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Kategorie: EM 2012 – Noch ist Polen nicht verloren

Die Ukraine schon eher

Grenzenlose Dummheit

Natürlich geht Dummheit über alle Ländergrenzen und vor allem vor großen Turnieren kommt sie am liebsten in den Ausrichterländern zum Vorschein. 1998 in Frankreich war es Le Pen mit seinen Äußerungen zum französischen Team, in dem angeblich keine Franzosen spielten. 2006 war es in Deutschland die NPD mit Bezug auf Patrick Owomoyelas aus ihrer Sicht mangelndes Deutschsein, und in Italien braucht man nicht mal ein großes Turnier, um Mario Balotelli wegen seiner afrikanischen Abstammung anzufeinden: Stimmen, die die Ansicht verbreiten, dass bestimmte Menschen keine richtigen Bürger eines Landes seien, weil sie nur eingebürgert sind, gibt es offensichtlich überall. Und wo steht gerade ein großes Turnier an?

In Polen hat sich der Torwart der WM-Elf von 1974, Jan Tomaszewski, anlässlich des Tests zwischen Polen und Portugal in einem TV-Interview geäußert, dass er kein Spiel der polnischen Nationalmannschaft mehr ansehen werde, so lange so viele Verbrecher, Deutsche und Franzosen darin mitspielten.

Verbrecher sind seiner Ansicht nach Spielmanipulierer vom Schlage eines Lukas Piszczek, Franzosen solche eingebürgerten Spieler wie Damien Perquis und Deutsche und somit keine Polen sind natürlich namentlich Eugen Polanski und Sebastian Boenisch.

Zufällig, man hätte es kaum vermutet, ist Tomaszewski Abgeordneter der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“. Eine schöne Tradition im Weltfußball, dass auch die Idioten ihn stets als Bühne für ihre nationalistischen Zwecke missbrauchen. Der beste Zeitpunkt, diese zu brechen, wäre vor ihrer Entstehung gewesen, der nächstbeste Zeitpunkt ist immer jetzt.

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Une soirée à Brême
Deutschland — Frankreich 1:2

Ein neuer Beitrag aus der Reihe „EM 2012″, die hier unter dem Motto „Noch ist Polen nicht verloren“ firmiert, der ersten Zeile der polnischen Nationalhymne. Und Recht hat sie, schließlich hat die EM noch gar nicht angefangen.

Ein Rückblick ganz der Reihe nach, wie es so war, am Mittwoch Jeh-roh-meh Boateng beim Nachdenken zuzuschauen, Franck Ribéry beim Divenmarkieren und Tim Wiese dabei, von seinen Heimfans gefeiert zu werden. Achja, und, ein beinahe in Vergessenheit geratenes Gefühl: Nicht nur in Ansätzen graupiger, man möchte fast sagen ein wenig fischiger Fußball von der deutschen Nationalmannschaft. Fangen wir vorne an.

Bahnhof Brême

[photopress:bahnhof_bremen_1.jpg,full,alignright]In Bremen ist man so stolz auf sein Werder, dass man die Werder-Fahnen schon im Bahnhof zur Begrüßung der Anreisenden aufhängt. Eine wieder mal äußerst ignorante Angelegenheit, nicht gegenüber den französischen Fußballfans, die, wie wir gleich sehen werden, in rauen Mengen anreisten, sondern gegenüber all jenen Bahnreisenden, die sich nicht für Fußball interessieren.

[photopress:werder_fahnen_1.jpg,full,alignleft] Mir ist das immer so ein wenig unangenehm, wenn man in eigentlich neutralem Setting die Menschen mit Fußballthemen bombardiert, ob nun in der Werbung, hier im Bahnhof oder meinetwegen, wenn Politiker Reden schwingen. Es gibt auch noch Menschen, die nichts mit dem Ausdruck „Werder Bremen“ anfangen können, und man sollte etwas mehr Rücksicht auf diese wenn auch kleiner werdende Randgruppe nehmen.

Bei Werder-Fahnen allein bleibt es im Bahnhof Bremen aber nicht. Denn was ein echter Marketender im Jahre 2012 ist, der lässt sich natürlich nicht lumpen, nicht nur die Brötchen mit Werder-Logo offiziell zu lizensieren, sondern gleich den Laden mit, in dem die Brötchen verkauft werden.

Nur echt mit dem Zusatz „offiziell“:

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Auf dem Vulkan tanzende Biere

Mit dem Testspiel heute gegen Frankreich geht es langsam in die vorletzte Kurve Richtung EM 2012. Da ich selbst in Bremen im Stadion weilen werde, kann ich heute nichts dazu bloggen, weshalb ich eine andere Geschichte erzähle.

