Zum Inhalt springen

Kategorie: Zettel-Ewalds Sammelsurium

Alles, was Zettel-Ewald sonst noch notieren würde

Schneller als der Regen laufen

Wenn man sich selbst im Regen aufhält, wirkt er nie so stark wie wenn man von drinnen aus dem Fenster auf den Regen schaut. Das ist für die meisten Fälle des Alltags recht irrelevant, weil man in den meisten Fällen drinnen ist, wenn es regnet. Aber für jenen Fall, dass man ein Fußballspiel zu spielen beabsichtigt, ist es etwas wichtiger als sonst.

Schließlich plant man, sich mindestens 90 Minuten und so der Schiedsrichter es will noch ein paar Minuten länger in diesem Regen aufzuhalten. Oder beim Training unendliche (weil herrliche) Minuten an Zeit im Regen.

Hat es je einen Fußballspieler gegeben, ob jung, alt, professionell oder von Letzterem weniger, der sich beschwert hätte, dass es regnet, während er Fußball spielt? (Im Falle der jüngeren Fußballspieler mag es da einige gegeben haben, die wurden aber nicht alt, als Fußballspieler.)

Nein, hat es nicht gegeben, was erstaunlich ist, läuft man doch gemeinhin nur in außergewöhnlichen Zuständen gerne und freiwillig länger als für ein paar Minuten im Regen herum.

Dem Fußballer macht das nichts aus.

„Bei dem Regen willst Du zum Training gehen?“

So hört man die entsetzten Stimmen noch nicht mal Erziehungsberechtigter, sondern gleichaltriger anderer Menschen nicht fragen, vielmehr vorwerfen. Dass „Wieso nicht?“ hier keine akzeptbale Antwort sein würde, weiß man aus Erfahrung, obwohl die Antwort doch völlig zutrifft.

Wenn man läuft (und spielt, anders als beim reinen Joggen), merkt man den Regen doch gar nicht. Man läuft ihm davon. Klar, er tropft schon mal ins Gesicht, ins Auge, über die Lippen, in den Mund gar, heftiges Atmen gehört dazu. Aber dorthin dringt Schweiß ebenso und solchen vergießt man beim Fußballspielen nun mal ohnehin. Auch wenn es nicht regnet.

Man fragt auch keine Schwimmer, ob sie es nicht eklig finden, in einem Becken zu schwimmen, in das sie selbst (und alle Mitschwimmer) hineinschwitzen, stundenlang bleiben sie in dieser Brühe und fühlen sich doch pudelwohl wie Fische im Wasser. Und die können bekanntlich nicht schwitzen.

Man sollte den Versuch nicht unternehmen, Außenstehenden begreiflich zu machen, dass es völlig egal ist, ob einem nun der Schweiß oder das Regenwasser ins Gesicht läuft. Oder dass selbst nasse Trikots, nass von einem Pfützensturz auf einem Ascheplatz, so lange nichts ausmachen, wie das Spiel läuft. Danach zieht man es ja ohnehin aus.

Doch Schweiß, Wasser, Tränen vielleicht auch, vom eisigen Wind, man ist sowieso völlig mit allen Sorten von Flüssigkeiten bedeckt, machen niemandem etwas aus. Auch innerlich rauscht das Blut rasanter durch die Adern als wenn man zu Hause am Fenster säße und nach draußen blickte. Alle Flüssigkeiten marsch, wir stehen auf der Brücke auf rauer See, doch wie es auch peitscht und faucht, der Ball muss nun mal ins Tor, niemanden schert da der Ruf nach Obdach wegen ein paar Tropfen mehr oder weniger.

„Ja.“

„Du bist verrückt.“

Nicht jedes Mal bei dieser Frage denkt man den ganzen obigen Gedanken zu Ende, man hat ihn ja schon verinnerlicht und muss ihn nur anstupsen, mit einem Tröpfchen Regen oder mit einer blöden Frage, und schon ist er voll aktiviert.

„Ja. Bis nachher.“

Dann stapft man durch den Regen den Hinweg entlang und später umgezogen aus der Kabine, das Klackern der Stollen auf dem Weg zum Platz ein bisschen gedämpfter als sonst. Und natürlich wirkt es draußen erstmal nass, vom Regen. Wenn man ins Becken springt, ist es auch für einen Moment kalt und neunass.

Danach nicht mehr.

