druck hätte auferlegen dürfen, ohne dass er geplatzt wäre?

Merkwürdig jedenfalls, dass jemand, der — auch wenn es nur ein gut gepflegtes Image gewesen sein mag, welches als Torhüter nach außen schließlich nicht schaden kann — Härte gegen sich im Training, Härte im Zweikampf mit dem Gegner und Härte gegen eigentlich alles, was so kreucht und fleucht in der Welt, als sein Credo propagierte, vom Trainer mit Samthandschuhen angefasst werden musste. Zur Erklärung dieser fiesen Entrücktheit, die Kahn in vielen Phasen ausstrahlte, trägt es jedenfalls ein Scherflein bei.

Zu einem Bild davon, wie es in einer Kabine unter Hitzfeld zugeht, aber auch. Ob Ottmar Hitzfeld sich auch nicht an Matthias Sammer als seinen Spieler gewagt hat?

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„Als die Liga laufen lernte“ — die 1960er in Bild und Ton

Falls es jemand nicht mitbekommen hat: Die Bundesliga wird in diesen Tagen 50 Jahre alt. Anlass zu diversen Specials in diversen Medien.

Eine besondere Perle zum Thema hat die Deutsche Welle gerade veröffentlicht. Leider viel zu kurze 26 Minuten, die sich mit den 1960er Jahren der Bundesliga beschäftigen und dabei nicht allein auf den Platz, sondern auch daneben blicken.

Prädikat wertvoll.



Erstgebloggt von allesaussersport.de.

Schöner Nebeneffekt beim Schauen dieses Filmchens: Wer sich Uwe Seeler sympathisch machen möchte, dem sich sonst doch allzu oft allzu kurzsätzig Äußernden, findet hier gute Gelegenheit dazu. Ansonsten viele Spielszenen und O-Töne aus einer Zeit, in der noch nicht jede Partie aus allen Perspektiven aufgezeichnet wurde. Für den Liebhaber ein Muss, für alle anderen ein schönes Bonbon. Und das Beste ist: Die späteren Jahrzehnte sollen auch noch folgen.

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Pause meets Özil

Als „Kurzfilm über den jungen Mesut Özil“ wird es angepriesen, wer in den Social-Dingens unterwegs ist, wird dem Werk schon begegnet sein, aber hier lesen ja auch noch viele, die dort nicht vertreten sind.

Als Kurzfilm angepriesen, sind es zwar nur ein paar Spielschnipsel Özils bei einem Jugendturnier und Interviews mit Jogi Löw, Uli Stielike und Guido Buchwald sowie Mesut Özil himself. Das Ganze aufgezeichnet im Jahr 2006, als Löw schon Bundestrainer, aber Özil noch sehr jung war, hat dann aber doch wieder so viel Informationswert, dass man sich die kurzen 9 Minuten gerne geben kann.



Gut, als Schalke-Fan wird man nicht allzu glücklich über die Bilder sein, ansonsten aber auch deshalb sehenswert, weil der kurze Streifen vom Regisseur von „Tom meets Zizou“ stammt und Mesut Özil tatsächlich eine Nuance gelöster in seinen Worten ist als sonst. Eine Mini-Nuance natürlich nur, kaum wahrnehmbar, aber vorhanden.

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Matthias Sammer ist Traditionalist

Das kommt wahrscheinlich wenig überraschend, aber Matthias Sammer ist Traditionalist. Nicht nur im Fußball, dort auch, aber eben auch in der Musik. Zumindest dann, wenn es stimmt, was er dem Playboy im Mai 2012 eröffnete. Das muss nicht der Fall sein, denn an anderer Stelle hat er auch schon mal behauptet, dass seine Liebe zu deutschem Schlager in Wahrheit erfunden war, um die Medien ein bisschen zu narren. Sich selber zum absoluten Vollhonk (musikalisch) zu machen, um die Medien zu narren — das wiederum kann auch nur jemand bringen, der sich für Schlager begeistert und es dann auch noch zugibt.

