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Schlagwort: Fußball

Trauriger Regen im gefühlten Reha-Anstalts-November

Man möge bitte alle an Fußball interessierten Leser mit genau diesem Thema verschonen: Traurige Berichte über traurige Profis, die nach einer Verletzung einige Monate lang in einer Reha „schuften“ und das schlimme Schicksal erdulden müssen, nicht „mit den Kollegen trainieren zu können“ sowie „nicht vor einen Ball treten zu dürfen“. Das ist schon hart.

Meist müssen die bedauernswerten Vollprofis dann auch noch aus dem Reha-Zentrum heraus ihren Kollegen beim aktiven Fußballspielen zuschauen. Man würde fast annehmen, dass das gegen diverse Konventionen verstoße.

Man mag da alles Mögliche vorschieben, warum einen das doch interessieren sollte. Die Populismus-Keule dagegen bleibt gleich mal im Keller. Es gibt nichts Langweiligeres, als einem Millionär beim Jammern zuzuhören, weil er mal ein paar Wochen lang seine Spielzeuge nicht benutzen darf. Nein, Geld macht natürlich nicht glücklich. Aber eine Verletzung in den meisten Fällen auch nicht gleich arbeitslos. Wie fürchterlich dieses Schicksal für den Einzelnen ist, er kann bei immer noch sechs- bis siebenstelligem Kontostand ein paar Wochen lang nicht Fußball spielen. Da kommen einem natürlich wirklich die Tränen.

Erst recht, wenn man die immer wieder gerne exerzierte Praxis erlebt, dass es tatsächlich Quellen gibt, die über so einen langweiligen Kram, wie sich eine arme Reha-Wurst während ihrer Reha gefühlt hat, berichten. Abgesehen davon, dass es keinen interessiert, wie hart dieses Schicksal sein mag, ein paar Wochen lang nicht Fußball spielen zu können:

Es ist immer die selbe Story, neu aufgewärmt.

Dem Opfer wird klar, dass Profi-Fußball nur eine Scheinwelt ist, genauso, welch Glück es hat, in diesem Zirkusmetier sein dickes Geld zu verdienen. Die wahren Freunde kristallisieren sich heraus, und dem Profi fällt auf, dass es Andere gibt, denen es wesentlich schlechter geht.

Wäre es nicht so geschmacklos, sollte man jedem Profi möglichst früh in seiner Karriere einige Zeit in der Reha wünschen. Die Story dahinter aber, sie ist so unendliche Male schon durchgekauft worden (nur noch nicht mit jedem Spieler), dass man getrost darauf verzichten kann. Und auch sollte.

Jeder Platz und alle Energie, die für die immer selbe Geschichte draufgehen, wäre mit Taktik-Analysen besser genutzt.

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Fernglas BVB

Eigentlich müsste jeder generell an Fußball Interessierte diese Saison hassen, denn nichts ist langweiliger als eine Mannschaft, die die Tabelle der Bundesliga so dominiert, wie es Borussia Dortmund zur Zeit tut. Doch als relativ Neutraler erfreut dieser Vorgang überraschenderweise ungemein. Was natürlich für alle Schalke- und Bayern-Fans nicht gelten kann, und den übrigen Vereins-Fans ist es ja auch meist recht egal, was irgendsonst in der Liga passiert. Wichtig ist, was der eigene Club macht.

Als geneigter Zuschauer aber stellt sich komischerweise gar nicht der hier zu erwartende Effekt ein, dass man von den stets gleichen Ereignissen einer solch einseitigen Saison gelangweilt wäre. Dabei reicht es einfach aus, dass es nicht immer die Bayern sind, die mit 15 Punkten Vorsprung Meister werden, und schon macht es Spaß, die Tabelle anzusehen, Bayern dort rumkrebsen zu sehen, wo sich die anderen Teams, die sonst immer gerne Meister würden, stets aufhalten. Platz vier bis fünf.

Große Sprüche reißen, die Sehnsüchte der Fans stimulieren, um dann wieder und wieder grandios zu scheitern. À la Schalke oder Hamburg. Oder Leverkusen, wobei deren Sprüche ja ohne Daum schon lange nicht mehr so groß daher kommen. Wie aber immer wieder aufs Neue angekündigt wird, jetzt endlich anzugreifen, eine Serie zu starten und dann weht doch nur ein laues Lüftchen durchs Stadion mit einem mickrigen Unentschieden am Ende, da kann man diesen Verhältnissen einen großen Unterhaltungsfaktor einfach nicht abstreiten.