Dann läuft alles wie sonst auch, mit den kleinen Apfelstrudeln zum Training gereicht, dass der Ball viel weiter glitscht als sonst, sich erfreut viel schneller um die eigene Achse dreht, dass die Rasenhalme an ihm kleben bleiben, man ihn leicht schaustellerisch abwischt, bevor man einen Eckball tritt, und dass die Stollen tiefer in den aufgeweichten Boden eindringen als ohne den Regen. Weshalb man jetzt schon weiß, dass man abends noch seliger einschlafen wird als an normalen Spieltagen und am nächsten Tag trotz Austrainiertheit die Muskeln ganz leicht spüren wird, dieses angenehme, nur leichte Zwicken, das ja nicht nur geistig befriedigt, sondern tatsächlich körperlich.

„Da bin ich wieder.“

Das dazugehörige „War gut.“ grinst man nach innen und von außen plitschplatscht es aufs Fenster.

22 Kommentare

Ein ewig währendes Jammern dröhnt ins Tal

Wird ein Spieler nicht für die Nationalmannschaft nominiert, beschwert sich der gewöhnliche Vereinsfan über diesen Umstand. Wird ein Spieler für die Nationalmannschaft nominiert, aber nicht eingesetzt, schwillt das Jammern unerklärlicherweise sogar noch etwas mehr an. Am lautesten dröhnt es dann, wenn der Spieler eingesetzt wird, sich aber verletzt. Dann hätte man sich doch lieber gewünscht, dass er nicht nominiert worden wäre, woraufhin man sich natürlich beschwert hätte.

Ein schönes perpetuum mobile des Klagens hat man sich da mit dieser Nationalmannschaft erschaffen, denn schließlich beschwert man sich ebenso einerseits über zu viele Fans, die dieser Mannschaft zuschauen, aber nicht den eigenen Vorstellungen von Fantum entsprechen, wie auch über zu wenige Fans, die ins Stadion gehen. Es ist also völlig egal, was rund um die Nationalmannschaft geschieht: Es ist immer ein Grund zum Klagen vorhanden.

Insofern ist die Nationalmannschaft also eigentlich doch richtiger Fußball, denn rund um den eigenen Verein sieht die Lage ja völlig identisch aus. Zwar mit anderen Variablen, unbesehen deren Ausprägungen aber ohnehin auf jeden Fall gejammert wird.

4 Kommentare

(Echtes) Gewinnspiel: Das Trikot, das ich hasste

[Hinweis: Wer mehr als einen Link in seinen Kommentar setzt, landet automatisch in der Moderation. Das macht nix, ist vollkommen okay, wir wollen viele Hinweise auf Trikots, das schalte ich frei, nur nicht immer sofort.]

Normalerweise laufen die Gewinnspiele hier bekanntlich in aller Regel ohne echte, gewinnbare Gewinne ab, wenn das Schwarmwissen zu bestimmten Fragestellungen im Fußball befragt wird. Oder wenn es um Anekdoten aus dem eigenen Fußballerleben, ob als Fan oder als Spieler geht.

Heute ist das netterweise anders, heute gibt es wirklich etwas zu gewinnen. Verantwortlich dafür sind die Menschen von OUTFITTER, die als Online-Shop im Netz Sportkleidung anbieten.

Zu gewinnen gibt es heute insgesamt 3x ein echtes, originales Trikot eines Bundesliga-Vereins nach Wahl der 3 glücklichen ausgelosten Gewinner.

Vor das Gewinnen hat ein Gewinnspiel in der Blogosphäre aber stets eine etwas forderndere Aufgabe gestellt als die simple Frage: „Wer gewann letztens den UEFA-Pokal: a) FC Porto oder b) SC Versandkosten?“

Nun gibt es Beiträge über die hässlichsten Trikots der Fußballgeschichte wie Sand am Meer, die 11Freunde bestreiten einen Großteil ihres Jahresumsatzes mit allein dieser Galerie; in England kann man aufgrund der Verbindungen zu den Commonwealth-Staaten dabei gar grandiose Schlechtigkeitsexemplare aus Jamaika oder aus Botswana bestaunen. Hierzulande beschränkt es sich an der Spitze der Hässlichkeit normalerweise auf das Regenbogen-Trikot des VfL Bochum und jenes des HSV in pink sowie diverse absurd designte Torhüter-Trikots. Was auch immer an pink hässlich sein soll.

Hier also die Aufgabe:

Welches war das Trikot, das Du am hässlichsten fandest?

Egal, ob vom eigenen Verein, von einem Gegner, aus dem Europapokal, bei Weltmeisterschaften, alles offen.

(Eine Begründung ist nicht nötig, wäre aber natürlich nett zu lesen und vielleicht unterhaltsam.)