Eigentlich wäre es ja auch, weltoffen wie wir alle sind, einfach zu tolerieren, dass jemand auf Schlager steht. Ein wenig unangenehm fühlt sich dann aber die Begründung an, die Sammer dafür liefert:

Ich habe mich, was das betrifft, auch absichtlich ein bisschen antizyklisch verhalten. Einfach um zu sagen: Moment, wieso sollen wir denn immer irgendwo anders schauen, wenn es auch bei uns schöne Sachen gibt? Da bin ich auch ein bisschen Traditionalist.

Man darf davon ausgehen, dass sich Matthias Sammer bestens mit Toni Kroos versteht.

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Wann fing das an, Thomas Tuchel?

Wann fing das an, Thomas Tuchel? Was hat Dich bloß so ruiniert?

Unfassbar, was dieser doch einst so sympathische, weil junge, frische, unverbrauchte und zumindest auf den ersten Blick unverkrampfte Bundesliga-Trainer für einen verschwörungstheoretischen Sermon in Bezug auf die Schiedsrichter von sich gibt.

Völlig falsch liegt er zwar nicht mit der Einschätzung, dass sein Mainzer Club häufiger Probleme mit den Schiedsrichtern hat als andere. Nur scheint ihm ein wenig der Blick auf die wahre Ursache dafür verstellt zu sein. Dabei müsste er den Blick nur so weit senken, bis er sich selbst sehen könnte.

Immer schade, wenn einstige Sympathen alles tun, um ihr Ansehen zu zerstören. Rumpelstilzchentänze an der Seitenlinie gehören da eher noch zur Folklore. Mit ruhigem Puls und zeitlichem Abstand in einem Interview bei Kaffee und Kuchen auf seiner verzerrten Wahrnehmung zu beharren, macht dann aber allem Wohlwollen den Garaus.

Immerhin ist nach Felix Magaths Abgang aus der Bundesliga wieder ein echter Fiesling im Rennen. Die Rollen der Daily Soap „Bundesliga“ wollen schließlich besetzt werden und bleiben selten vakant. Trotzdem: Wann fing das an, Thomas Tuchel, dass das Hirn immer häufiger streikte und nur noch derlei Verschwörungstheorien produzierte?

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Als der Jupp noch kein Don war

Als Trainer aber, sagen ehemalige Spieler, soll Jupp einst extrem gewesen sein. Ein Beispiel: Unser damaliger Masseur hatte Jubiläum und Geburtstag. Eine Kultfigur in Gladbach. Aber an dem Tag, es war zur Zeit von Jupps erster Trainerstation bei der Borussia, hatte er gegen Leverkusen verloren. Er kam einfach nicht zur Feier, obwohl er ein guter Freund des Masseurs ist. Er war damals so verbissen, der konnte die Niederlage in Leverkusen nicht verkraften.“

Danach erwähnt der von der WELT befragte Gladbacher Fahrensmann Herbert Laumen allerdings auch, dass Jupp Heynckes sich inzwischen um 180 Grad gedreht hat, was aus hiesiger Sicht doch eher bedauerlich ist. Worüber soll man dann noch schreiben, wenn Jupp Heynckes plötzlich zum generösen Gentleman mutiert ist, der selbst nach der Niederlage im „Finale dahoam“ noch allen Masseuren und Kultfiguren freundlich zum Geburtstag gratuliert?

Wobei es ja auch viele Menschen hier im Blogosquarium gibt, die die Existenz dieses Wandels bezweifeln. Zumindest ist nun aber belegt, dass der frühere Heynckes nicht nur so wirkte, wie er wirkte, sondern auch so war, wie er dann wohl wahr war.

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Wie viel muss ein Profi trainieren?

70 Minuten am Tag.

Sagt Gerhard Tremmel im Interview bei SPON. Damit fühle er sich so fit wie noch nie in seinem Leben. Nun ist ein Torhüter kein Mittelfeldmotor, der 14 oder mehr Kilometer in 90 Minuten zurücklegen muss. Bezahlt wird er aber ebenfalls wie ein Profi. 70 Minuten am Tag, das macht der eine oder andere Berufstätige nebenbei, wenn er für einen Marathon trainiert. 70 Minuten am Tag und dann Feierabend — so muss das mit dem Schlaraffenland gemeint sein.

