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Monat: Juni 2007

Drama Queen

Man sagt, dass es zwischen zwei und drei Jahren dauert, bis ein Mensch, der zuvor sehend war und dann erblindet, vergisst, wie Farben aussehen. Schwierig vorzustellen für uns Sehende, dass man vergessen könne, wie Farben aussehen. Analog wird man, nehme ich an, auch nach Ertaubung innerhalb dieses Zeitraums vergessen, wie sich Musik, Geräusche, Sprache anhören; eine schreckliche Vorstellung — bezogen auf alle Sinnesmodalitäten. Man stelle sich vor, man verlöre seinen Tastsinn und wüsste irgendwann nicht mehr, wie sich Berührungen anfühlen, ganz gleich, ob nun die der Liebsten oder die des Wassers aus dem Duschkopf.

Zwei bis drei Jahre sind je nach Alter des Lesers viel oder nicht so viel, in meinem Alter klingt es eher nach ziemlich wenig. Wüsste ich jetzt schon, dass ich mich in zwei Jahren nicht mehr an den Geschmack von Erdbeeren noch an überhaupt irgendeinen Geschmack erinnern könnte, ich wüsste nicht damit umzugehen.

Zwei bis drei Jahre also, und genau diese drei Jahre ist es her, dass wir eine echte Sommerpause erlebt haben. EM 2004, Confed-Cup 2005, WM 2006. Jetzt ist es 2007 und meine, unsere letzte Fußball-Sommerpause war 2003. Davor war sogar noch WM 2002, an die ich mich wegen der ungewöhnlichen Anstoßzeiten besonders intensiv erinnere. Meine letzte Fußballsommerpause war also 2003, vier Jahre her. Ich muss zugeben, ich kann mich a) nicht mehr an das Gefühl des Fußballentzugs erinnern und b) nicht daran erinnern, was ich überhaupt stattdessen in jenem Sommer getan habe.

Nun rufen einige schon das Ende dieser Sommerpause aus, weil die Bundesligisten wieder mit dem Training beginnen. Tatsächlich endet die Sommerpause aber — Ligapokal hin oder her — erst mit dem ersten Bundesligaspieltag. Und das ist immer noch ein gutes Weilchen hin.

Eine völlig neue, zwei bis drei Jahre, Erfahrung mache ich zur Zeit: Ich erlebe die Wochenenden so wie ca. 50 Millionen andere Deutsche und unzählige weitere Nicht-Sportinteressierte auf der ganzen Welt. Das Wochenende ist frei.

Frei bedeutet: Es gibt keine Höhepunkte, es gibt keinen Plan, es gibt nichts, was Dramatik verspricht, es gibt nichts, was entschieden oder zumindest vorentschieden wird. Es plätschert so dahin, und zwar dermaßen laut, dass man vor Plätschergeräuschen kaum schlafen kann.

Sicher ist es eine interessante Erfahrung, zu sehen, wie andere Menschen das Wochenende erleben. Als Zeitraum der Muße, der Entspannung, vielleicht auch des aktiven Sports (Läufer, Volleyballer und Tennisspieler interessieren sich ja eher selten wirklich für Fußball), Zeit dafür, liegen gebliebene Dinge zu erledigen oder einfach nichts zu tun.

Diese Ereignislosigkeit des Wochenendes wird von den Nicht-Sportinteressierten bestimmt gar nicht so erlebt, im Gegenteil passiert gerade deshalb viel am Wochenende, weil man Abwechslung von der Arbeit findet, die Gelegenheit zu einem Städtetrip oder zu einem Spaziergang im Wald nutzt. Vielleicht besucht man mal wieder Oma in Gütersloh, vielleicht den Neffen in Finsterwalde, vielleicht macht man gar einen Kurs, der einem Spanisch, Koreanisch oder Tai Chi beibringt. Es ist also alles keine verlorene Zeit und noch nie hörte man einen Nicht-Sportinteressierten über die Langeweile seines Wochenendes klagen.

Für uns Fußballjunkies ist das aber gänzlich anders: Normalerweise lebt die ganze Woche davon, sich auf das Spiel am Wochenende vorzubereiten, sei es, weil man Karten hat, sei es, weil an jenem Tag das Derby (welches auch immer) ansteht, man den Abstieg oder den Verlust des Meistertitels fürchtet. Jede Woche ein Orgasmus frei Haus, ja, auch Enttäuschung, aber auch Jubel, Freude, Adrenalin und Endorphin satt und genug. Mag sein, dass am selben Wochenende das Date mit der heißen Rothaarigen ansteht, ein neues Auto gekauft oder der Sohn nach Fahrradunfall ins Krankenhaus eingeliefert wird: Entscheidend und dominierend bleibt das Spiel am Wochenende.