Bedingung ist allerdings: Ein Bild des Trikots muss im Kommentar verlinkt werden.

Teilnehmen kann man nur einmal pro Person, das Gewinnspiel mit echten Gewinnen läuft bis Dienstag, den 9. September, 23.59h. Darauf werden die 3 Gewinner der Bundesliga-Trikots aus den Kommentaren ausgelost.

Um den Gewinn auch empfangen zu können, muss natürlich eine in Gebrauch befindliche Email-Adresse in den Kommentar-Feldern hinterlassen werden. Die Versand- wie alle anderen Daten werden zu keinem anderen Zweck verwendet, als den Gewinn zu versenden und danach gelöscht.

Ik bin gespannt.

(Und ja, ich bin tatsächlich Besitzer des Regenbogen-Trikots des VfL Bochum, weshalb hier ein eigener Vorschlag von mir nicht Not tut.)

Vielen Dank für die zu verlosenden Trikots von Bundesliga-Vereinen an OUTFITTER.

OUTFITTER

132 Kommentare

Irgendwie wirktest Du schöner, als ich nicht so genau hinsah

Man könnte annehmen, dass man hier nur auf einen Sonntag mit der Doppel-Null, der Lizenz zum Schlafen, gewartet hätte. Gestern gab es zwei Mal gähnendes Nichts auf den Plätzen. Und das lag nicht mal daran, dass es torlos blieb. Das WM-Finale war auch 112 Minuten lang torlos und dennoch äußerst ansehnlich und spannend. Das waren die beiden Sonntagspartien nicht.

Dieser Umstand ist jetzt allerdings nur der Anstoß, nicht der Anlass, daran zu erinnern, wie unglaublich langweilig Fußball sein kann und oft auch ist. Es ist ja grundsätzlich schon erstaunlich, wie selten Fußballspiele unter Profis torlos enden. Fußball, ein Fehlerspiel und das ist nun mal humanum est. Aber selbst wenn gestern noch ein Elfmeterchen verwandelt worden wäre: Als Neutraler konnte man sich für die Präsentation nur schwerlich erwärmen. Und die Zahl jener Teams, welchen man eher mit einem Schulterzucken und keiner besonderen Regung vor dem Schirm begegnet, wächst noch dazu.

Da darf es schon erstaunen, dass es tatsächlich Überlegungen gibt, die Anstoßzeiten noch weiter zu salamitieren. Dann sähe man noch deutlicher, wie oft die Bundesliga langweilig ist, weil (beinahe) jede einzelne Partie in ihrer teilweisen grotesken Ödnis präsentiert wird und eben nicht, wie früher ™, in einem Strauß an 5, 6, 7 gleichzeitigen Spielen auch mal etwas unter den Tisch fallen gelassen werden kann.

Klar gibt es die Hardcore-Schauer, die im Strudel des Audience Flows dann einfach alles runterschauen, weil es sowieso gerade läuft. Ob sich durch Partien der nominalen Güteklassen wie gestern als Einzelspiel dann aber mehr Menschen für die Bundesliga begeistern als bei einem Spieltag, an dem man sich eben den Highlight-Partien zuwendet, ohne vorher zu ahnen welche das sein werden, sei nicht nur dahingestellt.

Es wäre ein Zirkusbärendienst, die immer wieder, gerade ohne emotionale ™ Bindung an die Teilnehmer, auftretende Tristesse von Fußball explizit ins Schaufenster zu stellen. Aber das wird die Verantwortlichen nicht hindern. So lange man noch ein bisschen mehr aus dem Zirkus rauspressen kann, ignoriert man die schlechten Kritiken dieses und jenes Einzelspiels eben. Künstlerpech, na und, der Kunde kommt ja trotzdem wieder.

5 Kommentare

Verschiedene Versionen von Verantwortung

Der Lodda. In Ermangelung der Bereitschaft, mir weiter Expertengeschwätz eines höchst sexistischen Senders anzuhören, der noch dazu bewusst die Kneipen-Fußballkultur killt, kann ich nicht beurteilen, ob Lodda in den letzten Jahren Sinnvolles zu den Fußballspielen zu sagen hatte, welche er als so titulierter Experte begleitet.

Für ein Thema ist der Lodda aber ohne jeden Zweifel Experte: für sich selbst.

Und da hat er letztens dem Kicker für dessen Special zu 50 Jahren Bundesliga noch mal eine interessante Sicht seiner Selbst zum Besten gegeben. Anlass war die Saison 1984/85, vor welcher Matthäus frisch zum FC Bayern gewechselt war. Angeblich habe es wegen Rummenigges Weggang und Breitners Karriereende etc. keine Hierarchie im Team gegeben.