(Dank an LizasWelt.)

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Auf Küppersbuschs Spuren 
Hamborn 07 — KFC Uerdingen

In der Ecke des Herausforderers: die Sportfreunde Hamborn 07, Teilnehmer des ersten live im deutschen TV übertragenen Spiels am 26. Dezember 1952 beim FC St. Pauli, DFB-Pokal-Halbfinalist von 1961 und Beinahe-Gründungsmitglied der Bundesliga, wenn nicht der Meidericher SV den Vorzug erhalten hätte.

In der Ecke des Champions: der KFC Uerdingen, deutscher Pokalsieger von 1985, Ausbildungsstätte Felix Magaths zum Manager und untrennbar verknüpft mit der Vokabel „Dresden“. Aktuell unangefochtener Tabellenführer der Oberliga Niederrhein mit vor Anpfiff 15 Siegen aus 16 Partien.

Auf dem Rasen: zwei Teams mit jungen Männern im Dienste von Fünftligisten. Aktive Spieler in ersten Herrenmannschaften werden scheinbar immer jünger, waren sie vor Kurzem noch ungefähr so alt wie der Autor, sind sie plötzlich im Schnitt zehn Jahre fitter.

Auf den Rängen: 848 zahlende Zuschauer, zwei Drittel davon in Uerdinger Farben. Ebenfalls auf den Rängen der Autor, der doch für einige Minuten glaubte, es mit über 1.600 Zuschauern zu tun zu haben, schließlich lautete die Seriennummer auf der Eintrittskarte 1.694. Doch da hatte Hamborn 07 wohl die verkauften Karten der kompletten Saison durchgezählt, denn sonst treffen hier nur 200 bis 300 Zahlende pro Partie ein, allerdings nicht alle Vollzahler.

Der Entschluss fiel schnell und kurzfristig. Die U-Bahn vor der Haustür führt schließlich nicht nur direkt zur MSV-Arena und zum Düsseldorfer Stadion, sondern auch zu weiteren Orten, an denen höherklassig Fußball gespielt wird.

Der Spielplan sah den Anstoß schon für 14h vor. Klar, denn die Uerdinger würden gerne in die Regionalliga West aufsteigen und früher Vogel fängt bekanntlich Punkte und derlei mehr, während Hamborn 07 die selben für den Kampf gegen den Abstieg benötigte.

Flugs in die Linie 901 begeben, die über Ruhrort und Bruckhausen nach Hamborn eine exzellente Stadtrundfahrt durch dieses gefühlt an allen Enden und Ecken sterbende Duisburg ermöglicht und in direkter Nähe des Hamborner Stadions hält — „Am Holtkamp“. Fassungsvermögen 5.000 Zuschauer mit einer kleinen überdachten Haupttribüne mit Platz für 500 Menschen.

Von der Haltestelle einige wenige Hundert Meter zu Fuß durch Hamborn zu flanieren bietet die Gelegenheit, zu bewundern, wofür Menschen in und um Hamborn heute ihr Geld ausgeben. Zum Beispiel für Autotuning und Erzatzteile. Dabei ist von stolzen Besitzern dieser Karren auch zu lernen, dass Buchstaben auf den Nummernschildern dieser getunten Autos eine Bedeutung besitzen. So steht ein „X“ dafür, dass der Fahrer des Wagens Single ist. Darauf wären Nichttuner im Leben nicht gekommen, aber natürlich dienen diese Karren in erster Linie zum Balzen und zum Ausstechen der Konkurrenten, was schon sehr kurzfristig gesehen ohnehin ein und dasselbe ist.

Wenn gerade schon der legendäre Bruckhausener Hochofen 4 abmontiert wird (schickeres Bild hier), so müssen sich die Anwohner um neue Aktivitäten fürs Portemonnaie kümmern. Was liegt da näher, als sich mit dem hier so populären Autotuning zu beschäftigen? Erzatzteile immer parat, ob neu oder gebraucht, einfach anrufen, lieber aber nicht fotografiert werden, dann skeptisch gucken und nachfragen, was man da fotografiere. Die Erzatzteile, auch im übertragenen Sinn, für das, was hier früher mal passierte.

