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Kategorie: WM 2006 – Odyssee im Deutschland

Eine Reise durch ein verrücktes Land

„Mannschaftliche Disziplin“ und ein Prophet, alle Weltklasse

Warum der Herr kicker bei jedem zweiten Sportler, den er für sein WM-Sonderheft nach einem WM-Tipp befragte, hinzufügte, dass dieser Sportler „Weltklasse“ sei, bleibt uns für die nächsten Dekaden ein Rätsel.

Was diese Weltklasse-Leute so abgesondert haben vor der WM, war teils von großer Weitsicht geprägt, teils von blankem Unwissen.

„Tobias Unger (26, Weltklasse-Sprinter)

Weltmeister wird Deutschland, weil keiner so richtig daran glaubt. Unser Schwabe Jürgen Klinsmann schafft es, die Jungs richtig heiß zu machen. Außerdem wird Miro Klose mindestens fünf Tore bis zum Finale schießen.“

„Alessandro Petacchi (32, italienischer Weltklasse-Radprofi)

Ich habe gehört, das italienische Team logiert in einem Hotel, das ganz und gar italienisch sein soll. Also gibt es für die Spieler auch keine Ausrede, warum sie den Titel nicht holen können.“

„Thommy Haas (28, deutscher Weltklasse-Tennisspieler)

Ich tippe auf Brasilien, wegen der unglaublichen Masse an Ausnahmefußballern und der mannschaftlichen Disziplin. Aber auch Argentinien und — hoffentlich — Deutschland sind ganz vorne mit dabei.“

Mit der unglaublichen Masse kann eigentlich nur der hier gemeint gewesen sein.

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„Spiel ihn aus!“

Was denkt das gemeine Hirn bei dieser Überschrift? Nun, das hängt natürlich von der Situation ab. Liegt ein Mitspieler schwer verletzt, mit dem Tode ringend am Boden, sollte man nach dieser Anweisung den Ball wohl ins Aus spielen[1].

Steht man gerade einem gegnerischen Spieler gegenüber, ist eher gemeint, dass man diesen Gegner ausspielen soll, in dem Sinne, dass man an ihm vorbeidribbelt, Haken schlägt und ihm den Ball durch die Beine spielt, sich im richtigen Moment dreht oder eine Drehung vortäuscht, auf dass man an diesem Spieler vorbeikommen und ihm die Hacken zeigen kann.

Natürlich ist es situationsabhängig, was damit gemeint ist. Gemeinhin ist das menschliche Hirn auch dazu in der Lage, richtige Entscheidungen bezüglich der Frage zu treffen, welche Situation denn nun gerade vorliegt und welche Reaktion demnach eine angemessene wäre.

Nicht so bei manchem geistig Behinderten und so ist dieses Zitat aus dem Beitrag der taz zur WM der geistige Behinderten fast schon tragisch zu nennen:

„‚Wir werden mit Sicherheit Probleme im taktischen Bereich haben, weil die Mannschaft einfach Defizite im kognitiven Bereich hat‘, sagt Bundestrainer Willi Breuer. Die technischen Fähigkeiten einiger Spieler seien hingegen durchaus beachtlich. Es gibt diese Anekdote, in der Breuer einem frei auf das gegnerische Tor zulaufenden Spieler zurief: ‚Spiel ihn aus!‘ Statt den Torhüter zu umdribbeln, schoss der Stürmer den Ball ins Aus. ‚Mein Fehler. Ich muss mir selber immer wieder sagen, dass meine Anweisungen präzise sein müssen‘, sagt Breuer.“

[1] Wenn der Schiedsrichter doch die Möglichkeit hat, das Spiel jederzeit im Falle der ernsthaften Verletzung oder Gefährdung eines Spielers zu unterbrechen und anschließend mit Schiedsrichterball fortzusetzen: Warum gibt es diesen seltsamen Brauch überhaupt, dass die in Ball befindliche Mannschaft den Ball ins Aus spielen muss, bevor die Sanitäter aufs Spielfeld kommen dürfen?