Ich war jung, ich brauchte das Geld. Nicht dass ich solches jetzt nicht mehr brauchen würde, aber ich bin nicht mehr jung. Und das ist gut so. Denn dass ich nicht mehr so jung bin wie 1996 ist in vielerlei Hinsicht gut, für diese Zwecke hier aber vor allem in einer.

Nie wieder würde ich eine Schicht ganz gleich wie gut bezahlter Arbeit annehmen, wenn ein Finale eines großen Turniers am selben Tag ansteht. Selbst wenn, wie im Falle von 1996, die Arbeit in einer Kneipe mit Großbildleinwand und perfektem Blick auf das Spiel zu verrichten ist. Doppelter Lohn, wegen des großen Andrangs aber vierfache Arbeit und kaum Zeit, das Spiel ernsthaft zu verfolgen. Wie gesagt, das Gute am Nichtmehrjungsein ist, dass man die meisten Fehler bereits begangen hat und im Normalfall nicht wiederholt. Naiv wie ich war, dachte ich, dass doch sowieso niemand während des Spiels Bier bestellen würde, schließlich müsste man genau dann ja das Spiel verfolgen und würde nur in der Halbzeitpause und vor dem Spiel bestellen.

So aber hatte ich an jenem 30. Juni 1996 Thekendienst in einem der wenigen akzeptablen Läden meiner Heimatstadt und die Massen waren schon in der Woche zuvor anlässlich des Halbfinals gegen England in rauen Mengen in den Laden geströmt. So rau, dass manche Leute bis in den Flur stehen mussten und wohl nur die Hälfte des Bildes sahen. Also auch nur den halben Andy Möller, wie er an einer der Eckfahnen des Wembleystadions den jubelnden Pfau gab, der durchaus dazu geeignet war, die englischen Fans in ihrem Heimstadion zu provozieren. Anlass war natürlich das gewonnene Elfmeterschießen gegen den Gastgeber und das war wohl der einzige Tag im Leben des Andy Möller, an dem ihn alle Fußballdeutschen mochten.

Jedenfalls war der Laden auch am Tage des Finales proppevoll und das wirklich Neue am Public Viewing ist eigenlich nur der Umstand, dass es draußen stattfindet. Rudelgucken an sich war auch damals schon üblich, 1990 zum Beispiel im Kino (nicht ich, aber andere) und 1996 eben in dieser Kneipe. Als der Tag begann, war Oliver Bierhoff übrigens noch nur ein Ergänzungsspieler, den kaum einer kannte, weil er seine Karriere in Italien vorantrieb. Bekanntlich war das zwei Stunden nach Anpfiff völlig anders. Ohne diese beiden titelbringenden Tore wäre er vielleicht jetzt kein Manager der Nationalelf geworden, weil er es gar nicht erst zum Stammspieler in der Nationalmannschaft gebracht hätte.

An den Spielverlauf selbst habe ich wenig Erinnerungen, obwohl immerhin nur alle 2 Minuten der Griff an den Kühlschrank nötig war. Schwieriger waren da die Bestellungen im „Saal“, wo Stuhlreihen dicht gedrängt vor der Leinwand aufgereiht waren und die Gäste immer wieder nach großen Bestellungen riefen, die kellnerlike auf einem Tablett hingeschafft werden wollten. Was auch ganz gut gelang, wenn auch mit Mühe, denn natürlich sprangen immer wieder alle auf, wenn sich eine Torchance für die Deutschen abzeichnete.

Dass es Matthias Sammer war, damals Mit-, heute Gegenspieler von Oliver Bierhoff, der den Foulelfmeter zum 0:1 durch Patrik Berger verursachte, musste ich tatsächlich nachlesen, nicht aber natürlich den Ausgleich durch den Danone-Boy. Zum Zeitpunkt des 1:1 war ich gerade in Sicherheit und nicht in der Masse der Menschen mit einem Tablett unterwegs. Da sich die kleine Pointe der Geschichte jetzt schon abzeichnet, rasch weiter zu ihrem Ende: Verlängerung, nachdem Bierhoffs Ausgleich alle erleichtert und daran erinnert hatte, wieso man auch hierhin gekommen war: zum Biertrinken.

Große Bestellungsrunde, auf ins Getümmel und als ich mitten in den Zuguckern stand, fiel nach nur 5 Minuten in der ja nach Golden-Goal-Regel gespielten Verlängerung das 2:1-Siegtor für Deutschland. Ich befand mich mit einem Tablett rundum voll mit Bier in dieser Menge, die aufsprang und den Raum hüpfend und jubelnd zum „Tollhaus“ werden ließ, während ich in artistischer Manier die wertvolle Ladung rettete, indem ich sie erst hoch über allen Köpfen hielt und im nächsten Moment samt Tablett in Richtung Fußboden abtauchte.