Im Stadion „Am Holtkamp“ angekommen zeigt sich, dass der monetäre Unterschied zwischen fünfter (7 Euro) und zweiter (11 Euro) Liga nicht ganz so groß ist, wie der Unterschied bei der Zahl der anwesenden Fans. Denn da war es nur dank der Uerdinger Anhänger ungefähr ein Zehntel dessen, was sich an Menschen zum örtlichen Zweitligisten verirrt. Dem Staunen Ausdruck verliehen, dass das happige Preise seien, entgegnete der Kassenhäuschenmann nur, dass er das ständig höre, aber eben die Preise nicht selbst festlege. Und von irgendetwas müsse der Verein ja auch leben können.

Die drei Hände voll überzeugter Hamborner Fans schreckt solch ein Eintrittspreis natürlich nicht ab, wahrscheinlich sind sie ohnehin Mitglieder. Singen konnten sie genauso wie die Uerdinger, wenn auch aus weniger Kehlen. Bunte Fahnen geschwenkt, nur Grund zum Konfettiwerfen würde es in dieser Partie nicht geben.

So sangen die Uerdinger Ultras (nicht die „Harlekins Krefeld“!) auch Dutzende Minuten lang von ihrem Traum, in die 1. Liga zurückzukehren. „Ja, wir kommen wieder, in die 1. Liga“ reimte es sich da nicht ganz unfallfrei, aber stimmlich im Original doch überzeugender als das davon erstellte Tondokument dies wiedergibt. Weshalb das Tondokument hier ausfällt.

Vorbei am ersten Fotografen, auch für die fünfte Liga waren gleich mehrere ausgerückt in der Hoffnung, davon noch leben zu können. Dass sie selbst mit dem Handy fotografiert wurden, machte die meisten von ihnen ein wenig ungehalten, auch wenn sie diese Stimmung dann nicht völlig rausließen, man ist ja Profi.

Wie man überhaupt in dieser Gegend scheinbar nicht gerne fotografiert wird, ob jetzt jeder Zweite etwas zu verbergen hat, weil er krumme Dinger dreht, eine gewisse Grundskepsis gegenüber jenen besitzt, die einen Ausflug nach Hamborn für sich als ein touristisches Erlebnis begreifen — oder ob sie nach Abwägen aller Pros und Kontras der neuen Medien zu dem Schluss gelangt sind, dass sie lieber nicht in irgendjemandes Blog auftauchen möchten, das weiß man nicht.

Vorbei also am ersten Fotografen, hinter das Hamborner Tor, wo man den einen oder anderen Einschlag schon in der ersten Halbzeit erwartet hätte. Dazu kam es aber nicht, sondern zum Gespräch mit einem mittelalten Herrn, der alleine abseits der vielen Uerdinger Fans stand, weil er sich „das Spiel und die Taktik“ anschauen wolle. Wie sich herausstellte, war er ehemaliger Jugendtrainer bei einigen der ganz großen Vereine des Fußballwestens.

*

Das ganze Trainersein sei eigentlich nur Menschenführung. Natürlich komme auch ein bisschen Taktik und Strategie dazu, aber die könne man sich für fünf Mark auf nem Kneipendeckel notieren. Menschenführung, das A und O, und bei jüngeren Teams natürlich sowieso. Er hatte auch ältere Teams, aber auch da sei es Menschenführung. Wann einer gestreichelt werden müsse und wann er die harte Hand brauche, das müsse man immer wieder neu austarieren. Das allerschlimmste am Trainerjob sei es aber, einem Spieler mitteilen zu müssen, dass er nicht aufgestellt werde. Hat vielleicht gut trainiert, besser als sein Konkurrent, und trotzdem gebe es manches Mal Gründe, dass man lieber jemand anderen aufstelle. Das sei hart, aber da müsse man als Trainer nun mal durch. Wenn er länger drüber nachdenke, sei eigentlich nicht diese Aufgabe das schlimmste am Fußball, sondern die Eltern der Spieler. Die müsse man bändigen und das sei allzu oft überhaupt nicht möglich. Die Eltern der eigenen Spieler wohlgemerkt.