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Zum Thema Völkerverständigung

Viel zu spät, aber besser spät als nie, möchte ich ein paar Sätze zu diesem Eintrag loswerden, der während der WM via google für einen Haufen Besucher sorgte, der sich nicht für mein Blog, sondern nur für seine eigenen Polemiken interessierte. Damit aber klar ist, dass ich mich mit dieser Art von „Diskussion“ nicht identifiziere, musste der hier vorliegende Beitrag irgendwann folgen.

Das hier ist ein Blog mit dem Thema „Fußball“ und kein Nationalitäten-Beschimpfungswettbewerb. Ich habe vielleicht nicht deutlich genug gemacht, dass meine Überschrift „Ohne Holland fahrn wir nach Berlin“ nur ein Zitat war und nicht meine Meinung, in dem Sinne, dass die Häme, die hinter diesem Gesang steckt, nicht meiner Meinung, Einstellung oder Gefühlslage entspricht.

Den Preis für den humorigsten Beitrag gewinnt auf jeden Fall B.E.N. Mofkees. Alleine schon für sein Pseudonym „Mofkees“ hätte er den ersten Preis verdient. Wer das nicht versteht, möge ebenfalls googlen. Ich vergebe den Preis aber doch lieber für seine reflektierte und ironische Darstellung der deutsch-niederländischen Geschichte seit 1940.

Allen anderen Beitragschreibern möchte ich danken, ihnen aber nahelegen, sich mit Mofkees‘ Beitrag auseinanderzusetzen und dann mal langsam wieder runterzukommen.

Ich bin keine moralische Instanz außer meiner eigenen und ich gönne jedem seine stille oder auch laute Freude darüber, dass irgendeine Nationalmannschaft bei der WM ausgeschieden ist.

Es gibt immer noch Menschen, die persönlich von der Besatzungszeit betroffen sind — sei es als Geschädigter, sei es als Angehöriger von Geschädigten. Es ist außerordentlich begrüßenswert, dass diese Zeiten vorbei sind und noch besser, dass die Mehrheit der Bewohner der beiden Länder sich einer Annäherung und Aussöhnung schon lange nicht mehr verschließt, sondern diese aktiv betreibt, auch wenn das, wie man hier in den Beiträgen sieht, leider nicht für alle gilt.

Nichtsdestotrotz darf man darauf hinweisen, dass a) es alles nur Fußball und somit nur ein Spiel ist und b) solche Pauschalurteile, wie sie hier teilweise in den Kommentaren auftauchen, mehr über den sagen, der sie abgibt, als über jene, die sie vermeintlich betreffen.

Auf Details möchte ich nicht weiter eingehen, abgesehen davon, dass ich es peinlich finde, dass Mofkees sich überhaupt dazu genötigt fühlt, hier zu posten, dass er nette deutsche Freunde hat. Da man bei ihm aber im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren der Kommentare in diesem Beitrag davon ausgehen kann, dass er die nötige Ironie in seinen Kommentar gelegt hat, bin ich guter Hoffnung, dass auch die anderen Kommentatoren hier meist in der Lage waren, ironisch mit den länderspezifischen Klischees zu spielen und diese für sich selbst als solche erkannten.

Denjenigen, die geistig dazu nicht in der Lage sind, denen stattdessen nur an der Pflege ihrer Klischees und ihres Hasses auf solche Konstrukte wie „die Bevölkerung eines Landes“ gelegen ist, kann ich gerne ein paar Seminare zur Gruppenpsychologie anbieten und ihnen erklären, wie sie ihren Fremdenhass abstellen können und unter welchen Umständen sie wie schnell die Gruppe verfluchten, der sie sich jetzt zugehörig fühlen.