Was für ein Triumph! Deutschland Europameister, und alle Biere gerettet, die mir danach trotzdem aus den Händen bzw. vom Tablett gerissen wurden. Die Menge strömte auf die Straßen, wo nur Sekunden nach Abpfiff schon ein Autokorso begonnen hatte. Da ruckzuck fast niemand mehr in der Kneipe anwesend war und der Chef die Stellung hielt, schaffte ich es ebenfalls in eines der teilnehmenden Autos und merkte, dass man irgendwie schlecht jubeln kann, wenn die Menschen alle getrennt voneinander im Auto sitzen. Das bisschen Hupen ist da eher so lala. Mein erster Autokorso als Insasse, und bis heute auch mein letzter. Aber immerhin als doppelter Sieger: Die auf dem Tablett tanzenden Biere nicht in den Vulkan fallen gelassen und eben Europameister.

Und jetzt Ihr: Wo und wie habt Ihr den letzten Titelgewinn 1996 erlebt?

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Infografik: Die Aussterbenden von der roten Rebsorte

Das Thema ist schon mehrfach überall durchgekaut worden, allerdings noch nie so anschaulich wie hier: Die unsägliche Erweiterung der Teilnehmerzahl der Europameisterschaft von 16 auf 24 (von 53 UEFA-Mitgliedsverbänden).

Neben dem Nachteil, dass dann im laufenden Turnier völlig sinnfreie Intergruppenvergleiche herangezogen werden müssen, um die vier besten Gruppendritten zu ermitteln, ist auch die Frage, welchen Zweck dann überhaupt noch Qualifikationsspiele haben können, eine, die die Menschen im Fußball-Blogosquarium bewegt. Schließlich nimmt dann über den Daumen gesehen jedes zweite Land auch am Endturnier teil und die Großen können ohnehin so gut wie gar nicht mehr vorher ausscheiden.

Der Spielbeobachter ist ein sehr freundlicher Mensch, kein Wunder, ist er doch Rheinländer aus Kölle. Er nahm Bezug auf die von mir gerade bei Twitter erwähnte Grafik der Teilnehmer der aktuellen Europameisterschaft 2012 und erweiterte sie visuell um die in den Playoffs unterlegenen Mitgliedsverbände sowie um die vier besten Drittplatzierten der Qualifikationsgruppen.

Blau nimmt teil, rot ist raus.

Womit man bei 24 Teilnehmern wäre, wie man sie 2012 hätte, wenn man die tatsächlich stattgefundene sportliche Qualifikation berücksichtigt.

Offensichtlich ist, dass man vor allem nichts sieht, die roten Lücken der Nichtqualifizierten sind mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen.

[photopress:em_teilnehmer_2016.png,full,centered]
Urheber: Nitroxium

Dass es aus Deutschland kommend und für die deutschen Farben (im Fußball) seiend leicht ist, sich fußballchauvinistisch über diese Änderung zu mokieren, während nun endlich auch schwächere Nationen am Endturnier teilnehmen können, kann das erlauchte Gremium zur Bewertung der Teilnehmerzahl bei Europameisterschaften leider nicht gelten lassen:

Wettbewerbe, in denen man nicht verlieren oder ausscheiden kann, sind nicht mal was für Kinder.

Sondern leider, die Darstellung macht es sehr anschaulich, für TV-Stationen und die Konten von Fußballverbänden.

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Klassiker des außerdeutschsprachigen Raums sind gar nicht so häufig, wie man angesichts des allgemeinen Hoch- und Runterjubelns meinen könnte

Huch, es gibt tatsächlich noch andere Nationen, die mitspielen? Die sogar selbst schwere Gruppen haben können, obwohl Deutschland nicht dort hinein gelost wurde? Und deren Gruppenhighlight-Spiele es sich anzusehen lohnt? Ach komm, heutzutage spielen diese Mannschaften doch ständig in allen möglichen Wettbewerben gegeneinander.

Nun, das stimmt natürlich. Jedenfalls sofern man genau 6x in 110 Jahren als „ständig“ empfindet, hätte man mit dieser Einschätzung recht. Anderenfalls nicht. Entscheiden Sie selbst.

England – Frankreich

EM 1964
England-Frankreich 1:1
Frankreich-England 5:2

WM 1966, Vorrunde Gruppe A
England – Frankreich 2:0

WM 1982, Vorrunde Gruppe 4
England – Frankreich 3:1

EM 1992, Vorrunde Gruppe 1
England – Frankreich 0:0

EM 2004, Vorrunde Gruppe B
Frankreich – England 2:1

Spanien – Italien

WM 1934, Viertelfinale
Italien – Spanien 1:1 n. V.
Italien – Spanien 1:0

EM 1980 Gruppe 2
Spanien – Italien 0:0

EM 1988 Gruppe 1
Italien – Spanien 1:0

WM 1994, Viertelfinale
Italien – Spanien 2:1

EM 2008, Viertelfinale
Spanien – Italien 4:2 n. E.