„Ich bin schnell zurecht gekommen in dem neuen Umfeld und habe — wie es nun mal mein Naturell ist — Verantwortung übernommen.“

Quelle: kicker.de.

Wie schön, dass er diese Behauptung vorher selbst konterkariert, als er sich zu dem vergebenen Elfmeter im Pokalfinale 1984 im Elfmeterschießen mit Gladbach gegen seinen kommenden Club Bayern wie folgt äußert:

„Ich habe zum Trainer Jupp Heynckes gesagt, dass ich mich nicht gut fühle und der Druck vielleicht zu groß sei.“

Hört, hört, schon damals wollte er kneifen. Ohne weitere Quellen zu verlinken, aus dem Gedächtnis zitiert, galt Matthäus in jenen Jahren bei diversen Protagonisten als jemand, der kneift, wenn es drauf ankommt, so z. B. von Dieter Hoeneß geäußert und auch Jahre später aufgrund seiner Auswechslung in „Barcelona!“ noch mal von anderen wiederholt.

Aber er übernimmt ja so gerne Verantwortung.

Nun kann man zwar durchaus die Meinung vertreten, dass es eben gerade verantwortungsvoll sei, es zuzugeben, wenn man sich nicht sicher fühlt und damit potenziell Schaden von der Mannschaft abzuwenden. Wenn sich da nicht eine ähnliche Geschichte kurz vor dem entscheidenden Elfmeter im WM-Finale 1990 wiederholt hätte.

Von Thomas Berthold mag man halten, was man will. Seine Aussage, vor der er laut auflachte, als er Matthäus‘ Ausrede, Verzeihung, Begründung gehört habe, warum er nicht schießen wolle — „hatte neue Schuhe an“ — kann man aber gerne so stehen lassen. Niemand zöge in einem so wichtigen Spiel wie einem WM-Finale komplett neue Schuhe an, behauptete Berthold.

Andy Brehme ist immerhin so freundlich, sich einer Bewertung der 1990er-Situation zu entziehen:

SPOX: Lag es bei Matthäus wirklich daran, dass aus seinem Schuh in der ersten Halbzeit Stollen raus gebrochen waren und er sich in den neuen Tretern nicht sicher fühlte?

Brehme: Das fragen alle. (überlegt) Ich weiß es nicht. Er hat sich zumindest bis heute nicht genau dazu geäußert.

Quelle: spox.com.

(Die fehlende Antwort auf die Frage, wieso der Interviewer diese Frage stellen kann, wenn Matthäus sich doch nie dazu geäußert haben soll, schreiben wir mal ebenfalls Brehmes Höflichkeit zu.)

Matthäus bleibt somit immerhin seine eigene Version von Verantwortung, die er seinem Naturell gemäß so gerne übernimmt. Wahrnehmungen gibt es ja immer so viele wie Beteiligte, schön, wenn man mit sich selbst völlig kongruent ist. Da kann auch nichts am Selbstbild bröckeln. Und man bleibt unbestrittener Experte für sich selbst.

14 Kommentare

Vermaledeiter Recency-Effekt

Der kicker fragte letzens in einer Umfrage nach dem größten Trainer aller 50 Jahre Bundesliga. Das Resultat lautete: Jupp Heynckes. Vor Udo Lattek! Vor Ottmar Hitzfeld! Bei der Weltfußballerwahl fragte man nach dem besten Spieler des abgelaufenen Jahres — gewählt wurde einer, der im letzten wichtigen Spiel der Saison drei Tore erzielte.

Lässt man im Jahr 2001 eine Jahrhundertelf des vorhergegangenen Jahrhunderts eines Vereins wählen, besteht der Kader zu mindestens zwei Dritteln aus Spielern aus den letzten beiden Jahrzehnten (was allerdings auch biologische Gründe hat — oder heißt das Flotteneffekt?). Lässt man ein „sehenswertestes“ Spiel wählen, antwortet ein Großteil mit einem Spiel, das gerade mal ein paar Monate her ist, während alle Spiele seit Beginn der TV-Aufzeichnungen dafür offen gestanden hätten.

