Zum Inhalt springen

Autor: Trainer Baade

Weiße Elefanten am russischen Horizont

Ganz groß zwischen Kimme und Korn ist ja zur Zeit Katar, wo man 6 Stadien in eine einzige Stadt bauen möchte, in welcher schon zu Länderspielen zwischen der am meisten gehypten Nationalmannschaft des bekannten Teil des Universums, Brasilien, und dessen Testspielgegnern gerade mal schlappe 6.000 Zuschauer erscheinen.

Der große Vorteil Russlands ist wohl, dass im Schatten dieser skandalösen WM-Ausrichter-Auswahl die Entscheidung für Russland beinahe fußballaffin wirkt. Erste Europapokalgewinner aus diesem Land, die nicht Dynamo Kiew heißen, gibt es bereits seit einigen Jahren und der russische Fußball macht den Eindruck, als wachse die Begeisterung und erlange er wie auch in Mitteleuropa immer besseren Zugang zur Mitte der Gesellschaft (nicht dass das per se wünschenswert wäre).

Dass der Hooliganismus in den Regionen, die jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs liegen, genau jene 20 Jahre nachholen möchte, die er unter der Knute stand und sich nicht rühren konnte und deshalb noch in einer (was man so liest) viel dramatischeren Form vorliegt, als er hier je existierte, ändert nichts daran, dass man dort über das Geld verfügt, Stadien zu bauen so schön wie russische Prinzessinnen.

Weshalb man das auch unbedingt tun möchte, ganz gleich, wie sinnlos verprasst diese Gelder sind, die für — man muss sich das immer wieder vergegenwärtigen — eine effektive Nutzungsdauer von 360 Minuten gebaut werden. Also ungefähr 1 Million Euro Baukosten pro Minute Nutzungszeit. Zählt man An- und Abfahrt und derlei Brimborium am Spieltag hinzu, sind es immer noch nur 4 ganze Tage.

4 mickrige, einzelne Gelegenheiten.

Da ist die Frage nach den Schulen, Kindergärten, Teddybären und Schulbüchern doch viel weniger polemisch als sie beim ersten Gong noch klang.

Weil man es (sich leisten) kann, baut man nun also laut dieser Aufstellung bei SPON zur WM 2018 in Russland nicht weniger als 13 der als Ausrichtungsort vorgesehenen 16 Stadien neu. Von welchen 9 wiederum an Orten entstehen sollen, an denen man zur Zeit nur über Zweitligaklubs verfügt. Zwar sind es bis 2018 noch Glückszahl Jahre hin, da kann natürlich der eine oder andere Klub, insbesondere wenn man das möchte, auch noch aufsteigen — nur darauf bauen kann man nicht.

Was aber wäre so schlimm daran, einigen Zweitligisten ein schickes Stadion zu bauen? Immerhin würden diese dann anders als in Korea oder Südafrika überhaupt genutzt. — Ganz einfach: Es mag für die Zweite Bundesliga sinnvoll sein, über solche Riesen zu verfügen. Die Zweite Bundesliga, in der man in Frankfurt in einem WM-Stadion spielt, in Berlin bis vor wenigen Monaten dasselbe tat, und die Ränge trotzdem entsprechend ihres Umfangs gefüllt werden.

Die russische 2. Liga hingegen besuchen im Schnitt 5.243 Zuschauer pro Partie, wobei der bestbesuchte Verein knapp über 14.000 Zuschauern erreicht. Die zwei letzten der Zuschauertabelle schaffen es nicht mal auf durchschnittlich 2.000 Besucher.

Offensichtlich benötigen nicht gerade diese russischen Zweitliga-Städte 9 Stadien mit einer Kapazität von über 40.000 Zuschauern, aber die Frage der Nachnutzung zählt bei diesen Projekten nun mal nicht. Und wenn, dann nur auf dem Papier in einer schöngerechneten (der Gedanke als Sohn des Wunsches) Version im Vorhinein.