Elendiger Fußball-Kultur-Chauvinismus („… und jetzt wird es spannend, jetzt kommt die deutsche Gruppe …“) — dies ist eine Kampfansage (klein).

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EM-Auslosung live aus dem Jerusalem des Ostens

Gruppe A Gruppe B Gruppe C Gruppe D
Polen Niederlande Spanien Ukraine
Griechenland Dänemark Italien Schweden
Russland Deutschland Irland Frankreich
Tschechien Portugal Kroatien England

[liveblog]

Topf 1
Niederlande
Spanien

Topf 2
Deutschland
England
Italien
Russland

Topf 3
Kroatien
Griechenland
Portugal
Schweden

Topf 4
Dänemark
Frankreich
Tschechien
Irland

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Zufällig zusammengekleistert?

Soll das neue dänische Trikot zur Euro 2012 an den Erfolg der aktuellen deutschen Nationalmannschaft anknüpfen oder sind das durch einen Fehler einfach Heim- und Auswärtstrikot in Einem?

Sehr merkwürdig, das neue Trikot zur EM 2012 von Dänemark.

Ich sage jetzt nicht, dass die Exemplare von Hummel besser waren als jene vom aktuellen Hersteller. Aber vielleicht lass ich drüber abstimmen …

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It’s the end of the world (as we know it)

Wenn man sich einmal drauf verlässt, geht’s natürlich schief. Nicht die Tatsache, dass die Autoren der Titelzeile sich jüngst getrennt haben, ist hier gemeint. Der Haken auf der Lebensleistungsliste beim Punkt „R.E.M. live sehen“ ist ohnehin schon seit jenem Sommer 1995 am Dürener Badesee gesetzt (zusammen mit den „Cranberries“, örx), sondern die Geldmachwut der der FIFA angehörenden UEFA. Um nichts Anderes kann es doch bei der Änderung der Modi der Europameisterschaft gehen als um noch mehr Geld und noch mehr Aufmerksamkeit und darauf folgend wiederum Geld.



Nun ist Geld zu verdienen und Aufmerksamkeit für die Sportart des Verbands zu erzeugen ja nichts per se Schlechtes, zumindest Letzteres ist der eigentliche Zweck einer solchen Einrichtung. Doch wie man dabei immer mehr den Ausverkauf des Länderfußballs in Richtung Vereinsfußball mitmacht, ist am Ende des Tages dann ein schönes Eigentor.

Ja, ich bin persönlich beleidigt und entsetzt. Gräme mich und denke darüber nach, den Fußball als Passiver an den Nagel zu hängen, wenn die Szenarien, die allesaussersport skizziert, eintreten sollten.

Ich hatte vor Kurzem noch irgendwo aufgeschnappt, dass die UEFA den Umfang der Qualifikationsgruppen für die zukünftigen Europameisterschaften, bei der die Teilnehmerzahl von 16 auf 24 (von 53) erhöht worden ist, nicht verändern würde. Einzig, dass nun eben die ersten beiden Teams einer 6er- oder 5er-Gruppe automatisch qualifiziert sein würden und statt wie früher die Zweitplatzierten jetzt die Drittplatzierten untereinander Playoffs austragen würden, um auf die 23 oder 22 benötigten Qualifikanten zu kommen.

Während es durchaus Gründe gibt, zu begrüßen, dass endlich einmal Finnland, endlich wieder Wales und endlich einmal ein richtiger Kleiner an einem großen Turnier teilnehmen können, ist die Möglichkeit, dass einer der Großen wie England, Frankreich, Italien oder vielleicht Kroatien in der Qualifikation scheitert, damit fast bei Null, was den Trend (Wiedereinführung der Relegation, Setzen bei Playoffs) zur Ausschaltung dessen, was den Fußball abgrenzenderweise so spannend macht, des Zufalls nämlich, weiter verstärkt. Und ein Zuschauen unattraktiver macht, sofern man nicht der Auffassung ist, allein ein Finale FC Barcelona gegen Manchester United respektive Deutschland gegen Spanien sei sehenswert und genügte den eigenen Ansprüchen daran, mittels Identifikation mit künstlich aufgebauten Stars die eigene, nicht existente Großartigkeit auszuleben. Auch wenn Europameisterschaften anders als Champions Ligen nicht jährlich stattfinden und somit die Gefahr des Sättigungseffekts nicht allzu groß ist: Eine Veranstaltung mit immer weniger sportlichen Überraschungen wird, nein ist auch immer weniger sportlich interessant.