Es ist ja auch nicht weiter tragisch, bei derlei Wahlen und Abstimmungen existiert ja ohnehin keine objektive Wahrheit. Ich möchte dennoch hier eine Lanze brechen für all jene, welche vor der gerade abgelaufenen Zeit etwas Herausragendes geleistet haben, aber leider den Strukturen des menschlichen Gedächtnis zum Opfer fallen und bei diesen Wahlen nie etwas werden gewinnen können, was wenigstens annähernd Ähnlichkeit mit einem Blumentopf hätte.

Also: Den Recency-Effekt einfach radikal akzeptieren, solche Wahlen sind ja ohnehin nichts anderes als Unterhaltung.

Eine einigermaßen objektive Wahl einer „Jahrhundertelf“ diverser Vereine oder Tore eines Zeitraums würde mich dennoch sehr interessieren. Leider wird das in diesem Leben und vor allem als Mitglied dieser Spezies mit dem nun mal vorhandenen Gehirn nie möglich sein. (Könnten Schildkröten Fußball spielen und auch noch solche Wahlen abhalten, sähe das anders aus.) Man sollte ja schon froh sein, dass man überhaupt so eine relativ ausgereifte Version von der Evolution zur Verfügung gestellt bekommen hat, mittels derer man immerhin auf den Mond und — nicht ganz unwichtig — auch wieder zurückfliegen kann. Na dann eben: weiterwählen.

Immer den, der zuletzt etwas erreicht hat.

7 Kommentare

Gespräch mit Ronald Reng: „Bohemien im Schatten der Zeche“

Die Mitschrift dieses Telefonats wurde mir freundlicherweise von Michael Wildberg, einem der drei Macher von „Meidericher Vizemeister“, zur Verfügung gestellt und ist bislang nirgendwo anders zu lesen. „Exklusiv“ also hier im Blog.

Ein Gespräch mit Ronald Reng über Heinz Höhers Meidericher Jahre.

In seinem letzten Buch „Spieltage“ erzählt der Autor und Journalist Ronald Reng die 50-jährige Geschichte der Bundesliga aus der Sicht Heinz Höhers, der in der Geburtssaison der Bundesliga zum Kader des MSV Duisburg gehörte und mit den Zebras die Vizemeisterschaft erlangte. Ein Telefonat zwischen Ronald Reng und Michael Wildberg über den Fußball des Meidericher SV in der Saison 1963/64, einen Stadtteil im Schatten der Zeche und den ersten Marketing-Transfer der Bundesligageschichte.

Michael Wildberg: Herr Reng, Ihr Buch „Spieltage“ las ich mitten in den Dreharbeiten zu einer Dokumentation über die Vizemeister des Meidericher SV. Sie haben sich ebenfalls mit der Mannschaft beschäftigt, wenn auch auf vollkommen andere Art und Weise. Diese Truppe verblüfft mich bis heute. Spielerisch changierte sie wohl irgendwo zwischen modernstem Fußball und furchterregendem Abwehrverhalten. Ich bin mir nach allen Recherchen immer noch nicht zu 100% sicher, wie man die Spielweise dieses Teams abschließend beurteilen soll.

Ronald Reng: Wahrscheinlich war es beides. Auf der einen Seite nahm Gutendorf gerne offensive Spieler vom Feld und verstärkte die Abwehr mit weiteren Defensivspezialisten. Das war wohl nicht immer ansehnlich. Es gab damals Pressemeldungen, die von Zuschauern berichten, die während des Spiels an der Theke herumstanden und darüber meckerten, warum sie für diesen Fußball Geld zahlen mussten.

Michael Wildberg: Neben diesem eher simplen Fußball war die Mannschaft aber in anderer Hinsicht ganz nah bei den Philipp Lahms der Gegenwart. Und somit ihrer Zeit ein wenig voraus.

Ronald Reng: Der moderne Aspekt ihrer Spielweise war, dass sie mit Sabath und Heidemann zwei Außenverteidiger hatten, die sich mit in die Offensive einschalteten. Das war für viele Mannschaften neu und stellte sie vor Probleme. Verteidiger am gegnerischen Strafraum gab es damals noch nicht so oft.

Michael Wildberg: Der Kern des Teams bestand aus Spielern, die aus dem Stadtteil Meiderich kamen und sich teilweise von Kindesbeinen an kannten. Das waren ursprünglich Straßenkicker. Für mich ist es ein Wunder, dass eine solche Truppe überhaupt Vizemeister werden konnte. Der Meidericher SV hatte damals ein kleineres Einzugsgebiet als Athletic Bilbao mit dem Baskenland.

