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Monat: Juli 2011

Die entscheidenden Zentimeter nutzen

„Welche Augenfarbe haben Sie?“

„Äh …“

„Jetzt sagen Sie mir nicht, Sie wissen nicht, welche Augenfarbe Sie haben!“

Natürlich weiß man seine eigene Augenfarbe, aber es war ja nicht klar, welche Antwortmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Wenn man so wie hier gerade einen neuen Personalausweis beantragen will. Gab es nur reine Farben oder auch Mischformen? Die Basis war zweifelsfrei blau. So wie jeder Mensch zu Beginn seines Lebens zunächst mal eine Frau ist, hat auch jeder Mensch blau schimmernde Augen, mit denen er das Licht der Welt erblickt. Das ist sozusagen die Grundausstattung: weiblich, blaue Augen. Gar nicht mal unsexy für den Anfang. Bei den meisten ändert sich das allerdings noch, bei einigen nicht. Bei mir hatte es sich noch geändert, und zwar von blau zu blau-grau und wenn man nur lange genug in den vergrößernden Schminkspiegel blickte, konnte man auch noch ein bisschen grün erkennen.

War die Antwortmöglichkeit nun also auf „blau“ oder „grün“ begrenzt oder durfte man auch „blau-grau“ antworten oder vielleicht sogar die dreistufige Variante „blau-grau-grün“ nennen? Was wäre mit Menschen, die zwei verschiedenfarbige Augen besitzen? Die Dame vom Amt hatte ja nicht eröffnet, wie viele Zeichen in der Datenbank für diese Antwort reserviert waren. Also murmelte ich etwas davon, dass es „erstmal so an sich blau“ sei, womit die Dame schon zufrieden war und es in ihr nach Berlin zu versendendes Formular eintippte (eintippen ist das eigentliche Wort für den Vorgang, den nicht-digitale Eingeborene gerne mit „einhacken“ beschreiben).

„Aber wie groß Sie sind, das wissen Sie hoffentlich sofort?!“

„Äh …“

Sie verdrehte die Augen.

„Einsvierundsiebzig natürlich“, log ich nicht.

„Hier steht Einsdreiundsiebzig.“ Das konnte nicht sein. Hatten doch hauseigene Messungen vor Jahren schon ergeben, dass es EinsdreiundsiebzigkommaAcht waren, was bei kaufmännischem Runden ganz klar Einsvierundsiebzig ergab.

„Ich bin Einsvierundsiebzig, das war ich auch beim letzten Personalausweis schon.“

Die Länge des Körpers hängt zum einen von dessen Lage ab. Im Liegen ist er um bis zu zwei Zentimeter oder mehr länger. Zum anderen nimmt die Länge im Laufe des Tages ab. Die Verminderung beträgt etwa einen halben bis zwei Zentimeter.

Keine gute Idee, wie immer erst kurz vor Toresschluss zum Amt zu strömen. Glücklicherweise befand sich aber kein Maßband an der Wand. Es gab somit keine Möglichkeit, das kommaAcht einer Prüfung zu unterziehen. Weshalb sich keine weiteren Fragen ihrerseits mehr anschlossen, die Einsvierundsiebzig wurden weder wider- noch willig akzeptiert. Offensichtlich war ihr die Augenfarbe ein wichtigeres Anliegen. Womit man eine Größe verbrieft hatte, bei der Kicker-Redakteure immer noch gerne von „klein“ schreiben, selbst wenn der durchschnittliche deutsche Mann Einsachtundsiebzig und damit gerade einmal 2,3 Prozent größer ist als Einsvierundsiebzig. Wer bei der Körpergröße immer noch bei den mittleren fünfzig Prozent einsortiert werden kann, darf nur ohne Fug und Recht als „klein“ bezeichnet werden. Mag sein, dass der durchschnittliche Fußballprofi etwas größer ist, aber man muss nur die Namen Maradona, Häßler und Messi in den Raum werfen, um etwaige Zweifel abzubügeln. Sollte dann noch irgendwo eine Augenbraue zucken, schießt man schnell Puskás, Iniesta und Romario nach. Danach sollte allgemeines Augenbrauensenken einsetzen. Auch wenn die Genannten alle Feldspieler waren.

Wieder einmal hatte sich die Mannschaft für ein Freundschaftsspiel versammelt, wieder einmal hatten einige verpennt und erst Recht wieder einmal fand sich niemand, der ins Tor gehen wollte. (Für alle, die planen, selbst an einer Fußballmannschaft teilzunehmen: Es geht sehr wohl im Notfall ohne Schiedsrichter, ohne Torwart aber ist es nur sehr unschön zu ertragen.) Als jemand, der in der Schule im Handballtor eine durchaus auf jenem Niveau akzeptable Figur abgab, der im 5-Meter-E-Jugend-Tor nur mit leidlicher Präzision bezwungen werden kann und als jemand, der ungerne eine Partie fünf Minuten vor Anpfiff platzen lässt, weil keiner ins Tor gehen will, richteten sich alle Blicke auf mich.