Im Einzelnen sind dies folgende für die WM 2018 als Ausrichtungsort eingeplanten Städte Russlands:

  • Kaliningrad mit dem FC Balitka Kaliningrad
  • Jaroslawl mit dem FC Schinnik
  • Nischni Nowgorod mit dem FC Wolga und dem FC Nischni
  • Saransk mit dem FC Mordowia
  • Samara mit dem FC Krylja Sowetow Samara
  • Jekaterinburg mit dem FC Ural Swerdlowsk
  • Wolgograd mit dem SC Rotor Wolgograd, der zur Zeit wegen Finanzproblemen nirgendwo spielt
  • Krasnodar mit dem FC Kuban und dem FC Krasnodar
  • Sotschi mit zur Zeit keinem Verein von Belang

Das alles ist ein eher kleiner Skandal im Skandal-Feuerwerk der wohl korrupten Vergabe beider kommender Weltmeisterschaften, deshalb aber nicht weniger erwähnenswert.

Ähnlich lief es zwar bereits 2002 ab. Damals allerdings aus einer ganz anders aufgestellten Volkswirtschaft heraus. Was man als ordentlicher Blogger jetzt nachprüfen müsste. Wenn man es hier einfach behauptet, hat wenigstens jemand Grund, zu widersprechen.

Dem ansonsten völlig unsinnigen Bau von 9 Stadien mit einer Kapazität von über 40.000 Zuschauern für eine Liga mit einem Zuschauerschnitt von 5.000, in einem Land, das trotz aller wirtschaftlichen Fortschritte beim Pro-Kopf-Einkommen auf Platz 71 der Welt liegt (und bei der Jugendarbeitslosigkeit auf Platz 174), kann ja wohl keiner bei Trost widersprechen.

For the swank, for the pomp.

10 Kommentare

Wir sind die 99%

Wir sind jene 99% der Zielgruppe in Deutschland, die keinen blassen Schimmer haben, was der Name „Predator“ auf deutsch bedeutet. Das hält uns allerdings nicht davon ab, die Dinger irgendwie cool zu finden und trotzdem zu kaufen. So ein bisschen nach großem Dinosaurier klingt es schließlich schon …

11 Kommentare

Quell des Frohsinns „Passives Abseits“

Letztens schon machte ich hier einen Vorschlag zur Güte in punkto passivem Abseits, dessen Praktikabilität sich allerdings erst noch erweisen müsste. Zusätzlich zur Frage, ob diese Änderung überhaupt den Geist des passiven Abseits träfe. Man kann mich also sehr deutlich auf der Seite der Befürworter einer Vereinheitlichung oder Entschärfung dieser Problematik finden.

Ein Argument für die Beibehaltung des passiven Abseits ist mir beim Betrachten der Jubelbilder des Wochenendes und „schonau“ der Jahre davor allerdings in den Sinn gekommen und daraus nicht mehr heimgegangen, weshalb ich es hier kurz einwerfen möchte:

Ohne das stets unterschiedlich ausgelegte passive Abseits, das noch keine Wahrsagerin mit über den Zufall hinausgehender Quote vorhersagen könnte, gäbe es nicht diese herrlichen Jubelbilder von Torschützen, die sich zum Deppen machender Weise wie von der Tarantel gestochen übers Spielfeld sprinten, auf ihren Knien einige Dutzend Dezimeter weit rutschen und ihre meist unansehnlich unakkurat tätowierten Arme wild fuchtelnd durch die Luft bewegen, nicht ohne Grimassen zu schneiden, die auf Aussetzen des Verstandes schließen lassen dürfen, kurz: Ihr gesamtes narzisstisches Jubelrepertoire einmal durchexerzieren.