Ohne ein solches Spiel erscheint das Wochenende leer und überflüssig. Man könnte eigentlich die ganze Zeit im Bett bleiben. Es wird ja doch nichts entschieden und es werden auch keine Punkte vergeben. Es passiert nichts. Regungslos sitzt das Wochenende da und blickt uns an. Wir starren zurück, aber wir können nichts in ihm erkennen.

Jetzt, da die Sommerpause ein paar Wochen alt ist, muss ich konstatieren: Was für ein seltsames Leben diese anderen Menschen doch führen — frei von Höhepunkten, frei von Spannung. Ein in jeglicher Hinsicht freies Wochenende. Nein, ich möchte nicht tauschen.

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Dem Klose sein Sitzfleisch

Wäre man nur nicht so lethargisch, man könnte sich glatt über den Wechsel von Klose zu den Bayern ärgern. Zum Glück sind hier auf dieser Seite gerade die Wochen des Dativs angebrochen. Also ärgern wir uns doch über dem Klose.

Natürlich niemals zu den Bayern, aus der Bundesliga wechselnd schon mal grundsätzlich nicht. Sollte Barcelona nicht anklopfen, wird es höchstens Chelsea, also allerniedrigstens. Vielleicht auch Real, man frage nach im Hause Metzelder. Nun geht Klose doch zu diesem Verein, der nur Fans in der Vorstadt hat, und man fragt sich, was er dort erreichen möchte, UEFA-Pokal hin oder her.

Wie Jockinho vom strafstoss zutreffend bemerkt, wird Klose damit seine niemals richtig groß gewordene Karriere in richtig kleinem Rahmen beenden. In zwei oder drei Jahren, in denen er hauptsächlich mit Poldi zusammen Karten auf der Ersatzbank gespielt haben wird, wechselt er dann zurück zu Kaiserslautern, weil immer noch kein großer Club aus dem Ausland angefragt hat. Da ist die Karriere vorbei, ohne dass sie je richtig begonnen hätte, sieht man von dem einen Mal Torschützenkönig der Bundesliga respektive WM ab.

Erfolgreiche Karriereplanung sieht anders aus. Und nur weil er glücklich in Bauernschlau-Dudenhöfer ist, muss er doch noch lange nicht seine gesamte Laufbahn mit einem einzigen misslungenen Schachzug ruinieren. Das ist aktuell eher Magaths Job.

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Wie alt bist du?

American Arena schreibt von einem seltsamen Vorfall, die NBA und einen eventuellen chinesischen Neuzugang betreffend. Dort ist nicht ganz klar, wie alt der Gute, der Große eigentlich ist, der demnächst in der NBA auf „Körbejagd“ (was für ein seltsamer Ausdruck) gehen wird.

Ganz neu ist dieses Phänomen nicht. Auch früher schon gab es – anderes Metier und vielleicht nicht ganz so relevant, nichtsdesotrotz aber dasselbe in grün – in bundesrepublikanischen Jugendfußballerkreisen komische, mit enormem Brust- und Barthaarwuchs ausgestattete Spieler von beeindruckender Statur, die noch dazu alle ihre Gegenspieler in Grund und Boden rennen, springen und checken konnten. Meist waren sie aus der Türkei, dem Irak, dem Iran oder dem Libanon, vielleicht auch aus anderen Ländern dieser Region. Und die Tatsache, dass ich diese Länder nenne, hat nichts mit meinen vorhandenen oder nicht vorhandenen Sympathien zu tun, sondern mit den zu beschreibenden Tatsachen. Es fehlte so etwas wie eine Geburtsurkunde, so dass man den Jahrgang eines frisch hinzugestoßenen Jugendspielers aus dieser Region im günstigsten Falle einfach selbst bestimmen konnte. Das machte das Antreten gegen mit derlei Spielern ausgestattete Mannschaften immer zu einem großen Vergnügen. Jeder, der nicht gerade auf alle beiden Augen gefallen war, konnte sehen, dass der eine oder andere dieser Spieler allen anderen auf dem Feld zwei körperliche Jahre voraus war, aber eine Geburtsurkunde, nein, die gab es nicht.

Später hörte ich davon, dass dieser oder jener überambitionierte Jugendtrainer dann doch mal für derlei nachgewiesene Vergehen bestraft wurde. Das bringt mir das mit 1:4 gegen solche Hünen verlorene Pokalfinale aber nicht zurück.