„Leute, was wollt ihr, das hier ist Großfeld, die Tore sind 2,44 (!) Meter hoch. Im E-Jugendtor komm ich an die Latte dran, aber hier?!“

Die vorige Partie gegen den selben Gegner hatte wir mit nur 2:7 verloren, damals aber mit etatmäßigem Torwart. Also richtete ich mich darauf ein, alles zu tun, um eine zweistellige Zahl an Gegentoren zu verhindern. Wobei „alles“ hier hauptsächlich aus intensivem Zeitspiel samt Meckereien über Schiedsrichterentscheidungen hätte bestehen sollen. Innerlich war ich schon alle nötigen Schritte durchgegangen, nach Spielschluss sofort zum Auto zu sprinten, wo ich per Geheimknopf die Nummernschilder umklappen lassen kann. Ich würde die niederländische Variante wählen, über die Grüne Grenze fahren und mich für einige Wochen von den Mahlzeiten ernähren, die man aus dem Angebot der Supermärkte holländischer Campingplätze komponieren kann. Bis der Bart lang genug sein würde, um unerkannt wieder zurück nach Deutschland fahren zu können.

Erstaunlicherweise jedoch tat sich in punkto Ballausdemnetzholen: Nichts. Wir waren an dem Tag zwar mit einer personell stärker als sonst besetzten Abwehr angetreten, das bedeutete jedoch nicht, dass der Gegner nicht aufs Tor schoss. Wobei hier schon der Knackpunkt des Problems gefunden ist: Der Gegner schoss nicht aufs Tor. Er hatte zig Torschussgelegenheiten, verzog aber stets meterweit oder, noch merkwürdiger, schoss ständig weit übers Tor. Mit gutem Stellungsspiel als Torwart könnte man vielleicht die eine oder andere Kontersituation klären, auch mal einen in den Strafraum fliegenden Eckball herausboxen, aber bei einem platzierten Schuss knapp unter die Latte wäre man mit kommaAcht schlicht machtlos gewesen. Was dem Gegner sofort hätte auffallen müssen, denn gesprungen oder gehechtet bin ich an jenem Tag kein einziges Mal. Welle auf Welle rollte aufs Tor und jedes Mal dachte ich nur, wie offen diese 7,32m mal 2,44m hinter mir doch stünden, egal, wie gut ich mich zum Ball stellte, das müsse der Gegner doch sehen. Einfach nur oben ins Tor treffen, und es hätte geklingelt und geklingelt. Sie schossen drüber, vorbei, überhastet, daneben, unplatziert, fast zur Eckfahne, in die Wolken, wie man so schön sagt, und noch mal und immer wieder: übers Tor. Wir gewannen 4:0.

Womit wir bei der Frage wären, warum bei der Frauen-WM so wenig Tore gefallen sind, obwohl die Torhüterinnen doch alles dafür getan haben, das Tor vor allem in der Höhe so offen wie möglich zu gestalten und es unübersehbar war, dass dort eine Menge kommaAchter teilnahmen. Die Spielerinnen hätten aus allen möglichen Positionen einfach nur den Bereich zwischen Latte und Spannweite der Arme der Torhüterinnen plus Sprunghöhe treffen müssen. Sogar von Positionen aus, die nicht allzu nah am Strafraum liegen, wäre das problemlos möglich, wenn man denn die dafür nötige Schusstechnik beherrscht. Doch es war, wie es auch bei jenem Freundschaftsspiel war, das auf der einen Seite zu Null endete. Fred, der mit den Franzosen bangte, hat es treffend beobachtet.

Im Frauenfußball schießt man immer hoch. Immer. Und meistens drüber.

All diese Schüsse mögen den Versuch dargestellt haben, die nämliche Lücke anzuvisieren, welche die Torhüterinnen lassen. Allein getroffen wurde sie so gut wie nie.

Weshalb die Frage erlaubt sein darf, ob wirklich nur die Torhüterinnen so auffällig schlecht sind, und nicht auch die Schusspräzision der weltbesten Damen alles zu wünschen übrig lässt. Während ich in meinem, jenem Spiel erleichtert bis euphorisch — ein Shutout auf dem Großfeldtor und das mit kommaAcht — auf den Schultern der Mitspieler in die nächste Kneipe getragen wurde und mein Name in die virtuellen Annalen eingraviert wurde, dürfen sich die Frauen Torhüterinnen trotz nicht erhaltenen Treffern im oberen Bereich des Tores nicht darüber freuen, dass ihre Gegnerinnen so unpräzise schießen. Denn während man noch so schlecht zielenden Stürmern 24 Fehlschüsse verzeiht, so lange nur ein einziger Ball den Weg ins Tor findet, verzeiht man einem Torhüter jene eine verpasste Flanke samt spielentscheidendem Gegentor niemals. Das ist unfair, aber Fußball.

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Quark, Quark, Quark und Eifersüchteleien

Seine Chance, auch noch Europameister zu werden — welcher deutsche Nationalspieler ist schon Welt- und Europameister, doch nur die so [Link leider tot.] großen — verbaute er sich nicht durch mangelnde Leistung oder Form, sondern durch seine Äußerungen. Nach diesem Interview mit dem Spiegel war Schluss in der Nationalmannschaft, was wahrscheinlich niemand so richtig bedauert hat. Thomas Berthold himself nicht, Berti Vogts nicht, und die deutsche Fußball-Öffentlichkeit auch nicht.

Begrüßt wird an dieser Stelle hingegen außerordentlich, dass Thomas Berthold uns als historisch Interessierte nicht ahnungslos sterben lässt. Vielmehr gibt er preis, was zumindest aus seiner Sicht mitverantwortlich fürs „Scheitern“ (viele, insbesondere britische Fußballauswahlmannschaften wären froh, wenn sie auch nur annähernd so weit kämen bei Turnieren) der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 1994 in den USA war.