Ronald Reng: Athletic Bilbao ist vielleicht ein guter Vergleich. Dort wachsen die baskischen Jugendlichen in einem Internat auf und sind eng an den Verein gebunden. Der nächste Club, der mir dazu einfällt, ist der FC Barcelona der letzten Jahre. Dort wuchs ja auch eine ganze Mannschaft in der Jugend heran, bevor diese Spieler dann als Profis gemeinsam große Erfolge feierten. Wie die Meidericher, die ja alle in Hesselmanns Vereinsheim und seinen Mannschaften groß wurden.

Michael Wildberg: Ihr Protagonist Heinz Höher spielte für uns eigentlich keine Rolle. Auch als wir die Spieler von damals befragten, tauchte er in den Erzählungen selten bis gar nicht auf. Mein erster Gedanke war, dass dieser inner circle der Meidericher der Grund gewesen sein könnte, warum Heinz Höher hier nie so richtig ankam.

Ronald Reng: Für ihn war es ein Scheitern. Er sprach nicht so gerne über die Zeit, viel weniger als über seine anderen Vereine. Es lag aber weniger an den Meiderichern. Die hätten ihn wohl ebenso aufgenommen wie Manfred Manglitz oder Helmut Rahn, die auch von außerhalb kamen. Was aber stimmt: Der Meidericher SV war nicht sein Wunschverein. Ihm ging es eher darum, Bayer Leverkusen zu verlassen. Mit denen hatte er sich wegen seines Gehalts überworfen. Von da an verschickte er seine Bewerbung an einige Vereine, unter anderem an Bayern München.

Michael Wildberg: Höhers Anteil an dem Erfolg des Vizemeisters ist gering. Dabei war er kurz vor seinem Wechsel noch Amateur-Nationalspieler und stand in Sepp Herbergers Notizbuch. Worin begründet er sein sportliches Scheitern beim Meidericher SV?

Ronald Reng: Da kamen mehrere Dinge zusammen. Höher selbst hielt sich damals zwar für einen der Top-30-Spieler in Deutschland, nahm sich dann aber während der Partien immer wieder seine Auszeiten. In Duisburg wurde das nicht gerne gesehen. Obwohl er sich diese Schaffenspausen gönnte, stellte er hohe Ansprüche an sich und hielt sich für besser als viele andere. Als er dann nicht zur ersten Elf gehörte, trainierte er heimlich mit Bleiwesten, um sich wieder heranzuarbeiten. Vor ihm stand aber Helmut Rahn. Das war seine Mauer.

Michael Wildberg: Im Nachhinein ist es fast unvorstellbar, dass ein Weltmeister und Volksheld wie Helmut Rahn in dieser Szenerie aufschlug. Rahn löste einen Fußball-Hype in Meiderich aus. Für Heinz Höher sollte er zum Problem werden.

Ronald Reng: Höher ging nach Duisburg und sah sich selber als Stammspieler. Kurz nach ihm wurde dann aber Rudi Gutendorf als Trainer engagiert. Gutendorf war jung und hatte neue Ideen, so lotste er als eine seiner ersten Amtshandlungen die alternde Legende Helmut Rahn nach Duisburg. Sein Plan war, durch einen solchen Transfer die Zuschauer ins Stadion zu locken. Was hieß, dass er auch spielen musste. Heinz Höher war – wenn man so will – Opfer des ersten Marketing-Transfers der Bundesligageschichte. Dazu war Helmut Rahn jemand, den es auch auf seine alten Tage aufs Feld zog. Die Spieler berichteten davon, wie er selbst bei Freundschaftsspielen immer auflaufen wollte. Er spielte ohne Schienbeinschoner, obwohl er so oft getreten worden war, dass sich mittlerweile Wasser in seinem Knie ansammelte. Nimmt man das alles zusammen, dann konnte Höher an Rahn nicht vorbeikommen.

Michael Wildberg: Sie erzählten, dass Höher aus halbwegs gutem Hause kam. Seine Eltern hatten in Leverkusen ein Bettengeschäft und legten viel Wert darauf als angesehene Bürger zu gelten. Das Meiderich der Vizemeister war dagegen eher proletarisch geprägt.

Ronald Reng: Als ich die Leute nach dem Meiderich der 60er Jahre befragte, sprachen sie oft von dem beißenden Geruch, der in der Luft lag. Der Stadtteil war fast eine Monokultur, das Leben stand im Zeichen der Zeche. Die meisten Spieler arbeiteten dort neben dem Fußball. Auch das war ein Unterschied zu Heinz Höher. Höher war als Student eingeschrieben, ging aber nie in die Vorlesungen und trieb wie ein Bohemien so durchs Leben. Seine Freizeit zwischen den Einheiten verbrachte er in einem Bistro und spielte Karten, abends fuhr er dann immer mit Manfred Manglitz nach Leverkusen zurück. Er selber durfte nicht fahren, den Führerschein hatte er wegen Trunkenheit am Steuer bereits vor seinem Wechsel verloren.