Nichtsdestotrotz: viel Spaß noch mit dem Fußballsport an sich, ich gönne jedem, dass er Lieblinge und persönliche Favoriten hat und dass er einigen Mannschaften eher das Ausscheiden wünscht als anderen. Von einer gepflegten, niveauvollen und vor allem aufgeklärten Diskussion über die Leistungen Fußballnationalmannschaften bestimmter Länder sollte einen dies aber nicht abhalten.

Wen es davon abhält, der möge bitte, bitte nicht mehr in diesem Blog kommentieren. Dank im Voraus.

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Endlich fängt die Fußball-WM an

Nicht mehr lange, um genau zu sein, noch sechs Tage, dann beginnt die Fußball-WM in Deutschland. Millionen von ausländischen Fans werden die deutschen Stadien besuchen, Millionen von deutschen Fans, die keine Karte bekommen haben, werden beim Öffentlichen Schauen die Spiele verfolgen, Autokorsi werden durch die Nacht gleiten und selbst Fußballfremde werden sich für diesen Sport begeistern. Bald ist es soweit, ich kann es kaum erwarten. Wie der Zufall es so will, ist das Eröffnungsspiel auch noch ausgerechnet in einem Stadion, das nur einen Steinwurf von meiner Kemenate entfernt liegt: in der MSV-Arena. Und wie man liest, gehört Deutschland zu den Favoriten des Turniers. Das verspricht ein tolles Turnier zu werden.

Ich würde ja gerne zum Eröffnungsspiel gehen, aber 12:15h ist ein bißchen früh.

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Endlich gelöst! Das Rätsel um Lehmanns Zettel

Ich habe natürlich keine Kosten und Hacks gescheut, um bei eBay den Originalzettel von Jens Lehmann beim Elfmeterschießen gegen Argentinien zu ersteigern. Endlich ist das Rätsel gelöst! Jetzt verstehen wir auch, warum Oliver Kahn so eindringlich mit Lehmann vor dem Elfmeterschießen gesprochen hat. Außerdem erklärt sich nun, wieso Jens Lehmann nach dem gewonnen Spiel nicht groß feierte, sondern schnell aus dem Stadion eilte.

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Man weiß, dass WM war, wenn…

…man beim Schwimmen schon nach 30 Minuten schlappmacht, weil man sich 4 Wochen lang gerade mal von zu Hause bis zum Biergarten bewegt hat — nicht ohne sich dann im Biergarten beim Fußball Schauen darüber aufzuregen, dass sich der eine oder andere Spieler zu wenig bewegt.

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Kartoffolandia

Casa Azzurri, die Heimstätte der italienischen Turniersieger, lag bekanntermaßen in Duisburg. Und in welchem Land liegt Duisburg? Richtig, in Kartoffolandia [Link leider tot].

Wenn man aus Italien kommt, findet man auch ein solches Nummernschild [Link leider tot] fotografierenswert.

Außerdem: Fotos vom öffentlichen Training der Italiener, hier nachgereicht, weil ich damals noch keine Kamera hatte, obwohl ich ebenfalls im Stadion war.

Übrigens esse ich auch viel lieber Kartoffeln als Kraut.

[Neu] Der Autor schläft zwar gerne lange, aber so etwas darf natürlich nicht passieren: Es gibt auch noch Bilder vom zweiten öffentlichen Training der Italiener, von dem ich gar nichts wusste. Wie gut, dass Octavia Schoplick dann doch mal in den Genuss kam, die U79 zum Landhaus Milser zu benutzen und diese Fotos zu erstellen.

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Der Toronto Star versteht kein Kölsch

Wie jede gute Zeitung, die nach der WM erstmal nix mehr zu schreiben hat, liefert uns auch der Toronto Star einen Rückblick auf die WM mit einem Beitrag, den man hierzulande wohl als Tops und Flops bezeichnen würde.