Wie nun die restliche Liga mit dem Fernglas zum BVB schauen muss macht auch dann Spaß, wenn man nicht den Theorien vom Großwesir Klopp“o“ anhängt, sondern einfach nur sieht, wie die anderen strampeln, aber kaum vorwärts kommen.

Der Zufall im Fußball ist doch immer noch das schönste Geschenk, das er uns macht.

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Sportblogger-Beitrag des Jahres 2010, Vorschlag 1:

Kontextschmiede — „Erfolg im Fußball: Das Glück erzwingen“

Der erste Vorschlag unserer schönen Reihe von einigen der besten Beiträge im Jahr 2010 beginnt mit einem Beitrag der Kontextschmiede, die hauptsächlich von erz betrieben wird. Wie einige, wenn auch nur wenige anderer produziert die Kontextschmiede neben ausführlichen Beiträgen rund um (nicht nur) Fußball dann und wann auch mal ein Video, was zum Beispiel im hier vorgeschlagenen Beitrag „Erfolg im Fußball: Das Glück erzwingen“ der Fall ist.


Taktiktafel IV – Das Glück erzwingen from erz on Vimeo

Nicht zuletzt die anschließenden, ausführlichen Diskussionen machen die Beiträge von erz immer zu einem anregenden Vergnügen mit ausreichend Tiefgang bei der Betrachtung von taktischen, strategischen und sonstigen Elementen des Fußballs.

Nun ist die Erkenntnis, dass der Zufall der Feind des planbaren Erfolges ist, kein großes Geheimnis. Trotzdem hakt es bei vielen Teams an der Akribie in der Umsetzung. Wie sonst ist zu erklären, dass Jens Lehmann im Interview ausplaudert, Aleksander Hleb sei am Training bei Arsenal fast verzweifelt, weil auch vermeintlich technisch beschlagene Stars sich erst an die Intensität und die Geschwindigkeit des Trainings von Arsene Wenger gewöhnen müssten? Fast wortgleich argumentiert Louis van Gaal, wenn er erklären will, warum die Früchte seiner Trainingsarbeit sich nicht sofort zeigten. Als Edgar Davids übrigens nach seiner Zeit in Italien zu Gast bei van Gaal mittrainierte, konnte er sich fast nahtlos in die Übungseinheiten einfügen. Die meisten davon kannte er noch aus dem Training bei Ajax Amsterdam. Trainer, die das Offensivspiel forcieren wollen, müssen Automatismen in die Köpfe ihrer Spieler bekommen. Sonst sind sie dem Zufall ausgeliefert.

Wenn ein Trainer es jedoch schafft, seine Mannschaft taktisch zu schulen, kommt er dem Ziel des planbaren Erfolgs schon näher. Seine Mannschaft kann verlässlich häufiger eigene Großchancen herausarbeiten oder gegnerische Großchancen verhindern. Die Laufwege und Passwege sind so abgestimmt, dass es weniger auf den genialen Geistesblitz ankommt, sondern viel mehr die Genauigkeit der Umsetzung, die natürlich auch mit der individuellen Qualität der Spieler zunimmt. Wenn man sich das Angriffsspiel der Bayern in der Rückrunde anschaut, sieht man immer wiederkehrende Situationen. Da ist Struktur drin, oder das, was gerne auch als Handschrift eines Trainers bezeichnet wird.

Zum ganzen Beitrag inklusive der lesenswerten Diskussion begebe man sich direkt zum Beitrag „Erfolg im Fußball: Das Glück erzwingen“. [Beitrag zur Zeit nicht zugänglich.]

Das ist Vorschlag Nr. 1 für den Sportblogger-Beitrag des Jahres 2010 — die weiteren Vorschläge folgen in Kürze.