Michael Wildberg: Für Ihr Buch recherchierten Sie auch mitten in meiner Heimat auf dem Trainingsgelände des MSV Duisburg. Um unser Gespräch in der Gegenwart enden zu lassen: Welchen Eindruck hatten Sie, als Sie die Westender besuchten?

Ronald Reng: Mir geht es darum, ein Gefühl für die Orte zu bekommen, die ich beschreibe. Das Trainingsgelände war für mich auffällig, da man dort noch einen Eindruck davon erhalten kann, wie der Ort zu Höhers Zeiten aussah. Es gibt zum Beispiel noch hinten die alten Umkleidekabinen. Und auch wenn das Gelände für die WM 2006 saniert wurde, kann man in dem kleinen Stadion der zweiten Mannschaft erahnen, wie hier vor fünfzig Jahren Manfred Manglitz, Helmut Rahn und Heinz Höher trainierten. Es ist schön, dass man die Geschichte dort noch erfahren kann.

Ronald Reng, Jahrgang 1970, ist einer der renommiertesten Sportjournalisten und Fußballautoren des Landes. Unter anderem arbeitete er für die taz, die SZ und die 11 Freunde. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er durch seine Bücher „Der Traumhüter“ und „Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben“ bekannt. Neben vielen weiteren Preisen erhielt er für sein letztes Buch „Spieltage: Die andere Geschichte der Bundesliga“ von der Deutschen Akademie für Fußballkultur die Auszeichnung zum „Fußballbuch des Jahres 2013“.

Foto: Privatarchiv Günter Preuß.

2 Kommentare

O Klose, mein Klose

Als gut sortiertes Magazin hat man die – sportlichen – Nachrufe auf alle, welche kurz vor dem Ende ihrer Karriere stehen, natürlich längst in der Schublade und muss im Fall der Fälle nur noch die aktuellsten Daten eintragen und dann geht der Beitrag in Druck.

Doch das ist ja in diesem Fall das Drama. Bei Miroslav Klose war das Ende seiner noch jungen Karriere nicht annähernd abzusehen gewesen. Gerade mal drei Törchen mehr als Gerd Müller bislang, allen Experten war klar, dass da noch Potenzial für weitere sechseinhalb Dutzend wäre. Wenn er nur jetzt nicht völlig voreilig und auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft den Länderspielbetrieb eingestellt hätte.

Man kann sich an nur wenige erinnern, die so früh und damit viel zu früh von der internationalen Bühne gingen. Bernd Schuster vielleicht, Johan Cruyff, was ist der Fußballwelt da nur entgangen? Jetzt gehört auch Miroslav Klose zu den Unvollendeten.

Die Fußballwelt ist geschockt, aber vielleicht gibt es gegen Ende seiner Vereinskarriere dann ja doch noch einen zweiten oder dritten WM-Titel. Paule Breitner ist auch nach langer Zeit wieder gekommen, selbst Stefan Effenberg brachte es nach dem bekanntermaßen nicht sportlich bedingten ersten Abschied aus der Nationalelf noch einmal zu einem erfolgreichen Comeback.

Wer weiß also, wie Klose in fünf, sechs Jahren über diese Entscheidung, vielleicht zu sehr aus dem Pfälzer Magen heraus getroffen, denken wird. Für den Moment aber heißt es Abschied nehmen von einem, dessen Agilität und Kaltschnäuzigkeit noch so viele Länderspieltore zu versprechen schienen. O Klose!

2 Kommentare

Niemals in der WM-Vorrunde ausgeschieden

Ja, nun, mir unterlief ein Fehler beim letzten Fußballquiz. Ich hatte die Frage in den Raum geworfen, welche „drei“ Nationen niemals in der Vorrunde ausgeschieden seien, wenn sie denn teilgenommen haben. Meine Antworten im Kopf waren bei dieser Frage: Deutschland, Niederlande und Irland. Das ist auch soweit richtig.

Falsch war aber leider, dass es da noch zig andere zulässige Antworten gibt. Keine Ahnung, warum ich dieser von mir selbst so gelesenen Aussage eines Fußballfachmagazins Glauben schenkte, ohne sie selbst zu überprüfen.

Aber Ihr werdet mir jetzt sicher sagen können, welche anderen Länder da auch noch diese Eingangsfrage erfüllen?