Und von diesem Milo¨ J., der bei uns spielte, wusste auch jeder, dass sein im Spielerpass eingetragener Geburtsjahrgang nicht stimmte. Der war aber aus Jugoslawien.

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Dem Derwall zu alt

Was man so findet, wenn man versucht, die Techniken des nolookpass zu imitieren: Ein Fanzine namens „jawattdenn“, das RWE gewidmet ist. Im Interview mit diesem „jawattdenn“ [Link leider tot.] spricht „Manni“ Burgsmüller auch über den gestern verstorbenen „Jupp“ Derwall. „Icke“ Häßler und „Andi“ Möller wurden nicht gefragt, sie waren zu jung. „Hansi“ Flick und „Wiggerl“ Kögl waren auch zu jung. „Sepp“ Maier und „Toni“ Schumacher wurden nicht gefragt, man hatte sie einfach fortgejagt. „Manni“ Burgsmüller, nicht „Manni“ Breuckmann, jedenfalls spricht so:

Burgsmüller: Genau die Position habe ich früher auch gespielt. Allerdings fehlte den Trainern damals die Weitsicht, so etwas zu erkennen, weil es diese Position im taktischen System gar nicht gab, einen Spieler, der hinter den Spitzen agierte. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich nur drei Mal in die Nationalmannschaft berufen wurde. Schön und Derwall haben nicht die taktische Möglichkeit gesehen, die ich hätte spielen können. Ich wurde doch nur zur Nationalmannschaft eingeladen, weil ich bei Borussia Dortmund die meisten Tore erzielt hatte.

Jawattdenn.de: Glauben Sie nicht, dass sie dem Derwall als damals über Dreißigjähriger schlichtweg zu alt waren?

Dafür, dass er Tacheles redet und nicht die Vergangenheit verbrämt, ist Burgsmüller ja bekannt, wie schön, dass er auch in diesem Interview allen Nostalgikern und sonstigen Gestrigen die Leviten liest:

„Netzer oder Overath standen ungedeckt irgendwo im Mittelfeld und konnten seelenruhig überlegen, zu wem sie denn einen genialen Pass spielen können. Bekommt heute einer im Mittelfeld den Ball, wird er sofort von zwei, drei Leuten attackiert. Da spielt die ganze Mannschaft gegen den Ball und nicht gegen einzelne Gegner. So was gab es früher nicht. Und wenn Netzer oder Overath was anderes behaupteten, dann müsste ich sagen, sie sehen die Sache falsch.“

Wäre Burgsmüller nicht schon bei Hacheney, ich würde ihn glatt als Anti-Vergangenheits-Verbrämungs-Experten für diese Seite verpflichten.

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Zahl der Woche – Folge XIV

Die Zahl der Woche lautet €24.000.000.

So viele Euro bezahlt der FC Barcelona für Thierry Henry. Nun weiß man weder, wie viel Handgeld der erfolgreiche Stürmer von Arsenal bekommt, noch, wie viel Gehalt er jährlich, monatlich, brutto, netto oder auch schwarz bekommt. Die reine Zahl 24 ist aber immer noch eine Million weniger als Bayern für einen nicht mal ein Viertel so großen Star bezahlt hat: Franck Ribéry kostet 25 Millionen Euro Ablöse. Wenn mich nicht alles täuscht, hat sich der selbst ernannte Großmeister der Verhandlungstaktik, Uli H., noch schlimmer über den Tisch ziehen lassen als damals beim Kauf von Roy Makaay.

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Geldgeile Geronten

Der eine ist noch gar nicht so alt, der andere schon, würde auch ganz sicher Viagra nehmen, wenn er denn Potenzprobleme hätte. Optisch ist der andere aber mindestens genauso alt, während beide geistig eher ziemlich unreif sind. Geistige Reife hat nichts mit Raffgier zu tun, sie auszuladen hingegen mit der Bekämpfung dieser. Man stelle sich vor, der Franz würde plötzlich richtig viel Geld nehmen für seine ZDF-Experten-Auftritte, während er in den Werbepausen über den Schirm flimmert und Geld bekommt für diese Auftritte, mit denen das ZDF die Millionen-Gage für jene Auftritte des Experten bezahlt. Wie schön, dass wir so unbananig sind bei uns. Südamerika halt:

Maradona und Pelé sind wegen zu hoher Geldforderungen von der Copa ausgeladen worden. Eigentlich hatten sie den Anstoß zum Turnier ausführen sollen.