Gedankt werde einem das ganze Trainersein auch von niemandem, wenn man gefeuert wird, macht eben jemand anderes den Job. Wer sich nach oben durcharbeiten wolle, der habe einen langen Weg vor sich, wenn er nicht als Ex-Profi direkt irgendwo einsteige. Und am Ende könne man dann doch nicht mehr allzu viel beeinflussen, wenn das Spiel läuft. Ob Uerdingen heute noch ein Tor schießen wird: Kann der Trainer da was für oder nicht?

Wohl nicht.

Spritgeld bekomme man vielleicht, auch schon mal eine Aufwandsentschädigung, aber nicht viel mehr. Und je höher man trainiere, desto weiter die Fahrten. Wer am Sonntag um 11h in Siegen Anstoß hat, muss eben schon vor 7h aus den Federn. Das mache man zwar gerne, sonst würde man es ja nicht machen, aber richtig Freude ist das auch nicht. Und natürlich brauche man eine Partnerin, die das alles mitmacht. Schließlich mache man das alles ja neben seinem normalen Job: drei Mal Training in der Woche, am Wochenende Spiel.

Wer nicht klarkomme damit, dass ständig von den Spielern an der Autorität des Trainers gegraben werde, der solle vielleicht besser erst gar nicht mit diesem Job anfangen. Und dass gegraben werde, das sei so sicher wie das Amen in der Kirche. Denn man habe ja immer mindestens die Nr. 12 bis Nr. 15 im Kader, die unzufrieden seien. Andererseits könne man sich auch mit weniger Härte in die Autorität des Amtes flüchten. Einer muss es halt entscheiden, wer spielt, und das sei nun mal der Trainer.

*

Vom Spiel selbst verpasste man durchs Schwätzchen halten nicht viel, denn obwohl Uerdingen erdrückend überlegen war, passte die Zahl der Torchancen noch an die Finger einer Hand. „Kein gutes Spiel“, befand auch der Profi im Spielbewerten und dann trennte man sich kurz vor der Halbzeit wieder, er wollte ja das Spiel schauen und man selbst noch wenigstens ein Mal an den Uerdingern auf der Haupttribüne vorbei. Die gaben nicht auf, zu singen, ganz im Stile der Ultras, und so machte sich immerhin Fußballatmosphäre breit. Denn die wenigen Hundert sangen zusammen immer noch so leise, dass man die Anweisungen des Schiedsrichters und der Spieler untereinander wie auch den einen oder anderen Fluch verstehen konnte. 0:0 zur Pause, wahrlich keine Partie für Feinschmecker, aber eben Fußball.

Womit auch gleichzeitig klar wurde, dass man über derartige Ligen hinaus nur auf drei Wegen existieren kann:

a) ein Verein verfügt über viele Zuschauer
b) ein Verein verfügt über einen potenten Mäzen oder Sponsor
c) ein Verein hat mit Glück eine äußerst gute Generation noch nicht weggekaufter Spieler zusammengesammelt

Wobei im Falle von c) schon sehr bald b) oder a) vorhanden sein müssen, sonst setzt auch dort der Ausverkauf ein. Im Prinzip völlig frustrierend für alle Vereine, die wissen, dass sie weder a) noch b) besitzen, so wie es bei den Sportfreunden Hamborn 07 der Fall ist. Während der anrückende Gegner aus Uerdingen über a) und b) verfügt, was zusammen dann eben die Eingangs erwähnte Bilanz von 15 Siegen aus 16 Spielen ergibt.

Weshalb ein im Anschluss an die Partie befragter Hamborner Mittelfeldspieler auch ganz richtig mit seiner Einschätzung lag, über die spät zustande gekommene Niederlage nicht allzu enttäuscht zu sein, schließlich habe man gewusst, was die Mannschaft heute erwarte. Und man habe sich mehr als achtbar aus der Affäre gezogen.