Stefan Effenberg und Bodo Illgner nämlich. Deren Eskapaden und Sonderwünsche, allerdings nicht explizit der Stinkefinger von Effe. Schuld war nach Bertholds Ansicht aber auch Berti Vogts, der sich bezüglich der Sonderwünsche der beiden Erstgenanten auf der, sehr kleinen, Nase herumtanzen ließ.

Klingt alles ganz gefällig und sachlich überzeugend, zumal Berthold während seiner Karriere weder durch Eierlosigkeit noch durch ausgemachte Bräsigkeit aufgefallen ist (Aktive und Liebhaber von Fortuna Düsseldorf werden diese Ansicht nicht teilen, aber das ist eine andere Geschichte), doch ist es ja noch bei jedem Menschen so, dass immer irgendjemand Schuld ist — nur nicht der gute Bekannte aus dem Alibert im Bad.

Am 18.12.1994 also bestritt Berthold sein letztes Spiel für die Nationalmannschaft, Gegner Albanien, Gegentor: Rrakli. Nur einen Tag später, am 19.12.1994, erschien dieses Interview. Und Aus war’s für einen verdienten Weltmeister, der (Jahrgang 1964!) noch voll im Saft stand. Wie man sich beim DFB eben seit jeher mit manchmal maulenden, manchmal meuternden Spielern schwer tut. 62 Länderspiele, 1 Tor, gegen die CSSR beim 5:1 im Jahr 1985, ein Mal Vize-Weltmeister, ein Mal Weltmeister. Kein Mal Europameister, was er 1996 sportlich noch hätte schaffen können. Auch kein Vize-Europameister, denn 1992 saß er gerade beim FC Bayern München auf der Tribüne herum und ruhte sich vom Golfen aus.

Eigentlicher Grund für diesen Beitrag war aber, so ist das beim Wilfing, die Frage, wer Rudi Völler den Spitznamen Tante Käthe verpasst hat. Das muss man klären, bevor die Erinnerung der Beteiligten verblasst. Zum Beispiel „Dixie“ Dörner kann sich ja bereits nicht mehr erinnern, wie er zu seinem Spitznamen kam. „Tante Käthe“ also, dessen Urheber war der Titelheld dieser Geschichte, als Rudi Völler mit nassen Haaren, nur mit einem Handtuch bekleidet, aus der Dusche stieg und es Thomas Berthold entfuhr: „Du siehst aus wie meine Tante Käthe.“

Falls jetzt noch jemand wüsste, ob Berthold tatsächlich eine solche Tante Käthe hatte, dann wäre ein weiteres Geheimnis gelüftet. Falls nicht, müssen wir mit den netten Zeilen aus dem Dezember 1994 vorlieb nehmen. Da äußert sich Thomas Berthold ganz allgemein zur Atmosphäre bei der WM 1994:

Bei der Weltmeisterschaft in Amerika hat auch jeder sein Süppchen gekocht. Geschmeckt hat es keinem.

Und spezieller zum Thema Effenberg samt dessen Stinkefinger:

Da war mehr passiert. Als Spieler mußt du wissen, wann Schluß ist, sonst geht der Respekt verloren. Effe konnte nie etwas eingestehen und sagen: „Okay, das war mein Fehler.“

Hätte man von „einem“ Stefan Effenberg auch nicht anders erwartet, aber es ist immer wieder schön, wenn damals Nahestehende diesen Eindruck auch bestätigen. Denn die eigenen Vorurteile über Bord werfen zu müssen ist stets sehr anstrengend und verbreitet den Hauch von einer Niederlage, mindestens schlechter Menschenkenntnis.

Zu guter Letzt noch ein Berthold-Zitat zu Bianca-Bodo Illgner und dem tatenlosen Berti Vogts:

[Illgner] hat es nie geschafft, sich auf das Wichtige zu konzentrieren. Ob die Ehefrau nach Malente kommen darf, kann bei der Vorbereitung auf eine WM nicht wichtig sein. Und da hat auch Berti Vogts Fehler gemacht. Er hätte sagen müssen: „Wenn das wichtig für dich ist, bitte schön, aber hier ist die Tür.“ Da hätte er ein Zeichen setzen müssen. Wir hatten genug gute Torhüter. Wir haben uns an Nebensächlichkeiten zerrieben. Darf die eine Frau das? Darf die andere jenes? Dürfen die Kinder zum Essen kommen? Quark, Quark, Quark, alles nur Eifersüchteleien.

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Die Trikots dieser Welt erraten

Endlich.

Endlich eine neue Prokrastinationshilfe.

Endlich mal wieder ein Spielchen, das den Klick dorthin überhaupt lohnt.

Man muss wohl einsehen, dass „echte“ Fußballsimulationen abgesehen von Roberto Baggios Magical Kick nun mal keinen Spielspaß ermöglichen können, dafür ist die Steuerung via Tastatur einfach zu unpräzise.

Wie schön, wenn es dann mal wieder eine andere Herangehensweise an die Aufgabe des Spielspaßes gibt, für welchen man kein Joypad oder Ähnliches benötigt.

Nur Wissen, davon benötigt man eine Menge.

[photopress:trikots_raten_1.jpg,full,centered]

Denn hier muss man raten.

Raten, welcher von vier Vorschlägen dem typischen Trikot eines Klubs oder einer Nationalmannschaft entspricht.