Bevor ihnen dann auffällt, dass ihr Treffer keine Anerkennung findet und all die Grashalme beim Torjubel völlig umsonst platt gewalzt wurden, wie auch das gesamte Auslösen des Jubelprogramms (das offensichtlich über einen „Point of no return“ verfügt, nach dessen Überschreitung unwiderruflich das gesamte Programm abgespult werden muss, Männer werden eher verstehen, wovon dabei die Rede ist) einem Fehlalarm zugrunde lag. Und der Torschütze noch dazu meist der letzte ist, der von der Nichtanerkennung erfährt, eben weil er sich gerade in seinem Jubelrausch befindet, während der etwas weniger euphorische Mitspieler ihn tätscheln muss und mit leichtem Bedauern und auch einer gewissen Angst vor der Reaktion des vermeintlichen Torschützen auf den Linienrichter weist (welcher allerdings nicht weniger theatralisch wiederum sein Programm der Nichtanerkennung eines Tores angeworfen hat).

Es folgt die unehrenhafte Aufgabe für die verhinderten Torschützen: Ihre Arme wieder einpacken, das Gesicht zu einer Leidensmiene verziehen und dann weiterspielen, mit einem Strichlein fürs Deppsein mehr auf der Gürtelschnalle.

Ich gebe zu, aus diesem Blickwinkel bereitet das passive Abseits dann doch eine schöne Stange Vergnügen. Allerdings nur aus diesem.

8 Kommentare

Mehr und vor allem bessere Sitten

Was in Kinos unter freiwilliger Selbstkontrolle funktioniert, sollte man bitte auch in Stadien einführen:

Die Benutzung von Handies und auch von klugen Handies ist verpönt. Der status quo ist schließlich ein Abtörner vor dem Herrn, wenn die Sitz- oder Stehnachbarn plötzlich mitten im laufenden Spiel in ihren Taschen kramen und wichtige Informationen übermitteln. Zum Beispiel Spielstände und gefallene Tore, die der Empfänger im Jahr 2011 natürlich nirgendwo anders finden könnte. Oder gar um ein früher als geplantes Heimkehren zu übermitteln, weil der eigene Verein aussichtslos hinten liegt. O tempora.

Was die Kenntnis von Zwischenständen wichtiger parallel laufender Partien angeht: If you can’t stand the heat, gibt es ja immer noch Videotext. Zu Hause, vorm Fernseher.

7 Kommentare

Playoffs mit Teilnehmern aus Europa

Folgend eine Aufstellung aller je mit Teams aus Europa stattgefunden habender Playoff-Spiele für die Qualifikation zu einer EM oder WM.

Eigentlich sollte es nur um die WM-/EM-Playoffs der UEFA aus jüngerer Zeit gehen, sprich seit der WM 1998, als diese Playoffs in großem Umfang eingeführt wurden. Wenn man dann aber einmal dabei ist, sieht man, dass diese Erfindung schon lange existiert und insofern gar nicht so merkwürdig ist, wie sie auf den in 1980er Jahren Fußballsozialisierten heute immer noch wirkt.

Obschon sie natürlich begrüßenswert ist: Jede auf sportlichem Wege durch den Ausgang eines Spiels zustande gekommene Entscheidung ist besser als eine mit irgendwelchen ominösen Torkoeffizienten oder Fairplaywertungen oder — im Prinzip noch absurder — durch einen Quervergleich von Gruppendritten, welche gegen unterschiedliche Gegner antraten. Wie man unten sieht kommt dieser Weg der Entscheidung erstaunlich häufig ohne Zusätze an die Spielzeit von 180 Minuten aus, der Auswärtstorregel, über deren Berechtigung man natürlich ebenfalls streiten könnte, sei Dank.

Wen nur die jüngere Zeit interessiert, der möge sofort nach unten scrollen, andere werden sicher einige Begnungen aus älterer Zeit finden, welche ihnen entfallen waren.