Wobei es wohlgemerkt um die Teilnahme an und am Überstehen einer Vorrunde geht, nicht an einem evtl. Achtelfinale.

10 Kommentare

Das Tor der WM

Gerade warf ein Twitterer ein, dass er sehr wohl auf der FIFA-Seite für das „Tor der WM“ abgestimmt habe. Offiziell gibt es da aber nichts, was die undurchsichtige Grand Jury alter Herren (wobei alt sein kein Makel ist) verkündet hätte.

Hier die Frage: Welches war das „Tor der WM“?

Im Falle von Antworten: bitte nicht nur den Namen des Schützen angeben, sondern auch, welches Tor gemeint ist. Danke im Voraus.

(Mein Kandidat: Tim Cahill gegen die Niederlande mit seinem Volley unter die Latte. Eins von den sieben Toren gegen Brasilien war sicher schöner rausgespielt, aber man mag am Fußball auch oft das Urwüchsige.)

Die nicht ganz Faulen fügen auch einen Link zum Video des Tores ein, muss aber nicht.

25 Kommentare

„Das Spiel meines Lebens“

[Update] Der Beitrag läuft in der gesamten Woche noch an verschiedenen Uhrzeiten, die man im dortigen Programm findet.

Gleich um 21h rede ich mit @sport_thies über eine besondere Partie in der dortigen Rubrik „Das Spiel meines Lebens“, natürlich ein WM-Spiel. Reinhören lohnt sich unbedingt, gute Musik – mit einer notwendigen Ausnahme – aus dem Jahr des Spiels ist auch dabei.

Ab 21h auf meinsportradio.de.

1 Kommentar

Alle Paarungen der Eröffnungsspiele der Bundesliga seit Einführung

Kurz getwittert, dass es sicher kein Zufall ist, dass es schon wieder die Automarke ist, die gegen den Meister Bayern die nächste Bundesliga-Saison eröffnen darf, kommen auch schon erste Einwände, dass dies so häufig ja dann doch gar nicht der Fall war.

Hier also alle Paarungen, seit es ein Extra-Eröffnungsspiel gibt. Der Meister der letzten Saison hat jeweils Heimrecht. Und zählt natürlich nicht in eine eventuell verzerrte Auswahl der Gegner.

2002/2003 Dortmund – Hertha
2003/2004 Bayern – Frankfurt
2004/2005 Bremen – Schalke
2005/2006 Bayern – Gladbach
2006/2007 Bayern – Dortmund
2007/2008 Stuttgart – Schalke
2008/2009 Bayern – Hamburg
2009/2010 Wolfsburg – Stuttgart
2010/2011 Bayern – Wolfsburg
2011/2012 Dortmund – Hamburg
2012/2013 Dortmund – Bremen
2013/2014 Bayern – Gladbach
2014/2015 Bayern – Wolfsburg

Wir summieren:

2x Wolfsburg
2x Schalke
2x Hamburg
2x Gladbach
1x Frankfurt
1x Hertha
1x Stuttgart
1x Dortmund
1x Bremen

Eigentlich dann doch ganz gut durchgemischt, auf längere Sicht zumindest. Berücksichtigen muss man selbstverständlich noch, dass nur die wenigsten Teams über den gesamten Zeitraum hinweg Erstligist waren und überhaupt hätten ausgewählt werden können. Es spricht ja grundsätzlich auch nichts dagegen, diese Partie bewusst so einzurichten, dass sie nicht nur hierzulande, sondern international als besonders attraktiv wahrgenommen wird. Wieso man da beim ersten Mal Hertha wählte, lässt sich schon kaum nachvollziehen, nun zum zweiten Mal (und mit dem Meistertitel zum dritten Mal) in den letzten sechs Jahren Wolfsburg zu wählen, ist zumindest nicht geeignet, Verschwörungstheorien für die Gründe dieser Auswahl völlig zu entkräften. Oder andersrum gefragt: Seit wann läuft das Sponsoring des DFB-Pokals durch diese Automarke?

7 Kommentare

„Legenden“

Listen. Die Kieselsteine unter den Blog- oder auch Medieninhalten. Gleichwohl auch da manches Mal die eine oder andere Perle darunter zu finden ist. Wer also suchet, der findet hier sicher den einen oder anderen Namen, den er noch nicht kannte, den er vielleicht vergessen hatte oder den er nie vergessen wird.

Im ganz bescheiden International Legendary Museum getauften Museum.

Einen Kommentar hinterlassen