Dabei geht es nicht um die allzu simplen Aufgaben wie Nationaltrikot von Kroatien, Trikot von Ajax Amsterdam oder Trikot des FC Barcelona, sondern hier werden tatsächlich die Nerds ein wenig gefordert, wie allein die beiden Screenshots schon zeigen.

[photopress:trikots_raten_0.jpg,full,centered]

Wie gut, dass das Vergnügen nicht bereits nach den ersten 17 Durchgängen endet, weil sich die Fragen eben nicht wiederholen.

Man ist erstaunt, wie viele typischen Trikots von Mannschaften aus Europa und Südamerika man dann doch aus dem Eff-Eff kennt, unbewusst gelernt durch jahrelanges TV-Schauen. Was eigentlich bei weitem nicht so viel Vergnügen bereitet wie dieses Spielchen:

Trikots raten bei Jersey Maniac.

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Karaoke im Borusseum

Anders als im Schalke-Museum wird man bei einem Besuch im Museum von Borussia Dortmund, dem Borusseum, gleich von ein paar netten Damen empfangen, die gutes Gelingen und so weiter wünschen. Die Auskunft, dass ein Rundgang etwa eine Stunde dauere, je nach Detailverliebtheit, zeigt sofort, dass das Borusseum deutlich weniger umfangreich ist als das Schalke-Museum. Aber zunächst soll es hier ja nicht um einen Vergleich gehen, sonden um Fakten, Fakten, Fakten.

Harte Fakten, so hart wie die Dollar, die man bezahlen muss, um an der Eingangswand des Borusseums als edler Spender erwähnt zu werden: Nur wer mindestens 109,09 Euro überweist, erhält dort ein Namensschild. Zu viel für viele Dortmunder, denn die Liste der Spender ist recht überschaubar für einen Verein mit dem mit Abstand höchsten Zuschauerschnitt in der Bundesliga. Ein Promi fällt per Zufall dann doch sofort ins Auge, ein gewisser Joachim Król hat die nötige Eurogrenze wohl auch so gerade eben noch mit seiner Spende überwunden.

Dann geht es aber schon in medias res: Direkt an der ersten Station im kleinen Rundgang werden die Gesangskünste der Museumsbesucher getestet. Aus sechs verschiedenen Songs kann man wählen, welches Fußballliedgut man zu zweit, gegeneinander, in einer Karaoke-Box schmettern will. Dabei wird tatsächlich bewertet, wie gut man Tonhöhe und Tonlänge der Melodie trifft. Eine gelungene Sache zum Warmwerden mit dem Borusseum. Außerdem muss man feststellen, dass man damals im Musikunterricht eine solche Anzeige der Tonhöhe des eigenen Gesangs gut hätte benötigen können. Denn nach nur zwei Durchgängen versteht man, da ist das halbe Leben schon vorbei, wie das funktioniert mit den Tonhöhen, die die eigenen Stimmbänder produzieren können und sammelt sogar ein paar Punkte in der Karaoke-Wertung. „You‘ll never walk alone“ und „Heja BVB“ reichten dann aber doch nur zur CPU-gestützten Einschätzung eines „Möchtegerntalents“ und eines „Antitalents“. Immerhin.

Es folgen einige Videoschnipsel aus der Historie des BVB. Waren diese auf Schalke noch „mit Liebe gemacht“, sprich: eher von Amateuren geschnitten, sind die Videos im Borusseum so kurz, dass man gar keinen Schnitt benötigte. Szenen aus der bewegten Geschichte des Klubs, von denen man natürlich schon hundert Mal gelesen hat, sie dort aber auch im Bild zu Gesicht bekommt. Dass die Navigation spinnt und man nie weiß, welches Video man schon gesehen hat und wie man das nächste anklickt, kann eindeutig nicht an mangelnder Vertrautheit der beiden Tester mit der Bedienung technischer Geräte liegen. Prädikat verbesserungsbedürftig.

Nächstes Ausstellungsstück: ein riesiger, von Fans mit irgendwelchen Botschaften zusammengestellter Quilt. Sehenswerter als eine Kutte vielleicht, historisch aber so bedeutsam wie eine Tüte Rasensamen vom Spielfeld im Westfalenstadion. Wenn man schon mit derlei Nichtigkeiten aufwarten muss, wird das Damoklesschwert der Befürchtung, dass gar nicht viel mehr an Inhalten kommen wird, immer größer.

Es folgen weitere Videos mit diversen Fangesängen von Dortmund-Fans der verschiedenen Jahrzehnte. Bevor das Programm des Museums an Banalität dann nicht mehr zu unterbieten ist, erhellt das an die Wand gehängte, ausgefeilte und deshalb sehenswerte Stecknadelsystem zur Organisation des Dauerkartenverkaufs aus Zeiten ohne elektronische Datenverarbeitung die Gemüter. Da schwebt dann schon ein Hauch von Fußball-Nerdtum durch die Räume, aber weder kann man irgendetwas anklicken noch gibt es weitere Erläuterungen zum guten Stück, die über schnöde Beschreibung hinausgingen.

Auch im Borusseum steht eine Mini-Ausgabe einer Tribüne des hauseigenen Stadions. Wie auf Schalke ist also Teil des Museums, dass man in diesem Museum, welches sich im Stadion befindet, das Stadion darstellt, in dem sich das Museum befindet. Dabei würde ein Blick vom Museum aus ins Stadion genügen, um zu sehen, wie eine Tribüne des Stadions, in dem sich das Museum befindet, aussieht, statt eine Tribüne des Stadions, in dem sich die Tribüne befindet, die sich im Museum befindet, das sich im Stadion befindet, die das Stadion darstellen soll, in dem sich das Museum befindet, zeigen zu müssen.