WM 1958

Israel – Wales 0:2 (0:1)
Wales – Israel 2:0 (0:0)
 

WM 1962

Israel – Italien 2:4 (2:0)
Italien – Israel 6:0 (1:0)
 
Marokko - Spanien 0:1 (0:0)
Spanien – Marokko 3:2 (2:1)
 
Jugoslawien – Südkorea 5:1 (1:0)
Südkorea – Jugoslawien 3:1 (2:0)
 

WM 1974

Die UdSSR trat aus politischen Gründen nicht zum Rückspiel in Chile an. Chile hingegen trat an und schoss sofort das 1:0. Im Anschluss wurde die Partie abgebrochen, weil ohne Gegner kein Wiederanstoß möglich war. Gewertet wurde das Spiel mit 2:0 für Chile, welches sich damit für die WM-Endrunde in Deutschland qualifizierte.

UdSSR – Chile 0:0
Chile – UdSSR 2:0 am Grünen Tisch
 

WM 1978

Ungarn – Bolivien 6:0
Bolivien – Ungarn 2:3
 

WM 1986

Da es Vierer- und Dreiergruppen in der Qualifikation gab, mussten die jeweils Zweiten der Dreiergruppen noch durch eine zusätzliche Playoff-Runde, Schottland sogar gegen den Vertreter Ozeaniens antreten.

Belgien - Niederlande 1:0
Niederlande - Belgien 2:1
 
Schottland - Australien 2:0
Australien - Schottland 0:0
 

EM 1996

Die 6 besten Gruppenzweiten aus den 8 Gruppen waren direkt qualifiziert. Der letzte und der vorletzte der Tabelle der Gruppenzweiten bestritten ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden, der passend zum EM-Ausrichter von 1996 in Liverpool, England, lag.

Irland - Niederlande 0:2 (0:1)
 
15 Kommentare

I ♥ Radio

Ein schöner Kommentar unter dem SZ-Interview mit Günther Koch, der für meinen Geschmack dann doch immer die Nuance zu viel dick des Dicken aufgetragen hatte, als er noch im ÖR-Radio zu hören war. Findet der Kommentator offensichtlich auch, denn er schreibt:

Schön waren sie die Radioberichterstattungen von Koch. Irgendwann war er dann bei Arena und man konnte Kommentar mit dem Bild vergleichen. Was auch immer für Spiele der Mann moderiert hat, es waren nicht die gezeigten. Im Radio kann man halt erzählen, was man will.

Wie passend, dass Manni Breuckmann der Nachfolger von Günther Koch bei 90elf werden wird. Denn Ersterer bekannte beim Abschied vom Parkstadion, noch nie so viel gelogen zu haben wie bei seinen Reportagen von der Haupttribüne jenes Parkstadions aus.

Obwohl ich beinahe Jahrzehnte samstags am Radio hing (hängen im Sinne des Junkies an der Nadel, nicht im Sinne von rumhängen, rumlungern), fühle ich mich durch dieses Geständnis nicht nachträglich getäuscht noch betrogen. Die Übertragung war echt, die Worte, die Spannung, die Atmosphäre auch, die Suppe muss halt gesalzen werden, und wenn am Ende das Ergebnis das tatsächliche war, dann habe ich am Radio einen spannenden Nachmittag gehabt, während die Zuschauer im Stadion aus dem Gähnen nicht mehr rauskamen.

Der Wunsch, auf Kosten der Realitätstreue betrogen zu werden, entstand schließlich in mir — der Reporter war dann nur dienstbarer Erfüllungsgehilfe. Funktioniert aber eben nur im und am Radio.

3 Kommentare

Hope Solo nackt

Ihr wisst, was Ihr damit anrichtet, wenn Ihr auf den folgenden Link klickt? Und Rasenwässern! Ihr zerstört das idealisierte Bild, das man sich davon gemacht hat, wie Hope Solo wohl nackt aussieht.