Nun liest man bei allesaussersport die aktuellen Pläne, welche hoffentlich nicht so heiß gegessen werden, wie sie die Ohren beim Lesen machen:

Der vorgeschlagene Modus sieht in einer knapp ein Jahr dauernden Gruppenphase 13 Vierer-Gruppen vor. Die 13 Gruppensieger plus Gastgeber (= 14) qualifizieren sich. Die 10 anderen Qualifikanten werden in zwei Playoff-Runden aus den verbliebenen 39 Teams ausgesiebt.

Die qualifizierten Gruppensieger sollen als Beschäftigungstherapie ein Turnier mit 16 Mannschaften ausspielen (13 plus Gastgeber plus zwei Wild Cards). Um was dabei gespielt wird, abgesehen von der Goldenen Ananas, ist nicht klar.

Das ist in so vielerlei Hinsicht zum Mageninhalte Ausstoßen, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Wo man aufhören soll, hingegen schon. Ist das jetzt eine Alterserscheinung von mir, da das Blog ins 6. Jahr geht und ich einfach gerne jeden Tag mein Wiener Schnitzel haben, „keine Experimente!“ mehr sehen möchte und ohnehin jeder Veränderung ablehnend begegne? Oder habe ich meinen gesunden Fußballmenschenverstand noch behalten und sehe darin eine vollkommen den Sitten des europäischen Fußballs ferne Abwandlung („ein Mini-Turnier mit Wild Cards!!einhundertelf!!millemillionsdemillesabords!!!“), die durch nichts außer die zu erzielende Kohle zu rechtfertigen ist und dabei den Geist des Fußballs zerstört?

Anders gefragt: Wenn solche Sperenzken die Regel werden, habe ich keine Lust mehr auf das „Premium Produkt“. Gleichzeitig lese ich gerade verstärkt Bücher über die Historie bestimmter Fußballklubs. Und in beinahe jedem Gespräch mit ehemaligen Größen eines Vereins äußern sich diese dergestalt, dass der heutige Fußballstil nicht mehr ihre Sache sei, sie mögen es einfach nicht mehr so wie früher, als man mehr A, B und vor allem C hatte und erlebte, welches ja durch kein Geld der Welt aufzuwiegen sei. Dabei spielt es allerdings keine Rolle, in welcher konkreten Ära der Ehemalige gespielt hat. Jeder findet nur den Fußball aus Zeiten seiner eigenen, frühen Adoleszenz gut. Alles, was danach kommt, ist aus der Sicht der Ehemaligen Murks und nicht mehr des Ansehens wert.

Ich weiß also gerade nicht, wo mir der Kopf steht: Werde ich einfach nur einer dieser nörgelnden alten Menschen, die mit Veränderungen nicht mehr klarkommen? Oder ist dieser angedachte Qualifikationsmodus, der hoffentlich nur ein Alptraum bleibt, aber niemals Realität wird, nicht doch tatsächlich totaler Mist, Scheißdreck und Käse?

Mich von R.E.M. zu lösen, ist mir schließlich auch kinderleicht gelungen, nachdem sie ganz wie die ewig gleichen Paarungen in der Champions League ebenfalls immer wieder die selben Songs, nur in anderen Tonarten geschrieben haben. R.E.M. haben sich folgerichtig aufgelöst. Es ist zur Stunde nicht bekannt, für wann die UEFA dies für sich und ihre Europameisterschaft plant. Wenn man sich die verlautbarten zukünftigen Qualifikationsrunden und Turniermodi anschaut, darf man allerdings annehmen: Sehr bald.

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Playoffs mit Teilnehmern aus Europa

Folgend eine Aufstellung aller je mit Teams aus Europa stattgefunden habender Playoff-Spiele für die Qualifikation zu einer EM oder WM.

Eigentlich sollte es nur um die WM-/EM-Playoffs der UEFA aus jüngerer Zeit gehen, sprich seit der WM 1998, als diese Playoffs in großem Umfang eingeführt wurden. Wenn man dann aber einmal dabei ist, sieht man, dass diese Erfindung schon lange existiert und insofern gar nicht so merkwürdig ist, wie sie auf den in 1980er Jahren Fußballsozialisierten heute immer noch wirkt.

Obschon sie natürlich begrüßenswert ist: Jede auf sportlichem Wege durch den Ausgang eines Spiels zustande gekommene Entscheidung ist besser als eine mit irgendwelchen ominösen Torkoeffizienten oder Fairplaywertungen oder — im Prinzip noch absurder — durch einen Quervergleich von Gruppendritten, welche gegen unterschiedliche Gegner antraten. Wie man unten sieht kommt dieser Weg der Entscheidung erstaunlich häufig ohne Zusätze an die Spielzeit von 180 Minuten aus, der Auswärtstorregel, über deren Berechtigung man natürlich ebenfalls streiten könnte, sei Dank.

