Wahrscheinlich gibt es mehr als nur die zwei folgenden Gründe. Doch zwei Gründe, warum die Spiele als immer anstrengender empfunden werden, obwohl sie es objektiv wahrscheinlich nicht sind, liegen auf der Hand.
Erstens ist der Spielplan sowohl in den Bundesligen als auch in den Europapokalen so weit entzerrt, dass mittlerweile fast jede Partie einzeln auf dem Seziertisch liegt. Natürlich ist das nicht erst seit gestern so, doch zuletzt kam dann sogar noch die Aufweitung auf zwei Sonntagstermine in der Bundesliga hinzu sowie die Streckung sowohl von Achtel- als auch Viertel- und Halbfinale der Champions League auf jeweils nur ganz wenige Partien pro einheitlichem Termin.
Zweitens ist moppern oder auch nörgeln ansteckend. Und mit unseren tollen Echokammern namens Twitter oder Facebook, keine Ahnung wie es bei Letzterem ist, wird es immer mindestens einen geben, der gerade an einer Partie etwas zu moppern hat. Je mehr es sind, desto wahrscheinlicher wird es – vorausgesetzt diese Äußerungen werden von anderen Teilnehmern auch wahrgenommen – dass andere in den anschwellenden Chor der Nörgler einstimmen. Heute benötigt man ja nicht mal einen eigenen Nörgeltweet dafür, man klickt einfach auf Retweet und schon ist man Teil der Nörgelgruppe.
Ich will jüngere Leser – noch fühle ich mich dafür nicht alt genug – nicht mit den Vergleichen zu früher nerven, als eben ohnehin nicht jedes Spiel live sichtbar war, schon gar nicht mit jener Zeit, als noch das Gros der Spiele der Bundesliga zum einheitlichen Anstoßzeitpunkt am Samstag stattfand. Da aber erhielt per se jede einzelne Partie viel weniger Aufmerksamkeit. Und fiel auch nicht so ins Gewicht, wenn sie ein grausames 0:0 zwischen Arminia Bielefeld und Fortuna Düsseldorf war. Denn die anderen Partien wurden zeitgleich wahrgenommen und gerade wenn eine Partie wenig bot, wurde sie nicht gerade exponiert dargestellt.
Heute wird jede Partie unerbittlich über 90 Minuten plus x plus Aufbereitung ausgewalzt, egal, wie wenig sie inhatlich bot. Diese frühere Aufmerksamkeitsdiffusion ist jetzt einem Brennglas gewichen, mit dem man viel deutlicher sieht, wie schlecht Fußballspiele sein können, was sie eben oft sind – denn sie sind nun mal in voller Länge zu sehen.
Gepaart mit dem ungleich größeren Resonanzkörper, die Zahlen sind ja teils schwindelerregend, denn wer hätte früher mehr als 10 oder 15 Leuten gleichzeitig gesagt, dass er eine Partie nicht mag?, folgen selbst dem durchschnittlichen Popelstwitterer heute vierstellige Zahlen an Accounts, wird diese Wirkung ebenso exponenziell verstärkt. Da kann ein einziger Nörgeltweet schon gleich eine eigentlich mediokre Partie in den Abgrund ziehen. Und wie gesagt gibt es immer irgendeinen, der etwas zu nörgeln hat (anwesende Hausherrn nicht (nicht immer, aber eben nicht nicht immer) ausgenommen.)
Keine schöne Zeiten für all jene Partien, welche man nur aus Liebhaberei schaut. Wer ist schon wirklich Anhänger von mehr als zwei Vereinen gleichzeitig? Früher galt die beinahe zum Sprichwort gewordene Regel, dass gerade Spitzenspiele selten halten, was sie versprechen und meist gähnend langweilig sind, weil kaum jemand etwas riskiert. Das ist heute (gefühlt) seltener der Fall. Weil aber jede weitere Partie auch noch übertragen (und konsumiert, es wird ja keiner gezwungen) wird, entsteht der Eindruck, dass man eigentlich nur noch von langweiligen und irgendwie unästhetischen Spielen umgeben ist.
Zum Auflösen dieses Irrglaubens geht die Empfehlung raus, tatsächlich mal 90 Minuten Arminia gegen Fortuna von 1993 zu schauen. Wenn man es denn überhaupt durchhält. Die Qualität ist im Fußball allgemein enorm gestiegen, egal, ob man jetzt auf Taktikklugscheißerei, Technikgenuss oder auch schlicht auf Spannung steht.
Denn der 1. FC Nürnberg von heute würde wohl 1985 immer noch locker Meister werden. Die Sache mit der fehlenden Ausgeglichenheit ist dann wieder eine andere. Sie ändert aber nichts daran, dass man ein Sonntagsspiel zwischen dem 12. und dem 8. in den Abgrund nörgelt.
Da ist guter Rat teuer, sofern man weiter twittern und auch interessierter Fußballfan bleiben will.
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