Und ich als jemand, der schon desidealisiert worden ist, weil ich zufällig bei ESPN (hier sogar mit Video) vorbeisurfte, wo Hope Solo nackt (und nackt beim Rasenwässern!) gezeigt wird, kann sagen, dass es ganz anders ist, als man dachte. Und Rasenwässern! Und zwar nicht positiv anders. Und Rasenwässern! Und dass am Oberkörper heraustretende Muskeln meinen Geschmack in Bezug auf Frauenkörper nicht unbedingt treffen. Und Rasenwässern!

Zumal insbesondere Fußballer und -innen ohnehin nicht nackt posieren sollten, denn beim Fußball soll derjenige gewinnen, der am klügsten dribbeln und passen kann — und nicht der mit den dicksten Muskeln. Und Rasenwässern! Es gab mal eine deutsche X-Promifrau, die im Interview auf die Frage, ob sie Fußballer toll fände, antwortete: Nein, denn die hätten zu dicke Oberschenkel. Und Rasenwässern! Also bitte, auf eigene Verantwortung. Hope Solo nackt. Und beim Rasenwässern!

9 Kommentare

Wenn Du glaubst, es geht nichts mehr, kommt von irgendwo ne Flanke her

[photopress:zum_blonden_engel.jpg,full,alignright] Das Zitat ist zwar von Günter Netzer (und eigentlich auch kein Zitat, denn es war nur ein Werbeslogan für die ARD), während das im Folgenden verlinkte Blog in seinem Titel Bezug auf Bernd Schuster nimmt, während seine Inhalte wahrscheinlich, das wird sich noch zeigen, ähnlich breit um den Mittelpunkt Fußball gestreut sein werden, wie man es von seinem Betreiber aus seligen fooligan-Zeiten kennt. Aber Fred Valin hat offensichtlich unter eigener Regie neu aufgemacht — schöner könnte eine Nachricht kaum sein:

Zum blonden Engel.

Der binationale und gleich mal darüber schreibende Fred wird uns den Fußball wieder näher an Literatur, Politik und Gesellschaftskunde heranrücken, ohne dabei das spielerische Element zu kurz kommen zu lassen. Oder auch nicht, jedenfalls hat da einer das Bloggen wieder aufgenommen, der auch mal hinter die Bühne schaut. Und unter.

Ebenso lesenswert, ebenso wenig mit Vereinsfokus und ebenso nicht ganz neu in unserer, ähem, Runde: unrund.

Geht’s raus und lest’s.

2 Kommentare

Horrorkabinett beweist: Neuer muss sich konzentrieren (lernen)

In den letzten Tagen weht mir ein bisschen Gegenwind entgegen, weil ich Manuel Neuer stets „kritisiere“. Erstens tue ich das gar nicht (ausschließlich), natürlich hält er hervorragend im Tor und spielt magnifique mit, wie es noch nie ein Torwart in der Nationalmannschaft vor ihm bewerkstelligte. Er ist auch ganz klar meine Nr. 1, Adler hatte mich trotz guten Leistungen gegen Russland oder so nie vollends überzeugt. Zweitens kritisiere ich ja nicht aus Spaß am Kritisieren, sondern weil es angezeigt ist.

Manuel Neuer ist ein toller Torwart, aber er schafft es nicht, sich 90 Minuten lang zu konzentrieren. Natürlich geht nicht jedes Gegentor auf seine Kappe, wenn da ein Verteidiger pennt, dann ist das nicht seine Schuld.

Man verstehe mich also nicht falsch, dass das Folgende kein Plädoyer gegen Manuel Neuer ist, sondern ein Plädoyer für weitere Verbesserung, mehr Konzentration und noch mehr Beschäftigung mit seinem Job.

Aber genau diese Form von Gegentor wie beim 1:3 gegen Belgien nach Ecken/Flanken hat er jetzt in seinen wenigen letzten Nationalmannschafts-Einsätzen bereits zig Mal kassiert — selbst gegen Aserbaidschan. Mag sein, dass er seine Abwehr im Spiel stets perfekt positioniert, im „Eins-gegen-Eins“ wirklich Weltklasse erreicht und dass er mit Fernschüssen kaum zu bezwingen ist.