Wen nur die jüngere Zeit interessiert, der möge sofort nach unten scrollen, andere werden sicher einige Begnungen aus älterer Zeit finden, welche ihnen entfallen waren.

WM 1958

Israel Wales 0:2 (0:1)
Wales Israel 2:0 (0:0)
 

WM 1962

Israel Italien 2:4 (2:0)
Italien Israel 6:0 (1:0)
 
Marokko - Spanien 0:1 (0:0)
Spanien Marokko 3:2 (2:1)
 
Jugoslawien Südkorea 5:1 (1:0)
Südkorea Jugoslawien 3:1 (2:0)
 

WM 1974

Die UdSSR trat aus politischen Gründen nicht zum Rückspiel in Chile an. Chile hingegen trat an und schoss sofort das 1:0. Im Anschluss wurde die Partie abgebrochen, weil ohne Gegner kein Wiederanstoß möglich war. Gewertet wurde das Spiel mit 2:0 für Chile, welches sich damit für die WM-Endrunde in Deutschland qualifizierte.

UdSSR Chile 0:0
Chile UdSSR 2:0 am Grünen Tisch
 

WM 1978

Ungarn Bolivien 6:0
Bolivien Ungarn 2:3
 

WM 1986

Da es Vierer- und Dreiergruppen in der Qualifikation gab, mussten die jeweils Zweiten der Dreiergruppen noch durch eine zusätzliche Playoff-Runde, Schottland sogar gegen den Vertreter Ozeaniens antreten.

Belgien - Niederlande 1:0
Niederlande - Belgien 2:1
 
Schottland - Australien 2:0
Australien - Schottland 0:0
 

EM 1996

Die 6 besten Gruppenzweiten aus den 8 Gruppen waren direkt qualifiziert. Der letzte und der vorletzte der Tabelle der Gruppenzweiten bestritten ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden, der passend zum EM-Ausrichter von 1996 in Liverpool, England, lag.

Irland - Niederlande 0:2 (0:1)
 
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Türkiye — Almanya 1:3

Sehr enttäuschend.

Sehr, sehr enttäuschend.

Das türkische Publikum. Das als so unglaublich frenetisch apostrophierte Publikum in der Türkei ist äußerst fußballfachunkundig. Denn wenn es wüsste, wie es tatsächlich um die deutsche Defensive bestellt ist, würde es nicht schon zu großen Teilen vor dem Abpfiff nach Hause stromern, bei einem so knappen Rückstand von gerade mal 0:2. Die deutsche Defensive ist nämlich immer für ein Gegentor gut, warum dann auch nicht mal 2 — aus dem Nichts, so wie der Anschlusstreffer zum 1:2.

6 Gegentore in 9 Spielen, darunter 2 (!) von Aserbaidschan, ebenfalls meist aus dem Nichts. Ich als Türke wäre noch ein bisschen sitzen geblieben. Gastfreundlich ist es auch nicht besonders, einem erst die Hölle heiß zu machen, und wenn man dann verloren hat, ist man gar nicht mehr anwesend. Aber nun gut, um seine Außenwirkung kümmert sich der einzelne Bezahlende ja nun mal selten. Da geht es eher darum, ob man gleich im Stau steht oder nicht.

Neuer mit den üblichen Schwächen bei Flanken, was nützen da Anspiele wie aus Netzers Füßen, wenn immer wieder diverse Wackler im Spiel sind — von wegen „weltbester Torwart“. Der stets schattige Badstuber mit einer mediokren Zweikampfgestaltung und bei Boateng — das mag auch im Auge des Betrachters liegen — läuft immer die Angst mit, ob er vielleicht nicht doch gerade abgeschaltet haben könnte. Zwei mal fünfundvierzig Minuten, ganz ehrlich: das kann man auch trainieren, sich so lange konzentrieren zu können, vor allem wenn man [Populismus on] den ganzen Tag nichts Anderes als Fußballspielen macht [/Populismus off].

Ein Hüne von einem Mann, und doch möchte man ihn immer wieder am Arm nehmen und zeigen, dass er gar keine Angst haben müsste vor dem Gegner, vor dem Spiel, dem Leben, der Welt. Es ist allerdings in der Tat beängstigend, dass Jerome Boateng nun schon seit 2007 Profi ist und dabei in dieser Frage Fortschritte gemacht zu haben scheint wie König Samba in den ersten sieben Jahren im Kampf gegen Isa Bere.