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Tilkowski, Littbarski, Podolski

Zaczyk, Gablonsky, Schaletzki
Worpitzky, Abramczik, Zulkowski
Schlebrowski, Szymaniak, Borowski
Szepan, Hans und Otto Tibulski,
Cieslarzcyk, Glowatzky, Malecki
Willimowski, Sinkiewicz, Kobierski,
Ksienzyk, Urbanczyk, Zwolanowski,
Sawitzki, Herbert und Dieter Burdenski,
Grabowski, Juskowiak, Budzinsky,
Borowka, Adamkiewicz, Kwiatkowski.

Es gibt viel zu tun.

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Lieber Lothar

Du stellst Dir im Kicker-Interview selbst die entscheidende Frage: „Was mache ich falsch?“ — Die Antwort ist so kurz wie schmerzhaft: einfach alles.

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Unbekanntes aus … Aberdeen

… Aberdeen.

1983 gewann der FC Aberdeen den Europapokal der Pokalsieger mit 2:1 n. V. im Endspiel gegen eine damals kleine Mannschaft namens Real Madrid. Das ist wahrscheinlich bekannt, sind doch Europapokalsiege von schottischen Mannschaften so selten wie Auswärtssiege von Borussia Mönchengladbach, und deshalb um so leichter zu merken.

Weniger bekannt hingegen ist der Trainer, der an der Seitenlinie des FC Aberdeen stand und diesen zum Sieg trainierte: ein gewisser Alex Ferguson. Nicht verwandt und nicht verschwägert mit Fergie, dafür aber auch unter dem Namen „der Fön“ bekannt, was diese Werbung aufs Korn nimmt.

Übrigens war dies der letzte schottische Europapokalsieg bis heute.

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Cabezas cuadradas

Cabezas cuadradas — Quadratschädel. So nennen uns die Spanier laut einem Bericht in der taz. Ich für meinen Teil muss das — leider — bestreiten: Ich bin eher so der Ballschädel. Der Baade ist rund, wie gesagt. Auch wenn sich das eigentlich auf die Inhalte bezieht: Rund, ja, quadratisch, nein. Oder habt Ihr etwa einen Quadratschädel?

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Von der Schwierigkeit, Humor in Fremdsprachen zu erkennen

Ich bin leider kein Experte für die britische oder englische Kultur, auch wenn ich von ihr wesentlich mehr kenne als von der litauischen. Oder von der andorranischen, obwohl ich „Andorra“ als Theaterstück der damaligen Theater AG gezwungenermaßen ansehen musste. Ich habe es nicht bereut, schließlich war die weibliche Protagonistin nicht nur zwei Stufen über mir, sondern auch noch nur in ein Bettlaken gehüllt auf der Bühne. „Ich weißle, ich weißle.“ Und weil das lange vor dem Internet war und 14-jährige eben nicht einfach Zugang zu Pornographie hatten, riefen die Jungs aus der Stufe zwischen mir und der Protagonistin auch mehrmals: „Ausziehen!“ Über Andorra hab ich trotzdem nichts erfahren, was daran lag, dass es nicht um Andorra ging — „Andorra ist der Name für ein Modell.“

Leider weiß ich zwar Einiges über die englische Kultur, aber nicht genug, um mich als Experten für diese verkaufen zu können. Was ich aber weiß ist, dass eins der schwierigsten Dinge beim Fremdsprachenlernen ist, Humor zu erkennen und zu verstehen. Man versteht den Tonfall nicht so richtig, die Anspielungen versteht man ohne Hintergrundwissen schon mal gar nicht, und auch die Art, Witze zu machen, ist bekanntlich von Kultur zu Kultur verschieden. „Die Engländer lachen über Ironie, die Franzosen über Slapstick und die Deutschen lachen über alles.“, klärte mich mal ein Engländer auf. Ich lachte bewußt nicht nach diesem Satz.

Andere Länder, andere Witze. Und in den Kulturen, in die diese Witze von woandersher getragen werden, ist es meist gar nicht klar, was ein Witz ist und was nicht. Dass Noel Gallagher Manchester City für 400.000 Pfund kaufen will, ist jedenfalls unbedingt ein Scherz, nur ist er wohl den Schreibern der Weiterverbreitungsdienste dieser Nachricht nicht als solcher aufgefallen. „Noel Gallagher will Manchester City kaufen“, damit ist google zur Zeit voll, wenn man es sucht. Nein, das mit den 400.000 Pfund war ein Scherz. Aber das verstehen hier eben die wenigsten.

Die Protagonistin unserer Version von „Andorra“ wanderte übrigens später nach England aus. Kein Scherz.

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