„Als die Liga laufen lernte“ — die 1960er in Bild und Ton

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Falls es jemand nicht mitbekommen hat: Die Bundesliga wird in diesen Tagen 50 Jahre alt. Anlass zu diversen Specials in diversen Medien.

Eine besondere Perle zum Thema hat die Deutsche Welle gerade veröffentlicht. Leider viel zu kurze 26 Minuten, die sich mit den 1960er Jahren der Bundesliga beschäftigen und dabei nicht allein auf den Platz, sondern auch daneben blicken.

Prädikat wertvoll.



Erstgebloggt von allesaussersport.de.

Schöner Nebeneffekt beim Schauen dieses Filmchens: Wer sich Uwe Seeler sympathisch machen möchte, dem sich sonst doch allzu oft allzu kurzsätzig Äußernden, findet hier gute Gelegenheit dazu. Ansonsten viele Spielszenen und O-Töne aus einer Zeit, in der noch nicht jede Partie aus allen Perspektiven aufgezeichnet wurde. Für den Liebhaber ein Muss, für alle anderen ein schönes Bonbon. Und das Beste ist: Die späteren Jahrzehnte sollen auch noch folgen.

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  1. Es klingt natürlich viel schöner, wenn man alles über einen Kamm schert und die Gründung der Bundesliga mit der Erfolgskurve der Nationalmannschaft in Verbindung bringt. Aber dann sollte man der Vollständigkeit halber auch folgendes erzählen: Dass deutsche Nationalspieler in jener Zeit erstmals im großen Stil abgeworben wurden (wird von dem Film völlig unterschlagen). Hauptsächlich von italienischen Clubs. Horst Szymaniak (WM-Spieler 1958) ging 1961 nach Catania, Helmut Haller (WM-Spieler 1962) ging 1962 nach Bologna, Albert Brülls (WM-Spieler 1962) im selben Jahr nach Modena, Karl-Heinz Schnellinger (WM-Spieler 1958 und 1962) ging 1963 nach Mantua. Auch Uwe Seeler hatte Offerten auf dem Tisch, sonst wäre dieser Deal mit Adidas nicht so gut ausgestattet worden. Nicht vergessen sollte man Erwin Waldner vom VfB Stuttgart, der 1960 zum FC Zürich ging und dann nach Ferrara. Damals regierte ein gewisser Sepp Herberger, der solche Abtrünnigen aus Prinzip nicht in die Nationalmannschaft holte. Dass das Team bei der WM in Chile so schlecht aussah, geht ohnehin hauptsächlich auf dessen Konto und hatte nichts mit dem Fehlen einer Bundesliga zu tun.
    Es hilft angesichts solcher Argumente übrigens immer, wenn man sich anschaut, welche Länder 1962 unter den ersten vier waren: Brasilien, die Tschechoslowakei, Chile (die die Deutschen in der Vorrunde geschlagen hatten) und Jugoslawien, gegen die sie in der Zwischenrunde so ideenlos verloren hatten.
    In der WM-Mannschaft von 1966 standen dann drei aus Italien: Haller (sechs Tore) und Schnellinger und Brülls (spielte in der Vorrunde). Übrigens: in England stand ein einziger Spieler der damals aktuellen Meistermannschaft 1860 München im Kader: Bernd Patzke. Und der kam nicht zum Einsatz.

  2. Ich stimme dir zu, Jürgen Kalwa, das Abschneiden der Nationalmannschaft bei der WM 62 mit einer fehlenden Bundesliga zu begründen, als schlichtweg oberflächlich anzusehen. Ebenso das gute der WM 66 mit der dann eingeführten Bundesliga.

    Sicher hat die Bundesliga zu einer Stärkung des deutschen Fußballs erheblich beigetragen, insbesondere für den Vereinsfußball mit den einsetzenden Erfolgen im Europacup, die Wirkung auf die Nationalmannschaft war meines Erachtens eher sekundär und zeitversetzt.

    Für die ging es zunächst darum, sich Mitte der 60er für die WM zu qualifizieren. Dieses Unterfangen war schwierig genug, die Mannschaft in keinem guten Zustand, als Herberger 64 an Helmut Schön übergab. Ein Generationswechsel noch nicht vollzogen, die jungen zu unbeständig, zudem fehlten die Legionäre häufig, da es seinerzeit noch keine Abstellpflicht der Vereine gab, überdies die Bundesliga mit den neuen Belastungen für die Spieler noch gewöhnungsbedürftig, daher wenig förderlich.