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Britische Fußball-Stadien für Olympia 2012

Man merkt, dass die Betreiber der Olympischen Spiele 2012 London tatsächlich als britischen Austragungsort verstehen, im Gegensatz zu einem ebenfalls denkbaren rein englischen: Die Vorrunde des olympischen Fußball-Turniers wird — neben dem Wembley-Stadion in London — in Stadien in ganz Großbritannien ausgetragen werden:

  • Hampden Park, Glasgow
  • Millennium Stadium, Cardiff
  • Old Trafford, Manchester
  • St. James‘ Park, Newcastle
  • City of Coventry Stadium, Coventry

Das kennt man von anderen Olympischen Spielen, dass insbesondere die Fußballer in andere Städte des Landes geschickt werden, welche ansonsten nichts weiter mit Olympia zu tun haben. Auch 2012 wird dies wieder der Fall sein. Mit ein bisschen Pech kann man also 2012 als Fußballer an Olympia teilnehmen, ohne je London zu Gesicht zu bekommen. Andersherum spielt man vielleicht mal in Old Trafford, wohin die meisten der Teilnehmer wahrscheinlich sonst nie kommen würden.

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Das Schönste im ganzen Jahr, das sind die Ferien

Nicht allen bekannt bislang, der eine oder andere mag es auch vergessen haben: Im Sommer fährt man in Urlaub. So wie es im Winter auch schon mal selbst im der Nordsee nahen Rheinland -12°C warm werden kann; dann und wann sogar mal -25°C warm — so herrschen im Sommer dementsprechend auch schon mal kalte 35°C. An einigen Tagen gar 38°C. Im Schatten. Fußball aber spielt man in der Sonne, nicht im Schatten. In Letzterem ziehen die Funktionäre die Fäden, das Spiel selbst findet im gleißenden Licht statt.

Erst krakeelen alle, dass man unmöglich im Sommer in Katar spielen könne, und dann wollen all diese auf einmal selbst hier im Hochsommer im Stadion nach dem dritten Bier mit Hitzeschlag kollabieren. Nun gut, „wir“ haben in Deutschland „die modernsten Stadien der Welt“ inklusive Sonnenschirmbedachung für 80% der Zuschauer. Dass diese Dächer Schnee nicht aushalten, darf nicht zur irrigen Annahme führen, dass Sonne nicht ausgehalten werden könnte. Allerdings: Vom Dach. Von den Zuschauern eher nicht.

Sofern natürlich sie überhaupt anwesend sind, denn sie sind ja im Urlaub. Und die Familie mit x Kindern muss erst noch erzeugt werden (10 solidarische Cent für den Selbigen), bei der sich nicht wenigstens ⅓ von x gar nicht für Fußball interessiert und deshalb kein Verständnis dafür aufbringen könnte, von nun an stets nur im Winter in Urlaub zu fahren und Impressionen aus Sommerurlauben nur noch von den Postkartenansichten der Familien mit fußballfernen Vätern zu kennen.

„Gut“, kann man einwenden, „gut“, und meint damit: Mitten in der Saison wird ja nichts entschieden, da kann man gerne mal auf 2-3 Partien verzichten. Zudem das Internet — Streams sind überall, sofern Internet auch da ist. Und mancher wird sich auch sagen, dass es gut tut, das Elend mal eine Zeitlang nicht ertragen zu müssen, von 18 Vereinen führt schließlich stets nur einer die Tabelle an.

Dann aber, wenn es soweit ist, und es kein Zurück mehr gibt, wird den Krakeelern erst gewahr werden, was es bedeutet, 2-3 Wochen nicht nur dieser einen Ausnahme-Saison, sondern von nun an alle Saisons nicht mehr live erleben zu können: Es gibt keine Serien von 40 Jahren ununterbrochenem Heimspielbesuch mehr, es gibt nicht mehr die Möglichkeit, bei der einen einzigen Meistersaison innerhalb von 40 Jahren jedes Heimspiel gesehen zu haben. Niemand wird mehr in der ganzen Saison dabei gewesen sein, sofern er nicht schwere Verluste im privaten Bereich hinnehmen möchte. Ob nun den der gesamten Ehe und Kegel oder auch nur den, Kinder erwachsen werden zu lassen, die Schnee für erholsam halten, Sand hingegen für so selten wie Schnee in der Elfenbeinküste. Was beides natürlich nicht stimmt.