Eins allerdings hat das Borusseum dem Schalke-Museum voraus: Es besitzt einen eigenen Derby-Bereich. Darin werden die herausragendsten Spiele und Szenen aus den vielen Partien gegen diesen einen westlichen Nachbarn gewürdigt. Allerdings nicht so, dass man es wirklich genießen könnte, denn wieder ist die Bedienung der Filme für an vor-, hin-, rauf- und runterspulen ermöglichende Netzvideos gewöhnte Menschen schlicht umständlich. Noch dazu wird man von diesen Bildschirmen verjagt, wenn eine Vorführdame mit offensichtlich gleicheren Gästen im Schlepptau, alle männlich, über 50 und zwar nicht mit Krawatte, aber doch sehr seriös dreinschauend, herbeieilt und diesen wichtigeren Gästen die Vorführung der Derby-Szenen wieder von Beginn an ermöglichen möchte.

Woraufhin man sich zum rechnergestützten Wiki begibt, gefüttert mit allen möglichen Daten und Fakten zur Vereingeschichte. Steht jedenfalls dran, selbst ausprobieren und in die Geschichte des BVB eintauchen ist leider nicht möglich, denn das rechnergestützte Wiki ist an diesem Tag kaputt.

Schließlich widmet sich das Museum der Geschichte des Westfalenstadions, von seinem Bau bis zu den verschiedenen Erweiterungen, zusammen mit einer Zeittafel mit parallelen Infos zur fußballerischen Geschichte wie eben zu den Ereignissen rund ums Stadion. Daneben finden sich Bilderreihen aus der Gründungszeit, wie dieser und jener Spieler nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückkam, auf welchen Äckern man gegen welche Gegner spielte und wie man gewann und verlor.

Einen Raum im Raum hat man Duplikaten der gewonnenen Trophäen gewidmet, zwangsläufig etwas größer als die selbe Rubrik beim FC Schalke 04, und dennoch erstaunlich: Abgesehen von der Meisterschale wirken alle Pokale deutlich kleiner als in der vom TV vermittelten Realität. Der Champions-League-Pokal gerade mal eine halbe Armlänge groß? Der DFB-Pokal irgendwo zwischen altbackenem Blumenpott und abscheulichem Geschenk der Gemeinde zur Kommunion? Selbst der Weltpokal nur mit dem Charme des Interieurs einer Autobahnraststätte im südlichen Frankreich des letzten Jahrhunderts? Merkwürdig, denn auch wenn die Pokale schön inszeniert und angestrahlt sind: Sie wirken wie von einem Pokalmacher erstellt, der am Wochenende stets zu seinen Eltern nach Lilliput fliegt.

Höhepunkt des gesamten Borusseums ist schließlich ein nachgebauter Raum der Gründungskneipe des BV Borussia 09, der Kneipe „Zum Wildschütz“, wo sich einst einige Jungs über die Anweisungen des örtlichen Pfaffen hinwegsetzten, dass man eben keinen Fußball spielen solle. Hier blitzt die Liebe zur eigenen Geschichte auf, die man an den vielen weiteren Stationen ein wenig vermissen lässt, selbst wenn der Nachbau deutlich auf dem Niveau der Kulisse von Dalli-Dalli steht, Sperrholz also, statt echte Kneipenatmosphäre zu vermitteln. Dennoch sehr heimelig.

Zum Abschluss wird ein Fanquiz kredenzt, das prüft, wie viele Details vom Rundgang man behalten hat, ohne in der Aufmachung an WWM-Stimmung heranzureichen. Selbst wenn man, so wie wir, alle Fragen richtig beantwortet, bekommt man weder den Eintritt zurück noch ertönt wenigstens eine Jubelfanfare. Trocken.

Eine gute Stunde braucht man also durchs Borusseum, welche man auch kaum noch hätte strecken können. Einzige Möglichkeit: die übrigen 4 der 6 möglichen Karaoke-Songs ebenfalls singen. Ansonsten hat man in dieser einen Stunde alles Dargebotene konsumiert, nicht ohne das dumme Gefühl, dass man Fußballvereins-Museen — trotz Karaoke — nicht neu erfinden kann. Und dass man als ausgeprägter Fußballfan eigentlich jede dieser Anekdoten schon mal gehört hat.

Fazit: Einskommafünf von fünf möglichen Rubbeldikatz-Punkten. Das geht besser, mit mehr Liebe zum Detail und trotz des sehr freundlichen Personals wirkt das Ganze etwas lieblos, ist die Klientel eines Fußballmuseums doch ohnehin schon der noch mal extra-fußballverrückte Teil der Grundgesamtheit Fußballinteressierter.

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Positiv ganz aufgelöst

Es ist wirklich eine irrelevante Randnotiz. Irrelevant im Sinne des sportlichen Erfolgs/Misserfolgs der Nationalmannschaft. Dennoch hat mich dieses Zitat ein wenig schaudern lassen. Der Trainer Manager des 1. FFC Frankfurt, Siegfried Dietrich, äußert sich bei der FR über seine Schützlingine, die er „berät“ und vermarktet, weil sie gerade vom HSV nach Frankfurt gewechselt ist.

Ich habe mit der Familie Kulig in der Nacht zu Sonntag mehrere Stunden verbracht, die ganze Familie ist im positiven Sinne auf die Tochter ausgerichtet — die waren völlig aufgelöst.