Mag alles sein.

2 der 4 verlorenen WM-Finals verlor die deutsche Auswahl jedenfalls wegen Torwartfehlern.

Ich möchte einfach nicht, dass das wieder passiert, dass ein Torwart sich über ein gesamtes Turnier hinweg beste Noten erspielt, dann aber im Finale patzt. 1954 ging es dann ja noch glücklich aus, von 1966 liegen (hier) keine Bilder vor.

Wer mich aber als Anti-Neuer missinterpretiert, versteht nicht, dass ich mir ebenfalls nichts* mehr wünsche als den Titel. Und dafür muss man eben 7*90 Minuten lang hochkonzentriert sein und nicht nur 6,99*90 Minuten.

Hier also die Beweise, und ich muss deutlich warnen. Selbst wer damals live dabei war und glaubt, es schon verarbeitet zu haben, selbst für den sind beide Videos noch mal hartes Brot. Ich muss das aber hier in aller schonungslosen Offenheit zeigen, damit man sich nicht immer einen die Tasche lügt, wie toll und Weltklasse Neuer sei. Wer sich in jedem zweiten (Länder)Spiel ein Ei fängt, der ist nicht Weltklasse, sondern ein extremer Risikofaktor in einem so wichtigen Spiel wie einem Finale oder allen anderen Spielen, die ins Finale führen sollen.

Ich hab 1986 zwar mittlerweile so langsam doch deutlich überwunden. Das Video vom Finale 2002 hab ich aber seitdem noch nicht wieder zu schauen geschafft. Und ich meine nicht zeitlich. Und wer jetzt noch innerlich ein wenig lacht:

Denkt dran, jeder hat nur ca. 35 große Turniere pro Lebenszeit — und bei mir sind 15 davon schon vorüber. Reinkarnation ist eine ziemlich schlecht dotierte Wette, weil sich der Buchmacher im nächsten Leben partout nicht an das vorherige Ich erinnern will. Und wer hat neugeboren schon seinen alten Ausweis dabei?

Noch einmal darauf hingewiesen: Die beiden folgenden Videos bitte nur aktivieren, wenn man davon ausgeht, es seelisch auch verkraften zu können.

1954

Fehlt leider, siehe hier.

1986

2002



*fast

15 Kommentare

But (nicht Wladimir Wladimirowitsch)

Zur Einstimmung auf das Spiel mit den vielen Toren — offensives Spiel hat Jogi zumindest versprochen — gerade mal schnell ein „lustiges“ Tor aus der belgischen Liga.



Hier nur erwähnt wegen der einzigartig originellen Beschriftung des Tornetzes.

Damit man weiß, was die Stunde geschlagen hat, wenn man den Ball aus selbigem holen muss.

Wie die Belgier gleich das eine oder andere Mal.

Einen Kommentar hinterlassen

Liften lassen

Zu einer bestimmten Zeit meines Lebens legte ich eine bestimmte Strecke meines Lebens immer mit einem bestimmten Bus zurück. Dieser fuhr jedes Mal an einem bestimmten Autohaus vorbei, und weil sich direkt gegenüber dieses Autohauses eine Haltestelle befand, an der viele Menschen ein- und ausstiegen, hielt er immer eine gewisse Weile gegenüber der länglichen Glasfassade des Autohauses, die sich zwischen einige höhere Wohnhäuser quetschen musste.

Kein gewöhnliches Autohaus, sondern eines, welches auch noch einen 1. Stock besitzt, der trotz seiner erhöhten Lage allein aus Präsentationsfläche bestand, wo sich Karosse an Karosse reihte. Nun war das Autohaus aber ziemlich schmal beziehungsweise vom Bus aus gesehen wenig tief.