Außerdem sei für ihn, Mitte 20, der Zug abgefahren, noch etwas höherklassig zu spiele. Er spiele in Hamborn, weil er schon seit über 10 Jahren hier sei, die Stimmung in der Truppe gut sei und er das Ganze nicht als Beruf begreife. Geld gäbe es auch keines, sagt er zumindest, während der eine oder andere Uerdinger durchaus schon vierstellig verdiene. Da könne man sich ausrechnen, wie die Kräfteverhältnisse auf dem Platz seien. Drei Mal pro Woche Training, in dieser Woche vor dem Spiel gegen Uerdingen mehr Taktik als sonst, schließlich müsse man über 90 Minuten verteidigen.

Eigentlich nicht schlecht gelungen, aber leider nur eigentlich. Dann schnell duschen, damit man sich nicht erkältet, denn es herrschte bestes Fußballwetter, an diesem Samstagmittag, wie schon erwähnt.

In der zweiten Halbzeit wurden die Spielrichtungen getauscht, nun also auf der anderen Seite hinter den Toren stehend. Und dabei die eine große Hamborner Chance erleben, die beim Stand von weiterhin 0:0 den Verlauf auf den Kopf hätte stellen können. Vom Sechzehner ins lange Eck gelupft, der Torwart schon geschlagen, da lag sie im Wortsinne für einige Zehntelsekunden in der Luft, die Sensation. Dann schlägt der Ball aber auf dem Tornetz ein, 15 Zentimeter zwischen Glück und dertrainerwirdinfragegestellt. Kein Tor.

*

Zur Rechten, 66-jährig, Rentner, schwerhörig und mit Hörsturz auf einem der beiden Ohren. Trotz Hörgerät hört er kaum noch was. Aber genug, um Auskunft geben zu können. Sehr früh morgens hätte er angefangen zu arbeiten. Um 5h. Dann war er um 13h schon wieder zu Hause und hat sich schön in den Sessel plumpsen lassen. Blues hört er so gerne. Blues oder Blues Rock, und dann habe er immer richtig gute Laune gehabt und sich in Feierabendlaune gefühlt. Volle Pulle die Kopfhörer, wegen der Nachbarn, aufgedreht, Blues oder Blues Rock.

Leider sei er dabei dann fast immer eingeschlafen, aber die Kopfhörer liefen extrem laut weiter mit Musik. Deshalb heute die Schwerhörigkeit. Der Hörsturz kam vielleicht einfach so, weiß man nicht. Aber Hamborn 07, da geht er immer hin. Und arbeiten kann er ohnehin schon länger nicht mehr.

Zur Linken, 85-jährig, Rentner, Jahrgang 1927. Mit 17 noch in den Krieg geschickt worden, man glaubt es nicht, dass immer noch Menschen leben, die gegen Russland kämpften oder gegen alliierte Flugzeuge, in der Jugend nichts anderes als Nazi-Propaganda in der Schule und trotzdem — anscheinend — ein normaler Mensch geworden. So normal, dass er mit 85 noch zu den Sportfreunden Hamborn 07 erscheint. Das sei ihm wichtig. Nach dem Spiel müsse er aber heim, nicht mehr die Puppen tanzen lassen, witzelt er. Kennt die Glanzzeiten der 07er noch, ist nie hier weggezogen, war nur mal in Gefangenschaft bei den Kanadiern. Aber schnell wieder zu Hause und dann 50 Jahre unter Tage. Ist aber auch schon lange her.

*

Dann fällt doch noch das 1:0 für Uerdingen. Auf den Rängen kaum Entsetzen, keine Resignation, als hätte man hier schon alle Tore der Welt fallen sehen und auch in allen letzten Minuten, die Spiele haben können. Schön wär’s gewesen. War es aber nicht, für Hamborn. Dann eben keine Punkte. Wer spielt wie Albanien, darf nicht allein nichts zulassen. Bei dem, was er dann doch zulässt, muss dem Gegner auch noch Pech am Stiefel kleben. Wörtlich und auch nicht so wörtlich.