    Die Nationalmannschaft konnte das Abschiedsspiel für Herberger im Juni 64 gegen Finnland noch 4:1 gewinnen. Im übrigen traf für die Finnen Jussi Peltonen, der kurz vor seinem Wechsel zum HSV stand und erster Finne der Bundesliga wurde. Ein doch unbekannter, gleichwohl großer Finne, viermal Finnischer Fussballer des Jahres, bis heute nur von Litmanen und Hyypiä übertroffen. Unbekannt wohl deshalb, da er nach zwei wenig erfolgreichen Jahren in die Heimat zurückkehrte. Aber dies nur am Rande.

    Denn Helmut Schön hatte einen schweren Stand. Nicht nur, dass der alte Chef eigentlich Fritz Walter überreden wollte, Bundestrainer zu werden, es ging ohne weiteres Vorbereitungsspiel direkt in die WM-Qualifikation, in einer Dreiergruppe mit Schweden und dem damaligen Fussball-Exoten Zypern, in der klar war, dass die beiden Spiele gegen Schweden entscheidend werden würden. Das Hinspiel gegen die Schweden im November 64 endete nur 1:1 und kurze Zeit später riss bekanntlich dem Kapitän die Achillessehne. Nach dem Pflichtsieg gegen Zypern (5:0) folgten drei mäßige Testspiele gegen England (0:1), Schweiz (1:0) und Brasilien (0:2) und die Kritik am Langen wurde riesig. Die heutige Boulevard-Landschaft hätte ihn wohl dreimal entlassen. Doch er ließ sich nicht irritieren, tüftelte wochenlang an der Aufstellung, denn der September 65, das Rückspiel, rückte näher. Ausgerechnet Schweden. Gegen die er selbst sein erstes Länderspiel als Halbrechter absolvierte und zweimal traf. Aber in Schweden? Eine schlimme Bilanz. Erst ein Sieg, 1911, ansonsten zwei Remis und sieben Niederlagen. Und verlieren wäre das Aus. Ein Remis hätte bei der damaligen Regel bei Punktgleichheit ein Entscheidungsspiel bedeutet, nur ein Sieg führte nach England. Ausgerechnet im Rasunda. In dem Helmut Schön am Tag vor dem Halbfinale 58 ganz alleine im Stadion auf dem Rasen stand, um im Auftrag von Herberger zur Vorbereitung den Sonnenverlauf zu studieren. Bekanntlich vergebliche Mühe.

    Uwe Seeler, obwohl nicht völlig genesen, bestätigte auf Wunsch von Schön sein Mitwirken, darüber hinaus stellte der Lange mit Tilkowski, Höttges, Schulz, Sieloff und Krämer nur fünf von den insgesamt 17 eingesetzten Spielern der letzten drei Länderspiele auf. Er verzichtete auf die Kölner, auf den formschwachen Overath und den unfitten Weber, auf HSVer Giesemann musste er verzichten, da der große Pele ihm beim Testspiel in Brasilien das Bein brach. Jaja. Stattdessen brachte er zwei Debütanten, den Sechziger Peter Grosser, der als Rechtsaußen Vereinskollege Rudi Brunnenmeier, in Abwesenheit von Seeler Torschützenkönig geworden, füttern sollte, und einen mit gerade mal sechs Bundesligaspielen, den Franz. Er verhandelte Schnellinger von Milan frei und stellte ins Zentrum den alten Haudegen, dem es nach seinen Italien-Jahren egal sein konnte, ob er ein Drittel oder ein Viertel mehr verdiente: Horst Szymaniak, mittlerweile bei Tasmania.

    Das Ergebnis ist bekannt, der 2:1-Sieg durchaus legendenbildend. Eine Mannschaft für ein Spiel, nur sechs Akteure hieraus bildeten das Gerippe für die Vize-Weltmeisterschaft. Helmut Schön hatte alles richtig gemacht und sorgte für die Basis einer guten Zukunft der Nationalmannschaft, mit seinen Entscheidungen, nicht abhängig vom Bestehen der Bundesliga.

  3. Volle Zustimmung und als Dreingabe noch die drei Tore aus dem Rasunda Stadion http://www.youtube.com/watch?v=YsQtuJXnxOY

  4. @cesar luis: Dabei war das eigentliche Abschiedsspiel für Herberger jenes 2:2 gegen Schottland am 12. Mai 1964 in Hannover. Herberger hielt dieses Ergebnis nicht für ein standesgemäßes Resultat zum Abschied und forderte dann ein zweites Abschiedspiel, jenes 4:1 in Helsinki am 7. Juni 64.

    @jürgen kalwa: Helmut Haller erzielte 5 Tore in der Endrunde 66. Je eins im Viertelfinale, Halbfinale und endspiel sowie 2 Tore gegen die Schweiz.

    Die Torschützenliste von damals sah so aus:

    Eusebio 9
    Haller 5
    Beckenbauer, Hurst, Bene, Porkujan je 4



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