Schließlich entwickelt man gar noch ein wenig Verständnis für Lehrer, die ihre tagträumenden Schüler schon mal am Arm rütteln, um sie dazu zu bewegen, sich endlich ihrer Aufgabe zu widmen und nicht mehr aus dem Fenster, sieh!, ein Schmetterling!

Ein Mal allerdings stach Boatengs Auftreten heraus: Als er ein sehr langes Laufduell gewann und da blitzte das so selten Gewordene im Fußball mal wieder auf: der Kampf Mann gegen Mann, einfach nur die Frage, wer nun einen halben Meter schneller ist als der Gegenüber. Boateng blieb Sieger, doch auch hier erwachte das Gefühl, dass er erst die entscheidenden Km/h drauflegte, als er merkte, dass sein Gegner ebenfalls im Vollsprint befindlich ist.

Eine schöne Reminiszenz an alte Zeiten, als noch die Mannschaft mit den besseren 11 Einzelspielern gewann und ein bisschen konnte man auch wehmütig werden, so viel Energie und so viel Unvorhersehbarkeit, wie dort plötzlich versprüht wurde.

Enttäuschend auch, wie alt Mario Gomez geworden ist, seit manchmal Mario Götze neben ihm spielt. Da sieht man, dass Gomez zwar mehr als nur seinen Körper einsetzen kann, dass ihm aber gleichzeitig jeder Glanz im Spiel des Balles abgeht. Muss er auf seiner Position auch nicht besitzen. Doch auf diese Weise laufen so viele Ideen von Götze ins Leere.

Dieser verfügt über jenes Zidane-hafte, welches das Spiel verlangsamt, wenn er am Ball ist, alle Optionen stehen ihm mehr als sekundenlang offen. Wenn man dann aber wartet und wartet und wartet, dass z. B. Gomez sich in die richtige Richtung löst, jedoch nichts passiert, dann kann man selbst als Mario Götze schon mal den Ball verlieren.

Das sieht dann blöd aus, denn Mario Gomez würde in ähnlicher Lage wie auch am Freitag geschehen einfach unmotiviert auf, bzw. übers Tor schießen. Sieht fast so aus, als sollte Götze da noch ein wenig eigensinniger werden, auch wenn man das im Zuge der Schönheit des Spiels natürlich nicht wollen kann.

Bliebe Jogi Löw und die deutsche Bildregie. Letztere sollte das Stilmittel des rumpelstilzenden Löws seltener verwenden, denn sonst nutzt es sich allzu schnell ab — beim Zuschauer, aber auch bei den Spielern. Und fällt Löw ohnehin auf die Füße, wenn es trotz beeindruckender Gesamtleistung in Istanbul wie in der kompletten EM-Qualifikation dann doch wieder nicht zum Titel reichen sollte.

Partien mit ähnlicher Ausgangslage hätte man vor zwei, drei Jahren allerdings noch achtlos weggeworfen. Wie am Freitag bei der Türkei gewonnen wurde, obwohl man qualifiziert war, lässt der Bildregie vielleicht noch mehr als nur eine Gnadenfrist beim Spiel mit der Super Slow Emotion.

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Eine Krähe hackt der anderen einen Fußballplatz in die Provence

Ich weiß, dass Ihr wisst, und dass jeder gelesen hat. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass es irgendjemandem doch entgangen sein sollte, noch mal der kleine Hinweis, wie die Vorbereitung der Nationalmannschaft auf die ja schon sichere Teilnahme an der EM 2012 in Polen und der Ukraine ablaufen wird:

Damit keine Langeweile aufkommt, geht es dann gleich weiter nach Südfrankreich, in die Provence, wo der Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp eine Nobelherberge mit zwei angrenzenden Golfplätzen hat bauen lassen. Hopp sei „froh und stolz“, berichtet Bierhoff, den DFB-Tross in seinem Hotel zu beherbergen. Ein Fußballplatz wird deshalb eigens neu angelegt. Der Preis soll sich in einem für den DFB sehr akzeptablen Rahmen bewegen. „Herr Hopp hat sich da bei der Betreibergesellschaft für uns stark gemacht“, berichtet Reisechef Wolfgang Wirthmann.

Die Quartiersauswahl hat selbstredend nichts mit der Bewertung von unzulässigen Beschallungsmaßnahmen, Dopingprobenschlampereien, 50+1-Umgehungen oder Jobs von Söhnen von DFB-Präsidenten zu tun.

Es dient schlicht dazu, dass der Papa „stolz“ sein kann. Froh ist er auch ein bisschen, weil das doch die Beziehungen verbessert, die er ja immer wieder mit seinem Gebaren arg strapaziert.