Das war in dem Moment nicht der Fall, als Issa Issa für Uerdingen traf. Seines Zeichens libanesischer Ex-Nationalspieler. Dass man im Libanon überhaupt Fußball spielt, fragt man sich noch, da gehen sich schon auf der Seite vor der Haupttribüne zwei Uerdinger und ein Hamborner an die Gurgel, allerdings eher harmlos. Für Hamborn gibt es Gelb, für einen Uerdinger Rot. Sind die Uerdinger Anhänger nicht so begeistert von, aber da man jetzt 84 Minuten lang auf die Führung gewartet hatte, diese eingetroffen war und es nach keiner Sensation mehr aussah, nahm man auch die Rote Karte ähnlich lässig hin wie der Hamborner Anhang das Gegentor. Am Ende gewinnt der Favorit, äußerst schmucklos, in der Tabelle sieht man das aber nicht.

PS: Warum das Ganze den Titel „Auf Küppersbuschs Spuren“ trägt? Friedrich Küppersbusch, der gewitztere der beiden Sonneborns, hatte in den 1990ern in der Sendung „Privatfernsehen“ (die nur so hieß, aber im ÖR gesendet wurde) eine Saison lang von den Spielen des damaligen Landesligisten Hamborn 07 berichten lassen. Erstellt wurden die Beiträge von Tom Theunissen, in der Sendung von Küppersbusch aber im Rahmen des Löwenreports zu sehen, angelehnt an den Beinamen „Hamborner Löwen“. Was wieder eine dieser Skurrilitäten mit sich bringt, dass das Wappen von Hamborn 07 einen Adler zeigt, während der Spitzname — nun ja, es wird sicher eine plausible Erklärung geben. In Uerdingen kennt man bekanntlich nur den Grotifanten.

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Jef Dorpmans spricht: „Ich hatte keine Beweise“

Sehr lesenswert: Der niederländische Schiri der Gladbacher Büchsenwurf-Partie gegen Inter im -view. Fazit:

“ … in meinen Augen, war es eine leere Dose. Die Italiener lagen zu diesem Zeitpunkt in Rückstand und witterten ihre Chance. Die hat der am Boden liegende Boninsegna dankend angenommen und sehr gut genutzt. Das muss man so sagen.“

Allerdings auch den Rest lesen. Erhellend.

Interessant wäre auch die Frage, ob diese Szene der Ursprung des weit verbreiteten Italiener-Hasses im Fußball in deutschen Landen ist. Oder ob es ähnliche Schauspielereien in jener Zeit nicht doch an jeder Ecke gab und es andere Gründe für diese sehr spezifische Xenophobie gibt.

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Cool retourniert Valérien Medienschelte

In der letzten Woche führte eine plötzliche Eingebung während einer „nächtlichen Internetsafari“ (© Stadioncheck) dazu, nachzuschauen, was denn eigentlich Harry Valérien macht. Er lebte in Bayern und freute sich seines Lebens, war zu erfahren, er sei zwar nicht mehr sehr kameraaffin, treibe aber regelmäßig noch Sport, zumindest Wandern. Das war in der letzten Woche. Nun ist er tot.

Harry Valérien ist gestorben, für jede und jeden in meiner Generation und drumherum wohl der Sportreporter schlechthin, noch weit vor Manni Breuckmann, Adi Furler oder Jochen Hageleit.

Mir war damals immer klar, dass Harry Valérien entweder ein Alien oder ein Österreicher oder ein Luxemburger sein musste. Ein Deutscher konnte er nicht sein, weil er a) so einen französischen Nachnamen trug, der zusätzlich zum Akzent auf dem erste E in meiner Muttersprache auch keine Bedeutung transportierte, b) einen so herben Akzent sprach, dazu immer wieder stakkato-artige Aussetzer in seinen Satzmelodien hatte, dass er nun mal kein Deutscher sein konnte. Oder vielleicht zwar vom Pass her Deutscher, aber in Monaco aufgewachsen, vielleicht auch in Rumänien, aber niemals ein eingeborener Deutscher. Und dass sich ein Ausländer so sehr für deutschen Sport interessiert und das sogar zu seinem Beruf machte, das war natürlich schon eine besondere Auszeichnung dessen, über was er dort berichtete.