Am wichtigsten allerdings ist es, jene Tatsache zu erwähnen, die keiner ausspricht, weil sie jeder für sich selbst natürlich weit von sich weist: Ein WM- oder EM-Turnier alle zwei Jahre zu verfolgen kann man einrichten, weil man langfristig planen kann, weil sich im Büro plötzlich alle für Fußball interessieren. Weil man sogar unter der Woche schon einen Fernseher auf der Arbeit aufstellen darf oder in den vorangegangenen Wochen ein bisschen vorgearbeitet hat. Bei einem bzw. ganz vielen regulären Bundesliga-Wochenenden aber wird kein Hahn, kein Chef, keine Tippspiel-Gewinner-Sekretärin und erst recht kein innerer Schweinehund, der eigentlich jetzt wenigstens dieses eine Wochenende lieber komplett im Freibad oder im Ferienhäuschen, an der Nordsee oder am Baggersee verbracht hätte, danach krähen, dass nun mal jetzt schon wieder Bundesliga ist — so wie von da an an jedem Wochenende.

Ermüdet wird man sich nach dem einen Kaltgetränk das nächste wünschen, aber man wird dann doch nicht mehr ins Stadion aufbrechen. Vom See kommt man auch nicht rechtzeitig zur Sportschau (guckt die eigentlich überhaupt noch jemand?) heimkommen, weil es auf dem Parkplatz des Baggersees Stau gab und die Zeit, die nicht zuletzt durch die Hitze und die viele freie Haut auch zu anderen Beschäftigungen als Fußball gucken animiert, wird dann doch nicht damit genutzt werden können, was ein jeder braucht, der sich die Spannung und Vorfreude zu erhalten wünscht: Eine Pause.

Stattdessen sitzt man im Winter am Wochenende vor dem Kamin, schaut aus dem trüb gewordenen Fenster auf die neblig-verschneite Landschaft und gähnt. Gähnt noch einmal. Sehr lange, ein Gähnen von Ende November bis Anfang März, eine Zeit, in der man sich früher auf Spieltage freute, Ergebnisse und Aufstellungen studierte, die Livespiele genoss und immer noch auf Punkte hoffte. „Anna Karenina“ ist auch in der neu übersetzten Version irgendwann ausgelesen und man legt noch ein Hölzchen in den Kamin nach.

Nach einer Weile ein weiteres.

Es ist das einzige, was in der ganzen dunklen Zeit knistert.

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Les jeux sont faits

An vielen Stellen sprudeln Wut und Enttäuschung aus dem Hals, als hätte man der Fans Seele verraten. Hat man ja auch: Plastikspiele im Nirgendwo. Wobei das Nirgendwo sogar erst noch gebaut werden muss. Verständlicherweise und mehr als zu Recht sprudelt deshalb die Wut. Eine WM hat in Katar bei der Masse an in Frage kommenden sonstigen Ausrichterkandidaten nichts zu suchen. Auch im Jahr 2306 nicht.

Hier ist man nicht mal mehr wütend, nachdem man eine Nacht drüber geschlafen hat, denn die dunkle Vorahnung ließ sich schon länger nicht mehr gänzlich aus dem vegetativen Nervensystem fernhalten, dass es auf Katar hinauslaufen könnte. Russland und Katar, das waren die beiden Alpträume, insbesondere Letzteres, der liebhabenden Fußballwelt. Jetzt ist der Alptraum Wirklichkeit geworden.

Wie gesagt, keine Wut mehr — oder vielleicht noch keine Wut? Fühlt sich eher wie eine ganz große Enttäuschung an. Und Pädagogen-Geschwätz hin oder her: eine Ent-Täuschung bedeutet eben immer auch, dass man die Täuschung enttarnt hat, womit ihr Wirken vorbei ist. Wütend ist man dann in erster Linie auf sich selbst, dass man so naiv war, der Täuschung zu erliegen.

Hatte man irgendwo noch ein Fünkchen Hoffnung, dass selbst die FIFA nicht die Chuzpe hätte, einen derartigen Alptraum eines Turniers in einem erweiterten Dorf („WMchen in Connecticut gefällig?“ — ja, damals konnte doch keiner glauben, dass das Ganze mehr als ein Marketing-Gag sein sollte!) ohne jeglichen Hauch von Fußballkultur in Auftrag zu geben, dann ist das der Täuschung Erliegen nun vorbei. Die Maske ist endgültig gefallen, und die Fratze, die uns dahinter angrinst, ist wahrlich unheimlich.