Bemerkenswert, dass Duisburg gleich zwei Mal Erwähnung findet: als „Worst Train Station Food“, was ich nur bestätigen kann, und als „Best Bundesliga Swag“, mit dem Zebra des hiesigen MSV Duisburg. Da zur WM leider nicht der Zebra-Twist erschallte, konnten die Autoren ihn auch nicht als besten (deutschen) Vereins-Song im Beitrag erwähnen.

Dass aber selbst Menschen, wo des Deutschen nicht mächtig sind, den Song der Sportfreunde Stiller — für die, die ihn nicht kennen: Jahreszahl erster Weltmeistertitel, Jahreszahl zweiter Weltmeistertitel, Jahreszahl dritter Weltmeistertitel, Jahreszahl zweite WM in Deutschland — als besten WM-Song auswählen, beweist, dass man sich so langsam die „offiziellen WM-Songs“ sparen könnte. Die kauft geschweige denn hört ohnehin kein Mensch, der sich ernsthaft für die WM interessiert.

Warum allerdings ausgerechnet das Fanfest in „Cologne“ das schlechteste gewesen sein soll, kann nur daran liegen, dass man als Kanadier die Selbstironie der Gesänge der Einwohner einer Stadt eines frisch abgestiegenen Bundesligisten nicht verstehen kann. Per definitionem kann das schlechteste Fanfest nur in Hannover gewesen sein. Die Stadt — so nah bei Bielefeld gelegen — die als einzige Attraktion neben diversen Messen das „größte Schützenfest der Welt“ im Portfolio hat, kann doch niemals mit der Heimat des rheinischen Karnevals mitgehalten haben.

Alle weiteren „Bests“ und Worsts“ des Toronto Stars gibt es hier nachzulesen.

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Seltenheitswert

Das heutige Finale hat Seltenheitswert. Zum ersten Mal seit 1978 stehen weder Brasilien noch Deutschland im Endspiel. Um es genauer zu sagen, erst zum zweiten Mal seit 1954 überhaupt stehen weder Brasilien noch Deutschland im Endspiel und die einzige Ausnahme davon war eben jenes Finale 1978.

1954 Deutschland — Ungarn
1958 Brasilien — Schweden
1962 Brasilien — Tschechoslowakei
1966 England — Deutschland
1970 Brasilien — Italien
1974 Deutschland — Niederlande
1978 Argentinien — Niederlande
1982 Italien — Deutschland
1986 Argentinien — Deutschland
1990 Deutschland — Argentinien
1994 Brasilien — Italien
1998 Frankreich — Brasilien
2002 Brasilien — Deutschland
2006 Frankreich — Italien

Wer es weniger mit Zahlen und eher mit den handelnden Person hält, dem sei gesagt: Nachdem gestern die „Großen“ Luis Figo und Oliver Kahn bereits ihr letztes Länderspiel absolviert haben, gilt dies heute für den „ganz Großen“ Zinedine Zidane sowie seinen Gefolgsmann bei den Bleus Lilian Thuram. Adieu (was ja, wie wir wissen, „zu Gott“ bedeutet, womit wiederum nur Zidane gemeint sein kann)!

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Wir waren niemals im Krieg mit Eurasien

Wie die FR erzählt gibt es bei der Abschlussfeier, die dankenswerterweise vor dem Finale stattfindet, keinen Platz, den nächsten Veranstalter der FIFA-WM-TM zu erwähnen: Südafrika.

Ich kenne den wahren Grund. Die FIFA wird angesichts der überhaupt nicht in die Gänge kommenden Vorbereitungen in Südafrika dem Land das Turnier wieder entreißen, Tunesien oder Marokko zum Ersatzausrichter bestimmen und anschließend — wie jede gute Diktatur — die Geschichtsbücher umschreiben. Es war doch schon immer geplant, dass die WM nicht in Südafrika stattfindet. Erinnert Ihr Euch nicht? Wieso wurde dann Südafrika überhaupt nicht bei der Abschlussfeier der WM in Deutschland erwähnt?

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