Schaudern natürlich nicht, weil Deutschland ausgeschieden ist. Auch nicht, weil irgendein vermeintlicher Visionär Kim Kulig berät, sondern weil die ganze Familie im „positiven Sinne“ auf die Tochter ausgerichtet ist. Man möchte da weder in der Haut der fünf Geschwister (zwei Brüder, drei Schwestern) noch in Situationen des Misserfolgs in jener der Tochter stecken. Man möchte sich auch gar nicht weiter gruseln, wie der Trainer Manager in Personalunion mit dem Berater sowie mit dem Vermarkter bei der Familie, die ganz positiv auf die Tochter ausgerichtet ist, im Wohnzimmer sitzt.

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Neulich, mit Kundschaft in der Agentur

Sie wollen ein, äh, Sommermärchen, Ausführung „reloaded“? Aber bitte sehr, da gehen wir ganz schnell durch die kurze Checkliste und Sie werden sehen, wie nah am Original die Version ist, für die Sie sich heute interessieren. Sie interessieren sich doch für das Sommermärchen reloaded? Fein, da hätten wir also:

  • Millionen vor dem TV ✔
  • Millionen weltweit vor dem TV – leider nein
  • diskutable Schiedsrichterleistungen ✔
  • total ausverkaufte Stadien – leider nein
  • Super-Sommer-Wetter (Variante „Kaiserwetter“) – leider nein
  • toller Abschied eines verdienten Nationalmannschaftskapitäns im Spiel um Platz 3 – leider nein
  • packendes deutsches Vorrundenspiel ✔
  • packende deutsche Vorrundenspiele – leider nein
  • republikweit volle Public-Viewing-Plätze – leider nein
  • gelungenes Marketing rund ums Turnier – leider nein
  • ein verdienter Weltmeister ✔
  • ein verdienter Halbfinalteilnehmer Deutschland – leider nein
  • Menschen aus aller Herren Länder zu Gast ✔
  • Menschen aus aller Herren Länder zu Gast, die nicht mit den Spielerinnen verwandt sind – leider nein
  • Spieler, die angesichts der Kulisse über sich hinauswachsen – leider nein
  • Spielerinnen, die angesichts der Kulisse einen Köttel in der Hose haben ✔
  • Große Abschiedsveranstaltung mit den deutschen Spielern in Berlin – leider nein
  • Torschützenkönig des Turniers aus dem deutschen Team – leider nein
  • Menschen reden in fünf Jahren noch davon, die Stimmung dieses Turniers wiederholen zu wollen – leider nein

Ja, gut, äh, Sie sehen, ich muss zugeben, es ist nicht ganz das Original. Ich würde Sie aber trotzdem bitten, dass Sie noch bis zum Ende des Turniers … hallo? So gehen Sie doch nicht schon, bitte, was sollen die Gäste … … hallo?

*Tür fällt zu*

*Wählgeräusche eines Handies*

Chef, sie wollen es nicht mehr. Ich fürchte, sie haben gemerkt, dass es nicht das Original ist. Was? Nein, leider Gottes, der Kunde eben hatte keine Deutschlandbrille mehr auf.

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Jörg Wontorra empfängt die Weltmeister 1990 am Frankfurter Flughafen

Während in der Gegenwart heute die ersten beiden Viertelfinals der Frauen-WM 2011 stattfinden, während das Finale in Frankfurt erst in einer Woche über die Bühne gehen wird, blicken wir etwas länger zurück in die Vergangenheit, auf den 9. Juli 1990, einen Tag nach dem 8. Juli 1990.

Die deutsche Nationalmannschaft kehrt unter Bundestrainer Holger Osieck und dem einen oder anderen Teamchefchen aus Rom zurück, mit dem Pokal in den Händen.

Einige Geschenke von den Journalisten (!) kommen hinzu. Andreas Brehme erklärt genau, wie das so war im Spiel, am damaligen gestern. Durchaus zuhörenswert, das alles.

Sollte die deutsche Frauennationalmannschaft Weltmeisterinnen werden, wird es übrigens keinen solchen Empfang am Frankfurter Flughafen geben — denn dann wären sie ja schon in Frankfurt.

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Jannik Sorgatz‘ Erstling ist raus
„So weit die Raute trägt“

Etwas untypisch für einen Schreiberling im und aus dem Netz besitzt Jannik Sorgatz gar kein total kreativ ausgedachtes Pseudonym, so wie Herr Wieland (welches ja ohnehin leider in einer dramatischen wie überflüssigen Entscheidung seinerseits beerdigt wurde) oder Trainer Baade, oder aber dann doch janus, der Frittenmeister, mars und die vielen weiteren Menschen, die ins „Netz“ — wie die Kids heutzutage sagen — hereinschreiben.

[photopress:so_weit_die_raute_traegt.jpg,full,alignleft] Dennoch macht er das schon ziemlich lange und wenn, dann ziemlich lange. Weshalb es ihm auch ganz leicht fiel, aus seinen Blogeinträgen ein Buch zu erzeugen. Der erste im Blogosquarium ist er damit nicht, denn janus hat schon gleich zwei drei Mal seine Beiträge zu Büchern verwurstet, Jannik allerdings ist gerade mal Anfang 20.

Dass er über Borussia Mönchengladbach schreibt, seine Beziehung zu diesem Preußensaftladen und über seine Erlebnisse mit Bier, Bahn und Belone, macht seine Ergüsse nicht weniger lesenswert. Weniger als was? Als sein Blog natürlich.