Mittlerweile weiß man, in München geboren und aufgewachsen, mit der für jene Generation typischen Zeit in alliierter Kriegsgefangenschaft, war er eigentlich dann doch absolut deutsch, nur eben kein Preuße. Daher auch der mit westdeutschen Ohren gehört fast unnatürliche, starke Akzent. Sicher Rumäne. Oder Ungar. Nein, Münchner, aha. Die durch all diese Umstände von meinem Hirn nur konstruierte Besonderheit hätte Harry Valérien allerdings gar nicht nötig gehabt, schließlich war er durch sein Tun ein außergewöhnlicher Sportberichterstatter, wie wir gleich noch unten sehen werden.

Was mich bei all den bislang konsumierten Nachrufen wundert, ist das Fehlen einer — jedenfalls für „uns“ damals — ganz wichtigen Komponente des Schaffens von Harry Valérien. Nun gut, dass er womöglich nur seinen Namen fürs Cover hergab und mit den Inhalten eventuell gar nichts zu tun haben könnte, das ahnte man erst später. Aber Harry Valérien ist uns allen — und ich kenne niemanden, der wirklicher Fußballfan ist, der nicht eine Ausgabe davon besitzt oder besaß — bekannt ist er uns allen natürlich wegen seiner WM- und EM-Bücher, wie Benny Berger hier seines zeigt und ich selbst auch diverse besaß (bis sie mir in einer Nacht- und Nebel-Guerilla-Aktion während der WM 1998 geklaut wurden, aber das ist eine andere Geschichte). Solch eines, solch eines oder auch solch eines.

Dazu hatte er natürlich das Glück, dass er in einer Zeit tätig war, in der einerseits das Volk in Deutschland nur drei Sender hatte, die Chance, das man ihm abends zusah, also bei etwa einem Drittel lag, so man an jenem Abend fernschaute. Außerdem bewirkte dieses dünne Medienangebot, dass man sich auch als Flachlandtiroler für Skiabfahrten oder Golfturniere im fernen Florida interessierte, in Ermangelung an Alternativen im sportlichen Fernsehprogramm. Und Harry Valérien andererseits in einer Zeit wirkte, in der das Fernsehen sich noch nicht als Partner der Bundesliga verstand, sondern eben als neutraler Berichterstatter. Und da die meisten sein Wirken nicht selbst miterlebt haben, wollen wir mal schauen, wieso Harry Valérien so sehr geschätzt und als derart integer wahrgenommen wurde.

Da gibt es sicher viele Beispiele, aber weil hier das Thema Fußball lautet und nicht Golf, Schwimmen oder Ski, soll es eben auch ein Fußballbeispiel sein. Et voilá, ein weiteres Resultat jener eingangs erwähnten nächtlichen Internetsafari stand dann auch sofort bereit: Harry Valérien im Gespräch mit einem der schwierigsten Charaktere, die es im deutschen Fußball gibt. Auch und erst recht damals schon, ohne dass Valérien locker lässt oder aber arrogant wird. Von beeindruckender Konsequenz, wobei man den heutigen Reportern zugute halten muss, dass es unter den heutigen Aktiven gar niemanden mehr gibt, an dem man sich derart abarbeiten könnte, wie Valérien diese Gelegenheit damals zuteil wurde, im Sommer 1982, als er an einem spanischen Hotelpool vor johlenden Touristen dieses Enfant Terrible des deutschen Fußballs vors Mikrofon bat. Ein echtes „Musssehen“, dieser Link:

Harry Valérien interviewt einen grantigen, medienscheltenden Fußballer.

Beziehungsweise für den Fall, dass der Link irgendwann nicht mehr funktionieren sollte, das Video auch gleich hier im Bild.



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