Auf der anderen Seite geht es dem DFB einzig und allein darum, die paar Euro zu sparen, die sich ergeben, weil man eben den Besitzer oder so der Nobelherberge kennt. Wer würde es dem DFB verdenken, das nebenbei mitzunehmen?

Etwaige Interessensverquickungen sind dabei natürlich rein zufällig und beabsichtigt.

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Deutschland — Österreich 6:2

Jugendwahn jetzt nicht nur im Team, sondern auch bei den Berichterstattern? Zum Spiel kann man jedenfalls nur sehr wenig sagen, da das ZDF einen Achtjährigen an die Bildregie ließ, der sich immer dann, wenn der Ball in die Nähe eines der beiden Tore geriet, für die Nahaufnahme entschied. Viele bunte Knöpfe hier, kann man drauf rumdrücken und dann passiert etwas. Schau nur!

Anderenfalls hätte man sicher ein überzeugendes Spiel gesehen, denn das Ergebnis von 6:2 lässt doch vermuten, dass da eine Mannschaft spielte, die ein paar Ideen hatte, wenn sie auch immer noch und immer wieder für ein, zwei schludrig kassierte Gegentore gut ist, deren Bedeutung sich aus dem Grund potenziert, dass es zwei Gegentore durch Österreich waren. Eine Mannschaft, die Stimmen aus deren Heimatland zufolge weder eine Taktik noch Ideen hat.

40 zölliges Plasma-TV in HD wirkt tatsächlich, als säße man selbst im Stadion — was der Autor allerdings bislang noch bei jeder technischen Innovation aufs Neue geglaubt hat. Da sieht man selbst in der — wie erwähnt nur selten eingesetzten — Totalen die kleinen Löcher im Rasen. Und man erkennt ebenso gut, dass Lahms Bartwuchs an den Wangen noch größere Lücken aufweist. Dass er trotzdem bereits Kapitän und einer der Älteren in der Mannschaft ist, lässt hoffen, dass diese auf Jahre hinaus … aber da ist ja noch das „HSV“-Problem in dieser Partie, was ihre Aussagekraft arg zerbeult:

Wer gewinnt schon nicht gegen Österreich?

Und wenn man endlich Antworten darauf bekommt, ob die Defensive ebenso gut wie die Offensive ist, dann ist es schon wieder zu spät. Der Schiedsrichter pfeift ab und Spanien ist weiter.

Dann hat Oliver Kahn Zeit genug, statt über die Geschehnisse in der Partie darüber zu raunzen, wie er es denn genau gemeint hat mit seiner Forderung an Lahm und Schweinsteiger nach mehr Führung, kann sich in Rage reden und vergisst darüber sogar, sein elendiges Fanorakel zu erwähnen. Was zwar begrüßenswert ist, aber lieber wäre man mit über 90 Minuten konzentrierter Defensive weitergekommen.

Noch lieber hätte man das gestrige Spiel überhaupt gesehen, aber da war ja der Clown von der Bildregie im Wege.

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Azǝrbaycan — Almaniya 1:3

„Sie müssen verstehen, ja. Unsere Leute fangen erst mit fünfzehn, sechzehn mit dem Fußball an. Wir haben nur ganz wenige aktive Profis in unserer Liga, ja. Und die trainieren dann auch viel zu wenig. Manchmal sind es nur eine, anderthalb Stunden, nicht mehr. Wir müssen mehr trainieren. Wir hätten natürlich gerne so Verhältnisse wie in Deutschland, ja, davon können wir nur träumen. Ich bin jetzt vier Jahre hier, es wird noch dauern, bis wir in Europa mithalten können.“

Dazu der Dackelblick und das immer wieder verschmitzte, aber strahlende Lächeln, besonders bei der Frage danach, ob er Angebote aus der Türkei habe, ein Lächeln, für das auf der anderen Seite Jogi die Leistung dann doch deutlich zu schwach war.

So viel kam zum Spiel seitens des aserbaidschanischen Nationaltrainers. Weil das Spiel selbst ja auch kaum Anlass dazu gab, darüber zu sprechen. Ein Tor erzielt, lange Zeit gut verteidigt, teilweise ein paar dieser ominösen Nadelstiche gesetzt und den nur vermeintlich besten Torhüter der Welt einige Male sehr alt aussehen lassen (ungefähr so), warum also ein Wort über die Partie verlieren?

Dass er zudem gerade 1:0 gegen die Türkei gewonnen hat, immerhin vor Kurzem noch WM-Dritter und international eher anderthalb- als zweitklassig, würde man angesichts dieser Litanei gar nicht vermuten. Aber Abgleiche mit den Realitäten fielen dem Trainer von Aserbaidschan, äh, Azǝrbaycan schließlich schon immer schwer.

Ja?

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