Das Ganze ist nicht nur ein Experiment, um zu testen, wie leidensfähig seine Leser sind. Denn leiden müssen sie ja erneut, wenn sie durch die komplette Hinrunde der Borussia 2010/2011 hindurch wollen. Werden allerdings, wie man weiß, am Ende auch erlöst.

Nein, es ist auch noch eine selbstlose Aktion von Jannik Sorgatz, der sich wochenlang lektorierend durch seine eigenen Texte gekämpft hat, nur um den Gewinn vom Verkauf seiner Bücher an einen Verein weiterzureichen, der als Träger der Arbeitsstelle von Janniks Bruders fungiert. Jener arbeitet zusammen mit anderen behinderten jungen Erwachsenen in einer Jugendherberge.

Dies als Kaufmotivation anzudienen ist aber völlig unnötig, denn „So weit die Raute trägt“ ist selbst für Nicht-Borussen höchst lesenswert, was nicht zuletzt an Janniks einzigartigem Stil liegt, seine subjektiven Emotionen und Beschwörungsrituale mit dem teils dilettantischen, aber hochdramatischen Geschehen auf dem Platz zu verweben. Sagt Trainer Baade, der es schließlich schon gelesen hat.

Bestellen sollte man das Buch hier.

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Hausaufgaben über die Sommerferien

Heute, liebe Kinder, gibt es eine besondere Hausaufgabe für euch, für die ihr allerdings auch die ganzen Sommerferien lang Zeit habt. Bitte schreibt eine Geschichte mit dem folgenden Beginn:

Maikel Aerts (35), der eben noch entspannt auf einem Stuhl im Garten des von Karl-Heinz Riedle und seiner Schwester Brigitte geführten Evviva-Hotels in Oberstaufen saß, beugt sich vor und sagt: „Wir sind Meister geworden. Mehr geht nicht.“

Denkbar sind natürlich alle möglichen Variationen von Agenten-Geschichten über obskuren Okkultismus in dieser Hotelkette mit dem esoterischen Namen bis zu der Entdeckung, dass Schwester Brigitte seit Jahren ein dunkles Geheimnis vor ihrem Bruder Karl-Heinz verbirgt. Irgendwelche Gründe muss es ja dafür geben, dass Aerts, eben noch entspannt, sich plötzlich nach vorne beugt und diese zwei ominösen, abgehackten Sätze in die Kamera spricht. Welche das sind, ist allerdings eurer Phantasie überlassen. Wir sehen uns dann nach den Sommerferien, und die beste Geschichte wird mit einem Sternchen prämiert. Ein mysteriöses Sternchen mit sechs Zacken, von denen einer auf magische Weise immer in Richtung Oberstaufen zeigt … !

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Widewidewitt

Jüngst ist dfb.de ein bedauerlicher Fehler in einem seiner Beiträge unterlaufen. Dort heißt es in Bezug auf die Resonanz der Frauen-FIFA-undsoweiter fälschlicherweise:

Dafür strömen an jedem Spieltag Tausende auf die Fanfeste und genießen das bunt gemischte Rahmenprogramm.

Leider sind da einige Wörter verrutscht. Richtig muss es heißen:

Dafür strömen an jedem Spieltag Tausende Tropfen auf die Fanfeste und vermiesen das bunt gemischte Rahmenprogramm.

Zumindest am Sonntag in Bochum wurden auf dem FIFA-Fanfest die ersten Tausend Genießer allerdings nur knapp verfehlt. Um etwa 960.

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DFB — Experten für Ganzjahresmärchen

Das Tolle an den Märchen, die dem Geneigten rund um den Fußball erzählt werden, ist, dass sie nicht mal besonders raffiniert komponiert sein müssen. Da darf man rumbehaupten, wie klimaneutral die WM ist, wie gut der Fußball für die Entwicklung der körperlichen Gesundheit chilenischer Bergbauernjungs ist und wie fair es im Fußball auch an der Basis so zugeht.

Nie überprüft es jemand.

Derartige Meme werden in die Welt gesetzt und überleben, weil sie nicht mal leisestem Zweifel ausgesetzt werden.

Da man diese Strategie verbandsseitig pläsierlich verinnerlicht hat, verfährt man anscheinend mit der stets zitierten Zahl von den 6 Millionen DFB-Mitgliedern, von denen wiederum 1 Million aktive Frauen und Mädchen seien, auf genau diese Weise. Die Zahl wird gerne verwendet, um den Boom des Frauenfußballs zu untermauern. Geprüft wird sie umso seltener.

Wie gut, dass sich dann doch mal jemand die Mühe gemacht hat, einen Blick auf die Entstehung dieser Zahlen zu werfen, wie in diesem Fall das Abendblatt.

Da wäre zunächst die Gesamtzahl der 6 Millionen DFB-Mitglieder.

Annähernd die Hälfte der beim DFB gemeldeten 6,7 Millionen Vereinsmitglieder sind gar nicht fußballerisch aktiv.

Ebenso ist die Zahl der aktiven Frauen weit übertrieben, was neben reinen Karteileichen, Menschen, die das Formular zum Abmelden nicht mehr finden, oder denen ihre Mitgliedschaft schlicht egal geworden ist, einen ganz besonderen Grund hat.