Was mir bei all den Fahrten mit jenem Bus geradezu Pein bereitete, war, dass ich keine Antwort auf die Frage wusste, wie die Autos in den 1. Stock gelangten, wenn nirgendwo eine Auffahrt möglich war.

Früher verdienten Profifußballer so wenig Geld, dass es ihnen als Zugewinn an Lebensqualität verkauft werden konnte, wenn sie die Vereinsgaststätte übernehmen durften. Eine Kneipe, in der man tagein tagaus mit Besoffenen hadern muss, nach dem Bratöl aus der Küche stinkt und die Marge schon vor den modernen Knebelverträgen der Braureien ziemlich gering war, wirkte wie ein Aufstieg. So gering war das Einkommen dieser Spieler. Weshalb man sich auch keine Gedanken machen musste, was sie mit all dem Geld machen, das sie mit Fußballspielen verdienen, weil es ein solches Geld nicht gab. Jedenfalls keines, das über den üblichen Lebensstandard eines Kleinbürgers hinausging.

Heute verdienen Profifußballer (nicht alle, nein) so viel Geld, dass bei geschicktem Verhalten die berufliche Karriere nach dem Ende des Kickens gerne als „Privatier“ fortgesetzt werden darf, wobei da immer noch große Möglichkeiten bestehen, wie man im Luxus lebt, ohne alles zu verprassen. Nicht jeder schafft es, das viele Geld auch loszuwerden. Es müssen schon exklusive Hobbies und Investitionen her, damit das Geld endlich wieder in den natürlichen Ökokreislauf einsickern kann. Wofür also gibt der moderne Profifußballer sein Geld aus?

Die Antwort auf beide hier aufgeworfenen Fragen ist simpel und lautet:

PKW-Aufzug.

1 Kommentar

Everybody cool, this is a …

… Breitnigge.

Wenn es noch eines Indizes bedurft hätte, dass dem Boulevard schon seit den frühen 1980ern nix Neues mehr einfällt, obwohl sich die handelnden Personen größtenteils geändert haben: Bitteschön.

Bald also auf einem Monitor Ihrer Wahl zu lesen: Der Schürmez und der Özose — wie auch immer man sich diese Tierchen vorzustellen hätte.

4 Kommentare

Türkiye — Almanya 1:3

Sehr enttäuschend.

Sehr, sehr enttäuschend.

Das türkische Publikum. Das als so unglaublich frenetisch apostrophierte Publikum in der Türkei ist äußerst fußballfachunkundig. Denn wenn es wüsste, wie es tatsächlich um die deutsche Defensive bestellt ist, würde es nicht schon zu großen Teilen vor dem Abpfiff nach Hause stromern, bei einem so knappen Rückstand von gerade mal 0:2. Die deutsche Defensive ist nämlich immer für ein Gegentor gut, warum dann auch nicht mal 2 — aus dem Nichts, so wie der Anschlusstreffer zum 1:2.

6 Gegentore in 9 Spielen, darunter 2 (!) von Aserbaidschan, ebenfalls meist aus dem Nichts. Ich als Türke wäre noch ein bisschen sitzen geblieben. Gastfreundlich ist es auch nicht besonders, einem erst die Hölle heiß zu machen, und wenn man dann verloren hat, ist man gar nicht mehr anwesend. Aber nun gut, um seine Außenwirkung kümmert sich der einzelne Bezahlende ja nun mal selten. Da geht es eher darum, ob man gleich im Stau steht oder nicht.

Neuer mit den üblichen Schwächen bei Flanken, was nützen da Anspiele wie aus Netzers Füßen, wenn immer wieder diverse Wackler im Spiel sind — von wegen „weltbester Torwart“. Der stets schattige Badstuber mit einer mediokren Zweikampfgestaltung und bei Boateng — das mag auch im Auge des Betrachters liegen — läuft immer die Angst mit, ob er vielleicht nicht doch gerade abgeschaltet haben könnte. Zwei mal fünfundvierzig Minuten, ganz ehrlich: das kann man auch trainieren, sich so lange konzentrieren zu können, vor allem wenn man [Populismus on] den ganzen Tag nichts Anderes als Fußballspielen macht [/Populismus off].