Weshalb diese Ur-Katastrophe (für den Fußball) auch ihr Gutes hat: Niemand, auch von den weniger an den Hintergründen im Fußball Interessierten, gibt sich jetzt noch Illusionen hin, dass auch nur ein Jota des fürchterlichen FIFA-Sprechs etwas mit der Realität zu tun haben könnte.

Wir hier wussten das sicher eh schon mehrheitlich, doch wenn man sich die Kommentarfülle in den klassischen (auch ausländischen) Medien zum Thema anschaut, dann wussten es offensichtlich viele nicht. Die es jetzt ebenfalls nicht mehr übersehen können.

Ein guter Tag also für den Fußball. Auch wenn er äußerst bitter schmeckt.

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Wismut Aue

Jens Weinreich beim Deutschlandfunk zur Non-Aufarbeitung der DDR-Fußball-Geschichte, wo es noch Einiges zu tun gäbe.

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Tumblr-Fußball-Blogs der Welt, unite and take over

Viele Leute twittern über Fußball. Manche bloggen. Aber! (Und das ist jenes beliebte aber, welches gar keinen Sinn hat.) Es gibt noch etwas dazwischen.

„tumblr“-Blogs.

Das ist so eher das Sandwich zwischen dem Bonbon und dem Vier-Gänge-Menü.

Viele Kolleginnen und Kollegen pflegen so etwas, leider ist in diesen eine Art Blogtumblr-roll nicht ganz so verbreitet wie in Blogs. Weshalb viele von diesen Perlen nicht ganz so bekannt sind, wie sie es verdienten.

Würdet Ihr so liebenswürdig sein und hier Eure eigenen oder die Euch bekannten Fußball-tumblr*-Blogs in den Kommentaren nennen?

* Dazu zählen natürlich auch alle Klone wie soup, posterous, dings und bums.

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Eine Gesamtschule in Wuppertal

So trostlos die Überschrift (hoffentlich) klingt, so trostlos war auch dieser Job, den ich einst in Wuppertal verrichten musste. Die Uni war gerade vorbei, eigentlich dachte man, nun würde endlich die Kasse klingeln und die „Alk-inclusive“-Reisen und die Urlaube in der – schauderhafte Abkürzung – „Domrep“ wahlweise auf den Seychellen würden sich von nun an die Klinke in die Hand geben, nur kurz unterbrochen vom Unterzeichnen des Kaufvertrags des neuen A8, 11, 12, 18, 20, weg und so weiter. Pustekuchen!

Vor die tatsächliche Karriere hat der Herr, von dem die ZVS nie ein Wort erwähnte, noch Monate, wenn nicht gar Jahre des weiteren Darbens gesetzt, und einer dieser Monate führte mich und mein Sein nach Wuppertal.

In Durch Wuppertal, Schwebebahn war ich schon oft, weil meine Oma in der Nähe lebt. In Wuppertal selbst war ich hingegen nie. Was sollte man dort auch?

An einem feuchtklebrigen Septembermorgen aber musste ich dort sein, zum Vorstellungsgespräch für einen Job, der Akademikern vorbehalten war und dennoch von vorneherein auf nur 6 Wochen begrenzt war. Es ging um Interviews von Schülern, irgendein Bildungsminister irgendeines fernen Bundeslandes (hier: NRW) hatte irgendwas beschlossen, was die Qualität seines Ministerfachgebietes in seinem Bundesland erhöhen sollte, oder zumindest Voraussetzungen schaffen sollte, um zu wissen, an welchen Schrauben man überhaupt drehen müsste oder noch genauer: um überhaupt zu erfahren, welche Schrauben es überhaupt in diesem Metier gibt.

Wuppertal also.

Horden von Jünglingen, manche schwitzen, manche stinken darob, manche kämmen sich nicht, viele müssen oft pinkeln oder Ähnliches, die meisten lachen nicht aus Belustigung, sondern aus Scham, geschrien wird viel, Mädchen sind nur in seltenen Fällen eleganter als der Rest und so langsam entwickelt man Verständnis für Lehrer, die sich mit knappen 50 Jahren berufsunfähig schreiben lassen. In der Klapse ist es wenigstens still.