Viele Vereine melden ihre Gymnastikfrauen und Gesundheitssportler nicht in den Turnabteilungen, wo sie einen respektablen Beitrag für gut ausgebildete Übungsleiter an die Verbände zahlen müssen, sondern kostenlos beim Fußball. Dort messen sich Beiträge an der Zahl der Teams. (…) 400.000 der als Fußballerinnen gemeldeten Vereinsmitglieder üben weder den Innenspannstoß, noch praktizieren sie die Abseitsregel.

Das erklärt auch die relative Einsamkeit beim außerhäusigen Betrachten der WM. Es gibt gar keine Million Spielerinnen.

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Nach der Gender- die Gerontoproblematik

Wer sich an ansprechenden Betrachtungen zu den Spielen der Frauen-WM mit deutscher Beteiligung laben will, sollte sein Internetinhaltewiedergabegerät zum Beispiel zu freitagsspiel oder zu angedacht lenken.

Hier kann es das nicht geben, denn die Schwierigkeiten beim Eröffnungsspiel haben sich noch verschärft. Jener nämliche Laden vom Tag der Partie im Berliner Olympiastadion ist pleite gegangen und hat mit Stichtag 30.6. die Pforten geschlossen. Bleiben nicht mehr allzu viele, die überhaupt in Frage kommen, Frauenfußball zu zeigen. Die erste Alternative überzeugte beim Spiel gegen Nigeria deshalb nicht, weil der Laden — obschon nicht allzu barock in der Aufmachung — nur von Menschen jenseits der 50 besucht wird. Die zweite Alternative, gestern gegen Frankreich getestet, überraschte beim Annähern mit großem Lärm und Unmengen an, auch jungen, Menschen, die sich trotz der Temperaturen freiwillig im Innern der Kneipe und nicht im Biergarten an der frischen Luft aufhielten. Heißa, das versprach ein Spaß zu werden, endlich WM-Stimmung, wie man sie sich als passiver Teilnehmer wünscht.

Noch dazu mit Frankreich ein spielstarker Gegner, in Mönchengladbach eventuell sogar etwas dem Fußball näheres Publikum als in Berlin, die passenden Zutaten also. Das Publikum in der Kneipe selbst schien in höchst freudiger Erwartung zu sein, alle sprachen durcheinander, sicher ging es um die Frage, ob Birgit Prinz in der Startelf stünde oder wer ihr Ersatz sein würde, die Stimmen drangen laut nach draußen, zu verstehen waren sie aber nicht. Außerdem war die Lokalität sogar von außen erkennbar mit einigen Länderfahnen geschmückt — es war also alles angerichtet für einen perfekten Fußballabend.

Bis man die Tür des Gewerbes öffnete, die Augen schon wieder keine Leinwand erblickten und der Quizmaster des Abends sein Mikro ergriff, die erste Frage in die Runde warf, woraufhin das Diskutieren und der dazugehörige Lärmpegel weiter anschwollen und man wiederum ohne Bewegtbilder der WM von dannen ziehen musste. Merke: Wenn man Kneipiers eine Woche vor der Frauen-WM fragt, ob sie denn wirklich alle deutschen Spiele der Frauen-WM übertragen, gilt das Bejahen dieser Frage nur für jene Tage, an denen nicht andere, alteingesessene und definitiv publikumsträchtige Veranstaltungen stattfinden.

Erneut verpasste der Autor also auf dem Weg zur dritten Alternative den Beginn des Spiels und seine Laune wollte sich angesichts des sich stets wiederholenden Procederes des hektischen Ortswechsels vor Anpfiff auch nicht allzu schnell erholen, obwohl die Partie selbst alles Nötige dazu bereit stellte.

Wieder nur ältere Herren im Publikum dieser Schänke, von eher 60 Lenzen aufwärts, war immerhin hier das WM-Spiel tatsächlich das Zentrum des Interesses. Eine kleine Entschädigung, das Publikum schaute endlich das Frauenfußballspiel und zwar nur das Frauenfußballspiel. Nicht unter dem Tisch heimlich die Apothekenrundschau und auch nicht in Wahrheit die Frauen. Einem besonders lauten Exemplar an Zuschauer war neben den vielen Toren für die Deutschen auch noch jede gelunge Flanke einer deutschen Spielerin ein „So geht Fußball!“ oder „Das ist Fußball!“ wert, kaum zu überhören, dass er es im elendigen Vergleich mit dem Männerfußball verstanden wissen wollte. Dennoch erhöhte seine Begeisterung für das Gesehene auch diese der Umstehenden dramatisch.

Jene Begeisterung, die beinahe überzukochen drohte, als nach dem 3:1 auch noch der Anschlusstreffer fiel, welcher wiederum mit einem Tor beantwortet wurde. Ehe die Gefahr zu groß wurde, dass einer der Anwesenden wegen der berechtigten Aufregung mit Herzinfarkt umkippte, entschied der Chef der Gaststätte allerdings mit einem kurzem „So, das reicht jetzt“, dass man zwar gerne Frauenfußball schauen könne, Interviews mit den Spielerinnen nach Abpfiff dann aber doch niemanden mehr interessieren.

„Mach doch mal wieder Heino an.“

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Mal wieder Murmeltiertag

Es hat nicht lange gedauert, bis klar war, welchen Akzent diese Frauenfußball-Weltmeisterschaft setzen würde. Die Torhüterinnen prägen das Championat mit ihren hilflosen, ziemlich dürftigen Fangübungen. Nahezu jede Torfrau hat sich einen Faux-pas geleistet (…).

Die taz, allerdings im Jahr zweitausendundsieben.

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