Ein Hüne von einem Mann, und doch möchte man ihn immer wieder am Arm nehmen und zeigen, dass er gar keine Angst haben müsste vor dem Gegner, vor dem Spiel, dem Leben, der Welt. Es ist allerdings in der Tat beängstigend, dass Jerome Boateng nun schon seit 2007 Profi ist und dabei in dieser Frage Fortschritte gemacht zu haben scheint wie König Samba in den ersten sieben Jahren im Kampf gegen Isa Bere.

Schließlich entwickelt man gar noch ein wenig Verständnis für Lehrer, die ihre tagträumenden Schüler schon mal am Arm rütteln, um sie dazu zu bewegen, sich endlich ihrer Aufgabe zu widmen und nicht mehr aus dem Fenster, sieh!, ein Schmetterling!

Ein Mal allerdings stach Boatengs Auftreten heraus: Als er ein sehr langes Laufduell gewann und da blitzte das so selten Gewordene im Fußball mal wieder auf: der Kampf Mann gegen Mann, einfach nur die Frage, wer nun einen halben Meter schneller ist als der Gegenüber. Boateng blieb Sieger, doch auch hier erwachte das Gefühl, dass er erst die entscheidenden Km/h drauflegte, als er merkte, dass sein Gegner ebenfalls im Vollsprint befindlich ist.

Eine schöne Reminiszenz an alte Zeiten, als noch die Mannschaft mit den besseren 11 Einzelspielern gewann und ein bisschen konnte man auch wehmütig werden, so viel Energie und so viel Unvorhersehbarkeit, wie dort plötzlich versprüht wurde.

Enttäuschend auch, wie alt Mario Gomez geworden ist, seit manchmal Mario Götze neben ihm spielt. Da sieht man, dass Gomez zwar mehr als nur seinen Körper einsetzen kann, dass ihm aber gleichzeitig jeder Glanz im Spiel des Balles abgeht. Muss er auf seiner Position auch nicht besitzen. Doch auf diese Weise laufen so viele Ideen von Götze ins Leere.

Dieser verfügt über jenes Zidane-hafte, welches das Spiel verlangsamt, wenn er am Ball ist, alle Optionen stehen ihm mehr als sekundenlang offen. Wenn man dann aber wartet und wartet und wartet, dass z. B. Gomez sich in die richtige Richtung löst, jedoch nichts passiert, dann kann man selbst als Mario Götze schon mal den Ball verlieren.

Das sieht dann blöd aus, denn Mario Gomez würde in ähnlicher Lage wie auch am Freitag geschehen einfach unmotiviert auf, bzw. übers Tor schießen. Sieht fast so aus, als sollte Götze da noch ein wenig eigensinniger werden, auch wenn man das im Zuge der Schönheit des Spiels natürlich nicht wollen kann.

Bliebe Jogi Löw und die deutsche Bildregie. Letztere sollte das Stilmittel des rumpelstilzenden Löws seltener verwenden, denn sonst nutzt es sich allzu schnell ab — beim Zuschauer, aber auch bei den Spielern. Und fällt Löw ohnehin auf die Füße, wenn es trotz beeindruckender Gesamtleistung in Istanbul wie in der kompletten EM-Qualifikation dann doch wieder nicht zum Titel reichen sollte.

Partien mit ähnlicher Ausgangslage hätte man vor zwei, drei Jahren allerdings noch achtlos weggeworfen. Wie am Freitag bei der Türkei gewonnen wurde, obwohl man qualifiziert war, lässt der Bildregie vielleicht noch mehr als nur eine Gnadenfrist beim Spiel mit der Super Slow Emotion.

6 Kommentare