Hatte man noch damals, als man sich entschied, irgendwie doch eine Form von Missgunst denjenigen gegenüber entwickelt (Ben Redelings lässt an dieser Stelle grüßen), die sich dem Lehr“amt“ verschrieben hatten, so war spätestens an dieser Stelle klar, dass man lieber 52 Wochen pro Jahr arbeiten würde, als sich tagaus, tagein diesen Horden von lärmenden, teils pubertierenden, stinkenden, desinteressierten, albernen, krakelenden, schlicht: Kindern zu widmen.

Gott behüte jene, deren Wahl nach dem Abitur auf das Lehr“amt“ fällt. Und Gott sorge auch für ausreichend Platz in den Rehabilitationsanstalten, auf dass nicht jeder, der Lehramt studiert und später ausübt, dem Wahnsinn überantwortet werden muss.

Wuppertal also.

Mein Job war es, die Klasse zu bespaßen, während ein Kollege die Kinder in Einzelgesprächen und durch Ausfüllen von Fragebögen dazu bewegen wollte, sich in der 9. Klasse schon für einen Beruf zu entscheiden, bzw. einen Beruf zu finden, der den jeweiligen „Neigungen“ entsprechen könnte.

Später wechselte ich glücklicherweise in die Rolle desjenigen, der die Einzelgespräche führen durfte. Dabei kam nicht viel mehr heraus, als dass jeder zweite dieser Noch-nicht-wirklich-Teenies an schwerem Liebeskummer litt, sich in die/den Nachbarsnachbarn verliebt hatte (unglücklich, versteht sich) oder in seltenen Fällen auch in die Musiklehrerin. Ansonsten gab es nicht viel zu erzählen, Interessen hatten die wenigsten ernsthafte (nicht dass das an dieser Stelle abgesehen von Fußball und E-Gitarre damals anders war, aber naja), und wenn, dann wirkten sie so bizarr auf mich, dass ich unmöglich empfehlen konnte, dies als Beruf auszuüben.

Terrarienhaltung von Echsen und anderen Dinosauriernachfahren war eins davon.

Modellbau, ein scheinbar ausgestorbenes Hobby, war ein anderes, Modellbau von Autos, von Flugzeugen, alles selbst angemalt, aber nie in der Praxis erprobt.

Voltigieren war auch ganz groß, zumindest für die eine Lady, die mir davon mit funkelnden Augen berichtete.

Manche, viele, bekannten freimütig, außer Computerspielen und Chatten keine Hobbies zu haben und auch nicht zu wissen, wofür sie sich überhaupt interessieren sollten. „Freunde treffen“ war dann am Ende das meistverbreitete Hobby und so gesehen hatte ich dann doch noch was mit diesen jungen Menschen gemein. Computerspielen, Chatten, Freunde treffen.

In der ersten Phase, in der ich noch die Horden bespaßen beaufsichtigen musste, kam es immer wieder zu Szenen, in denen unsere beliebig dahingerotzten Bespaßungsmaßnahmen als solche enttarnt wurden. Natürlich war es scheißegal, welches Ergebnis die Schüler bei Aufgabenblatt A, C oder G erreichten, natürlich war es ebenso scheißegal, ob sie das Kamasutra-ähnliche Faltblatt korrekt zu einer Cheops-Pyramide zusammenfalteten oder nicht, es war eigentlich alles scheißegal, so lange sie ausreichend beschäftigt waren, um für die Einzelgespräche noch genug Hirnmasse in Wallung bringen zu können, auf dass ihnen eine sinnvolle Jobempfehlung gegeben werden konnte.

Man glaubt nicht, wie lang einem die Zeit von 8h bis 13.20h werden kann, wenn man einer Gruppe von jungen Menschen vorsteht, die bespaßt werden muss, ohne dass sie merkt, dass sie lediglich bespaßt wird und alle Maßnahmen, aller Eifer, alle Begeisterung und aller Ehrgeiz, die sie eventuell in die Aufgaben legen, spätestens um 13.21h im Papierkorb landen. Sie wird sehr lang. Der Lärm potenziert sich. Dezibel ist ohnehin eine logarithmische Größe, hier aber schien die Zeit einen zusätzlichen Faktor in die Logarithmierung der Lautstärke zu bringen: Je länger es dauerte, desto lauter erschien eine objektiv gleichbleibende Lärmquelle, Crescendo, immer lauter, orkanartig blies es in die Ohren, bis man seine eigenen Gedanken nicht mehr verstehen konnte, es war nur eine Frage der Zeit, bis das Trommelfell platzen würde und Amok winkte schon durchs hintere linke Fenster, verlockende Angebote machend, dass man ihn zum Teil der eigenen Persönlichkeit machen sollte. Lauter, lauter, lauter. Bitte, schweigt stille. Es gibt keine Stille, wenn um die 30 Kinder in einem Raum sind, es gibt auch keinen Moment der Besinnung. Es gibt nur Krach, Lärm, Hahnenkämpfe, Gegröhle, Flachwitze mit anschließendem ausuferndem Gelächter, es gibt seelenmalträtierendes Geschrei und es gibt wirklich keine Stille. Der Zeiger tickt, aber er läuft nicht weiter. Er scheint auf der Stelle zu ticken. 8h bis 13.20h, das ist mehr als ein ganzes Semester, und das 6 Wochen lang am Stück. Zeit, vergeh endlich, hab dich nicht so.

Ist es erst einmal 13h, raffen alle ihre Sachen zusammen und fahren ihre ansonsten schon nur auf ungefähr 1% der möglichen Konzentration befindliche Konzentration auf 0,0% herunter. Man verbringt ungefähr 20 Minuten im sinnfreien Raum, niemand hört zu, niemand macht irgendetwas, was ihm befohlen wurde, niemand macht überhaupt noch irgendetwas, außer seinen direkten Nachbarn zu ärgern oder seinen indirekten Nachbarn zu ärgern. Woraufhin dieser (oder jener) sich damit revanchiert, seinen direkten Nachbarn oder seinen indirekten Nachbarn zu ärgern. Ein Haufen voller Stecknadeln, bei denen man vergessen hat, die Batterien rechtzeitig zu entladen.

Wie glücklich ich bin, nicht Lehramt studiert zu haben!

Was das in einem Fußballblog zu suchen hat?

Ganz einfach, hier kommt dann das Pitchspotting ins Spiel. In jeder großen Pause blieben nämlich 15-20 Minuten Zeit. Die konnte man damit verbringen, auf dem Ascheplatz gegenüber vom Schulgelände rumzuschlendern und seine nicht mal mehr schrottreifen Akkus wieder aufzuladen. Sich Spielszenen vorstellen, das Klackgeräusch des Balles hören, wie er hinter dem Tor gegen den metallenen Zaun fliegt, die Rufe und das heftige Atmen der Spieler hören (und im Winter auch sehen, es war aber nicht Winter). Dem beinahe die Hand hebenden Hirn noch mal die Restreserven entlocken, die nötig waren, um die Zeit voller Irrer, in der die Zeit ihren Job einfach nicht machen wollte, durchzustehen. Einfach inhalieren.

Pitchspotting saves lives.

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african arenas

Die Karawane ist längt weitergezogen, Fußball wird in Afrika aber immer noch gespielt, wie diese Bilder Thomas Hoeffgens von Fußballplätzen in Afrika zeigen.

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Zur gesamten Galerie african arenas auf thomashoeffgen.com, mit Dank an den Urheber für die freundliche Genehmigung.

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Glück Auf, Königsblog!

Das ist ein kalter Hammer am Morgen und leider kein Scherz:

Das Königsblog macht dicht.


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Eine Würdigung dieses überaus talentierten Schreibers, der Beiträge über den FC Schalke 04 auch für jene lesenswert gemacht hat, die diesem kein Glück wünschen, traue ich mir nicht zu, vielleicht kann der geneigte Leser sich dort selbst äußern und „Herrn Wieland“ danken, Glück wünschen, irgendetwas mitteilen oder auch einfach nur noch mal die Texte genießen, denn zur Stunde sind die Beiträge ja noch aktuell.

Eine Schande, dass der Macher beschlossen hat, aufzuhören.

Kommen und Gehen gehört nun mal zur Existenz dazu, man darf froh sein, dass sich nichts ereignet hat, was Torsten zum Abschied bewegen musste, aber man darf auch trauern, dass diese Lektüre nun wegfällt. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr ich mich mit dem Königsblog angefreundet hatte, und wie sehr ich es nun vermissen werde. Wirklich, ohne falsches Pathos:

Es war eines der besten Fußballblogs, die wir in unserem Blogosquarium hatten.

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